Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Sandmännchen oder Red Herring?

Der Erzählung nach kam abends das Sandmännchen und streute mit fürsorglicher Güte den noch aufgeregten Kindern eine Prise des Sandes, welchen es in einem Sack auf dem Rücken trug, in die Augen. Dabei erzählte es eine Gute-Nacht-Geschichte, in der es keine Aufregung mehr gab, ganz im Gegenteil, sie hatte den Charakter eines schönen Traums, in dem nichts Schlimmes vorkam, sondern sich vieles widerspiegelte, was sich Kinderseelen wünschten. Das Ergebnis war ein sanfter Schlaf, fernab der aufregenden Welt. Selbst die verbal-homöopathische Betäubung, die sich in diesem Ritual zeigte, war das Zeichen einer heilen Welt. Diese existierte nie. Aber was wäre die Sozialisation des Menschen ohne ritualisierte Formen der Illusion?

Warum ich das erzähle? Weil mir kürzlich jemand sagte, das Phänomen Donald Trump wäre eine Erscheinung wie das Sandmännchen. Mit dem Bösen, das mit diesem Mann assoziiert werde, würden die Menschen hier, fernab der USA, wieder einmal eingeschläfert und davon abgehalten, die Augen offen zu halten und zu sehen, was hier alles im Argen liegt und womit man sich besser beschäftige als mit Donald Trump. So ganz Unrecht hatte der Mann nicht, auch wenn der Vergleich gewaltig hinkt. Denn ob Trump, oder Erdogan, oder Putin, oder Assad, die große Aufmerksamkeit, die diese Menschen und ihr Tun genießen, sie hat sicherlich etwas damit zu tun, die eigenen Umstände unausgesprochen zu beschönigen und von eigenen Defiziten abzulenken. Insofern dient die mediale Ekstase, mit der über die Bösewichter dieser Welt berichtet wird, den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Aber, und das ist der Unterschied zum Bild und Narrativ des Sandmännchens, die Sicht wird getrübt, aber nicht das Einschlafen ist das Ziel, sondern es wird mit Angst und Schrecken gearbeitet, vielleicht auch, um Aggressionen zu erzeugen.

Es ist nicht zu unterschätzen, dass die Deutung des Bekannten, von dem ich berichtete, keine Einzelepisode darstellt. Immer mehr Menschen kommen zu dem Schluss, dass der Aufmerksamkeitsfokus sich auf Dinge richtet, die weit weg von dem sind, was die eigenen Einflussmöglichkeiten betrifft. Und die Reaktion vieler, die auf dieses Spiel anspringen und es mitmachen, zeigt, dass es etwas beinhaltet, das einerseits befriedigt, anderseits aber kaum praktische Folgen für das eigene Handeln hat. Bei allem, was da verbal an Entrüstung über den Tisch geht, ist daher zu hinterfragen, ob die Radikalität dann noch gegeben wäre, wenn es Spitz auf Knopf im eignen Lebensbereich geht. Zu oft ist zu beobachten, dass die über Verhältnisse oder Personen in der Ferne richtenden so aufrechten Demokraten im Alltag jede Schmähung und Demütigung schlucken wie die frommen Lämmer. Auf sie zu setzen, wenn es einmal wirklich um die Menschenrechte im eigenen Land ginge, bei dem die Skrupellosen direkt vor der Haustür stehen, halte ich für eine fatale Spekulation.

Da das Bild des Sandmännchens nicht ganz stimmig ist, sollte die Technik der Desinformation vernünftiger Weise mit einem anderen Begriff belegt werden. Im Angelsächsischen existiert der Begriff des Red Herrings, also des Roten Herings, der ziemlich genau die Ablenkungsmanöver beschreibt, mit denen wir es zunehmend zu tun haben. Wir sollten ihn häufiger verwenden, weil er mehr auf die Notwendigkeit der Korrektur deutet als auf das bloße Einschläfern. Wer merkt, dass er bewusst auf eine falsche Fährte gesetzt wird, der verspürt sofort das Bedürfnis, dem Manöver auf die Schliche zu kommen.

Postfaktisches Zeitalter oder normative Realität?

Frank-Walter Steinmeier, zweimaliger Außenminister der Bundesrepublik und Bundespräsident in spe, hat 2016 den vorliegenden Beitrag unter dem Titel „Europa ist die Lösung. Churchills Vermächtnis“ veröffentlicht. Wenn man so will, handelt es sich hier um sein außenpolitisches Fazit wie um eine Art Bewerbung für das höchste Amt der Republik. Indem er an seine Ausführungen eine Rede von Winston Churchill aus dem Jahre 1946, die dieser an der Universität Zürich gehalten hat, angehängt hat und in der die Vereinigten Staaten von Europa als Vision beschrieben wurden, hat Steinmeier sich selbst selbstbewusst inszeniert.

