Archiv für den Monat Juni 2016

Ali

Es möge noch einmal erlaubt sein, in einer anderen Zeit, in der vieles von dem nicht mehr zu gelten scheint als in der, um die es geht. Es geht um die Zeit, als auf der Welt noch Vorstellungen herrschten, dass es gerechte wie ungerechte Kriege gebe, und dass es Rufe gab, die hießen Freiheit oder Tod. Heute nennen Historiker die Zeit, in der es das nicht mehr gibt, die post-heroische. Folglich muss der Abschnitt, um den es jetzt geht, ein heroischer gewesen und herausragende Persönlichkeiten noch Helden gewesen sein.

Ein Held meiner Kindheit und frühen Jugend war ein Boxer namens Cassius Clay aus Louisville, Kentucky. Später wurde er unter dem Namen Muhammad Ali weltberühmt. Er räumte von unten, im wahren Sinne des Wortes, sozial, rassisch und politisch den demaskierten amerikanischen Boxsport auf. Er flog von Kentucky direkt in den Himmel, wo er alle vorführte, die bereits einen Namen hatten. Ali war schnell der Größte, was er auch sagte.

Niemand beherrschte das Clausewitz´sche Diktum vom Kriege so perfekt wie er, niemand war so schnell, so unberechenbar, so elegant, so gnadenlos, so smart und so intellektuell. Ali erschuf die Rap-Batttle, bevor es Rap gab, er hinterließ eine Lyrik, die sich mit Sinn für Gutes zu zitieren lohnt, er miniaturisierte den großen Kosmos des Lebens in den Boxring. Und er schrieb Weltgeschichte. In New York, in Kinshasa und in Manila. Da bezwang er Giganten, die das Pech hatten, in einer Ära zu leben, in der neben den Irdischen noch ein Intergalaktischer wandelte: George Foreman und Joe Frazier.

Muhammad Ali verweigerte den Militärdienst und ging nicht in den ungerechten Krieg in Vietnam. Dafür durfte er in seinen besten Jahren nicht boxen. Er trat zum Islam über und gehörte damit zu denen in den USA, die den Islam politisierten. Er ließ sich von den daraus entstandenen Machtverhältnissen nur bedingt instrumentalisieren. Ali bereiste Afrika, um den Menschen dort die Verbundenheit der nordamerikanischen Schwarzen mit ihrer Herkunft zu demonstrieren und forderte sie auf, stolz zu sein und sich nicht zu beugen. Nicht alles, was Muhammad Ali in seinem Leben tat, war klug und bis zum Ende durchdacht. Aber Ali zahlte immer alle Rechnungen. Ohne zu murren. Heroisches Zeitalter.

Nachts um Zwei ging die Schlafzimmertür auf. Dann stand dort mein Vater und rief, es geht gleich los. Das war, wenn Ali an der Ostküste kämpfte. Dann wurde das live angesehen. Dann brannten alle Lichter in unserer Straße. Dann wurden wir Zeugen, wie es ist, wenn ein inspirierter Geist die alt organisierte Macht bricht. In unseren Herzen waren Alis Kämpfe Befreiungskriege. Alle diese Kämpfe sind noch im Kopf, jeder Zug, und dazu ein passendes Zitat, das die kalte Strategie und Taktik in große Lyrik taucht. Morgens, müde, in der Schule, wurde das alles immer und immer wieder analysiert, auch im Unterricht, mit den Lehrern. Wir wussten, wir erlebten Großes.

Was bleibt, die immer währende Frage, wenn ein Gigant sich aus unserem Dasein verabschiedet? Ali fehlt mir, ehrlich gesagt, schon lange. Nicht weil er fast dreißig Jahre lang unter einer unheilbaren Krankheit litt, mit der er für zu viele Kämpfe bezahlte. Nein, vielleicht weil der Rausch des Siegens längst verflogen ist. Aber zu wissen, dass es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt und daraus noch ein Kunstwerk machen zu können, das verdanken wir Ali!

