Archiv für den Monat Juni 2016

Mafiamethoden unter NATO-Partnern

Wir scheinen in Zeiten zu leben, in denen das eine oder andere Klischee, von dem wir vermuteten, es käme aus guten und schlechten Filmen gleichermaßen, sich in der Wirklichkeit als durchaus präsent herausstellt. Manches ist so grotesk, dass es uns bei der ersten Begegnung nahezu lähmt, weil wir einfach nicht glauben wollen, dass es stimmt, was wir da sehen. Doch es nützt alles nichts. Egon Erwin Kisch, der Mythos des rasenden Reporters, hatte den Slogan, der für das, was wir momentan beobachten können, stets parat. Er lautete, nichts ist erregender als die Wahrheit. Treffender geht es nicht.

Eines der Phänomene, von denen wir uns in der Zivilisation Wähnenden glaubten, es gehöre in schlechte Filme und nicht in unseren Alltag, ist das Anschwellen diktatorischer, mafiaartiger Politik. Die Art und Weise, wie sich die Impertinenz dieser Erscheinung darbietet, macht es kaum möglich, die Sinne beisammen zu halten und handlungsfähig zu bleiben.

Eine der wohl Besorgnis erregendsten Erscheinungen in diesen Tagen ist das Abgleiten der Türkei. Das, was politisch beobachtbar ist, folgt einem Muster, das viele Diktaturen vor her auch so angewendet haben, um eine konstitutionelle Demokratie in eine Terrorwirtshaft zu verwandeln. Es beginnt mit der Kriminalisierung der freien Presse, es geht weiter mit der Instrumentalisierung der Justiz, es pflanzt sich fort mit der Verfolgung der Opposition und es kulminiert mit der Etablierung der eigenen kriminellen Handlungen zur Normalität.

Alle genannten Punkte können noch irgendwie politisch verarbeitet werden, aber die Kriminalisierung des Alltags, die löst den größten Schock aus. Mit Erdogans Übergriffen auf deutsche Parlamentarier, die gezielt auf deren reale Bedrohung spekulieren, haben wir es mit gezielter Nötigung zu tun. Das Staatsoberhaupt der Türkei droht Abgeordneten der Bundesrepublik Deutschland, wenn sie eine bestimmte Haltung nicht aufgeben! Das ist der worst case in zwischenstaatlichen Beziehungen, um es einmal vorsichtig zu formulieren. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um eine Kriegserklärung! Mafiamethoden unter NATO-Partnern! Stellen Sie sich einmal vor, so ein Verhalten käme aus Russland. Da wäre The Day After das mindeste an Reaktion, was denkbar wäre.

Damit aber nicht genug. Und nochmal zur Erinnerung: Es liegen Morddrohungen gegen Abgeordnete des deutschen Bundestages vor, die auf Erdogans Nötigung zurückgehen. Davon wissen wir. Wir wissen noch mehr, erzählt wird es aber selten: Türkische Mitbürger, die hier leben und noch Besitz in der Türkei haben, werden von den Schergen der AKP aufgefordert, die dortigen Geschäfte an Agenten Erdogans zu übertragen, sonst werde man sie enteignen. So einfach geht das. Und es passiert. Flächendeckend. Und das sind die Methoden der Mafia. Und das ist der Alltag.

Es handelt sich in dem einen wie dem anderen Fall um Kriegserklärungen. Sie entsprechen formal nicht dem Völkerrecht, aber sie sind wirksam und sind gegen die hiesigen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gerichtet. Wenn eine Haltung wichtig ist, dann ist es im Falle des barbarischen Verhaltens eines Erdogans folgende: Nötigung und Erpressung sowie andere gegenwärtig in der Türkei verbreitete Formen des staatlichen Terrors rufen massiven Widerstand hervor. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ist darauf vereidigt, Schaden vom deutschen Volk fern zu halten. Wer sich dort nicht daran hält und sich durch Untätigkeit an dem Gewöhnungsprozess von Terror beteiligt, ist nicht mehr tragbar. Die Zeiten des Untertanenkuschelns sind endgültig vorbei. Während einige unserer Nachbarn bereits mit Leib und Seele bedroht sind, schnarchen andere noch im großen Konsenskino müßig herum!

