Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Das Monster von der ökonomischen Weltherrschaft

Es ist natürlich, die Welt vom eigenen Standpunkt aus zu betrachten. Denn von dort, wo das betrachtende Individuum steht, lässt sich die Welt aufgrund der eigenen, unmittelbaren Erfahrungen am anschaulichsten beschreiben und erklären. Der große Fehler, der in dieser sehr naheliegenden Betrachtungsweise schlummert, ist der, sich selbst im Gesamtgefüge etwas zu wichtig zu nehmen. Das liegt zwar nahe, weil alle Sinne von diesem Ort ausgehen, aber es muss nicht mit Bedeutung korrelieren. Würde ein Individuum so denken, was historisch in dem einen oder anderen Fall auch vorkam, so handelte es sich zumeist um eine pathologische Entgleisung, die zuweilen sogar die Weltgeschichte beeinflusste. Wenn Staaten allerdings so denken, dann nimmt das Unheil seinen Lauf.

Die durchaus von großen Teilen der Bevölkerung mitgetragene Bewertung, dass der deutsche Einfluss in der Welt immens sei, resultiert aus der Betrachtung der Welt vom Zentrum Europas aus und von den Exportzahlen für Waren deutscher Firmen. Beides ist heikel, denn die Dominanz in einem heterogenen, politisch zunehmend zerstrittenen politischen Raum, der nur noch historisch als Zentrum der Weltgeschichte steht, ist keine globale Dominanz. Und der Export von Waren, die zu einem großen Teil unter deutschem Label, aber gar nicht in Deutschland hergestellt sind, ist zahlenmäßig beeindruckender als die harten Fakten.

Was beeindrucken sollte in diesem Zusammenhang ist das Faktum, dass Deutschland ökonomisch gesehen strategisch hoffnungslos überdehnt ist, was heißt, dass die Art des exportorientierten Wirtschaftens nur unter Sicherung und Wahrung von Rohstoffen geht, die in anderen Ländern erworben werden müssen. Dieser Aspekt wird selten offen in der Politik thematisiert, erklärt aber, warum sich ein von der Geographie und der Population her kleines Land in alle Weltkonflikte, in denen es um Rohstoffe geht, kräftig einmischt. Die Existenz unter den Rockschößen der Schutzmacht USA geht zur Neige, und deshalb reiben sich immer mehr Menschen die Augen, wenn sie sehen, wie aggressiv die Positionen der deutschen Außenpolitik zunehmend werden. Wenn in diesem Zusammenhang von deutschen Werten gesprochen wird, ist auf keinen Fall die Bescheidenheit gemeint.

Der Blick von außen auf Deutschland kann eine sehr große pädagogische Hilfe sein, um Kriterien für eine global sinnvolle Ordnung zu finden. In den USA sieht man heute das Land als einen ökonomischen Konkurrenten, der es vor allem in der Automobilindustrie weit gebracht hat. Im Rest der Welt kommt außer der Bewunderung für einige Automarken noch der Fußball hinzu, sodass die Liaison zwischen der Nationalelf und Mercedes verständlich wird. Das sind natürlich Mainstream-Wahrnehmungen und nicht, was der eine oder andere Intellektuelle aus der Ferne in Deutschland sieht, oder wie zum Beispiel Japaner und Koreaner noch die deutsche klassische Musik hinzufügen würden, aber im Gros ist es das. Und aus einer solchen Position den Anspruch abzuleiten, der in der politischen Diskussion hier behauptet wird, ist sicherlich etwas, das mit einer fehlerhaften Wahrnehmung am besten beschrieben werden kann.

Kapitalverwertung allein macht kein Imperium aus. Dazu gehören Ideen, die mit einer ungeheuren Attraktivität die Welt erobern und eine fundamentale militärische Kraft, die dann zur Geltung kommt, wenn die Ideen alleine nicht mehr begeistern. Von allem ist Deutschland weit entfernt und daher wäre es weit sinnvoller, sich über den Umbau der Gesellschaft zu einer anderen, den Dimensionen des Landes entsprechenden Ökonomie und den dazu gehörenden Institutionen Gedanken zu machen als das Monster von der ökonomischen Weltherrschaft weiter zu füttern.

