Archiv für den Monat März 2024

“Von der Leyen ertränkt Kinder und Frauen im Meer“?

Ich stelle es mir gerade vor. Wie der Außenminister eines Landes, es muss ja nicht gleich der russische sein, bestimmte Vorkommnisse einordnet. Die Welt, so wie sie ist, versorgt uns täglich mit Nachrichten, die berechtigte Zweifel an der Zivilisationsfähigkeit des homo sapiens aufkommen lassen. Verhungernde Kinder, mit Drohnen hingerichtete Zivilisten, Entführungen, hingenommene Havarien auf dem Meer, Belagerungen, die außergewöhnliches Leid verursachen, Vergewaltigungen, Entführungen. Wir kennen das. Wir sind an derartige Meldungen gewöhnt. Die Medien haben sich darauf verständigt, um Aufmerksamkeit zu generieren, uns rund um die Uhr mit den Bestialitäten der eigenen Spezies zu bombardieren. Nicht, dass die Grausamkeiten ausgespart werden sollten. Der permanente Konsum des Konzentrats jedoch macht die Menschen krank. Insofern kann man das mediale Agieren zu den oben erwähnten unzivilisierten Verhaltensweisen dazurechnen. Da hatte Nietzsche einfach recht. Wenn du lange genug in den Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Was noch eine Steigerung der Barbarei bedeutet, ist der Versuch, die Gräuel gegeneinander aufzurechnen. Und noch schlimmer: die eigenen Verbrechen mit denen der vermeintlichen Konkurrenz zu begründen. Wenn du mich anklagst, dann sag ich dir, was die anderen machen. Dagegen bin ich ein Schaf. Und wer meint, damit sei die Klimax der Perversion erreicht, hat sich geirrt. Die nächste Stufe nämlich ist die Personalisierung. 

Kommen wir zurück zu dem erwähnten Außenminister. Stellen Sie sich vor, angesichts der vielen auf dem Mittelmeer Ertrinkenden, die das rettende Ufer Europas suchen, spräche er davon, Frau von der Leyen ertränke Kinder und Frauen im Meer. Oder, angesichts der immer wieder Umkommenden an der us-amerikanisch-mexikanischen Grenze, Joe Biden metzele die Menschen dort dahin. Oder, um ein bisschen näher zu kommen, Frau Faeser ließe es zu, dass immer wieder Anschläge in der Bundesrepublik verübt würden, um ihre Agenda begründen zu können. Oder der eifrige britische Ministerpräsident Sunak sei gerade dabei, Julian Assange zu ermorden.

Es ist sicher, dass eine derartige Darstellung große Empörung auslösen würde, weil sie komplexe Kausalverhältnisse zu sehr vereinfache. Und mit nichts anderem kommentiert werden könne als mit einer Einordnung in die Kategorien Propaganda und Volksverhetzung. Und, letztendlich, als eine dem Amt eines Außenministers unwürdige, dumme und boshafte Entgleisung zu sehen ist. 

In einem Interview Anfang der Woche in den Tagesthemen der ARD wartete die Außenministerin der Bundesrepublik Deutschland allerdings mit einem derartigen Verhalten auf. Wörtlich bezichtigte sie den russischen Präsidenten Putin der Entführung von Kindern aus der Ukraine („Putin hat Kinder aus der Ukraine nach Russland entführt“). Was man sich bei der Kommentierung der Unzulänglichkeiten, Kalamitäten und Verbrechen im eigenen Verantwortungsbereich verbitten würde, wird hier in einer Art und Weise gegen andere kultiviert, das nicht nur in Bezug auf das eigene Amt völlig deplatziert ist, sondern für die Zukunft alle Wege der Diplomatie verstellt. Genau das ist Zweck und Wille dieser Person. 

Wer sucht, der findet. Und komme mir niemand mit dem Argument, trotz allem seien wir die Besseren. Wenn wir es zulassen, dass uns derartige Figuren repräsentieren, dürfen wir nicht mehr von einem Bewertungsvorteil sprechen. Wir haben uns Formen der Barbarei an die Spitze gesetzt. Zwar durch Wahlen, aber nicht durch Mehrheiten, die diese Perversion gutheißen. Das Debakel ist bei uns zuhause. Genauso gut wie woanders. Das einzugestehen, wäre schon einmal ein erster Schritt.

