Archiv für den Monat August 2016

Die organisierte Hoffnungslosigkeit

In unterschiedlichen Gesellschaften existieren unterschiedliche Übereinkünfte darüber, wie die allgemeine Befindlichkeit zu definieren ist. Das ist nicht unbedingt identisch mit dem, was momentan als Glücksindex durch die Medien zieht, aber es herrscht sicherlich eine Beziehung zu dem Gefühl, was Glück bedeutet. Bei der eingangs erwähnten Übereinkunft geht es jedoch um mehr. Es geht um die Einstellung gegenüber dem Leben und die Haltung im Leben. Und jede Gesellschaft verharrt nicht in dem einen oder anderen Zustand, sondern sie wandelt sich und mit ihr die psychologischen und mentalen Zustände ihrer Akteure.

In den Gesellschaften des früheren Ostblocks ließ sich mehrheitlich im Zeitraffer ein solcher Wandel beobachten. Nach der Implosion der sozialistischen Staaten begannen die Menschen damit, die neu gewonnen Freiheiten zu genießen und entsprechend zu feiern. Es folgte eine von sehr großer Initiative getragene Bewegung von Gestaltung, die mit den neuen ökonomischen Strukturen an ihre Grenzen stieß und dann zu einer Depression führte, die noch andauert, aber aufgrund der Widerstandskraft, die in Jahrzehnten entwickelt wurde, auch in eine rebellische Phase münden kann. Die beschriebenen Phasen waren geprägt durch die allgemeine Übereinkunft, welche Haltung und welche Einstellung vorherrscht.

In der Bundesrepublik, der alten, sieht und sah das anders aus. Sie war nach dem Krieg geprägt von einer Aufbruchstimmung und einer Zurückerlangung des Selbstwertgefühls nach dem verlorenen Krieg. Letzteres wurde allerdings ausschließlich mit dem wirtschaftlichen Erfolg begründet. Es folgte nach einer Phase der Konsolidierung der Genuss der neu erworbenen Freiheiten und einer Rebellion der Jugend gegen das alte Establishment. Freiheit, Laisser-faire und ein uneingeschränktes Pro für die Individualisierung dominierten. Die gesellschaftlichen Kosten für die insulare Glückseligkeit hatte die eigene Gesellschaft aufgrund der konkreten Konstellation des Kalten Krieges nicht zu tragen, das besorgten für die alte Bundesrepublik, im Gegensatz zur DDR, für die schon in der Stunde Null Zahltag war, die USA. Die rebellische Phase, die einerseits mit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu tun hatte und andererseits die Verhaltensformen einem offenen Weltmarkt anpasste, endete in den 1970iger Jahren, als die ersten ökonomischen Rezessionen eintraten und der Preis für das Dazugehören zur Weltökonomie eingefordert wurde. Es folgte mehr als ein Jahrzehnt, das bleischwer in den Köpfen hing und in der Passivität der Kohl-Ära dem ganzen Westen die Vitalität kostete.

Nach der Vereinigung traf ein euphorischer auf einen depressiven Teil der Bevölkerung. Das hatte Folgen auf die emotionale Wiedervereinigung, die immer mehr abgestumpften und desillusionierten Westler trafen auf die nahezu manischen Ostler, die Bäume ausreißen wollten, wo keine waren. Das hatte Konsequenzen, die bis heute anhalten. Letztendlich ist das Visionäre im Osten liquidiert worden und zu einer belebenden Infusion im Westen geworden. Die politische Entwicklung insgesamt hat dazu geführt, dass auch in der Skepsis der Westen den Osten majorisiert hat. Bis auf die Phase nach Kohl regierten Konservative das Land, manchmal gepaart mit den Liberalen oder den Sozialdemokraten. Was unter der Chiffre der Konsensdemokratie entstand, ist eine müde und verschlafene, mental satte Gesellschaft, die den Spirit der Demokratie hinter sich gelassen hat und für die konsequentes Handeln kaum noch vorstellbar ist. Die Gesellschaft der Bundesrepublik ist endgültig in der postheroischen Phase angekommen. Und das, was sie am besten beschreibt, ist die Formulierung der organisierten Hoffnungslosigkeit. Letzteres ist das große Band, das alle vereint.

