Archiv für den Monat April 2024

Freunde in Zeiten der Eskalation

Angesichts der aktuellen Eskalation im Nahen und Mittleren Osten schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Nicht, was eine eventuelle Parteinahme anbeträfe, sondern auf welcher Ebene ich für mich den Konflikt am besten beschreiben könnte. Die eine Möglichkeit liegt immer nahe und beginnt mir der Frage: was ist in der letzten Zeit politisch passiert, wo sind die Kausalitäten und wie wurde es kommuniziert? Da war, um das gleich abzuhandeln, unmittelbar bevor der Iran nun Raketen und Drohnen Richtung Israel geschickt hat, ein israelischer Militärschlag auf ein iranisches Konsulat im syrischen Damaskus. 7 Tote, darunter ranghohe iranische Militärs. Konsulate und Botschaften gelten als territoriales Hoheitsgebiet der in ihnen residierenden Länder.

Während hier darüber berichtet wurde wie über ein Brückeneinsturz oder einer Naturkatastrophe, hat der Schlag sowohl im Iran wie in anderen Ländern der Region eine ganz andere Reaktion ausgelöst. Es wurde gesehen als ein Anschlag auf die nationale Souveränität. Und während der Iran einen militärisch gewaltigen Gegenschlag tätigte, der allerdings keinen großen Erfolg hatte, sprach man im Westen von einer inakzeptablen Reaktion. 

Es ist ein altbekanntes Spiel. Diejenigen, die ihrerseits sich die Legitimität jedweder aggressiven und das internationale Recht brechenden Handlungen zugestehen, sprechen dieses Recht der Gegenseite schlichtweg ab. Indem sie sich selbst als die Wahrer einer regelbasierten Ordnung sehen, geben sie sich für jede nur erdenkliche Handlung eine Carte Blanche.

Das Denkschema auf beiden Seiten ist bekannt. Sieht man sich die Konfliktzonen auf dieser Welt an, dann ist das Spiel immer das gleiche. Hier der Westen, der für sich die Wahrung der Ordnung reklamiert und sich selbst jede Verletzung derselben zugesteht und dort der vermeintlich unisono autokratische Rest der Welt, der das zu akzeptieren hat, ansonsten kommt eine nächste, neue Sanktion, in welcher Dimension auch immer. 

Die zweite Betrachtungsweise, die sich mir aufdrängt, ist die Rekonstruktion eines solchen Konfliktes in meinem unmittelbaren Umfeld. Ich stelle mir vor, ein langjähriger Freund, mit dem mich vielleicht sogar eine leidvolle gemeinsame Geschichte verbindet, verhält sich in manchen Fällen so, wie ich es mir selbst nicht erlauben würde. Und zwar aus formal juristischen wie auch aus ethischen Gründen. Es beginnt damit, dass er, sagen wir, einem Nachbarn, der wirklich kein Sympathieträger ist, der zuweilen schroff und hinterhältig ist, der seine Frau schlecht behandelt und seinen Hund schlägt, in den Vorgarten pinkelt. Der Streit beginnt, und was bei meinem Freund als launige Geste begann, um dem Scheusal die Wertschätzung zu zeigen, steigert sich. Mal schüttet er Gift an den Stamm des Apfelbaums seines Nachbarn, mal lässt er die Stallkaninchen frei, dann zündet er die Garage an und dann zersticht die Reifen an dessen Auto. Und der Nachbar verhält sich so, wie von ihm erwartet. Er revanchiert sich mit den gleichen Mitteln.

Die Frage, die ich mir stelle, ist die, was ich mit meinem Freund machen würde? Würde ich ihn wirklich anstacheln, so weiter zu machen und dem Drecksack von Nachbarn so richtig einzuschenken, oder würde ich ihn beiseite nehmen und mit ihm sprechen wollen? Um ihm zu zeigen, wohin ihn das selbst führt? Dass er seinem Nachbarn immer ähnlicher wird und dass der Weg, den er eingeschlagen hat, auch wenn ich so manches gut verstehe, zu keiner Lösung führt? Und darüber nachzudenken ist, wie man, bei allen Differenzen, zu einem Modus Vivendi kommen könnte, der die Eskalation von Gewalt und Zerstörung hinter sich lässt? 

