Archiv für den Monat November 2016

Populismus und Prognose

Prognosen gehören zum Alltag wie das Frühstück. Je mehr die Welt eine ist, die sich in ihren Erklärungsmustern auf Zahlen beruft, desto größer das Bedürfnis, aus dem Besitz der Zahlen die Zukunft zu lesen. Auch das ist Dialektik der Aufklärung. Zählen, Wiegen und Messen, um dann den Himmel zu deuten. Es beginnt mit einfacher Physik und Mathematik und endet bei Dreispitz und Messingfernrohr, manchmal auch bei der türkis- und rosafarbenen Kugel. Nur schade, dass diejenigen, die heute für das Prognostische zuständig sind, ihre allein optische Abenteuerlichkeit verloren haben. Wie graue oder blaue Mäuse schreiten sie durch die kalten Räume der Pseudowissenschaft, um einen Eindruck zu suggerieren, der ihrem Gewerbe gar nicht entspricht, nämlich den der Seriosität. Und angesichts dessen, was sie in der Regel vollbringen, kommt die Sehnsucht auf nach denen, die aus dem Handwerk noch ein aufregendes Mysterium machten, die verschrobenen Spökenkieker, die nach Mist und Fusel rochen und bei rauchender Pfeife in den Himmel starrten.

In dem aus dem Griechischen stammenden Begriff der Prognose steckt die Silbe, die das zeitliche „vor“ beschreibt und Gnosis, das Wissen. Das ist Hinweis genug, dass es um etwas Seriöses gehen sollte. Vorwissen ist nichts Spekulatives, sondern etwas, dass auf Fakten basiert und sich relativ leicht als Muster für die Zukunft ausmachen lässt. Dass das nicht immer so funktionieren kann, liegt in großem Maße daran, dass sich die Gilde der Prognostiker nicht auf das beschränkt, was hinsichtlich dieser Vorgabe geleistet werden kann, sondern selbst die komplexesten Fragen einer Prognose unterzieht und damit genau das tut, was eine Prognose nicht sollte: spekulieren.

Das Spekulieren der Prognostiker hat etwas mit ihrer eigenen Eitelkeit und ihrem auf dem Markt zu erzielenden Preisvorstellungen zu tun, es liefe jedoch ins Leere, wenn nicht ein Publikum vorhanden wäre, das alles gäbe, wenn es wüßte, wie es kommt. Das fängt bei denen an, die gerne an der Börse spielen, zu denen auch die Kleinen gehören, es geht über die Politiker, die gerne wüßten, ob sie in diesem Beruf bleiben können und es geht bis zu denen, die es kulturell nicht mehr aushalten, ohne eine Vorstellung von dem, was kommt. Und die Zahl derer, die zu letzteren gezählt werden können, ist mit Abstand die größte.

Die emotionale Unfähigkeit, ohne das Wissen um die Zukunft leben zu müssen, ist ein Symptom für einen gewaltigen Verlust, einen tatsächlich kulturellen Verlust. Es resultiert aus dem Ausbleiben von Sinn, von Selbstvertrauen und von innerer Festigkeit in Bezug auf die eigene Existenz. Auch wenn die Gewissheit, dass alles im Fluss ist, nie so ausgeprägt war wie heute, im Temporausch der digitalen Globalisierung, das Fehlen eines Trost spendenden Glaubens oder einer alles erklärenden Ideologie treibt die an sich und den Zuständen Leidenden in den Hafen derer, die ein sicheres Bild von der Zukunft versprechen. Ganze Institute sind entstanden, die sich damit beschäftigen, wie aus dem Zählbaren der Gegenwart die Zukunft lesen lässt. Dass ihnen das in der Regel nicht gelingt, hat mit dem Bedürfnis danach wenig zu tun.

Als Instrument, menschliches Verhalten mit manipulierten und frisierten Vorstellungen über die Zukunft lenken zu können, eignen sich die Institute für Prognostik jedoch. Gerade bei Wahlen zeigt sich das immer wieder. Wenn über Gefahren gesprochen wird, wie sie aus der Turbulenz der Gegenwart entstehen können, dann muss mit dem abgegriffenen und unscharfen Begriff des Populismus auch der der Prognose fallen. Denn die Art von Prognose, wie sie vermarktet wird, ist ein fester Bestandteil des Populismus.

