Archiv für den Monat März 2024

Krieg und Öko-Bilanz: It´s global dominance, stupid!

In Bezug auf die Investitionen existieren Zahlen. Bei insgesamt global nahezu einer Billion Euro an jährlichen Ausgaben für militärisches Equipment handelt es sich ungefähr um das Vierzigfache an dem, was aufgrund internationaler Beschlüsse in Projekte mit einer ökologischen Dimension veräußert wird. Dieses Verhältnis spricht Bände und lässt nur einen Schluss zu: das Streben nach Macht und Dominanz ist in den Kreisen der Regierungen, unabhängig ihrer systemischen Zugehörigkeit, weitaus ausgeprägter als die Sorge um die natürlichen Lebensgrundlagen. Wäre die Furcht vor Klimawandel und Ederwärmung tatsächlich so ausgeprägt, wie immer wieder beteuert, müsste das Zahlenverhältnis zwischen Militärinvestitionen und Maßnahmen zur ökologischen Nachhaltigkeit ein komplett anderes sein.

Hinzu kommt, dass jede Form der kriegerischen Auseinandersetzung ein massiver Eingriff in den Naturhaushalt ist. Und, angesichts der seit Jahren in den verschiedenen Regionen dieser Welt geführten heißen Kriege, findet ein Ausmaß an Zerstörung statt, das alle unternommen Maßnahmen zur CO2-Reduktion etc. bei weitem übersteigt. Alles, was an politischer Umsteuerung von Produktion und Konsum veranstaltet wird, machen Kriege im Handumdrehen zunichte. 

Allein der Vergleich von Investition und Zerstörung zeigt, wie hilf- und belanglos die Beschwörungen hinsichtlich der notwendigen Umsteuerung der Lebensweise ist. Wer Kriege protegiert, sich für die Barbarei statt für die Zivilisation entscheidet, und auf der anderen Seite eine Pazifizierung der kapitalistischen Produktion predigt, kann nur eines für sich beanspruchen: eine mit vielen Finten und Hintertürchen erschaffene Ideologie zu protegieren, die von den wahren Absichten ablenkt.

Zu den vielen, immer wieder vorgelegten Bilanzen gehören eben nicht jene, die die Augen öffnen würden. Zu der Frage nach Krieg und Dominanz kommt nämlich noch eine andere: Wer produziert eigentlich das, was das vermeintliche Treibhaus fördert? Die Milliarden Mittellosen der Erdbevölkerung oder diejenigen, die sich in der Minderheit befinden, in Wohlstand leben und den Ressourcenverbrauch anheizen als gäbe es kein Morgen mehr? Auch diese Zahlen liegen vor. Herunter gebrochen auf die einzelnen Gesellschaften ist das sehr deutlich zu erkennen. Die Reichen sind die Ressourcenverbrenner. Und sie sind es, die in ihrem Streben nach Macht und Dominanz sich einen Teufel um jede Art von Ökobilanz scheren. 

Insofern stellt sich mit aller Macht die Frage, wie es kommen kann, dass ausgerechnet in den Ländern, in denen der Ressourcenkonsum am größten ist, die Bewegungen zur Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen weder die Frage nach Krieg und Frieden, noch die nach einer Veränderung der Besitzverhältnisse stellen? Denn, wenn sie das nicht tun, wie es deutlich sichtbar der Fall ist, welchen Zweck verfolgen sie dann? Wollen sie den armen Teufeln, deren Beitrag zu der vermeintlichen Katastrophe gering ist, noch hinsichtlich ihres Konsums ein schlechtes Gewissen einreden? Und wollen sie davon ablenken, wer die Gesellschaften in die Kriege treibt und sich die großen Brocken bei den Raubzügen in die Taschen steckt? Ein kleiner Blick auf die seit dem Krieg in der Ukraine vollzogenen Veränderungen der Besitz- und Nutzungsrechte von Agrarflächen zeigt, dass es um ganz materielle Dinge geht, und nicht um die liberale Demokratie. 

It´s the economy, stupid, verrieten 1992 die Wahlkampfstrategen des ehemaligen amerikanischen Präsident Bill Clinton, worum es ging. Angesichts der jetzigen Phase muss dieser Satz komplettiert werden. It´s global dominance, stupid. Diese Erkenntnis hilft wesentlich weiter, als sich darüber Gedanken zu machen, ob man eine Strecke mit dem Auto oder mit dem Fahrrad zurücklegt. Solange Panzer durch die Lande rollen, die 530 Liter Diesel auf 100 Kilometer verbrauchen, scheint es doch um ganz andere Dinge zu gehen, oder?   

