Archiv für den Monat August 2016

Machterhalt als kollektives Ziel

Die Bundespressekonferenz hätte als Groteske nicht besser inszeniert werden können. In der Mitte saß der Sprecher des Kanzleramts, Steffen Seibert, gereizt und unausgeschlafen, links neben ihm ein Vertreter des Innenministerium, der wie im ministeriellen Geschäftsmodus wirkte und zu seiner Rechten eine Dame aus dem Auswärtigen Amt, die auftrat wie ein indignierter Chief of Staff aus dem Club Med, in einer maritim wirkenden Gardeuniform. Während der Vertreter des Innenministeriums betonte, es sei Aufgabe seines Ministeriums, Fragen von Bundestagsabgeordneten nach Wissenstand seines Hauses zu beantworten, graunte Seibert, der Flüchtlingspakt mit der Türkei sei aber nicht davon betroffen, und die Vertreterin des Auswärtigen Amtes wiederum betonte in einem sehr verärgerten Ton, ihr Haus wiederum teile die Erkenntnisse und die daraus resultierenden Aussagen des Bundesinnenministeriums nicht. Letzteres stützte sich auf Informationen des Bundesnachrichtendienstes, der die Türkei als eine Drehscheibe der Unterstützung des islamistischen Terrors einstufte.

Jeder, der sich ein wenig jenseits des „Leute, die Welt ist prima-Journalismus“ zu informieren weiß, konnte in den letzten Monaten Dutzende von Berichten in CNN, BBC oder auch deutschen Zeitungen wie dem Freitag darüber informieren, wie türkische Bus- und Taxifahrer freiwillig und auskunftsfreudig darüber berichteten, dass sie täglich Hunderte von IS-Kämpfern aus der Türkei an die syrische Grenze transportierten, wo diese dann zum Kampfeinsatz gelangten. Und es ist ebenfalls schon lange kein Geheimnis mehr, dass Erdogan die ägyptischen Muslimbrüder wie die HAMAS als Bündnispartner hofiert. Das, was der Bundesregierung an den Erkenntnissen nicht passt, ist, dass sie Einfluß auf das so genannte Flüchtlingsabkommen mit der Türkei haben könnten. Denn nichts ist wichtiger, als die Flüchtlinge irgendwo, nur nicht in Europa zu halten, sonst könnten die nächsten Wahlen mächtig aus dem Ruder laufen. Dass allerdings eine konsequent durchgepaukte Unglaubwürdigkeit die beste Referenz ist, um bei den nächsten Wahlen richtig auf die Schnauze zu fallen, scheint nicht im Bewusstsein angekommen zu sein. Die Krise der groß-koalitionären Politik ist jedoch eine Krise der Glaubwürdigkeit.

In Bezug auf die Aussage, die Türkei sei eine Drehscheibe der Unterstützung des islamistischen Terrors, seien drei Aspekte angesprochen. Erstens: inwieweit ist ein Vertrag mit der Türkei, der die Folge islamistischer Terrorinterventionen in Syrien zum Thema hat, nicht umgehend nichtig, wenn die Ursachen für Tod und Flucht von einem der Vertragspartner weiterhin aktiv genährt werden? Zweitens: wie ernst nimmt sich die Bundesregierung, wenn sie trotz dieser Erkenntnisse an dem Vertrag festhalten will und gleichzeitig dafür wirbt, die Ursachen für die Flucht zu bekämpfen? nähme sie diese Aussage ernst, dann müsste sie die türkische Regierung bekämpfen. Und drittens: welchen Einfluss hat das Verhalten der Türkei auf seine NATO-Mitgliedschaft? Nicht, dass nicht lange bekannt wäre, dass es mit der Wert Gemeinschaft gar nichts auf sich hat, allerdings die Toleranz soweit gehen zu lassen, dass Mitglieder gegen die operationalen Ziele des Bündnisses in einem Konflikt direkt und aktiv sabotieren dürfen, spricht für ein baldiges und tragisches Ende dieses immer schriller wirkenden Bündnisses.

Der Sketch, der in Berlin aufgeführt wurde, war ein weiteres Zeichen für die zunehmende Verwahrlosung der Bundesregierung. Es stellt sich heraus, dass als Maxime nur noch der Wunsch nach dem Machterhalt existiert. Wer derartig abgewirtschaftet hat, der kann gewiss sein: es dauert nicht mehr lange, und die Tage sind gezählt.

