Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

B.B. King und die Pausen

Eines der großen Stilmittel der Rhetorik wie der Musik ist die Pause. Sie bestimmt, wann eine Aussage dem Räsonnement freigegeben wird, wann der Sender dem Empfänger mitteilt, dass die Kommunikation nun beginnen kann. Eine Rede oder ein Musikstück ohne wohl überlegte Pausen hat keine Qualität, es wird ein Sammelsurium von Einzelsignalen, die kaum noch einen Sinn ergeben, geschweige denn ein ästhetisches Erlebnis erzeugen.

 
Ein Meister der Pause in dem beschriebenen Sinn war der Bluesmusiker und Gitarrist B.B. King. Seine Musik ist dadurch gekennzeichnet, dass er die Kompositionen so scharf akzentuiert wie kaum ein anderer des Genres. Dabei bedient er sich zweierlei technischer Mittel: Der Pause im klassischen Sinne wie des Staccato, der Blitzpause zwischen schnell aufeinander folgenden Tönen. So erzeugt B.B. King einen Mikrokosmos der Pausen, die es den Hörenden ermöglichen, auf das Gehörte in ihrer eigenen Weise zu reagieren. B.B. King nutzt die richtigen wie die nahezu virtuellen Pausen, um in eine Kommunikation mit seinem Publikum zu treten. Sehen Sie sich Filmaufnahmen von Auftritten an: Immer, wenn er den Ton unterbrach, schaute er fragend ins Publikum!

 
Um sich dem Gedanken nähern zu können, empfehle ich das Stück „Blues Boys Tune“. Es entstammt dem Album „Blues On The Bayou“ und lässt dieser Betrachtung großen Raum, weil es ohne Gesang ist. Für mich ist das Stück eine Hymne auf den Blues und ein Manifest für die Pause. Immer, wenn die Pause einsetzt, bleibt der Groove, der Rhythmus, der der Freiheit die Angst nimmt. Das ist große Kunst, und wer da keine Gänsehaut bekommt, der hat den Blues nicht. Ich ermutige Sie zu diesem Selbstversuch!

Ein neuer Airbus für Paris Saint Germain

Ein Airbus A 330 – 200 wird momentan mit 229 Millionen Euro gelistet. In diese Kategorie fällt der bekannt gewordene Transfer des brasilianischen Stürmers Neymar vom CF Barcelona zu Paris Saint Germain. Netto! Der Aufschrei in der Branche ist groß, handelt es sich doch um die Mehr-als-Verdopplung des legendären Ronaldo- oder Baile-Transfers zu Real Madrid vor einigen Jahren. In Anbetracht dessen, dass ich selbst als Schüler noch einen dialektischen Besinnungsaufsatz zu schreiben hatte, in dem die Frage gestellt wurde, ob Bandenwerbung in Fußballstadien den Sport ruiniere, kann ich nur sagen: Wie die Zeit vergeht! Alle, die selbst aus der Branche sind, d.h. ihre Geschäfte führen, dürfen sich nicht beklagen, denn sie haben das Geschäft erst so richtig zum Florieren gebracht. Ein Uli Hoeneß, der jetzt die Anklage gegen diesen „Wahnsinn“ führt, hat das System kreiert, in dem es immer darum ging, sich Produzenten für guten Fußball zu sichern und die Konkurrenz einfach tot zu bieten. In seiner Provinz konnte er die Konkurrenz mit dem Geldsack erschlagen. Und solange das so war, hatte er nichts zu bemängeln.

Meine These war immer, dass der Fußball, und zwar auf dem Platz wie im Geschäft, deshalb die Massen so begeistert, weil er das „richtige“ Leben widerspiegelt wie keine andere Branche. Das bezieht sich auf die Produktionsweise, d.h. wie auf dem Platz agiert wird genauso wie in den Besitzverhältnissen, d.h. wem der Verein gehört und wie er zu seiner Kapitalisierung kommt. Beides hat längst ein neues Stadium erreicht: Die Spielweise ist längst nicht mehr die strikt arbeitsteilige der Industrieproduktion, sondern eine multi-funktional-temporäre, wie zunehmend im projektbezogenen Arbeitsleben selbst. Und die Besitzverhältnisse entsprechen zunehmend der Welt des globalisierten Finanzkapitalismus: Irgendwelche narzisstischen Couponschneider von wo auch immer kaufen sich in Branchen ein, von denen sie keinen Schimmer haben, wo sie aber hohe Renditen erwarten und wo sie den Glanz der Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.

Die alten Zeiten im Fußball sind vorbei. Längst. Wer heute noch die Attribute der Gründungsromantik bemüht, bewegt sich in einer nostalgischen Traumwelt. Zunehmend werden die Akteure zu Leihobjekten von Spekulanten, weil der Erwerbspreis nur noch von den wenigsten auf dem Markt zu entrichten ist. Die Clubs der Gegenwart leasen sich die Aussicht auf Erfolg. So wie im richtigen Leben. So wie sich sowohl die USA als auch Großbritannien von der eigenen Wertschöpfung radikal entfernt haben. So wie dort die nicht zur Spekulation fähigen Klassen den Bach heruntergehen. So wie klar ist, dass nur noch eine große Vernichtungswelle die Chance auf einen Neuanfang bietet.

Es wird abzuwarten sein, ob das Spiel so weitergeht, weil das Agieren auf dem Platz immer noch die Massen fasziniert, oder ob das Widerwärtige der Spekulation so stark empfunden wird, dass noch so artistische, schnelle wie technisch brillante Aktionen auf dem Platz den Ekel nicht mehr kompensieren können. Ausgang offen. Wie im richtigen Leben. Diese Funktion behält der Fußball, auch wenn die Deutung keinen Spaß mehr macht. Auch wie im richtigen Leben. Aber ob Paris Saint Germain jetzt einen neuen Airbus bekommt oder nicht, wen interessiert das noch?

Ach ja, die Spekulanten.