Wikileaks, Panama Papers, Football Leaks

Wie hieß es noch in der Theorie der Avantgarde? Ein neuer, revolutionärer Impuls erscheint, er sorgt für mächtig Unruhe, ja sogar Schockzustände und das Publikum ist entrüstet. Es werden Fragen aufgeworfen, die unter normalen Umständen nicht gestellt werden und alle Beteiligten haben das Gefühl sich in einem Zustand zu befinden, aus dem heraus sich vieles ändern wird.

Doch allmählich, von Impuls zu Impuls ist festzustellen, dass sich das Verwertungssystem das ganze Setting zueigen gemacht hat und wir es mit einem ganz gewöhnlichen Produkt zu tun haben, das auf dem Markte zum Erwerb angeboten wird, ohne dass irgend jemand noch befürchten muss, durch den Konsum die Revolution auszulösen. Dada hat es in die Museen geschafft, Punk ist heute in Boutiquen zu erwerben, heiße Stühle sind zu billigem TV-Voyeurismus verkommen und Volksabstimmungen nicht selten das Ventil niederer Triebe. Der Schock und die Enthüllung, so muss folgerichtig formuliert werden, beide sind im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit zu kleinen Karnevalsknallern im großen Warenregal der medialen Angebote verkommen.

Wikileaks und Edward Snowden haben für einen kurzen Augenblick einen großen Teil der Öffentlichkeit daran glauben lassen, dass geheim gehaltene Erkenntnisse über diskrete wie dubiose Aktionen von Staaten und deren Diensten zu einer Aufklärung führen, die politische Konsequenzen hat. Betrachtet man es genauer, so handelte es sich um eine Fehlannahme. Die bittere Erkenntnis, die sich dahinter verbirgt, ist zwar auch nicht neu, aber sie zerstört gerade frisch erzeugte Illusionen: die Macht kommt aus den Läufen der Gewehre und wer sie hat, den schert die Wahrheit nicht, und wer sie nicht hat, der kann auch keinen stürzen, der sie hat.

Diese Erkenntnis soll nicht diejenigen entmutigen, die sich unter schwierigen, zum Teil lebensbedrohlichen Bedingungen in dieser von seichten Informationen vollgesauten Welt daran machen, die Wahrheit ans Licht zu zerren. Nur, mit ihr allein wird es nicht getan sein und wir sollten sehr darauf achten, ob bei dem Verkauf der Wahrheit, die unter so schwierigen Bedingungen geborgen wurde, nicht wieder ideologisch-propagandistische Botschaften gesendet werden, die die Wahrheit selbst in hohem Maße schänden. Denn darin ist die Branche sehr geübt.

Wikileaks ging noch relativ ruhig und unkontaminiert über die Bühne. Bei den Panama Papers, die angekündigt wurden als seien alle wirtschaftskriminellen Handlungen dieser Welt enthüllt, ist es sehr schnell sehr schweigsam geworden. Das Einzige, was sofort klar zu sein schien, war, dass Russlands Präsident Putin ein schlimmer Finger sei, der sich persönlich bereichere. Das blieb hängen, im Nachhinein wirkt es, als sei in Germanistan alles clean. Wie sollte es auch anders sein?

Nun wird mit großem Donner ein Football Leaks angekündigt, auf deutscher Seite ausgerechnet vom Spiegel, der es in Windeseile ins Inquisitorenlager geschafft hat. Und bereits die ersten Überschriften zeigen, in welche Richtung die Enthüllungsreise geht. Natürlich ist Christiano Ronaldo dabei, den die Deutschen angeblich sowieso nicht mögen und der Türke aus dem Ruhrgebiet, Mesut Özil, der unter den in der Nationalmannschaft fein Integrierten immer der war, der nicht so recht dazu passte. Man muss kein Prophet sein, um zu der Einsicht zu kommen, dass bestimmte deutsche Vereine, deren Führungspersonal gewaltig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, nicht auf den Prangerlisten auftauchen werden. Dafür aber alle, gegen die sich Ressentiments mobilisieren lassen. Die Inquisition geht auf den Markt, und verkauft wird nicht die Wahrheit, sondern die Diffamierung.

