Archiv für den Monat April 2024

Vergiss nie, woher du kommst

Die mediale Monopolisierung hat auch im Kulturbereich gewütet. Vieles, was vor Jahren nur Insidern bekannt war, gilt heute als öffentliches Gemeingut. Zum Beispiel, dass viele aus Film und Fernsehen bekannte Schauspieler eigentlich von der Bühne kommen. Dort haben sie ihr Handwerk gelernt, dort haben sie ihre Talente entwickelt und dort erleben sie ihre großen Momente. Wenn man die Rolle aus einem Shakespeare oder Brecht zu spielen hat unterscheidet sich das doch gravierend von der eines Tatortkommissars. Und deshalb tauchen gerade in dem letztgenannten Format viele auf, die weitaus mehr zu bieten haben, als das Millionenpublikum gewahr wird. Einer davon ist sicherlich der aus Herdecke stammende Jörg Hartmann. 

Das Interessante an ihm ist, dass er auf der Bühne gelernt hat, als Tatortkommissar (und natürlich einer Serie wie Weißensee) einem großen Publikum bekannt ist und zudem seine Selbstvermarktung mit einer Art Autobiographie selbst in die Hand genommen hat. Mit dem Titel „Der Lärm des Lebens“ hat er ein Buch veröffentlicht, das gleichzeitig als ein von ihm gesprochenes Hörbuch erhältlich ist. Selbstverständlich gehört dazu noch der eine oder andere Auftritt in den zahlreichen Talkshows, die sich zunehmend als Influencer-Partys etablieren. 

Nichts für ungut. Jörg Hartman ist ein ernst zu nehmender deutscher Schauspieler, der ein Buch abgeliefert hat, das alles andere als trivial ist. Er beschreibt darin seine Herkunft und Familiengeschichte, in der sich der Wandel der Bundesrepublik in den letzten Dekaden spiegelt, er erzählt von seinen Anfängen auf diversen kleinen Bühnen, bis er es zur Berliner Schaubühne geschafft hat. Beeindruckend ist, dass er, wie viele andere, die aus dem Ruhrgebiet stammen, die Ruhrpott-DNA nicht in der Lage ist abzustreifen. Immer denkt er an die Kleinen, die Wehlosen und Schutzbedürftigen, und immer fühlt er sich diesen verpflichtet. Und er bringt der Leserschaft nahe, wie oft sich bei einer erfolgreichen Karriere die Frage stellt, inwieweit die professionelle Verpflichtung mit dem eigenen, geerdeten Menschenbild und den damit verbundenen Passionen korrespondiert, oder eben auch nicht.

So vermittelt die Lektüre einen alles andere als geschlossenen, mit sich selbst im Reinen befindlichen Charakter, sondern einen Zerrissenen, dessen Produktivität gerade in diesem Dauerzustand begründet liegt. Irgendwie wurde ich bei der Lektüre den Gedanken nicht los, dass der Kommissar Faber, der aufgrund seines Auftretens das Publikum tief spaltet, nicht ein reales Abbild des Rebells aus dem Ruhrgebiet zeigt, der die Versöhnung sucht, aber das Rebellieren nicht sein lassen kann. Das ist ein wichtiges Stück Geschichte dieser Republik, das viele mit erzählen können, aber kaum irgendwo geschrieben steht.

Was die Einblicke in die Sozialisation auf den Bühnen dieser Republik betrifft, so werde ich das Buch gleich einer Schauspielerin aus dem Nebenhaus zukommen lassen und sie um ihre Meinung fragen. Was den Autor und das Buch anbetrifft: ich fand es unterhaltsam und bei bestimmten biographischen Passagen markant. Was bläuen sie dir im Ruhrgebiet von Kindesbeinen ein? Wohin du auch gehst, vergiss nie, woher du kommst! Jörg Hartmann hat das verinnerlicht.  

What goes up must come down!