Der Tod ist die Illusion

Jörg Fauser. Die Tournee. Roman aus dem Nachlass

Was hat sie ihn gemobbt! Die vereinigte und etablierte Literaturkritik. Die Mahnwache der bürgerlichen Gesetztheit. Und da kommt so ein Rotzlöffel daher, ein Zivi, der an der Nadel hing und sich im Rohstofflager Istanbul den nächsten Schuss besorgte. Und schrieb einen Hammer nach dem anderen. Für die im Literaturbetrieb Gesetzten war er ein Affront. Und für die Underdogs, die auf einen kulturellen Paradigmenwechsel hofften, war er ein Stern am Himmel. Umso entsetzter waren die gesellschaftlichen Outlaws, als er viel zu früh und unter dramatischen Umständen am Morgen seines 43. Geburtstags sein Leben verlor. Oder beendete. Bis heute ungeklärt.

Die Rede ist von Jörg Fauser. Dessen bekannteste Werke die Romane Rohstoff, Der Schneemann und Das Schlangenmaul sind. Und manchmal hört man noch den Spieler, gedichtet für den Rocker Achim Reichel. Ansonsten haben die mehr als drei Jahrzehnte seit seinem Tod das Tuch des Schweigens über Jörg Fauser gelegt. Dass es noch etwas zu entdecken gab, wussten die Herausgeber einer Gesamtausgabe dennoch. In einer vom Alexander Verlag Berlin erschienenen aus dem Jahr 2007, Band 9, (und auch bei Diogenes als TB) findet sich noch Die Tournee. Ein Romanfragment aus dem Nachlass.

Neben der dringenden Empfehlung, die bereits genannten Romane noch einmal zu lesen, sei die Lektüre der Tournee unbedingt angeraten. Denn dort scheint noch einmal auf, mit welchem Giganten das Literaturhandwerk es da zu tun hatte. Lässig, wie ein Mixer gesellschaftlicher Zustände, mit stechenden Raubtieraugen, steht der Autor hinter der Theke und schüttelt die unterschiedlichen Milieus durcheinander. Da keuchen abgehalfterter Galeristen durch windige Kneipen, da tingelt eine Schauspielerin, deren Stern nie aufgegangen ist, durch die Kurorte in der Provinz, da changiert eine indonesische Bardame durch die Milieus, da tanken Politiker in heilsamen Bädern wieder auf, da tarnt sich ein skrupelloser Drogendealer als Geistlicher auf einem Katholikenkongress. Alles ist möglich und alles hängt miteinander zusammen. 

Das, was die etablierte Literaturkritik Jörg Fauser so gerne vorgeworfen hat, dass er nämlich nichts anderes als ein Kriminalautor gewesen sei, ist in Wahrheit seine Stärke. Das kriminelle Potenzial der profanen Geschäftsprozesse einer bürgerlichen Gesellschaft mag den mittlerweile ebenfalls ausgestorbenen Bildungsbürgern entgangen sein. Die Gegenwart, mit der wir es heute zu tun haben, hat uns eines Besseren belehrt. Der Stoff, aus dem die Träume sind, verleitet alle dazu, sich auf das dünne Eis des Vabanque zu begeben. Die Tournee, das Fragment, ist so aktuell wie nie, während die hohe Kunst, die man Fauser so gerne vor das Gesicht als das Maß aller Dinge hielt, längst in Vergessenheit geraten ist.

Und natürlich. Fauser bleib sich Zeit seines Lebens treu. Auch seine Helden scheitern alle. Das war das Extrakt, aus dem seine Geschichten sind und waren.  Es gibt kein Entrinnen aus dem Circulus vitiosus. Sowohl die Spieler, die redlichen wie die Ganoven, als auch die Bank – sie alle schlagen über kurz oder lang aufs Pflaster. Und sie bleiben liegen. Keiner hebt sie auf. Und während sie erkalten, geht nebenan ein greller Scheinwerfer an und zeigt auf ein Spiel, das gerade wieder beginnt. Mit dem gleichen Ende. Fauser wusste das. Die neuen Spieler nie. Ihr Tod war die Illusion. Und sie wird es immer sein.