Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Aktuell und universell!

Paul Auster. 4 3 2 1

Als Peter Weiss auf der Pressekonferenz anlässlich des Erscheinens seiner „Ästhetik des Widerstandes“ gefragt wurde, was er glaube, wie lange ein Arbeiter brauche, um das Werk zu lesen, antwortete er völlig entspannt, dass das durchaus ein Jahr in Anspruch nehmen könne. Dafür bekam er nicht nur Applaus. Zeit ist zunehmend ein Faktor geworden, was alleine die Rezeption eines Kunstwerkes betrifft. Voluminöse literarische Werke hatten und haben es immer schwer. Nicht selten ist es so, dass die Spekulation derer, die es gar nicht lesen, berühmter machen als die Kritik derer, die sich die Zeit genommen haben. Paul Austers 4 3 2 1 ist auf dem besten Weg, ein solches Werk in der Literaturgeschichte zu werden.

Das Konzept, das dem ungewöhnlichen Titel zugrunde liegt, ist die Variation eines Lebenslaufs. Es geht um die Person Archibald Fergusons, geboren im jüdischen Teil von Newark, dem personellen wie materiellen Rückraum des Molochs New York City. Es geht um Kindheit und Jugend bis in die frühe Erwachsenenwelt und es geht um die so prägenden Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Damit sind bereits drei komplexe Felder bestimmt, in denen sich die fiktive Biographie wird orientieren müssen: im Provinzialismus jüdischer Prägung, in den die Metropole New York bewegenden weltpolitischen Themen und in dem Strudel, den die Sechziger Jahre ausmachten, zwischen Vietnamkrieg und dem Wunsch nach Selbstbestimmung.

Paul Auster hat sich für vier Variationen entschieden, die er konsequent nach Phasen erzählt. Immer sind es kleine oder große Ereignisse, die darüber entscheiden, wie es mit dem sich entwickelnden Individuum weitergeht. Die Betrachtung ist es wert, denn alleine die Tatsache, dass es kleine Begebenheiten sein können, die eine fundamental andere Entwicklung nach sich ziehen, hat sich aus dem zunehmend ignoranten und fatalistischen Bewusstsein der Moderne herausgeschlichen. Folglich entwickeln sich die vier Archibald Fergusons auch unterschiedlich, obwohl sich andererseits bestimmte Konstanten identifizieren lassen.

Diese Konstanten sind wohl in dem für die amerikanische Literatur als klassisch zu nennenden jüdischen Milieu zu suchen. Sie sind bestimmt durch einen immer und überall schwelenden Vater-Sohn-Konflikt, sie sind bestimmt durch eine Affinität zu künstlerisch-kultureller Verwirklichung und sie sind überragend geprägt durch die Definition der eigenen Verwirklichung über das Vehikel der Bildung. Allein durch diese Abbildung schafft es Auster, Deutungsmuster für einen Großteil der amerikanischen Literatur frei Haus zu liefern.

Dass sich die vier Biographien unterschiedlich entwickeln, ist folgerichtig. Dass sie, eine nach der anderen, durch Tod frühzeitig aus dem Narrativ ausscheiden, ist eigentlich keine Überraschung, dass sie alle sich zur Literatur zuwenden, deutet auf die Nähe der Thematik zum Autor hin. Dass im letzten Kapitel offenbart wird, dass sich das Thema der biographischen Variation durch das ganze Leben des Archibald Ferguson zieht, ist das Bekenntnis des Autors selbst. Paul Auster hat seinen Schlüsselroman abgeliefert. Er hat Jahrzehnte damit verbracht, ihn zu komponieren und in unzähligen Fragmenten zu schreiben. Er hat der Leserschaft ein großes, reiches, nicht an Anregungen versiegendes Werk geschenkt, das seinerseits viel von der Leserschaft verlangt. Er hat sich offenbart, wo seine Verletzungen liegen, letztendlich ist es auch ein stark politisches Bekenntnis. Die Verquickung von Reichtum und politischer Macht im amerikanischen Traum ist für Paul Auster ein existenzielles Ärgernis. Wie aktuell! Wie universell!

Und plötzlich war die Dame nackt!