Kritische Infrastruktur und Tarifautonomie

Wenn es nicht so schrill wäre. Wenn es nicht so dreist wäre. Wenn da nicht das Gefühl vorherrschte, alles machen zu können. Jenseits der Logik, jenseits der Vernunft, jenseits dessen, was von den Gutgläubigen als gesunder Menschenverstand bezeichnet wird. Unter dem Schutzschirm des großen Lautsprechers, der das erzwungene Auditorium traktiert, als handele es sich um einen Freibrief zur Körperverletzung und der seelischen Grausamkeit. Deshalb machen sie es. Weil sie es können. Wie lange, das ist und bleibt die Frage. Denn, auch das wissen wir, nichts ist von Dauer. Und alles wird vom Wind der Zeit hinfortgeblasen.

Täglich bekommen wir Futter. Für diesen Umstand. Dass sie meinen, sie dürften alles, ohne an eine Grenze zu stoßen. Ein aktuelles Beispiel ist die Thematisierung der kritischen Infrastruktur. Natürlich sprechen die Vertreter der Freien Demokraten, die sich bereits mit ihrer offenen Waffenlobby einen sichern Platz für eine zukünftige Anklage erworben haben, nicht von dem terroristischen Akt der Zerstörung von Nord Stream 2. Denn dort ist der größte Anschlag auf die kritische Infrastruktur der Bundesrepublik Deutschland seit ihrer Existenz verübt worden. In diesem Fall schweigen die so besorgten Hüter des Staates. Nein, diesmal geht es um die Bundesbahn.

Und mit der Bundesbahn als ein allgemein zu beobachtendes Leck in der öffentlichen Infrastruktur, das entstanden ist durch so genannte Privatisierung, das entstanden ist durch unterlassene Wartung und nicht getätigte Investitionen und das entstanden ist durch reihenweise überfordertes und gleichzeitig hoch dotiertes Management. Nein, sie meinen selbstverständlich die streikenden Eisenbahner. Genauer gesagt die Lokführer. Mit einem Gewerkschaftsvorsitzenden, der quasi als Unikat unter ansonsten weichgespülten Erfüllungsgehilfen des Neoliberalismus in der Vitrine steht. Wer einen Eindruck davon bekommen will, welche Aufgabe Gewerkschaften in der Vergangenheit hatten, der besehe sich diesen Mann. Er kämpft mit harten Bandagen für die Interessen der bei ihm Organisierten. Dass das den neoliberalen Waffendealern, Rentenbörsianern und Infrastrukturschützern ein Dorn im Auge ist, verwundert nicht. Deshalb der Gag mit dem Angriff auf die Tarifautonomie.

Auch dieser Fall zeigt, dass nicht nur der eine oder andere Fall dokumentiert, wie verlottert bestimmte Parlamentariergruppen unterwegs sind. Nein, er macht deutlich, dass es neben all dem Dilettantismus und belanglosem Gerede eine ganz klare Kontur gibt. Es existiert eine geostrategische Verpflichtung, die so groß ist, dass sie aus eigener Kraft nur dann erfüllt werden kann, wenn neben den entfernten, aber immer näher kommenden heißen Kriegen auch der Krieg im eigenen Land, der der Reichen gegen die Bedürftigen, der der Begüterten gegen die Mittellosen mit Vehemenz geführt werden soll. Dafür steht die genannte Partei wie keine andere, obwohl sie nicht die einzige ist. 

Insofern kann die Standhaftigkeit der Lokführergewerkschaft, ob man die konkreten Ziele teilt oder nicht, auch als ein Zeichen gelesen werden, das Aufschluss darüber gibt, wie man diesen Herrschaften am besten begegnen kann. Unabhängig davon, welchen semantischen Unsinn sie aus der Jauchepumpe holen. Wenn ihnen die kritische Infrastruktur am Herzen liegt, dann sind sie im Soll! Nicht die Lokführer. Aber wer von der eigenen Armseligkeit ablenken will und wer sich im Schutze der Meinungsindustrie zu wissen glaubt, der fühlt sich unangreifbar. 

