Archiv für den Monat August 2016

So nicht!

De Maizière, der Sprechautomat, hat das Rennen für die kommende Bundestagswahl eröffnet. Es geht um keine politische Perspektive, die den Namen verdient hätte, sondern es geht um die Reaktion auf emotionale Unsicherheiten in der Bevölkerung. Letztere resultieren vor allem aus einem Hype, den das mediale Sommerloch verursacht hat. Einzeltäter, ihrerseits wiederum medial inspirierte Irrläufer, mutierten zu einem wohl geplanten, strategischen Angriff auf die Republik. Im Zentrum der Berichterstattung über die Folgen stand das gewünschte Resultat. Niemand fühlt sich mehr sicher, das Land ist kurz vor der Hysterie.

Da ist es, vor allem im Kopf vor allem juristisch sozialisierter Systemimmanenz, nur folgerichtig, die Sicherheitsgesetze zu verschärfen. Das ist ein alt bewährtes Rezept, das mit der Realität nichts gemein hat. Denn wer genau hinschaut, sieht die Diskrepanz zwischen allem, was gesetzlich möglich ist und der exekutiven Potenz. Was nützen Gesetze, wenn der Apparat, der sie umsetzen soll, durch Sparmaßnahmen immer weiter ausgehöhlt worden ist. De Maizières Rhetorik ist ein alt bekanntes Placebo, das die Deutschen immer wieder beruhigt und eines verdeckt: Die mangelnde strategische Ausrichtung der Politik.

Ob es die Immigrationsbewegungen des letzten Jahres ist, oder der so genannte Deal mit der Türkei, ob es die Politik gegenüber der Türkei wegen dieses Deals ist, ob es die Waffenexporte an kriegstreibende Parteien im Nahen Osten sind, ob es die Demontage und Instrumentalisierung der Ukraine ist, oder ob es die Austeritätspolitik innerhalb der EU ist, nichts spricht für eine Konzeption, die mit einer konstruktiven Perspektive verbunden wäre. Es scheint nur einen Konsens zu geben. Und das ist der Konsens über eine immer weiter führende Reglementierung in allen Lebensbereichen. Wer in dieser Regierung noch von Freiheit spricht, der leidet unter Amnesie. Unter ihrer Verantwortung existiert keine einzige Maßnahme, die die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger vergrößert hätte. Nehmen wir sie beim Wort, es sind die Meister in der Restriktion, die nicht einmal eine Ahnung davon haben, wie ein Leben in Frieden und Freiheit aussehen könnte.

Fragen wir uns also, was vonnöten wäre, um eine Regierung zu finden, die das beantworten würde, was das Leben und Überleben in den nächsten Jahren gewährleisten könnte. Es wäre ein klarer Standpunkt, wieviel Freiheit eine EU, die den Namen verdiente, den einzelnen Gliedern garantierte. Es wäre die Frage, wieviel Friedenssicherung der NATO ins Pflichtenheft und wieviel Kriegstreiberei ihr verboten würde. Es wäre die Frage, wieviel Freiheit innerhalb der eigenen Grenzen denen gewähren wollte, die sie missbrauchen, um autoritäre Regimes zu unterstützen. Und es wäre die Frage, wer die Courage hätte, den USA, der schlimmsten kriegstreibenden Fraktion der letzten Jahrzehnte, die Stirn zu bieten.

Das sind nur wenige, aber essenzielle Punkte, die eine Bundesregierung der Zukunft beantworten müsste, würde sie von einem Souverän gewählt, der seinerseits noch den Willen hätte, sich zu verweigern und auf die Straße zu gehen. Die Welt, in der wir leben, bietet schon lange nicht mehr das Privileg, dem Müßiggang des Konsumismus zu frönen und bei jeder Frage, von der Menschenleben und Menschenwürde zur Disposition stehen, Fünf gerade sein zu lassen. Wenn von der Unfähigkeit einer Regierung die Rede ist und dennoch diese eine große Zustimmung genießt, dann muss auch von einer wie auch immer gearteten Verwahrlosung der Massen die Rede sein. Das zu benennen und zum Gegenstand der Diskussion zu machen, ist die Aufgabe einer Politik, die diesen Namen verdient.

