Archiv für den Monat November 2016

Bürokraten in der Mittagspause

Für viele Arbeitende sind die Mittagspausen der Korridor ins richtige Leben. Vor allem jene, die sich im Rumpf der Bürokratie bewegen, sind während der Arbeitszeit von grundsätzlich anderen Regeln und Werten umgeben als die da draußen, die sich so benehmen können, wie es ihrem sozialen Stand und ihren Werten entspricht. Bei jeder abhängigen Arbeit ist das anders. Da gibt das Unternehmen vor, nach welchen Regeln und wie gearbeitet, kommuniziert und miteinander verkehrt wird. Und das ist anders als im eigenen Leben, nur die Logik ähnelt sich. In der Bürokratie hingegen herrschen nicht nur andere Regeln, sondern auch eine andere Logik.

Die Logik der deutschen Bürokratie wirkt kalt und unempathisch, aber sie entspringt einer gewaltigen Liebeserklärung an die Demokratie. Das klingt absurd, stimmt aber genau. Genau das Anonyme, Kalte und Unpersönliche zeigt, dass die Zweckausrichtung der öffentlichen Verwaltung in Deutschland der Gleichheitsgrundsatz in Kombination mit der Rechtstreue ist. Und diejenigen, die diese Ausrichtung als zu wenig individuell und anonym kritisieren, sollten sich einmal mit Menschen austauschen, die aus Kulturkreisen kommen, wo man individuell von den staatlichen Instanzen alles bekommt, wenn man über genug Geld oder Beziehungen verfügt, der große Rest jedoch mit einem Apparat der Willkür konfrontiert wird, der es in sich hat und unberechenbar ist. Sie beschreiben diese Zustände als die Hölle und schauen romantischen Blickes auf die deutsche Kälte, die allen gleich garantiert wird.

Die Logik, die innerhalb dieser Bürokratie herrscht, ist von ihrem Zweck unverzichtbar, aber dennoch macht sie etwas mit den Menschen, die ihr immer folgen müssen. Auf Dauer, und das ist das nicht Überraschende, aber das Kuriose, auf Dauer werden die menschlichen Partikel dieser Bürokratie im richtigen Leben zu Fremdkörpern, die von den übrigen Sozialpartnern mit Skepsis beobachtet werden. Dabei ist es nur natürlich, dass man die Angewohnheiten, die bei der Arbeit zur guten Routine gehören, auch auf das private Verhalten ausdehnt. Und dort fangen die Probleme dann an.

Gute Bürokraten leben nach dem Grundsatz der ständigen Effektivierung. Es gehört zu ihren Aufgaben, im Sinne der verantwortungsvollen Mittelverwendung, denn wir reden von Steuergeldern, nach Mitteln und Wegen zu suchen, wie mit weniger Geld mehr erreicht werden kann. Allein diese Einstellung kann eine Ehe bereits bis zur Grenze belasten. Eine andere Geschichte ist die bei jedem neu auftretenden Phänomen die obligatorische Mahnung an sich selbst, dass die Art und Weise, wie dieses Phänomen behandelt wird, die Dimension eines Präzedenzfalles haben könnte. Für die öffentliche Bürokratie ist das eine essenzielle Frage, im Kontext privater menschlicher Beziehungen ein mächtiger Störfaktor, der situatives Handeln und Spontaneität ausschließt. Wer bei jeder neuen Lebenssituation den Präzedenzfall reflektiert, hat bereits den Passierschein in die Isolation.

Eine weitere Besonderheit aus dem Bauche der Bürokratie ist das Verhältnis von persönlichem Impuls und der von Disziplin geprägten Ordnung. Wer dem Lustprinzip folgen will, ist in der Bürokratie deplaziert, denn dort gilt die Disziplin, gepaart mit Gefühlskälte, als eine der höchsten Tugenden. Sich dieses auch noch in einem normalen, privaten sozialen Konsortium vorzustellen, bedeutet endgültig das Überschreiten der Grenze zur Satire. In den Mittagspausen, wenn die Bürokraten in das richtige Leben schreiten, lässt sich beobachten, wie irritiert die Bürokraten auf das Leben und wie verwundert die Restgesellschaft auf die Bürokraten reagiert. Aber es ist oberflächlich und mit Leichtmut zu ertragen. Dorthin, wo sich die eigentlichen Tragödien abspielen, gelangen sie alle nicht, in der Mittagspause, das findet erst am Abend statt.