Das deutsche Wesen und die Frage der Haltung

Endlich, endlich kommt ein Mächtiger, zumindest ehemals Mächtiger daher und bringt noch kurz vor dem Advent die frohe Botschaft ins Land der Weltmeister. Jetzt, so die gesalbten Worte des himmlischen Vertreters, jetzt kommt es auf Euch an. Ihr seid die Auserkorenen, die übrig bleiben in dem ganzen Unrat von missratenen Ländern mit ihren verrunzelten, behäbigen, eigensüchtigen und engstirnigen Regierungen, Ihr seid es, die das goldene Zeug haben, um den ganzen Karrenvor dem immerwährenden Dreck zu bewahren. Eure Kanzlerin, so rief er den staunenden Vasallen zu, die muss die Welt jetzt retten, so spricht der Bote aus dem westlichsten Abendland, denn bei mir zuhause herrschen Messer und Mord und niemand weiß, wie das noch ausgehen wird. Ihr, so der engelsgleiche an der Kanzlerin Volk, Ihr müsst die Welt jetzt retten, denn ohne Euch, da geht es in das Verhängnis, da lässt die ganze Welt alle Hoffnung fahren.

Geschichte wiederholt sich nicht. Und trotzdem kehren bestimmte Muster immer wieder zurück. Bei dem Mantra „Nie wieder!“, das Deutschland Jahrzehnte nach dem Krieg immer wieder einübte, da waren die Verschwörerkreise gemeint, die sich irgendwo im Schlosskeller trafen, um einen Putsch von Rechts zu planen, durchzuführen und den Boden für einen neuen Führer zu bereiten. Wer hätte jemals gedacht, dass die Inszenierung der deutschen internationalen Sonderrolle mit größtmöglicher Macht inszeniert werden würde von allen, die als Kinder noch auf dem Arm derer weilten, die das „Nie wieder!“ in die überfüllten Hallen riefen? Jetzt, endlich, nach dem Besuch Obamas, ist er gesellschaftsfähig. Der Anspruch auf die Weltherrschaft. Zunächst einmal moralisch, versteht sich.

Zeitgleich zum letzten, heilbringenden Besuch von Obama in Berlin, dichtete Jakob Augstein im Spiegel eine Kolumne, in der er mit der Wahl Trumps in den USA das Zeitalter des Faschismus für eröffnet erklärte. Damit war klar, dass, wenn dort das Böse an sich wieder an der Macht ist, es einer Form des Anti-Faschismus gleichkommt, wenn Deutschland denn globalen Anspruch auf politische Korrektheit für sich reklamiert. Damit hat die Nation, die die schlimmste und grausamste Form des Faschismus jemals auf die Straße gebracht hat, mit einer genialen Drehung einen Rollenwechsel vollzogen. Von der Dramaturgie her ist das klug und wunderbar gemacht. Von der politischen und moralischen Haltung her ist es an Verkommenheit nicht zu überbieten.

Bereits jetzt ist zu merken, dass die Nachlassverwalter des freien Westens jetzt in Syrien und in der Ukraine für Ordnung sorgen werden, um das zu vollbringen, was dieser, ja Sie hören richtig, was dieser Weichling Obama verbockt hat und was unter George W. niemals passiert wäre. Jetzt bekommen es Russland und Assad in Syrien und Russland alleine in der Ukraine mal, zumindest in der Rhetorik, so richtig besorgt. Da soll der neue transatlantische Faschist mal sehen, was er in den Augen der neuen Lenker Germanistans für eine Pussy ist, wenn er von Mäßigung der USA und mehr Verständigung mit Russland spricht.

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Jetzt haben wir es zurück. Ohne braune Uniformen und ohne Marschmusike. Und der ganze Rattenschwanz von Claqueuren ist im Lager derer, die ein bisschen Bildung genossen haben, wesentlich größer als bei der historischen Vorlage. Mehr als alles andere wird deutlich: Wir leben in einem Zeitalter der Haltung!