Die Reichweite der Inspiration des großen Miles

Robert Glasper. Everything Is Beautiful

Eine Referenz an einen großen Musiker, zumal einen Innovator und Giganten, wie Miles Davis einer war, kann zu einer sehr heiklen Sache werden. Wie soll es möglich sein, einen Superlativ an Kreativität, technischer Brillanz und Inspiration auf einem Musikalbum adäquat so darzustellen, dass mehr dabei herauskommt als eine im guten Fall exzellente Kopie? Und selbst das kann eigentlich nicht gelingen. Die großen Mythen der Musikgeschichte zu kopieren endet nicht selten in einer peinlichen Referenz. Eric Clapton zum Beispiel scheiterte kläglich, als er sich hinsetzte und Stücke von dem legendären Robert Johnson einspielte, technisch gekonnt, aber ohne Inspiration. Und es gibt noch schlimmere Beispiele. Was bleibt, als Möglichkeit, ist die totale Verfremdung, um der Idee zu huldigen, die hinter einem Song stand, wie dies Willy de Ville mit Hey Joe gelungen ist.

Oder aber, und jetzt sind wir bei Robert Glasper, der das Werk von Miles Davis nahm, um zu dokumentieren, inwieweit die Stücke der Jazz-Ikone namhafte und außergewöhnliche Künstler der Jetzt-Zeit inspiriert hat. Das Album hat das Zitat Miles Davis „Everything Is Beautiful“ nicht nur als Titel, sondern als Motto genommen, um an den Kern der Inspiration bei dem Schaffen der Künstlerinnen und Künstler, die bei dieser Miles-Davis-Collage mitgewirkt haben, heranzukommen. R&B, Rap, Hip Hop, Jazz und Pop sind auf Everything Is Beautiful vereint, mit Namen wie Bilal, Illa J, Erykah Badu, Phonte, Hiatus Kayote, Laura Mvulla, King, Georgia Anne Muldrow, John Scofield, Ledisi und Stevie Wonder.

Die Vorgabe, die Robert Glasper den Genannten exklusiv gemacht hat, war sich auf ein Miles Davis-Stück zu beziehen und sich, davon inspiriert, an die Arbeit und daraus eine zeitgenössische Version nach Ihrem Gusto zu machen. Zum Teil wurden originale Spuren aus dem Davis-Material genommen und mit verwendet. Bei dem Opener Everything Is Beautiful ist Davis Stimme zu hören, die die Beats kommentiert, bei anderen Stücken ist es seine Trompete.

Dabei herausgekommen ist so etwas wie eine Miles-Davis-Extrapolition in das Hier und Heute mit den existierenden Musikformen. Das ist sehr gelungen, wenn man dazu bereit ist, dem Gedanken zu folgen. Leitgedanke ist die Inspiration, die eine Realisierung zeitigt, die es in sich hat. Eine solche Herangehensweise ist eine Seltenheit, eine weitere rühmliche Ausnahme ist das Album von Dr. John, Ske-Dat-de-Dat, der das Gleiche mit dem Werk Louis Armstrongs gemacht hat und das gleichsam in hohem Maße neue Dimensionen der Verarbeitung großer Ideen in die zeitgenössische Musik gewiesen hat.

Wer also hören will, wie sich Miles Davis, der für neue Einflüsse und Ideen offen wie sonst kaum jemand war, der oder die sollte sich dieses Album unbedingt anhören und auf sich wirken lassen. Und vielleicht das eine oder andere mit dem Original vergleichen und dabei hören und sehen, was sich getan hat. Wer Miles im Original hören will, soll es tun, auch das ist immer noch ein unvergleichliches Erlebnis. Aber die Inspiration an der Idee messen und dann zu urteilen, ist sicherlich nicht im Sinne des großen Erfinders, dazu war er zu innovativ.

Willkommen Dada!