Augstein und das Tourette-Syndrom

Es existiert ein Phänomen, das sich aus einer emotionalen Überladung speist und eine eigenartige Wirkung erzielt. Es beschreibt die Situation, in der eine Person oder eine Gruppe von Personen die Auffassungen und Haltungen einer wiederum anderen mit exaltiert übertriebenen Begriffen attackiert, so dass letztere sich angegriffen fühlen müssen. Um es schlicht auszudrücken, handelt es sich dabei um eine sittenwidrige Übertreibung. Ziel einer solchen Aktion ist es, die attackierten Gruppen oder Personen entweder der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen oder aber zu einem Hassobjekt machen zu wollen. Beides stammt aus dem Arsenal der Propaganda und führt nicht zur Klärung der Verhältnisse. Um mit Marshall McLuhan zu sprechen, lädt es die Verhältnisse nur auf.

Beispiele dafür kennen wir alle. Jemanden, der vielleicht ein- oder zweimal zu spät zu einem Arbeitstreffen erscheint, gleich als Saboteur zu beschreiben, gehört genauso dazu wie die Beschreibung eines Gelegenheitsdiebes mit einem Vokabular für das hoch organisierte Verbrechen. Im politischen Leben wird diese Methode gleich wesentlich dramatischer. Da ist das Phänomen weitaus bekannter, was die Situation allerdings nicht besser macht. Da wird aus einem, der mal einen Fehler bei der Reisekostenabrechnung gemacht hat, vielleicht sofort ein durch und durch korrupten Politiker oder jemand, der eine konsequente Position vertritt, sehr schnell ein Kriegstreiber.

Isoliert betrachtet fällt sehr schnell auf, wie absurd vieles, was da fabriziert wird, wirkt und wie fern der Realität es spielt. Umgekehrt funktioniert das Spiel natürlich genauso. Da kann aus einem Kriegstreiber sehr schnell ein Pazifist werden und aus einem Liquidator öffentlichen Eigentums ein Philosoph des freien Marktes. Die Terminologie, so ist zu sehen, liegt nicht nur im Auge des Beschauers, sondern auch deren Deutung. Und das Unseriöse, mit dem wir in sehr vielen Fällen zu kämpfen haben, entstammt den Zielvorstellungen derer, die die Emotionen erzeugen wollen.

Man kann, auch das sei eingestanden, die politische Diskussion durch die eine oder andere terminologische Bezeichnung würzen. Denn wenn Emotionen im Spiel sind, wächst der Mut, Dinge zu benennen, die ansonsten dem Tabu unterliegen. Insofern kann durchaus in dem einen oder anderen Fall ein Feuer frei! durchaus befreiende Wirkung haben.

Was allerdings momentan zu bemerken ist, ist ein kollektives Befremden über Ereignisse, die nicht in das eigene Kalkül passen und die aufgrund dessen mit Termini bedacht werden, die jenseits von Gut und Böse weilen und die den Verdacht erhärten, dass diese aus der Emotion entstandene Diffamierung sich in hohem Maße von den vorher geschilderten unterscheidet. Es handelt sich um eine Beschimpfung aus Frustration.

Da nimmt doch der Verlauf der Welt tatsächlich eine Wendung, die so weder gewünscht noch vorausgesagt war und schon verfallen die glühendsten Verfechter des Wandels und der Innovation in ein bitteres Gezeter, so ganz im Sinne der ansonsten gerne verhöhnten Stockkonservativen.  Das sollte nachdenklich stimmen und vielleicht dazu dienen, in aller Ruhe, ganz ohne Zwang, die eigenen Positionen zu überdenken. Und wenn es sich bei den besagten Klageweibern auch noch um renommierte Journalisten handelt, die sich als Avantgarde des Fortschritts wähnten und jetzt mit Kollabieren und bedenklich lange anhaltenden cholerischen Anfällen reagieren, dann handelt es sich vielleicht bereits um eine pathologische Dimension, die ihrerseits Rückschlüsse zulässt. So ein Inzident war Augsteins Spiegel-Kommentar über die US-Wahlen, die er als Geburtsstunde des Faschismus bezeichnete. Für große Teile des deutschen Journalismus war es eher die Einführung des Tourette-Syndroms in die tägliche Arbeitsroutine.