Die Politik und das kleinere Übel

Bestimmte Entwicklungen sind einfach nur schlecht. Sie lassen keine Interpretationsspielräume, ob nicht doch die eine oder andere Schattierung nicht ganz so schlimm ist wie das Ganze. Auch wenn in Deutschland allgemein immer ein Konsens darüber besteht, dass Politik an sich etwas Anrüchiges an sich hat und als schmutziges Geschäft gerne diskreditiert wird, so wird gerade hier eine eigentümliche Nuancierung vorgenommen. Es ist die Rede von dem kleineren Übel. Diese Wendung hat eine lange Tradition und sie ist vielleicht einer der giftigsten Stachel gegen das Leben der Demokratie überhaupt. Es ist die Hintertür für die Wählerinnen und Wähler, nicht zu dem stehen zu müssen, was sie gewählt haben. Es ist, um es deutlich zu sagen, eine laue Position, die nichts mit einem Standpunkt zu tun hat.

Bei jeder Wahl taucht die Schimäre wieder auf, da wird dann wieder räsoniert über das kleinere Übel, selten ist ein couragierter Standpunkt zu erleben, der die klare Position artikuliert. Gelänge das, so wäre die Gesellschaft einen gewaltigen Schritt weiter. Stellen wir uns vor, die Wählerinnen und Wähler würden die politischen Parteien dafür honorieren, wenn sie deutlich und klar formulierten, was sie erreichen wollen. Protestativ wird das bei der AFD momentan so gemacht, aber eher, um zu verstören, weil die Forderungen dieser Partei nicht Gegenstand der Zustimmung sind. Stellen wir uns vor, es gäbe eine klare Haltung der Parteien zu Einwanderung und Asyl, zu Friedens- oder Kriegspolitik, zu Steuerflucht und deren Ahndung, zu Bildung und deren Ziel. Und stellen wir uns vor, es würde durch Zustimmung zu einem Mandat kommen. Nicht auszudenken, welche Qualität Politik dadurch gewönne.

Stattdessen wird der Diskurs in den meisten Fällen darüber geführt, was auf keinen Fall geschehen darf und nicht gewollt wird. Das führt zu einer Verhinderungsmatrix, die alles mögliche widerspiegelt, aber nicht den politischen Willen einer Gesellschaft. Das Tragische an dieser Konfiguration ist die Unfähigkeit, in Krisensituationen von einem Konsens getragen handeln zu können. Auch und gerade dann zeigt sich, dass die Kollektivsymbolik des kleineren Übels die Gesellschaft tief spaltet und keine Handlungsoption favorisiert. Die jüngsten Beispiele sind der Umgang mit den Schulden im Süden Europas, der Ukraine-Konflikt und die Flüchtlingsbewegungen. Politisch bleibt nichts als verbrannte Erde, das Land, das die gute Organisation so liebt, steht politisch reichlich unorganisiert da und macht gar keinen weltmeisterlichen Eindruck.

Nun, bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA, da taucht die Schimäre wieder auf, die des kleineren Übels. Angesichts des Banausen Donald Trump ergreifen jetzt viele Partei für Hillary Clinton, die als erste Frau das Amt bekleiden könnte. Wer allerdings glaubt, Clinton sei eine Garantin für den Frieden, ist schon Opfer der Mystifikation. Es gibt keine kleineres Übel, sondern nur gute und schlechte Politik. Die amerikanische Politik ist für die Sicherheit in Europa schlecht, egal wer das Präsidentenamt bekleidet. Und die die richtige Politik für Deutschland ist die, dazu entschieden Nein zu sagen.

Eine große Community, die mit dem Feuer spielt?

