Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Dortmunder Gewalt und so genannte Flachzangen

Manchmal ist es sehr einfach, sich eine Meinung zu bilden. Da liegen die Verhältnisse offen und es muss nicht lange recherchiert werden, um zu dem Urteil zu kommen, dass da etwas gehörig falsch gelaufen ist. So geschehen anlässlich des letzten Bundesliga-Heimspiels von Borussia Dortmund gegen Red Bull Leipzig. Da hatten Anhänger der Dortmunder solche von Leipzig gewaltsam angegriffen und einige davon verletzt. Das ist nicht in Ordnung, wie es nie in Ordnung ist. Es steht so im Gesetz und das Gesetz hat seinen Sinn. Punkt.

Festzustellen, dass ordnungswidrig und damit inakzeptabel gehandelt wurde, ist das eine. Darüber hinaus die Delinquenten gesellschaftlich jenseits der zu erwartenden gesetzlichen Strafen kollektiv zu marginalisieren und sogar den gesamten Verein in Haftung zu nehmen, das entspricht nicht dem Willen des Gesetzes. Es deutet darauf hin, dass diejenigen, die sich jetzt im Recht wähnen, nicht identisch mit jenen sind, die für das Recht stehen.

Borussia gegen Red Bull. Der alte Name Preußens, der aus der Zeit stammt, als sich Preußen die westfälischen Kohlegruben einverleibte, gegen eine Kopie der in Südostasien verbreiteten Stimulationsbrause Krating Deng. Wer sich ein wenig für Geschichte interessiert, der kann bereits durch die Gegenüberstellung dieser beiden Namen vermuten, dass es bei der Aggression, die vor dem Spiel zum Vorschein kam, nicht um Fußball ging. Es ging um Geschichte, genauer gesagt um den Tod des Ruhrgebiets, die Globalisierung und die subventionierte Wiedergeburt Leipzigs als wirtschaftsliberale Ost-Metropole. Ob das die Schläger so im Kopf hatten? Ich glaube es nicht, aber sie hatten es im Bauch.

Dortmund gehört zu jenen Städten, durch die vor vierzig Jahren der Leibhaftige geschritten ist und alles zerstört hat, was den Menschen dort Arbeit und Würde gab. Quasi über Nacht verlor die Stadt achtzigtausend Arbeitsplätze. Es war dahin mit der Identität, es war dahin mit einem auskömmlichen Leben. Der Fußball war das einzige Feld, auf dem die Selbstachtung weiter leben konnte. Heute hat sich Dortmund durch ungeheure Anstrengungen einigermaßen erholt. Doch die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel wird bleiben. 

Fragt man die Leute dort, so hat die erste Phase der Globalisierung für das Ende von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet gesorgt. Die Globalisierung wiederum ermöglichte es Menschen wie dem „Erfinder“ von Red Bull, ungeheure Vermögen anzuhäufen und alles machen zu können, wonach ihnen der Sinn steht. Es bezieht sich auf die Frage, wo man Steuern zahlt, wem man die Revenuen zukommen lässt, die das Unzählbare erreicht haben und wo man gedenkt, etwas aus dem Boden zu stampfen. Dessen eingedenk ist es keine Überraschung mehr, dass auch der Fußballverein Red Bull Leipzig zu einem Symbol des unanständigen Reichtums und der willkürlichen Entscheidung geworden ist. Vor allem aus der Perspektive jener, die da ausgeflippt und gewalttätig geworden sind.

Jogi Löw, der Bundestrainer, der als Schwarzwälder weit weg ist vom brutalen Takt der weltumspannenden Beschleunigung, sprach davon, dass solche Leute nichts im Fußball zu suchen hätten. Und Mehmet Scholl, der in München residiert, nannte die Gewalttäter Flachzangen. Ich tue mich schwer mit solchen Aussagen, weil sie davon ablenken, dass es eine Form der Geschichte gibt, die Menschen zu dem machen, was sie sind. Ja, sie müssen dennoch das verantworten, was sie tun. Keine Frage. Aber so zu tun, als gäbe es keine Ursachen für die Gewalt, als läge es exklusiv an der Degenerierung der Delinquenten, das ist ganz ausgewachsenes Flachzangentum. Historisch gesehen, versteht sich.