Irgendwann fing es an. Das Nachdenken über das Sein an sich. Da spielte das Prinzip, das über Jahrzehnte gefeiert worden war keine Rolle mehr. Da wurde die Leistung nicht mehr honoriert. Da wurde der Arbeit nichts Positives mehr abgefunden. Da hieß es nicht mehr, in einem kreativen, produktiven Prozess könnten sich die Talente des Menschen herausbilden. Da wurde der faktischen Wertschöpfung die bedeutende Rolle abgesprochen. Es ging nunmehr um Identität an sich. Um Individualismus, konträr zur Kooperation. Da wurde die Sphäre der Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft zum Hauptfokus. Nur ging es nicht mehr um Reproduktion von Arbeit, sondern um Verlustierung. Um Genuss, um Strategien zur Vertreibung der Langeweile. Ein Zustand, der entsteht, wenn keine Zweckbestimmung mehr in Sicht ist. 

Die Entwicklung konnte so vonstatten gehen, weil sehr oft individuell die Notwendigkeit zum aktiven Erwerb der lebensnotwendigen Mittel nicht mehr gegeben war. Man erbte oder wurde aus anderen Quellen alimentiert. Letztere sprudelten, weil es in der Gesellschaft immer noch Segmente gab, in denen Scheußlichkeiten wie Leistung und Wertschöpfung gefordert und gefördert wurden. Und, auch das sollte nicht aus den Augen verloren werden, weil die Mühsal immer mehr geographisch verlagert wurde. Dorthin, wo arme Teufel alles machen müssen, damit es für die berühmte Schüssel Reis am Abend reicht. 

Das, was sich in der Beschreibung anhört wie der sprichwörtliche Untergang des Abendlandes, ist ein Zeichen für die tatsächliche, zunächst mentale und dann auch materielle Krise, in der sich eine Welt befindet, die einmal auf der Freiheit der Gedanken und der Möglichkeit, durch Leistung etwas zu werden, basierte. Das verweilen in identitärer Rabulistik, übrigens ein Zwilling so mancher nationalistischen Verirrung, hat den Grad der Sättigung und damit des Niedergangs zum Ausdruck gebracht. Mehr nicht. Ein Lamento ist nicht angebracht. So ist es, wenn sich die Erde dreht. 

Auf der einen Seite wird der Wohlstand verwaltet, in jeder Innovation eine Gefahr und das Risiko gesehen, während auf der anderen das Bekenntnis zur Leistung keine Grenzen kennt und in jeder Form der Veränderung eine Chance gesehen wird. Diese beiden Blöcke, die zudem auch biologisch in Bezug auf das durchschnittliche Lebensalter identifizierbar sind, stehen sich nun gegenüber. Quantitativ ein Verhältnis von Eins zu Zehn! Und es ist kein Zufall, dass die Besitzenden, die auf den Geldsäcken sitzen, jeden Versuch, sie davon zu erleichtern, mit harschen Mitteln beantworten. Der Krieg ist das Mittel dieser Auseinandersetzung. Es ist ein Klassiker, der im einen oder anderen Fall noch mit alter Symbolik geführt wird, im Kern aber der von Arm gegen Reich ist. Und die, die die Waffengänge initiieren, unterscheiden sich nicht in ihrem Charakter. Wer bereit ist, die Fleischwölfe anzuwerfen, ist vom Teufel der Zerstörung geformt worden. Da spielen weder Leistung noch Identität eine Rolle. Organisierter Mord ist eine andere Kategorie.

Und, obwohl der Krieg sich mehr und mehr zum Paradigma internationaler Beziehungen mausert, sitzen die Prediger des Seins an sich wohl saturiert in ihren abgeschotteten Milieus und feilen an einem Schema von Gut und Böse, mit dem sie die Welt erklären wollen. Obsiegen wird letztendlich die Leistung. Warum das so ist, bleibt ihnen schleierhaft. What goes up must come  down. So einfach ist das.