Ein verhängnisvoller Konjunktiv

Stefan Aust. Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden

Es ist kein Zufall. Hysterie ist nie ein guter Ratgeber in Krisensituationen, die alles Störende ausblendende Unbesorgtheit aber ebenso wenig. Und so trifft es sich, dass angesichts der politischen Zuspitzung der Verwerfungen in den sich demokratisch nennenden Staaten zunehmend mehr Menschen in der Vergangenheit nach Vorlagen suchen, die helfen könnten bei der Interpretation der festzustellenden Radikalisierung. Zunehmend werden wieder Romane gelesen, die in der Weimarer Republik oder dem späteren, nach der Machtergreifung der Nazis notwendigen Exil entstanden und die das thematisieren, was als der Niedergang des bürgerlichen Staates bezeichnet werden muss. Dazu gehören Phänomene von politischem Fehlverhalten der Eliten genauso wie Methode und Vorgehen derer, die die Diktatur auf der Agenda hatten.

Der bekannte Autor, Geschäftsführer und Herausgeber Stefan Aust hat in der Schatztruhe der vergessenen Koryphäen gegraben und tatsächlich einen Journalisten, Historiker und Biographen gefunden, der in der Bundesrepublik in Vergessenheit geraten ist, dessen Werke, deren Entstehung und deren Aufnahme uns heute noch sehr viel Nützliches vermitteln können. Unter dem Titel „Hitlers Erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden“ rettet er einen brillanten Journalisten, Chronisten und Historiker seiner Zeit vor dem Vergessen. Und er liefert Erkenntnisse, die wir uns sehr genau im Angesicht der mentalen Krise der bürgerlichen Demokratie anschauen sollten.

Konrad Heiden war seinerzeit Redakteur der Frankfurter Zeitung, lebte in München und erlebte dabei den Aufstieg Adolf Hitlers von einer schrillen Figur mit Lokalkolorit zu einem machthungrigen Politiker, der als Diktator in die Annalen der Weltgeschichte eingehen sollte. Die große Gabe und das große Verdienst Konrad Heidens waren seine genaue Beobachtung und die detaillierte Beschreibung der, so würde man heute sagen, Performance Adolf Hitler. Anhand der Mimik und Gestik erstellte Heiden nicht nur ein aufschlussreiches Psychogramm des pathologisch Machtorientierten, sondern er las auch dessen Schrift „Mein Kampf“ und war einer der Wenigen, die die dort formulierten Ankündigungen ernst nahmen. Das verlieh ihm im Nachhinein eine zutreffende Prognostik, was nicht sein Verdienst beschreibt, sondern das Versäumnis der gesamten kritischen Öffentlichkeit seiner Zeit.

Beginnend mit einer Biographie schrieb Heiden mehrere Bücher über Hitler, die aus dessen Sicht alles andere als schmeichelhaft waren und ihn somit auf die Liste der zu Verfolgenden brachte. Heiden floh über die Schweiz und Paris in die Vereinigten Staaten, wo er mit seinen Kenntnissen über das Phänomen Hitler die amerikanische Öffentlichkeit zutreffend wie erfolgreich ins Bild setzen konnte. Konrad Heiden gehörte zu denen, die trotz der Versuche von Politikern, in seinem Falle Carlo Schmids, nicht zurück nach Deutschland kehrten. Heiden starb 1966 an der amerikanischen Ostküste an den Folgen einer Parkinsonerkrankung.

„Hitlers Erster Feind“ ist ein wichtiger Beitrag bei der Suche nach Deutungsmustern in Bezug auf anti-demokratische Phänomene. Und jeder Versuch, die geistige Verfassung des Deutschlands zu entschlüsseln, das mit den Nazis unterging, ist eine wichtige Aufgabe, die zwar immer wieder in Festreden gewürdigt, aber kaum noch unternommen wird. Geschichtsvergessenheit ist bis jetzt von jeder Gesellschaft, die ihr verfallen war, teuer bezahlt worden. Stefan Aust, mit dessen Perspektiven man nicht immer kongruent sein muss, hat mit Konrad Heiden jemanden zurück nach Hause geholt, dessen Stimme bis heute wichtig, sogar sehr wichtig ist. Hätten mehr Menschen auf Heiden gehört … aber das ist der bekannte, verhängnisvolle Konjunktiv.