 

Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit

Es existiert ein böses Wort von Adorno über den Jazz, in dem er das transportierte Gefühl dieser Musikform als das Sich-Delektieren der Schwarzen mit der eigenen Unzulänglichkeit bezeichnet. Das Zitat zeigt zweierlei. Zum einen, dass es sich bei Adorno um ein Exemplar des elitären Bürgertums gehandelt hat und er exklusiv in den Kategorien desselben gedacht hat und zum anderen, dass es in der Betrachtung solcher Zitate eine Historizität geben muss. Wenn diese Erkenntnis nicht mehr zählt, dann sind die Zeiten düster. Denn wenn nicht mehr historisiert werden kann, d.h. wenn es nicht mehr zulässig ist, etwas innerhalb der Maßstäbe der zu betrachtenden Zeit eine Weile gelten zu lassen, dann herrscht das Dogma und das Amöbenhafte. Menschen ohne Geschichte sind gattungsgeschichtlich hirnlose Wesen, vor denen man sich in Acht nehmen muss.

Doch zurück zu der Formulierung Adornos. Mit ihr dokumentierte er auch seine epistemologischen Grenzen, denn wenn ein Genre aufzeigt, dass die Kunstgeschichte nicht mit dem Bürgertum an ihr Ende gelangt ist, dann ist es der Jazz. Er war und ist die urbane Befreiung vom ruralen Kolonialismus und die Formgebung industrieller Kakophonie. Das hat Adorno nicht begriffen, weil ihm etwas unterlaufen ist, was ihm ansonsten in seiner Musiksoziologie nicht passiert ist: er hat sich mit den Texten begnügt, ohne die tonalen Folgen zu studieren. Aber damit lassen wir es auch bewenden.

Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit jedoch ist als Formulierung an sich genial, weil sie etwas beschreibt, das durchaus als ein im kantischen Sinne Unaufgeklärtes gelten kann. Denn, bei Betrachtung heutiger stereotyper Verhaltensmuster ist das in der adornoschen Formulierung Getroffene keine Seltenheit. Immer wieder ist dieser Sachverhalt anzutreffen. Individuen oder Menschengruppen finden zusammen, beschreiben sich und ihre Rolle in einem Prozess und stellen fest, dass sie in diesem Prozess zu Recht keine souveränen Subjekte, sondern manövrierte Objekte sind. Und, das ist das Fatale, sie ergötzen sich sogar daran. Der Status des Unaufgeklärten Selbst erscheint als etwas Lust Spendendes, als ein Zustand des Genusses. Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit entpuppt sich als das Ergebnis umfassender Entmündigung.

Eine Eskalation zum Schlechteren ist schlichtweg nie ausgeschlossen. Und so verwundert es kaum, dass das Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit von denen, die politische Prozesse gestalten sollen, auch noch aufgenommen wird wie eine willkommene Einladung, um Trost zu spenden. Das ist frivol und unaufrichtig, weil es das bewusste Handeln von Menschen als gesellschaftlichem Akt nicht mehr vorauszusetzen gewillt ist. Da wird es schwierig, noch weitere Abstufungen zu finden. Es mutet an, wie eine prä-humane Phase der Existenz.

Die Koketterie mit der eigenen Unzulänglichkeit mit Empathie eliminieren zu wollen, ist der Versuch, Verweigerung durch Zuwendung zu therapieren. Zumindest spricht sehr viel dafür, dass es sinnvoller ist, die negativen Folgen von Unmündigkeit aufzuzeigen, als die mit ihr korrelierenden Belohnungssysteme hervorzuheben. Es ist sinnvoller, Forderungen an die Unzulänglichen zu stellen, als sie von einem Leben in Selbstbestimmung abzuschirmen und ihnen den Müßiggang der Bevormundung als erstrebenswertes Ziel zu suggerieren. Es heißt, dass das von Kant formulierte Heraustreten aus der selbst verantworteten Unmündigkeit nur durch eine Forderung an das Subjekt gewährleistet werden kann. Und nicht durch Sympathie für das Opfer. Das klingt banal, ist jedoch die Essenz von Befreiung!