Gott Kairos und der Völkermord

Die Frage, ob es einen günstigen Zeitpunkt gibt, hängt von dem ab, worum es geht. Die griechische Mythologie brachte den Gott Kairos für diese Frage ins Spiel, der leicht lädiert, mit halbem Schopf durch die Sphäre gleitet, um daran ergriffen zu werden. Das Spiel mit dem rechten Augenblick ist vor allem im Spiel selbst bis zur Perfektion getrieben, allerdings mit einer Illusionsdichte, die kaum zu überbieten ist. Im so genannten wahren Leben ist der richtige Augenblick eine Frage von Intuition, Erfahrung und manchmal sogar nur von Glück.

Was im Leben eines Individuums so gesehen werden kann, ist im Leben eines Volkes oder einer Nation schon schwieriger. Denn trotz aller Erfahrungen und trotz eines großen Verlustes der Unmittelbarkeit sind Nationen nicht klüger als das einzelne Individuum. Hinzu kommt, dass Nationen für ihre Verfehlungen viel länger zahlen müssen als einzelne Individuen. Das kollektive Gedächtnis der Völker hat einen anderen Bezugsrahmen als der fliegengleiche Horizont eines einzelnen menschlichen Wesens.

Kairos, dieser unfrisierte Hallodri, wandert zwar auch durch die Gemächer der großen Geschichte, allerdings immer nur in der Jetzt-Zeit. Im Hier und Heute kann es passieren, dass eine Nation, vertreten durch Regierungen oder einzelne Staatsmänner oder Staatsfrauen eine Gelegenheit beim Schopfe packt, die andere vielleicht würden vorbeiziehen lassen. Die deutsche Einheit ist so ein Beispiel, das gut illustriert, wie die Hand nach Kairos Schopf griff und ihn festhielt.

Was den flüchtigen Gott aber noch nie geschert hat sind die Gelegenheiten, an denen Nationen sich ihres eigenen historischen Handelns besannen. Das interessiert den Kairos nicht, denn das liegt weit hinter ihm, da ist er längst nicht mehr zuhause. Ob und wie sich die Franzosen oder die Russen ihrer Revolutionen erinnern, ob und wie die Amerikaner über die Besiedelung des Kontinents nachdenken, ob und wie die Deutschen über den Holocaust oder die Türken über ihre Vergehen gegen das Volk der Armenier nachdenken, das interessiert Gott Kairos herzlich wenig.

Insofern ist es unsinnig, über den richtigen Zeitpunkt einer Aufarbeitung von Geschichte zu reflektieren. Aus der Geschichte, aus ihrer Geschichte lernen sollten alle Nationen. Wann sie mit bestimmten Lernprozessen beginnen, hängt immer von ihnen selbst und von jenen ab, die mit ihnen in Interaktion standen. Zu sagen, es gäbe dafür günstige und weniger günstige Zeitpunkte, das hänge von der jeweiligen diplomatischen Konstellation ab, muss eine Irritation hervorrufen, weil diese Behauptung eine These in sich trägt, die von einer eigenen Lernunwilligkeit zeugt.

Diese Lernunwilligkeit wird  hier und heute getragen von einem Nützlichkeitsdenken, das perverser eigentlich nicht sein kann. Weil die Türkei momentan dafür sorgt, dass viele Flüchtlinge aus dem Nahen Osten nicht nach Zentraleuropa kommen, soll der Völkermord des osmanischen Reiches an den Armeniern vor einhundert Jahren in Deutschland nicht öffentlich thematisiert werden dürfen. Eine solche Denkweise unterstellt, eine nationale Reflexion über den Tatbestand des Völkermordes unterläge der Wahl eines günstigen Zeitpunktes. Das ist schräg und aus dem Munde eines Deutschen ungeheuerlich. Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterliegen in ihrer Ahndung keinen Opportunitätsprinzipien.

Diejenigen, die jetzt hinsichtlich der im Bundestag verhandelten Armenien-Resolution einer Art des Appeasements bezichtigt werden, werden weit unter der eigenen Gefahr gehandelt. Es ist kein Appeasement, über den richtigen Zeitpunkt zur Thematisierung von Völkermord zu reflektieren. Es ist ein Grad an politischer Perversion, der als Wurzel dessen bezeichnet werden kann, was eigentlich beklagt werden soll.

Von der Anstrengung, den Dingen auf den Grund zu gehen

Peter Sloterdijk. Was geschah im 20. Jahrhundert?

