Manchmal scheint es etwas absonderlich zu sein. Dass man erst bei einem Rückblick auf Ereignisse, an denen man selbst beteiligt war, die Tiefe und Essenz erst richtig begreifen kann. Obwohl alles so geplant, initiiert und gemacht worden war und die Intention deutlich zu entziffern war. Aber im Augenblick der Handlung ist wenig Zeit für eine ausführliche Reflexion. Und so sehr immer betont wird, dass alles, was man in Angriff nimmt, irgendwann auch auf seine Wirkung evaluiert werden muss – meistens geschieht es dann doch nicht.
Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, mich noch einmal zu einem Prozess zu äußern, den wir als großen Veränderungsprozess angekündigt hatten und der sich, aus der heutigen Sicht betrachtet, ganz anders als geplant gestaltete. Das, was wir strukturell verändern wollten, ist mittlerweile den Gravitationskräften der faktischen Macht gewichen. Aber der Geist, mit dem wir zu Werke gingen und die Menschen, die wir gewinnen und fördern konnten, sind geblieben. Und sie gehen heute in ganz anderen Kontexten neue Wege.
Allerdings die Prinzipien, nach denen wir gelebt haben, die, so war auch jetzt nach Jahren mein Resümee, die hatten es in sich und sie sind heute mehr denn je ein Qualitätsmerkmal für eine gute Vorgehensweise, der man durchaus den Begriff von Politik zusprechen kann.
Was waren nun die drei Prinzipien, die sich jeder merken konnte, ohne gleich in einem großen Konvolut nachsehen zu müssen?:
- Wir leben den Anspruch und halten den Laden am Laufen.
- Wir sind großzügig in den kleinen Dingen und bleiben konsequent bei den großen.
- Wir sind loyal nach unten.
Punkt eins versuchte deutlich zu machen, dass die Leistungen, die man von uns erwartete, erbracht wurden. Allerdings in einem Geist und in einer Qualität, die der formulierten Strategie entsprachen.
Punkt zwei war die ausdrückliche Abkehr von einem kleinlichen Dogmatismus. Wir wollten menschlich sein und die Fehler, die Menschen machen, wenn sie Neuland betreten, nicht skandalisieren. Anderseits sollten die großen Zielsetzungen nicht verhandelbar sein.
Punkt drei sollte deutlich machen, dass wir uns selbst bei Fehlern und Problemen hinter alle stellten, die mit uns zusammen arbeiteten. Wir stellten uns auch bei schwierigen Situationen hinter diejenigen, die für uns handelten und übernahmen die Verantwortung.
Das alles klingt auf den ersten Blick nicht sonderlich revolutionär, ist aber, bei der Betrachtung aktueller Verhältnisse, nicht das, was man als verbreitetes Phänomen beobachten könnte. Die Resonanz auf diese Erinnerung war überwältigend und die Kritik an bestehenden Verhältnissen wurde sehr deutlich geäußert.
Das Positive bei diesen drei Prinzipien ist ihre universelle Verwendbarkeit. Man kann sie für sich persönlich reklamieren, in organisatorischen Kontexten, in Betrieben, in Vereinen, in Familien wie in der Politik. Und dieser Verweis hat meines Erachtens besonderes Gewicht. Und es stellt sich die Frage, bei der Betrachtung der aktuell zu beobachtenden Politik hierzulande, ob es den Verantwortlichen gelingt,
- einen wie auch immer gearteten Anspruch zu formulieren und gleichzeitig den Laden am Laufen zu halten,
- kleine Fehler und Abweichungen zu tolerieren, aber an den großen Linien festzuhalten und nicht als verhandelbar zu betrachten, und
- Als Hierarchie loyal nach unten zu sein.
Die Beurteilung dieser Fragen obliegt Ihnen. Ohne sich einer bestimmten politischen Partei oder Richtung verpflichtet zu fühlen, kann die Übung – wieder einmal – Ergebnisse zutage fördern, die es in sich haben.

Gerhard Mersmanns drei Prinzipien sind bemerkenswert – gerade weil sie sich an einer einfachen, aber anspruchsvollen Frage messen lassen: Dient Macht den Menschen oder dienen Menschen der Macht?
„Den Laden am Laufen halten“ genügt politisch allerdings nicht. In einem demokratischen Rechtsstaat muss Handlungsfähigkeit mit Recht, Transparenz, Verantwortlichkeit und überprüfbaren Ergebnissen verbunden sein. Art. 20 GG bindet insbesondere die vollziehende Gewalt ausdrücklich an Gesetz und Recht; Art. 1 stellt die Menschenwürde an die Spitze der staatlichen Verantwortung. (Gesetze im Internet)
Auch das zweite Prinzip – großzügig bei kleinen Fehlern, konsequent bei großen Linien – braucht eine rechtsstaatliche Präzisierung: Fehler dürfen menschlich sein, Rechtsbruch darf nicht durch Loyalität legitimiert werden. Gleichheit vor dem Gesetz verlangt, dass Maßstäbe nicht nach Rang, Parteizugehörigkeit oder persönlicher Nähe wechseln. (Gesetze im Internet)
Am stärksten ist deshalb das dritte Prinzip: „loyal nach unten“. In einer Hierarchie bedeutet echte Loyalität jedoch nicht, Fehlverhalten zu decken, sondern Verantwortung zu übernehmen, Mitarbeiter vor ungerechtfertigter Schuldzuweisung zu schützen und zugleich Missstände offen zu korrigieren. Der Europarat nennt hierfür ausdrücklich Integrität, Legalität, Objektivität und Rechenschaftspflicht als Grundsätze öffentlicher Ethik. (Europarat)
Vielleicht lässt sich Mersmanns Dreisatz daher demokratisch erweitern:
Anspruch ohne Rechtsbindung wird Dogma.
Loyalität ohne Verantwortung wird Klientelismus.
Toleranz ohne Grenzen wird Beliebigkeit.
Gute Politik müsste alle drei Gegensätze gleichzeitig beherrschen: leistungsfähig sein, menschlich bleiben und dem Recht unterstehen. Genau daran sollte sich politische Führung messen lassen – nicht an ihrer Rhetorik, sondern an ihren Entscheidungen, ihren Folgen und ihrer Bereitschaft, sich daran messen zu lassen.
„Mit Unterstützung von ChatGPT erstellt und redaktionell überprüft.“