Die große Drehtür des Lebens

Vicki Baum. Menschen im Hotel

Hedwig Baum wurde 1888 als Tochter jüdischer Eltern in Wien geboren. Nach erfolgreichem Schulbesuch ließ sie sich als Harfenistin ausbilden. In ihrem Beruf als Musikerin hatte sie vor allem Kontrakte in Deutschland. Seit den frühen 1920iger Jahren macht sie unter dem Pseudonym Vicki Baum als Schriftstellerin von sich reden. Sie wird bis zu ihrem Tod, der sie 1960 in ihrer neuen Heimat Hollywood ereilt, zahlreiche Romane schreiben. Ihr größter Erfolg wird Menschen im Hotel werden, der 1929 in Deutschland erscheint und kurze Zeit später erst am Broadway aufgeführt und dann in Hollywood als Grand Hotel unter der Regie von Edmund Goulding mit Greta Garbo verfilmt wird. Vicki Baum wurde zu den Dreharbeiten eingeladen und siedelte auch aus politischen Gründen in die USA über. 1933 sind ihre Werke bei den verbrannten Büchern.

Menschen im Hotel ist ein Roman, der in den 1920iger Jahren in einem Nobelhotel in Berlin spielt. Vicki Baum gelingt es, ein Sittengemälde dieser berüchtigten Zwanziger Jahre mit einer beeindruckenden Präzision zu entwerfen. Indem sie einen kleinen Kreis von Menschen herausgreift, die sich aus unterschiedlichen Anlässen und mit unterschiedlichen Motiven in dem Hotel aufhält, schafft sie einen Mikrokosmos der Weimarer Republik. Die Themen, die sie durch die von ihr getroffene Auswahl an Personen zur Reflexion freigibt, sind reichhaltig und brisant. Die Psychogramme und die soziologischen Studien, die entstehen, könnten in vielem bis heute bestehen. Und, ohne es expressis verbis zu thematisieren, gelingt es Baum, soziale Existenzformen der Frau mit ihrer einhergehenden Dramatik zu platzieren.

Thematisch geht es um die in der Weimarer Republik letztendlich tödlich wirkende soziale Brisanz derer, die aus dem I. Weltkrieg zurückgekommen waren, aber nie mehr in das zivile Leben re-integriert werden konnten. Entweder handelte es sich um alte, physisch und psychisch traumatisierte Zeitgenossen, oder es waren die jungen Offiziere, die den Befehlston gewohnt waren und sich nicht mit einer Subordination im Wirtschaftsleben abfinden wollten. Dann geht es um die Progression finanzkapitalistischer Tendenzen, die sich festmacht an Unternehmensfusionen und der damit beginnenden Kartellisierung wirtschaftlichen Handelns. Ebenso erscheint eine juvenile, hübsche und begabte junge Sekretärin, die die Entfesselung der Weimarer Zeit in Bezug auf die festgeschriebenen und tradierten Rollen am signifikantesten unterstreicht. Und auf der anderen Seite geht es um den allmählichen Abstieg einer großen Ballerina, die zusammen mit ihrer gesamten Entourage die allmähliche Bedeutungslosigkeit mit Phasen der psychischen wie medikamentösen Sedierung zu kaschieren sucht.

Die große Metapher, die mehrmals in dem Roman auftaucht, ist die große Drehtür des Hotels. Sie nimmt aus Sicht der Autorin die Gewissheit aus dem Leben und seinen Erscheinungsformen. Mehrmals betont sie, dass diejenigen, die mit einer vermeintlich klären Form der sozialen Existenz durch die Drehtür das Foyer betreten, in den geschilderten Fällen sie als eine andere, gestörte oder geläutertere, vernichtete oder neu erschaffene entlarvte oder bestätigte Form des Daseins wieder verlassen.

So kann Menschen im Hotel als eine Illustration des Unberechenbaren im Leben gelesen werden, was, wie sollte es wundern, auch die Verfilmung suggeriert hat. Oder, und das ist die interessantere Variante, der Roman kann als Schauspiel der Möglichkeiten gesehen werden, in dem es mehr Verlierer als Gewinner gibt.

Der Roman ist exzellent geschrieben, scharf in der Perspektive und facettenreich in den Themen. Noch ein Stück deutscher Literatur, das sich, was den Bekanntheitsgrad anbetrifft, nie wieder von der Bücherverbrennung erholt hat.