Angesichts der Ereignisse in der Türkei ist hier in Deutschland etwas zu erleben, das beunruhigt und als Erscheinung nicht unbeobachtet werden darf. Das Verhalten und die politischen Statements von Türkinnen und Türken mit Residenzstatus und vor allem mit deutschem Paß, die geprägt sind von einem patriotischen Verhältnis zur Türkei und einer Gutheißung der diktatorischen Politik des Präsidenten Erdogan tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen tief verstört sind. Äußerungen und Hinweise, die besagen, dass eine politische Einstellung, die das gutheißt, hier nicht mehr willkommen ist und dass eine derartige Auffassung ein guter Grund sei, Deutschland wieder zu verlassen und in das gelobte Land zurückzugehen mehren sich inflationär. Es handelt sich dabei nicht um jene ewig Skeptischen gegenüber dem Fremden, sondern um sehr vernünftige Leute, die allerdings mit Werten nicht jonglieren wie mit den Titeln in den Popcharts.

Es wäre eine Illusion, zu glauben, diejenigen, die hier in Deutschland seit wie vielen Jahrzehnten auch immer schon leben, hätten mit dem Land ihrer Herkunft emotional nichts mehr zu tun. Das hat noch keine Migrationswelle geschafft und es wäre neu. Ausgewanderte finden sich immer in der neuen Heimat zusammen, sie bilden Communities, die als Teil ihrer Identität funktionieren und als Stütze bei den Versuchen der Integration helfen. Je größer die Zahl der Eingewanderten ist, desto größer diese Communities und desto einflussreicher werden sie in dem neuen Land. Ein Blick auf die USA, dem Einwanderungsland schlechthin, sollte genügen, um zu zeigen, was diese Communities vermögen. Die irischen und italienischen Netzwerke hielten nicht nur organisierten Kontakt zur Heimat, sie beherrschten und beherrschen auch ganze Branchen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Ein Patriotismus gegenüber der alten Heimat bleibt, und auch das kann als eine Bereicherung für die neue Gesellschaft gelten.

Da wir in Zeiten leben, in denen immer wieder von roten Linien gesprochen wird, die überschritten werden, bietet sich diese Metapher an. In den USA gab es eine rote Linie, als in Deutschland die Weimarer Republik zertrümmert wurde und eine Diktatur viele Deutsche, die ihres Lebens nicht mehr sicher waren dazu zwang, das Land zu verlassen. Die deutsche Community, so zerstritten sie auch war – übrigens eine übliche Erscheinung des Exils – definierte für sich sehr schnell die rote Linie. Sympathien für dieses Deutschland als politischem System dürfte es nicht geben. Auch das Gastland USA signalisierte sofort, dass es keine Kollaboration der Deutscheinwanderer mit dem neuen Regime dulde. Nur zur Illustration: Oskar Maria Graf, der Exilierte, hielt eine Rede in Chicago vor 4000 Deutschen mit dem Titel: Das deutsche Volk und Hitlers Krieg.

Patriotismus ohne Bezug auf das politische System kann es in diesen Tagen nicht geben. Patriotismus ist einerseits ein Bekenntnis zur ethnischen und kulturellen Identität, er kann aber nicht vermengt werden mit einem Regime, das alle Werte der neuen Heimat mit Füßen tritt. Es ist die Aufgabe, denen, die in diese Gesellschaft gehören und die nun diesem unkritischen Reflex folgen, klarzumachen, dass die Toleranz in diesem Punkt aufhört. Die Stimmen, die ihnen raten, wieder zurück nach Hause zu gehen, sind bereits laut, sehr laut. Und wie es scheint, bewirken sie nichts. Es wäre schade, wenn die Vehöhnung der demokratischen Rechte dazu beitrüge, nicht nur die Vernünftigen gegen sich aufzubringen, sondern auch die alten Ressentiments aus dem Keller zu holen. Auch dafür existieren erste Anzeichen. Eine große Community, die mit dem Feuer spielt? Nicht auszumalen!