Gorbatschow und Obama, Trump und Jelzin

Als die Sowjetunion ihren Zenit überschritten hatte und die systemischen Fehler allzu deutlich wurden, als die Staatsführung nur noch aus den ganz Alten der Nomenklatura rekrutiert wurde, da tauchte am Horizont ein Junger auf, der frischen Wind in das System zu bringen versprach und von vielen als der Retter gesehen werden wollte. Sein Name war Gorbatschow und sein Programm nannte sich Glasnost und Perestroika, übersetzt so viel wie Durchsichtigkeit oder Offenheit und Umgestaltung. Doch anstatt das System zu retten, trug der frische Wind, der von einem von amerikanischer Seite kostspieligem Rüstungswettlauf begleitet wurde, zur fatalen Erosion des gesamten Systems. Die UdSSR brach zusammen und bescherte der Welt die Auflösung einer stabil geglaubten Ordnung.

Für die Bürger der ehemaligen Sowjetunion war das keine schnelle Erlösung, sondern es folgten chaotische Zustände und Hungersnöte und eine Zeit, die bis heute als Trauma erlebt wird. Und dem glücklosen Präsidenten Gorbatschow folgte ein Haudrauf namens Jelzin, der in Wodkalaune für manches Husarenstück sorgte und das Land den Raubrittern des anarchischen Kapitalismus überließ. Letztere nannten sich Oligarchen und griffen das ehemalige Volkseigentum mit zumeist kriminellen Methoden ab. Erst ein Präsident Putin sagte letzteren den Kampf an und holte so manches Gut wieder heim ins Reich. Dass er dabei nicht zimperlich war, ist bekannt.

In den USA markierte das Jahr 2008 einen Wendepunkt. Die Logik der eigenen Ökonomie hatte die Welt in eine Finanzkrise gerissen und die USA selbst waren in einem desolaten Zustand. Finanzspekulation statt Wertschöpfung, das war seit Jahren bereits die Maxime und hatte die einstige ökonomische Macht des Landes unterminiert. Die Apologeten des Freihandels und der internationalen Mobilität hatten mit daran gearbeitet, das Land tief zu spalten in Gewinner und Verlierer der Globalisierung. In diese Atmosphäre, die bereits etwas Endzeitliches an sich hatte, drang ein junger und zudem schwarzer Politiker namens Barack Obama, der einem großen Teil der Bevölkerung noch einmal die Möglichkeit des amerikanischen Traums suggerierte. Zwar konnte dieser Heilsbringer Reformen durchbringen, die vorher undenkbar gewesen waren, aber anderes konnte und wollte auch er nicht ändern.

Jede Supermacht leidet ab irgendeinem Punkt an strategischer Überdehnung, d.h. die Anforderungen an Machterhaltung und Machtausbau sind größer, als es dem tatsächlichen Potenzial des Landes entspricht. Mit dem Anspruch, auch dieses Problem zu lösen, war Obama angetreten und an den Ansprüchen der Falken im eigenen Lager und den Verbündeten in Europa gescheitert. Dass er letztere nun auf seiner Abschiedstour noch einmal an die gemeinsame Verantwortung gemahnte, half außer dem immer wieder abrufbaren deutschen Größenwahn keinem. Dennoch konnte der scheidende Präsident innenpolitisch Erfolge vorweisen, die allerdings im Orkan der internationalen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen verblassen.

Die Amerikaner haben ihrer Enttäuschung freien Lauf gegeben und nach dem brillanten Redner, dem Welterklärer und Moderator nun einen Mann gewählt, der bei seiner Ursachenanalyse auch mal Fünfe gerade sein lässt und sich wenig um die Tischsitten schert. Im Äußeren wie im politischen Gestus erinnert Trump sehr an den ehemaligen russischen Präsidenten Jelzin. Auch das Abfolgemuster stimmt. Es existieren auch Analogien zwischen Obama und Gorbatschow. Und das wird das Spannende: wird Trump, ähnlich wie Jelzin, jetzt die internationalen Verbrecher auf die USA loslassen, um sich noch einzuheimsen, was einzuheimsen ist? Und wenn er das macht, wird er dann so enden wie Jelzin? Machtlos, geduldet und irgendwann ersetzt durch einen, der die Ordnung wieder herstellt und den internationalen Anspruch mit scharfer Zunge erneut formuliert?