Teherans Unterwelt

Ramita Navai. City of Lies

Obwohl geographisch gar nicht so fern, hat sich die Millionenmetropole Teheran seit der Rückkehr des Ayatollah Khomeini im Jahr 1978 aus dem Pariser Exil sehr weit von der Wahrnehmung in Europa und der Welt entfernt. Das lag zum einen an der religiös doktrinäreren Revolution und zum anderen auch an der sehr starken Selbstbezogenheit des klassischen Westens. Zwar existierten und existieren immer wieder journalistische Berichte über das Leben in Teheran, aber entweder sind sie sehr restringiert aufgrund der strengen Zensur oder sie leuchten durch das Unwissen und die Ignoranz des Ausländers. Nun, endlich, ist ein Buch einer Perserin erschienen, die zwar im London Exil aufgewachsen ist und dort das journalistische Handwerk gelernt hat und die nach Teheran zurückgekehrt ist. Es handelt sich um die 1973 in Teheran geborene Ramita Navai.

Das Buch, das Ramita Navai 2016 veröffentlichte, trägt den Titel City of Lies. Es ist das Produkt jahrelanger, geduldiger, hoch professioneller und gefährlicher, journalistischer Arbeit. Navai hat dabei die Hauptverkehrsader der Stadt, die von Norden nach Süden Teheran durchschneidet und an der sich die verschiedenen sozialen Milieus wie Perlen an einer Kette aneinanderreihen, zur Orientierung genommen. Sie hat Interviews mit Bewohnen geführt, über Monate, teils verdeckt, um die Geschichten der Befragten zu hören, zu dokumentieren und zu dechiffrieren. Und diese Geschichten, die sie in dem Buch hintereinander aufreiht wie die Milieus an der großen Straße, diese Geschichten haben es in sich und sie erzählen etwas ganz anderes, als Leser aus der Ferne vermuten.

Es sind Geschichten, die alles andere als das verströmen, was ein als autokratisch dargestelltes Regime erwarten lässt. Es sind Geschichten, die unermesslichen Reichtum und unermessliche Armut darstellen und es sind Geschichten, die dokumentieren, zu was die Menschen, egal unter welchen Bedingungen, fähig sind, im ihre Wünsche zu erfüllen oder dem Elend zu entkommen. Zwei Faktoren spielen dabei eine große Rolle, Sex und Drogen. Und in dieser Stadt, die vor Impulsivität strotzt, sind es gerade auch das Sex- wie das Drogengeschäft, obwohl illegal und von der immer wieder praktizierten Todesstrafe flankiert, genau das, in dem sich das Leben der Metropole abspielt. Entlang der großen Straße treffen sich auch die verschiedenen sozialen Milieus immer wieder beim Handel mit Sex und Drogen. Das Geschäft floriert, egal zu welcher Zeit, und das Gefängnis, in dem die Kandidatinnen und Kandidaten des Todes sitzen, hat nie über mangelnde Auslastung zu klagen.

Ramita Navai gelingt es, die einzelnen Lebensgeschichten in ihrer Authentizität brillieren zu lassen. Gleichzeitig, in dem sie sie geschickt aneinanderreiht, gelingt ihr ein Sittengemälde Teherans, das erstaunt, abschreckt und zugleich verzaubert. Die Leserinnen und Leser erhalten zum ersten Mal einen zeitgenössischen Eindruck von der Psyche der Bewohnerinnen und Bewohner Teherans, die alles andere bestätigen als die Klischees, mit denen auf dem Medienmarkt gehandelt werden. Das Buch ist ein grandioser Beitrag zum Verständnis der iranischen Gesellschaft und Politik, obwohl es dies nur am Rande thematisiert. Es sind menschliche Bedürfnisse, die besonders geformt sind durch Jahrzehnte andauernde Diktaturen, die nicht mit Khomeini begannen, aber mit ihm eine andere Richtung annahmen. Das wichtigste ist, dass es gelingt, die dort Lebenden unter einem menschlichen Aspekt zu verstehen.

Und Ramita Navai wäre keine gute Journalistin, wenn den Geschichten nicht ein Glossar folgte, das die verwendeten persischen Begriffe erklärt und eine kleine, tabellarische Geschichte des Irans angebracht wäre. Ein großartiges, unbedingt empfehlenswertes Buch!