Living in the Past

Das mit der Modernität ist so eine Sache. Unzählige Definitionen konkurrieren miteinander und es könnte gegensätzlicher nicht zugehen. Fest steht, dass mit der Moderne die Bewertung derselben einherging. Diejenigen, die von der rasanten Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der Allzugänglichkeit von Wissen und der Gewerbefreiheit profitierten, interpretierten die Moderne als das Endziel der Gattung, und diejenigen, die Privilegien verloren oder der messerscharfen Konkurrenz nicht standhalten konnten, verfluchten sie von Anfang an. Seit langem, spätestens seit dem, was Adorno und Horkheimer in ihrer Schrift „Die Dialektik der Aufklärung“ benannt hatten, gilt die Moderne als eine bereits historische Epoche, die potenziell Grausames wie Befreiendes hervorbringen konnte und die vorbei ist. Was wir heute durchleben, ist zwar noch umstritten, aber die Moderne mit ihrer großen Erlösungsbotschaft ist es nicht mehr, aber modern, so das gemeinsame Urteil aller, modern sind die Zeiten immer noch.

Ja, es ist widersprüchlich, und ja, an dem Begriff der Modernität scheiden sich immer noch die Geister. Für die einen ist es eher eine Denkweise, die sich in den radikalen, aber toleranten Kategorien der Aufklärung bewegt. Für die andern ist es die sich ständig revolutionierende Technik, die mit ihren Halbwertzeiten atemberaubende Erneuerungen mit sich bringt. Fest steht, dass zu viel polarisiert wird, und das Maß zwischen technischer Machbarkeit und Vernunft eine zu geringe Rolle spielt. Der Mensch in der Moderne an sich ist ein überfordertes Rudiment aus dem Dreißigjährigen Krieg, das sich anmaßt, mit elaborierter Technik Prozesse steuern zu können, deren Ende offen ist. Die Offenheit wiederum hält es nicht aus, deshalb wird aus der Steuerung noch ein besonderes Desaster.

Aber die Aporien der Moderne sind bekannt, und es wird noch vieler Erfahrungen und glücklicher Umstände bedürfen, um sie und ihre Folgeperioden vernünftig beurteilen zu können. Was jedoch heute bereits gelingt, sind bestimmte diagnostische Versuche auf bestimmte konkrete Erscheinungen. So schnell, wie die Technik entwickelt wird und diese auf die konkreten Lebens- und Arbeitsumstände wirkt, genauso schnell werden Theorien geboren, die die Menschen auf die konkreten Existenzbedingungen einschwören sollen. Vor allem die Managementtheorien sind ein unerschöpflicher Fundus für Erkenntnisse über das Verhältnis von Produktionsbedingungen zu den in ihnen zu beobachtenden menschlichen Unzulänglichkeiten.

Als versucht wurde, durch Regulierung und Bürokratisierung der Dynamik Herr zu werden, kam der Zeigefinger mit der Propagierung des Lean Management, als zu sehen war, dass die wachsende Komplexität der Prozesse dazu führte, die partikularen Interessen in den Vordergrund zu schieben und eine Eigendynamik zu entwickeln, wurde mit dem Management By Objectives daran gemahnt, die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Ein ganzer Wald von Theorien durchzieht die jüngere Geschichte, und alle beschreiben eher die Defizite, an denen die Entwicklung leidet, als dass sie analytisch eine Lösung böten. Sie wirken eher wie Appelle an die Vernunft, als Konzepte für ein anderes Vorgehen.

Der Appell, der momentan als jüngste Theorie durch die Werkshallen, Büros und Labors hallt, ist der der Agilität. Und wenn ein Theorem diagnostischen Charakter hat, dann ist es dieses. Es appelliert an die Beteiligten, durch Aktivität und Impulsivität die Arbeit zu bereichern und die Prozesse voran zu treiben. Wenn so etwas gefordert wird, dann scheint es nicht mehr präsent zu sein. Das ist der eigentliche Befund. Produktive Prozesse erfordern prinzipiell agile Subjekte, sonst sind sie nicht produktiv. Aber die zur Theorie erhobene Tautologie macht deutlich, dass die Konstellationen eher so sind, dass die Subjekte zu sehr dominiert werden von Faktoren, die menschliche Kreativität unmöglich machen. Und das wäre alarmierend.