Menschen haben unterschiedliche politische Dispositionen. Das macht Gesellschaften aus und interessant. Uniformität ist ein Zeichen für den Tod des Wettstreits und des regen Austausches. Insofern ist zu begrüßen, wenn sich ein Meinungsbild ergibt, das disparat ist. Disparität alleine jedoch, als Alleinstellungsmerkmal ist ebenso tödlich wie die Uniformität. Gesellschaften, die keinen Konsens mehr haben und keine Kontur entwickeln, sind ebenso auf dem langen Weg nach unten. Daher ist, bei aller Abneigung gegen die eine Version der Verarmung, Vorsicht gegenüber der anderen geboten. Gute Zeiten, um sich den Zustand einer Gesellschaft unter diesem Aspekt anzusehen, sind die, in denen Wahlen bevorstehen. Dann gilt es. Dann zeigt sich, wie die Gesellschaft gestrickt ist. Und es zeigt sich nicht daran, wen die Menschen wählen, sondern für welche Positionen sie sich zu entscheiden glauben und aus welchen Gründen. Und plötzlich ist die Dame nackt!

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass ungefähr eineinhalb Monate vor einer Bundestagswahl kaum etwas davon zeugt, dass so etwas wie eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über den zukünftigen Kurs geführt wird, ist ein Indiz an sich. Urlaubszeit hin oder her. Wäre emotionale Empörung oder rationale Verwerfung im Spiel, wären Konflikte sichtbarer. So plätschert alles vor sich hin und eine dramatische Botschaft für die Situation ist die, dass die Befürworter für die gegenwärtige Kanzlerin zunehmen, obwohl diese sich im Urlaub befindet und nicht zu sehen ist. Aber genau das trifft den Kern. Die Zufriedenheit mit dem Status quo, der nicht vergehen möge, ist eine Dominante in der Konstellation.

Wie insgesamt festzustellen ist, dass zwei wesentliche Aussagen den politischen Diskurs, wenn er diesen Namen überhaupt verdient, prägen: Eine Seite, wahrscheinlich die Mehrheit, ist mit den Zuständen, die im internationalen Vergleich von gediegenem Wohlstand geprägt sind, zufrieden. Dieser Zustand soll erhalten bleiben und es wird nicht hinterfragt, wie der Wohlstand zustande gekommen ist und wie die Perspektiven aussehen, ihn ohne dramatische Konflikte zu erhalten. Die andere Seite wird präsentiert durch diejenigen, die immer mehr ausgegrenzt werden, deren Perspektiven auf dem globalen Basar nach Indien oder Bangladesh verhökert wurden und die eine gerechtere Teilhabe an dem Wohlstand der anderen reklamieren. Rudimentär machen sich hier und da noch Stimmen breit, die für die eine oder andere Umsteuerung wie bei der Energieversorgung, dem Verkehr oder der Ernährung votieren, andere wiederum plädieren für eine Umsteuerung bei den Besitzverhältnissen, doch da hört der Spaß auf.

Im Wesentlichen ist festzuhalten, dass sich die Diskussion in der Republik um Besitzzustände und Besitzverhältnisse dreht. Es geht darum, das zu behalten, was man hat oder das zu bekommen, was die anderen haben. Es ist eine saturierte Diskussion, die, betrachtete man das Land isoliert, durchaus geführt werden könnte. Aber die isolierte Betrachtung geht nun einmal nicht und die Abhängigkeit von internationalen Beziehungen, die Beteiligung an internationalen Konflikte etc. machen die Diskussion zu einer Geisterstunde, die ohne ihres gleichen ist. Denn beide Seiten, aus unterschiedlichen Motiven, wollen den Zustand so erhalten, wie er ist. Nur ist der fiktiv.

Politik ist das Metier, in dem der Zustand analysiert und über die Zukunft verhandelt wird. Politik ist kein Markt, auf dem Waren verteilt werden und danach gehen wieder alle nach Hause. Diesen Eindruck vermittelt jedoch die gegenwärtige Situation vor den Wahlen. Die Zukunft ist ausgeblendet, weil die Pläne, die da vorliegen, zu schweren Auseinandersetzungen führen würden. Deutsche Waffen auf arabischer Seite im Jemen, dem größten Drama derzeit? Wer will das hören? Dekadenz kommt immer bräsig daher.