Matthias M. und der Blick von außen

Um Zustände beschreiben zu können, ist es gut, so viele Perspektiven wie möglich zu erhalten. Diejenigen, die in ihrem eigenen Land leben, sind immer behaftet mit dem, was so treffend als Stallgeruch bezeichnet werden kann. Alles, was geschieht, hat eine bestimmte Aura, in der manches erlaubt und vieles verboten ist. Ich erinnere mich an einen Briten, der mir beschrieb, immer, wenn er nach Deutschland komme und das Radio anschalte, bekäme er so eigenartige Begriffe wie Dosenpfand, Atomausstieg oder Nachhaltigkeit zu hören, die er erst nachschlagen müsse. Und diese Begriffe seien es, über die auf dem politischen Feld hitzig diskutiert werde, aber nicht um Politik selbst. Damit meinte er strategische Linien, die in Richtung und Haltung beschrieben werden können.

Die Deutschen, die im Ausland leben, sind zum Beispiel eine sehr wichtige Gruppe, die nur selten zu Wort kommt und die im Inland leider immer wieder auf das Bild ewig gestriger Traditionalisten, die gerne in der Wüste von Nevada das Oktoberfest oder in Indonesiens Tropen das Weihnachtsfest feiern, ansonsten aber nichts zu sagen haben. Das ist falsch und wie so vieles, was in diesem Land an Bildern produziert wird, qualitativ schlecht und als Information irreführend. Wichtig und richtig ist hingegen, dass unter den Auslandsdeutschen sowohl Konservative wie Rebellische anzutreffen sind. Beiden Lagern gemeinsam ist, und das ist das Bereichernde, sie haben eine Erfahrung, über die diejenigen, die das Land nie verlassen haben, um woanders zu leben und zu arbeiten, nicht verfügen.

Wer in der Fremde lebt, der muss zunächst die Bedingungen des neuen Landes kennenlernen und sich in ihnen bewegen lernen. Wenn es sich gar um einen fremden Kulturkreis handelt, kann das Jahre dauern. Die Deutschen, die dass hinter sich haben, haben eine hohe Kompetenz in dem, was so gerne und so oft als interkulturelle Kommunikation bezeichnet wird. Der Unterschied ist der, dass sie am eigenen Leibe erfahren haben, was das heißt. Und aufgrund einer zweiten, großen und wichtigen Erfahrung sollten wir ihr Urteil einholen und schätzen. Weil sie vergleichen können mit dem, was sie in dem neuen Land erlebt haben, sind sie mit der eigenen alten Heimat strenger. Denn vieles, was innerhalb Deutschland die Gemüter erhitzt, ist unter bBetrachtung anderer Lebensumstände nichtig oder trivial.

Kürzlich kreuzten sich, im medialen Sinne, meine Wege mit Matthias M.. Ich kannte ihn aus Jakarta und sah in Facebook, dass er sich mehrere Wochen in Deutschland aufhielt und viele Städte besuchte. Fest lebt Matthias M. Seit 1986 ohne Unterbrechung in Jakarta. Ich kontaktierte ihn und fragte, ob er nach den vielen Jahren nach Deutschland zurückkehren wolle. Die Antwort überraschte mich nicht, sie ist als Perspektive vielleicht auch nicht repräsentativ, aber sie erweitert auf jeden Fall den Horizont.

Matthias schrieb, Er käme nicht auf die Idee, nach Deutschland zurückzukehren. Obwohl die Luft sauber sei, hätte er kaum atmen können. Das Land sei bis ins Letzte reguliert und amerikanophil bis zur Unerträglichkeit. Von Freiheit sei nirgendwo die Rede und von Sicherheit überall. Und die Art, wie an Feindbildern gearbeitet werde, sei erschreckend. Er habe es erst nicht wahrhaben wollen, aber er befürchte, hier in Europa strebe alles auf einen furchtbaren Krieg zu. Er freue sich, wieder nach Jakarta zurückkehren zu können.

Die Antwort, die ihm sicherlich viele Hiergebliebene geben würden, wäre, er hätte keinen Sinn mehr für die hiesigen Verhältnisse. Darin hätten Sie Recht: Wer in Jakarta über Jahrzehnte lebt, der kennt weit mehr Probleme dieser Welt, als die meisten in der hiesigen gemäßigten Zone ahnen.