Organisation. Klare Ziele. Entschlossenheit. Standhaftigkeit. Und Kampfbereitschaft. Das sind die Attribute, um die es geht. 

Die letzten Tage der Blindheit

Die letzten Tage der Menschheit. So hieß eine Tragödie in fünf Akten von Karl Kraus, in dem er den Untergang der Zivilisation seines Zeitalters thematisierte. Bei der Registrierung dessen, was uns täglich an Meldungen erreicht, kommt mir ein ähnlicher, leicht abgeänderter, aber treffenderer Titel in den Sinn. Das Journal, das wir nun schreiben, läuft unter der Überschrift: Die letzten Tage der Blindheit. Und sollte es einem woken Irrling in den Kopf kommen, jetzt bereits lauten Protest zu äußern, so möge er/sie/es es tun, es gehört bereits zu der beabsichtigten Dokumentation.

Die aktuellen Meldungen haben, wie immer, etwas von allem. Selbstverständlich beginnt es mit der medialen Kanonade gegen die russischen Präsidentschaftswahlen. Vieles wäre berechtigt und ernst zu nehmen, käme die nicht erwähnte, aber entscheidende Information dazu, dass die anstehenden Wahlen in der Ukraine kurzerhand abgesagt worden sind. So steht eine Repression gegen die andere. Und, davon kann mit Sicherheit ausgegangen werden, die Zustimmung zu Putin in Russland ist größer als die zu Selenskij in der Ukraine. Deswegen wird dort auch nicht gewählt.

Dann lesen wir von dem Bericht über die Inspektion der Bundeswehr. Dort wird gemeldet, dass sämtliche Waffengattungen im Ernstfall nicht einmal länger als eine Woche einsatzfähig sind. In gleichem Atemzug wird an anderer Stelle der Wunsch zum Ausdruck gebracht, sich in Europa zu der militärischen Supermacht Nr. 1 entwickeln zu wollen bzw. bereits auf dem Weg dahin zu sein. Tatsache ist, dass da einige Experten den Unterschied zwischen Waffenfabriken und schlagkräftigen Streitkräften verwechseln. Das ist nicht blind. Das ist karnevalesk. Und das mitten in der Fastenzeit.

Apropos Wahlen. Im Juni darf das Europäische Parlament wieder gewählt werden. Und, ganz analog zu Russland, nein schlimmer, der wichtigste Posten, bei dem es dabei geht, ist bereits ohne Votum vergeben. Die unheilvolle, schillernde und immer mit verdeckten Karten spielende jetzige Kommissionspräsidentin wird auch die zukünftige sein. Ohne Votum der Wahlberechtigten.  So stellen wir uns alle Demokratie vor. Vielleicht sollte wir die Dame in Zukunft unseren Putin nennen, damit auch die letzte Nebelkerze Licht auf diese Verhältnisse wirft.

Und natürlich darf kurz vor einem europäischen Fußballturnier im eigenen Land nicht der erneute, dritte Versuch unerwähnt bleiben, durch die Apostrophierung der eigenen Ideologie in der Farbwahl der Trikots des eigenen Teams den Fokus auf etwas anderes zu richten als auf den Fußball. Wer einen will, macht so etwas nicht. Wer spalten will, schon. Ach, wie sehne ich mich nach den noch proletarischen Ikonen, die mit „wichtig ist auf dem Platz“ und „wer mehr Tore schießt, gewinnt“ zurück. Da lag der Fokus noch da, wohin er gehört. Aber da hieß es auch noch „Sieg, oder Blut im Schuh“, das passt nicht mehr in die Vorstellungen eines drogenumwölkten Individualismus. Dass das selbe Klientel gleichzeitig von einer Fortführung eines von anderen geführten Krieges bis zum Endsieg schwärmt, deutet auf den Grad der Verblendung. Blieben sie ihrer eigenen Praxis treu, dann würden sie olivgrüne Trikots favorisieren. Das wiederum spräche für Konsequenz.

Damit wären noch lange nicht am Ende der täglichen Kuriositäten, aber dennoch an ihrem Kern. Die letzten Tage der Blindheit beziehen sich auf den Verlust einer gewissen mentalen Stringenz, die erforderlich ist, um in schwierigen Zeiten zu überleben. Diese Voraussetzung ist nicht mehr gegeben.