Über die Eigendynamik der Geheimen Dienste

Homeland 6

Seit den Tagen des legendären Franzosen Joseph Fouché, der nicht nur Robespierre und die Revolution, sondern auch Napoleon und die folgende Restauration als Chef der geheimen Dienste überlebte, ist deutlich geworden, wie stark die von der großen Öffentlichkeit erlebte Politik mit der Arbeit der Geheimen Dienste und den Organen der Diplomatie verwoben ist. Was die Öffentlichkeit nicht sieht, und wenn sie es sieht, nicht so recht glauben will, ist die Tatsache, dass die beschriebenen Geheimen Dienste nicht immer unbedingt der Regierung dienen, sondern dass sie durchaus eigene Interessen verfolgen und zuweilen eine „Eigendynamik“ erzeugen, die ganz und gar nicht im Interesse des politisch gebildeten Willens eines Landes ist. Die USA haben diese Geschichte mit aller Breite durchgemacht. In Robert De Niros Film „Der gute Hirte“ wird die ganze Problematik schon bei der Gründung der CIA durchleuchtet, zu einer Zeit, als die USA sich als Supermacht zu definieren begannen. Die Serie Homeland betrachtet eine andere Phase, deren Ursprung mit dem 11. September festzumachen ist.

Befassten sich die vergangenen Folgen von Homeland zunächst mit dem Problem eines „umgedrehten“ US-Soldaten, der aus Middle East nach Hause kommt, einem Gebiet, in dem die USA chronisch militärisch intervenieren. Dann ging die Reise in verschiedene arabische Staaten und nach Afghanistan, wo immer neue Abenteuer auf die Akteure warteten. Homeland 5 schließlich handelte von einem geplanten Terror-Anschlag in Berlin, dem Problem also, dass durch die ständige Intervention in der arabischen Welt in die westlichen Metropolen zurückschnappt. Das soeben veröffentlichte Homeland 6 ist an Aktualität die bisher brisanteste Serie. In ihr wird das Missverhältnis zwischen Regierung und Geheimdiensten überdeutlich. Es wird gezeigt, dass sich die verschiedenen Organisationen gegenseitig behindern und dass ihre Eigendynamik so weit gehen kann, dass sie gewählte Präsidenten in der Öffentlichkeit zu beschädigen versuchen, weil diese nicht den Kurs der weiteren, ständigen Militärinterventionen weiter verfolgen wollen.

Unter dem Stichwort „Home Security“ sind seit dem 11. September 2001 verschiedene Organisationen entstanden, die nicht den Eindruck machen, auf die demokratische Verfassung verpflichtet zu sein, sondern den Interessen der unterschiedlichen Branchen geheimdienstlicher Tätigkeit. Dass im Namen des Heimatschutzes gar eigene Terroranschläge unternommen werden, um die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung zu lenken, ist zumindest für Homeland 6 ausgemacht. Und dass Präsidenten von den Big Guys der Geheimwelt bewusst mit falschen Informationen gefüttert werden, die sie in die Falle locken sollen, scheint ebenso ausgemacht.

Die politische Brisanz der Serie Homeland 6 liegt in diesen Thesen. Angesichts der Tatsache, dass die Finalisierung der Serie während des turbulenten US-Wahlkampfes zwischen Hillary Clinton und Donald Trump stattgefunden hat, muss den Produzenten attestiert werden, dass sie einen guten und einen schlechten Riecher hatten. Die Dame, die als President elect in der Folge eine Rolle spielt, ist angesichts der Verwobenheit des Clinton-Clans mit der Washingtoner Nomenklatura zu positiv. Die Deutlichkeit jedoch, mit der das Treiben vor allem der CIA, aber auch des FBI inszeniert wird, erklärt genau die Verwerfungen, die sich sehr schnell zwischen Trump und besagten Organisation auftat. Sehr früh wies er, und das übrigens im Einklang mit der Auffassung der amerikanischen Öffentlichkeit, auf die nicht tolerierbare Eigendynamik dieser Organisationen hin. So wie es aussieht, musste er klein beigeben. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Homeland 6: Sehenswert und brandaktuell.