Es ist schon auffällig. Besonders in den letzten 12 Monaten häufen sich die Verweise auf die Kunstrevolte, die in der Schweiz begann und dann vor allem Deutschland und Frankreich erfasste. Unter dem onomatopoetischen Namen Dada ging eine Bewegung in die Kunstgeschichte ein, die gar keine Kunst im traditionellen Sinne sein wollte. Es ging Dada vor allem um die Kritik am klassischen Kunstbetrieb. Eine Kritik, die sich auf die Vereinbarkeit des bürgerlich-saturierten Lebens mit aufrüttelnden Botschaften aus der Kunst richtete. Eine Kritik, die nicht hinnehmen wollte, dass auf den Schlachtfeldern Europas Millionen Menschen ihr junges Leben aushauchten, während der Bourgeois mit seiner pelzbemantelten Begleitung ins Theater ging und hinterher Champagner soff. Dada, das war die Revolte gegen die sublimierte Verdauung der Kapitalisten.

Die wesentlichen Züge von Dada lassen sich wie folgt beschreiben: Der Schock ist die entscheidende Instanz. Nur der Schock ist in der Lage, die in den falschen Verhältnissen Lebenden noch zu irgend etwas zu bewegen. Hergestellt wird der Schock durch die Auflösung aller Formen, die die Kunstästhetik bis dahin hervorgebracht hat. Das geschieht durch die Aufhebung der Trennung von Kunst und Lebenspraxis. Der Alltag, bis hin zum Dreckeimer und zur Badewanne, fand Einzug in das Artefakt. Wir alle kennen das, Dada war vor über einhundert Jahren und Dada unterlag dem Schicksal wie alle Revolten gegen den bürgerlichen Kunstbetrieb vor ihr. Dada wurden als Produkt des Kunstmarktes alle Zähne gezogen. Heute beziehen sich Menschen auf Dada, die mit dem ursprünglichen Lebensgestus nichts, aber auch gar nichts gemein haben. Und trotzdem stört es nicht. Das beste Zeichen für eine erfolgreiche Vermarktung.

Dennoch ist es kein Zufall, dass aus dem Kunstbetrieb heraus wie auf der Straße die Verweise auf Dada sich mehren. Warum? Weil der radikale Impetus, zu dem Dada gelangte, aus dem Entsetzen über gesellschaftliche Zustände entstand, die an Ungeheuerlichkeit auf ihre destruktiven Kräfte und an Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit im gesellschaftlichen Diskurs nicht überboten werden konnten. So, wie eine politische Radikalisierung von Teilen des Mittelstandes und der gesellschaftlich längst Preisgegebenen zu verzeichnen ist, so sind die Verweise auf Dada die ersten Hinweise darauf, dass sich auch Teile des Bildungsbürgertums gegen die allgemeine Bewegung der kollektiven Verunstaltung des Gemeinwesens zu stellen beginnen.

Es ist, als Erklärung, historisch immer riskant, die eine Zeit mit der anderen zu vergleichen. Dennoch, im gesellschaftlichen Ringen um Haltung existieren bestimmte Muster, die psychosozial durchaus eine Wirkungsdauer haben können, die über einen Zeitraum von einem Jahrhundert gelten können. Das Beunruhigende, was momentan bereits festgestellt werden kann, ist die Analogie von gleich zwei Phänomenen, die die gesellschaftliche Destabilisierung vor der Diktatur beschrieben haben. Und es geht nicht um Schuldzuweisungen, es geht um Erklärungen.

Die Abwendung von einer globalisierten kapitalistischen Gesellschaft, die lokal, national, ethnisch, religiös im uniformen Zustand nicht mehr existieren kann, ist bereits weit fortgeschritten. Diese Tendenz zu stoppen, ist genuin Aufgabe derer, die die politische Macht ausüben. Nicht, indem sie dem beschränkten Winkel der formulierten Kritik folgen, sondern indem sie der beschränkten Form des Politikverständnisses den Rücken kehren, dem sie ihrerseits seit langer Zeit folgen. Die sukzessive Abwendung derer, was Karl Marx einmal so lakonisch die Künstler, Leibärzte, Advokaten und Huren der Mächtigen genannt hatte, ihre Abwendung von der ästhetischen Sinnentleerung der gegenwärtigen Verhältnisse kann nur durch eine breiter angelegte Revolte in produktive Bahnen geleitet werden. Da reicht der Schock alleine nicht mehr aus. Willkommen Dada!