Gegenwärtig scheinen alle, die sich als Freunde bezeichnen, in der Unterstützung der Eskalation den einzigen Weg zu sehen, um ihre Freundschaft zu beweisen. Das ist nicht nur betrüblich. Nein, es ist auch armselig.

La Légion étrangère

Es sind nicht nur Züge. Es sind deutliche Parallelen. Die Auflösung der für wenige Jahrzehnte faktische unipolaren Welt bringt vieles mit sich, das an eine analoge historische Situation erinnert. Da standen sich aufstrebende und niedergehende Mächte gegenüber. Sie schufen ein Ereignis, das als der Dreißigjährige Krieg in die Geschichte eingehen sollte. Das alte Europa lag zu dessen Ende erschöpft am Boden. Die positive Lehre aus dem Debakel, in dem sich alles getummelt hatte, was auch heute wieder an unterschiedlichen Brandherden zu beobachten ist: Warlords mit ihren Rotten, militante Sektierer und Missionare, Kreuzzügler und schlicht Söldner. Reguläre Armeen, die unter der Administration eines souveränen Staates standen, waren mehr oder weniger erst in ihrer Entstehung. Der Name Wallenstein stand für diese Entwicklung. Der gute Schluss am Ende des jahrzehntelangen Massakers war der Westfälische Frieden. Der wurde in einem Zeitraum von zwei Jahren ausgehandelt, währenddessen die Emissäre zwischen Münster und Osnabrück hin und her galoppierten und zu einem Verständnis des zukünftigen Umgangs miteinander gelangten, das als Westfälischer Frieden in die Geschichtsbücher einging und als ein Meilenstein im Zivilisationsprozesses gesehen wurde. Dort wurde paraphiert, dass jedes Land souverän über die eigenen Angelegenheit befindet, dass beim Umgang miteinander diese Souveränität respektiert werde, sprich das Prinzip der gegenseitigen Nichteinmischung gewährt wurde und das Recht, die eigen Interessen zu vertreten, respektiert wurde. In der anglophonen Historiographie wurde seitdem von The Westfalian Order gesprochen. 

Allein bei der Lektüre dieser Zeilen wird deutlich, dass das, was dort als Westfalian Order ins Gedächtnis gerufen wurde, längst der Geschichte angehört. Wir befinden uns, so wie es aussieht, am Beginn eines Dreißigjährigen Krieges2. Heiße Kampfhandlungen existieren zur Genüge, aufstrebende und niedergehende Mächte stehen sich gegenüber, das Prinzip der gegenseitigen Nichteinmischung und des Respekts gegenüber den jeweiligen Interessen ist passé und jede Form der Intervention wird mit Religion oder Ideologie legitimiert. Und, selbst das ist zurück: die Warlords und Söldner sind wieder da. Im Nahen Osten, wie in Russland und der Ukraine. Es ist nicht lange her, da spielte ein gewisser Prigoschin mit seinen Wagner-Verbänden eine Rolle, die an alte Räuberpistolen erinnerte. Und nun, brandneu und quasi als Geschenk an den Front National für die nächsten französischen Präsidentschaftswahlen, hat Emmanuel Macron die Entsendung der französischen Fremdenlegion zur Unterstützung der Ukraine beordert. Dort, nicht dass es im Trubel untergeht, kämpfen schon seit langem Söldner aus aller Herren Länder. Für 800 $ Tagessatz direkt an der Front und 300 $ in der Etappe. Und, um den Gutgläubigen den Schlaf zu rauben, Deutsche sind auch dabei.