Für die gewöhnliche Leserschaft gilt eine Feststellung, die durchaus verwirrend geraten kann: Es gibt Philosophen und Philosophen. Und Philosophen! Was unverständlich aussieht, ist relativ einfach zu erklären. Da existieren wirklich die Philosophen, die im großen Kanon der menschlichen Entwicklungsgeschichte mit großem Fuß die Korridore der Erkenntnis aufgestoßen haben. Das sind Gestalten wie Platon und Aristoteles, wie Kant und Hegel oder wie Nietzsche oder Sartre. Sie werden als solche, wenn auch kaum noch gelesen, so dennoch respektiert. Die nächsten Philosophen in der Liste sind diejenigen, die aufgrund einer kollektiven Bildungsirritation einfach die Chuzpe haben, sich selbst so zu nennen, ohne dass eine entrüstete Öffentlichkeit über sie herfiele. Und dann kommen, sehr selten, zeitgenössische Philosophen zum Vorschein, die gar nicht so genannt werden wollen, die aber vieles von dem, was die Liebe zur Wahrheit ausmacht, in sich tragen und in der Lage sind zu kommunizieren.

Einer der Philosophen, die eigentlich keine sein wollen, sondern sich eher als Dekonstrukteure dessen sehen, was philosophiegeschichtlich in unserem Tagen passiert, ist zweifelsohne Peter Sloterdijk. In nunmehr zahlreichen „Hauptwerken“ wie der Kritik der zynischen Vernunft, Sphären, Zorn und Zeit oder Du musst dein Leben ändern hat Sloterdijk nachgewiesen, dass er in der Lage ist, mehrere Erkenntnisstränge gleichzeitig bei der Vivisektion einer analytischen Fragestellung durch ein komplexes Gebilde zu steuern. Wenn einem zugesprochen werden muss, dass er das philosophische Handwerk beherrscht, dann ihm.

Aufgrund des hohen Anspruchs, den seine Texte auslösen, kann eine Auswahl kleinerer Texte und Vorträge vielleicht dazu beitragen, den Zugang zu diesem Metaphernakrobaten und Wissenstechniker etwas zu erleichtern. Die kurzen Texte sind nicht weniger anspruchsvoll, aber sie erfordern keinen Konzentrationsmarathon.

Der 2016 erschienene Sammelband mit dem Titel Was geschah im 20. Jahrhundert? Ist so eine Sammlung von Texten, die sich zum Zugang zu diesem interessanten Denker eignen. In insgesamt 12 Vorträgen und Aufsätzen setzt sich Sloterdijk mit zentralen Themen des 20. Jahrhunderts auseinander und setzt so manchen ihm typischen schrillen Akzent, der allerdings die Qualität der Erkenntnis nur beflügeln kann.

Und natürlich, bezogen auf den fragenden Titel, beschäftigt sich Sloterdijk in diesen kleineren Arbeiten mit großen Fragen wie der Ökologie, der Asynchronität in den Geschwindigkeiten zwischen digitaler Kommunikation und physischem Transport, mit dem Globus als sinnhaftem Kollektivsymbol der Globalisierung, über die adäquate Erzählform der Neuzeit, mit dem Reisen, der Ruhelosigkeit und der permanenten Bewegung als Urzustand der beschleunigten Welt oder mit der Langeweile als existenziellem Abgrund.

Alle seine Zugänge zu den anscheinend schrill klingenden Themen haben etwas Verstörendes und vermitteln dennoch immer das Gefühl, von essenzieller Bedeutung in Bezug auf die gestellte Frage zu sein. Genau das, was die selbst ernannten Philosophen, die ihre Monologe im Feuilleton mit der harten Suche nach Wahrheit verwechseln, bietet Sloterdijk auch in diesem Band: Schwierige, aber originelle Gedankengänge und verblüffende Wirkungszusammenhänge, die allesamt von den ausgetretenen Pfaden des Mainstreams abweichen und vieles in sich bergen, was zu interessanten Lösungen führen könnte.

Sloterdijks Was geschah im 20. Jahrhundert? Ist keine leichte Kost. Wer das behauptet, gehört zu einem der Phänomene, die das 20. Jahrhundert zuhauf ans Tageslicht gezerrt hat, nämlich das der Oberflächlichkeit. Sie ist niemals in der Lage, den Dingen auf den Grund zu gehen.