Zur Psychopathologie des Nicht-Entscheidens

Entscheidungen zu treffen gehört zu der menschlichen Existenz wie das Atmen. Sicherlich gibt es wissenschaftlich basierte Zahlen darüber, wie oft ein Mensch täglich Entscheidungen trifft. Es ist anzunehmen, dass dieser Akt in die Hunderte und Tausende geht. Das geschieht oft nicht bewusst, sondern unterhalb der direkten Wahrnehmung, aber der Akt selbst findet statt. Daher ist es eine Fehlannahme zu behaupten, bestimmte Menschen seien entscheidungsschwach. Auch sie treffen diese große Anzahl von Entscheidungen täglich. Diese Menschen, die gemeint sind, tun sich in der Regel mit einer bestimmten Art von Entscheidung schwer. Es handelt sich dabei um diejenige, die erstens bewusst geschieht und zweitens eine gewisse Öffentlichkeit mit sich bringt. Diese Öffentlichkeit erzeugt einen Druck auf das entscheidende Individuum. Dieser Druck kann am besten mit dem Terminus der Verantwortung beschrieben werden.

Entscheidungen in der Öffentlichkeit zu treffen bergen ein größeres Risiko. Und die riskantesten Entscheidungen werden auf dem Feld der Politik getroffen. Dort geht es schließlich um die Sache der Allgemeinheit. Wenn dort Entscheidungen getroffen werden, die sich als falsch oder wenig vorteilhaft herausstellen, dann ist das besonders folgenreich für diejenigen, die die Entscheidung zu verantworten haben. Deshalb nehmen viele Prozesse, deren Verlauf von schnellen Entscheidungen profitieren würde, großen Schaden, weil gerade dort das Ganze ins Stocken gerät. Um den möglichen Schaden zu begrenzen, geschieht das, was allgemein den Zauderern zugeschrieben wird. Es wird abgewartet, ob nicht doch noch etwas geschieht, was die Rahmenbedingungen verändern könnte, es werden zusätzliche Informationen eingeholt, die die Grundlage vielleicht bereichern könnten und es werden Meinungen eruiert, die besagen, was von den Entscheidern erwartet wird.

Die Beschreibung der Krise des Tempos bei Entscheidungen im politischen Raum erinnert daran, worin die Kritik im Allgemeinen besteht. Sie besteht an der völlig menschlichen Regung, sich abzusichern, bevor man ein Risiko eingeht. Dennoch ist die Kritik berechtigt, weil eine Politik der zeitraubenden Entscheidungen oder gar der Nicht-Entscheidungen das Gemeinwesen nachhaltig schaden kann. Es wäre einzuwerfen, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient. Und auch daran ist etwas, das erschrecken sollte. In den letzten 34 Jahren regierten Kohl und Merkel zusammen 27 Jahre, unterbrochen von Schröder zwischen 1998 bis 2005. In diesem gewaltigen Zeitraum dominierte das extrem langsame, meistens sogar das Nicht-Entscheiden. Zu konstatieren bleibt da nur, dass alle der genannten Regierungen frei gewählt waren und nicht Folge irgendeiner Machtergreifung And Ruder kamen.

Es besteht also ein sehr enges Band zwischen der im politischen Alltag verbreiteten Skepsis, weitreichende Entscheidungen zu treffen und dem allgemeinen Willen, dieses auch gut zu heißen. Dennoch wäre anzumerken, dass zwischen der im Deutschen verbreiteten Vorstellung, dass Gutding Weile will, was eine vernünftige Einstellung ist, und der akzelerativen Prozesse des technokratischen Zeitalters eine Diskrepanz besteht. Und die Antwort, die besagen würde, wir nehmen uns jetzt Zeit, weil uns das alles sehr wichtig ist, die wird zumeist so nicht artikuliert. Das Problem besteht eher darin, die Dinge ohne eine solche Äußerung laufen zu lassen. Das aber, und es ist täglich zu beobachten, schafft harte Fakten, die unabhängig vom bewussten Entscheidungsprozess das Leben zu beherrschen beginnen.

Die mittlerweile im etablierten Herrschaftsstil der Republik manifeste Psychopathologie des Nicht-Entscheidens ist schon lange keine Garantie mehr auf Verschonung. Wer in der kurzatmiger wedelnden Welt nicht Stellung bezieht, wird überrannt werden. Ob das nun gefällt oder nicht.