Von Richtung und Haltung

Es geht hoch her in diesen Tagen. Überall machen sich die Konkurrenten für die kommenden Bundestagswahlen locker und versuchen schon einmal, ihre Claims abzustecken. Da ist, auch durch die internationalen Ereignisse, eine Dynamik ins Spiel gekommen, die vor einem halben Jahr noch undenkbar war. Der Grund ist die Offenheit eines Spiels, bei dem vieles von anderen Faktoren abhängt. Es wird in Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland gewählt werden. Wie diese Wahlen ausgehen werden, steht in den Sternen. Dennoch wird ihr Ausgang darüber bestimmen, was aus dem jetzigen Europa werden wird. Vieles spricht dafür, dass es nicht so bleibt, wie es ist. Das ist positiv, wenn man den Bürokratismus, den Zentralismus und die Dominanz des Wirtschaftsliberalismus betrachtet, es ist negativ, wenn die nationalistischen und teils völkischen Embleme wieder benutzt und als Konzept für die Zukunft verkauft werden.

Das europäische Binnenverhältnis wiederum wird darüber entscheiden, wie mit den USA als einem Land, das in der Wertschöpfung schwächelt und von den internationalen Finanzströmen zunehmend abgeschnitten ist, umgegangen werden wird. Wird Europa sich spalten und beherrschen lassen oder wird es mit einer Stimme sprechen und der gestrigen Ordnungsmacht zeigen, wo ihre Grenzen sind? Auch das steht in den Sternen, und wahrscheinlich ist letzteres nicht, weil das Aufbegehren geübt sein muss, bevor es Erfolg hat. Und zumindest in Deutschland, das der Welt etwas vormachen kann bei Revolutionen von Oben, bei denen von Unten hat es bis auf einige kurze, glückliche Episoden nie geklappt. Und nach aufgeklärten Designern für eine Revolution von Oben sieht es gegenwärtig eher nicht aus.

Mit dem Verhältnis zwischen Europa und den USA ist auf der sich in eine neue Ordnung bewegenden Welt noch gar nichts geregelt. Und es könnte auch alles ganz anders laufen. In Großbritannien hoffen die Akteure des Brexit auf eine neue, enge Koalition zwischen den USA und GB jenseits der EU. Sollte es darauf hinauslaufen, dann wären die Briten in kurzer Zeit voll in amerikanischer Hand, was das Schicksal des einstigen Empires relativ schnell besiegeln könnte. Der Rest der EU befände sich, sollten diese Annahmen stimmen, auf dem Weg zu neuen Bündnispartnern und Märkten, die vielleicht weiter in Osten liegen, als heute befürchtet wird. Die Gefahr, die in einem solchen Fall von der großen Macht China ausginge, wäre die Inhalation europäischen Know-Hows in chinesische Planungsstrategie und chinesische Dominanz. Dann stünde der glorreiche Westen von Gestern plötzlich da wie eine ausgebrannte Ruine.

Und, der Faden könnte noch weiter gesponnen werden. Oder ganz anders. Das hängt von der Perspektive der Betrachtung ab. Wichtig ist zu bemerken, dass wir vor keinen kleinen Routinen stehen, die abzuspulen sind, sondern entscheidend daran mitwirken werden, was aus dieser Welt in den nächsten Jahrzehnten werden wird. Manche, so ist zu sehen, brechen schon jetzt unter dieser Last der Verantwortung zusammen. Andere waren ihr nie gewachsen. Aber diejenigen, die bereit sind, sich an diesen Entscheidungen aktiv zu beteiligen, denen sei gesagt, dass es bei all der vor uns liegenden Komplexität vor allem auf zwei Dinge ankommt: Auf Richtung und Haltung. Wer weiß, wohin er möchte, und die Umstände definieren kann, wie er sich fortbewegen will, der hat viel gewonnen, in Zeiten von Furcht und Unsicherheit, in Zeiten von  falschen Lösungen und schnellen Antworten.