Steinmeier selbst nimmt in seinen Ausführungen immer wieder Bezug auf Churchills Vision und beschreibt die zweifellos großen Fortschritte zwischen 1946 und 2016. Im Rückblick ist die Entwicklung von einem Sammelsurium europäischer Staaten, die nach dem II. Weltkrieg in Trümmern lagen und dem Heute eine Erfolgsbilanz, die sich vor allem hinsichtlich der Friedensstiftung und der wirtschaftlichen Entwicklung nicht bezweifeln lässt. In Bezug auf die wirtschaftliche Disposition der EU ist jedoch festzustellen, dass besonders die Zeit nach 2008 bedeutende Risse verursacht hat. Daran ist auch eine restriktive, auf die Maximen des Wirtschaftsliberalismus setzende deutsche Politik nicht unschuldig. Das klammert Steinmeier jedoch weitgehend aus. Zwar spricht er die krisenhaften Erscheinungen durchaus an und verweist auf die Chancen, die Krisen bergen. Um welche Chance es sich für wen handelt, diese Antwort bleibt er indessen schuldig.

Ebenso sieht er die kommunikativen Formen, mit denen in der Krise operiert wurde, durchaus kritisch. Besonders der von der deutschen Kanzlerin nach dem berühmten Wort von Margaret Thatcher über die Alternativlosigkeit von Politik reaktivierte Slogan ist aus seiner Sicht ein Fehler. Was das inhaltlich bedeutet, wird allerdings nicht ausgeführt, sondern stattdessen mit anderen Worten umschrieben, dass es keine Alternative zu Europa gibt. Das mag stimmen, nur begründet wird es sehr spärlich.

Für einen Politiker, der gestalten will, wäre es hilfreicher gewesen, die Gründe für die Krise der EU genauer zu benennen. Der aufkommende und immer stärker werdende Nationalismus hat bestimmte Ursachen: Da sind die finanzpolitischen Verwerfungen mit den südeuropäischen Staaten und die damit verbundene Austeritätspolitik, die die Sanierung begleiten, da sind fern der Realität in Brüssel beschlossene Regularien, die mehr stören und verärgern, als dass sie etwas zum Besseren wendeten und da sind Abenteuer wie das Junktim von EU und NATO in der Ukraine, die den Kontinent mehr zum Krieg als zum Frieden geführt haben. Diese konkret erlebte Politik einer EU bringt allen gute Gründe, das Projekt mit wachsender Skepsis zu betrachten. Leider wird diese „Chance“ einer neuen Weichenstellung nicht ergriffen, um zu skizzieren, wie eine EU, die neu begeistern und vor allem von allen Mitgliedern getragen werden soll, auszusehen hat. Stattdessen wird die Ausgrenzung derer, die sich aufgrund drastischer Fehleinschätzungen seitens einer auch von ihm verursachten Politik weiter betrieben. Zwar nicht mit den ansonsten emotionalisierenden Begriffen, aber das ist eine Umgangsfrage, die das Wesen nicht ändert.

Churchills Rede kurz nach dem II. Weltkrieg war ein gut gemeinter Rat an die Europäer, sich als eine Einheit mit gemeinsamen Interessen zu betrachten. Auch dort, wie in den Zeiten vor Churchill, wird deutlich, dass er Großbritannien nicht dazu rechnete. Umso bemerkenswerter ist sein Querverweis auf die Sowjetunion, die in einer Ordnung europäischen Friedens mitspielen müsse. Dort hat das System gewechselt, die essenzielle Frage jedoch bleibt.

Alles in allem lesenswert, doch viele Fragen bleiben.

Der Angriff auf das Cash!

Heute geht es mal wieder um cash. Bargeld. Der Krieg gegen das Bargeld hat längst begonnen. Der €500 Schein wird abgeschafft. Ich habe hier schon öfter darüber geschrieben, zum Beispiel über die Vorgänge in Indien. Unbeirrt macht auch die EU-Kommission weiter mit ihren Plänen, das Bargeld immer weiter zurückzudrängen und damit die Kontrolle aller Transaktionen […]

über Die EU-Kommission will uns unser Geld wegnehmen — sunflower22a