Dass nun ein europäisches Staatsoberhaupt einen seit 1831, von Louis Philippe I. gegründetes Konstrukt, das immer fester Bestandteil der französischen Streitkräfte war, in einen heißen Konflikt schickt, ist eine weitere Stufe der Eskalation. Ob die Légion étrangère allerdings von russischer Seite als nicht NATO-relevant angesehen wird, ist fraglich und unterliegt allein  dem russischen Gutdünken. Und ob die Verwegenen, die in Afrika so manchen Kopf abgeschlagen haben, die Invasion Richtung Moskau werden vorbereiten können, ist zweifelhaft. Auch bei Napoleons Feldzug waren sie dabei. Sie schafften es zwar bis Moskau, kamen aber, wie der bemitleidenswerte Rest, als geschlagenes, dezimiertes Häuflein zurück.  

So, wie es aussieht, erscheinen die dunkelsten Stunden Europas in ganz neuem Licht. Und sie sind brandaktuell.  

Aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment?

Es scheint, als beherrsche ein Begriffspaar alles, womit wir uns in Krisen befassen. Die beiden Termini schließen sich aus, und deshalb dokumentieren sie gleichzeitig, wie gespalten unsere Gesellschaft ist. Es handelt sich um das Ressentiment und das aufgeklärte Welt- und humanistische Menschenbild. Bei den Konflikten, die in unser Leben hineinreichen, sind wir stets damit konfrontiert. Menschen, von denen ich ausging, dass sie ihr ganzes Leben mit einer Grundhaltung durchlebt haben, die auf den Prinzipien der Aufklärung basierte, sprich auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, entpuppten sich plötzlich als hasserfüllte Extremisten, denen keine historisch noch so banale Konstruktion von Feindbildern zu unappetitlich war, um sie nicht zu übernehmen, durchschnitten somit das Band der Sympathie mit einem einzigen Handgriff. Verhetzt, wie sie waren, hörten sie sich kein Argument mehr an, erblindet, wie sie waren, sahen sie nicht mehr die andere Seite, und hysterisch, wie sie waren, verbissen sie sich in immer neue Tiraden, sobald jemand ihre Ansicht nicht mehr teilte.

Zumindest hier, in dieser Gesellschaft, die so gute Jahre erlebt hatte, weil sie es aushielt, dass man sich stritt und um Mehrheiten rang, war ein mentaler Monolith entstanden, der historisch überall da, wo er zu sehen war, das Ende dieser Gesellschaft signalisierte. Das Ressentiment wurde zur Illusion einer Gemeinsamkeit. Einer Gemeinsamkeit, die nicht dauern kann und die vor allem nichts hervorzubringen in der Lage ist, was Bestand hat. Das Ressentiment ist die Fahne der Zerstörung. Und das ist alles, was bleiben wird.

Auch das humanistische Menschenbild ist geographisch wie historisch relativ. Es ist nicht universal, weil es gewaltige kulturelle Entitäten auf diesem Planeten gibt, die anders gewoben sind und funktionieren. Es geht nicht darum, das zu bewerten, sondern zu begreifen. Wer bei der Begutachtung des Fremden gleich ins Ressentiment abgleitet, hat das Spiel bereits verloren. Das humanistische Weltbild ermöglicht zumindest einen kognitiven Zugang zu allen Erscheinungen menschlicher Existenz, die der unseren nicht gleichen. Und sie garantiert, intern, einen Glauben, dass der Hass niemals das Werkzeug einer wie auch immer gearteten Konstruktivität sein kann.

Die Erkenntnis scheint so einfach zu sein. Und dennoch hat das Ressentiment zur Zeit die Oberhand. Und, so dramatisch, wie es klingt: aufgeklärtes Weltbild oder Ressentiment, es ist die Frage von Sein oder Nicht-Sein. Wollt ihr den totalen Krieg? In den Köpfen tobt er bereits!