Archiv für den Monat Februar 2016

Sachsen: Mississippi Burning

Der Rubikon, die rote Linie oder was auch immer ist längst überschritten. Das Bundesland Sachsen und viele Repräsentanten desselben führen einen Tanz auf, den sich ein föderaler Staat bei welcher Teilautonomie auch immer nicht mehr mit ansehen darf. In Sachsen herrscht der Mob, eskortiert von den staatlichen Organen und erklärt von einer überforderten oder heuchelnden Politik. In Sachsen werden das Recht und der Geist der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland mit Füßen getreten und der brandschatzende, johlende Mob skandiert dazu den Slogan, den keiner mehr hören kann: Wir sind das Volk! Wenn das das Volk wäre, dann sollten alle, die hier und heute zu Sinn und Wohlstand etwas beitragen, schnellstens ihre Koffer packen und das Weite suchen. Die Welt ist voller Gesellschaften, die vielleicht schlechter organisiert und weniger reich sind, in denen allerdings Respekt und Menschenwürde einen Stellenwert haben.

Das Debakel beginnt mit den Erklärungsmustern. Jemand wie der Alt-Bundestagspräsident Thierse erklärt die Barbarei mit den vielen Veränderungen, die die Bürger in Ostdeutschland in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Ihm kann nur geantwortet werden, dass kein Erlebnis die Barbarei rechtfertigt und ihm sei geraten, einmal nach Duisburg oder Bremerhaven zu fahren, und dort seine Sottisen über den schnellen Wandel im Osten von sich zu geben. Der Mann, der aus dem Prenzlauer Berg stammt, dem Bezirk, der vom Immobilienhype durchweht ist, hat keine Ahnung, was im Rest der Republik in den letzten Jahrzehnten an Veränderungen vonstattengegangen ist. Millionen verloren Arbeit und Heimat, Identität und Einkommen und dennoch stürmten sie nicht wie wild gewordene Nazis in den nächsten Kebab-Laden. Da verniedlicht ein Sozialdemokrat das Aufkommen eines neuen Faschismus. Wach auf, Kollege!

Und nun der Ministerpräsident von Sachsen, Stanislaw Tillich, seinerseits zugehörig zu den Sorben, die längst ihre Verfolgung und Bedrohung durch den braunen Mob bei den Vereinten Nationen reklamieren könnten. Er, der wahrscheinlich längst Eingeschüchterte, versucht zu lavieren, spricht von einer vielleicht existierenden rechten Gefahr in Sachsen und mahnt alle Kräfte der Gesellschaft an, in einer sachlichen Diskussion nach den Gründen zu suchen. Wer als Chef des Landes so redet, sollte schnell zurücktreten, denn handlungsfähig ist er nicht mehr. Rechtsverletzungen, kollaborierende oder überforderte Polizeiorgane und schläfrige oder zynische Staatsanwaltschaften sind ureigene Angelegenheiten eines Ministerpräsidenten. Wenn der dann zum gemeinsamen Gottesdienst mahnt, hat er nicht mehr begriffen oder im Griff, worum es geht.

Es ist kein Zufall, dass in Hollywood seit einigen Jahren die sechziger Jahre der USA immer wieder zum Thema genommen werden. In Serien wie den Kennedys, dem Film The Butler oder Selma geht es um die schicksalhaften Jahre der Kennedy-Administration und ihren Umgang mit dem verbitterten Kampf in den Südstaaten, in denen es um die Aufhebung der Rassentrennung ging. Auch in den USA haben sich die Revisionisten auf den Weg gemacht, der wachsenden Komplexität des multi-ethnischen wie polykulturellen Zusammenlebens mit der Keule rassistischer Vereinfachung zu begegnen. Die Historie, die in diesen Filmen reaktiviert wird, hat einen klaren Verlauf gehabt. Als es Spitz auf Knopf ging, ließ Bobby Kennedy, der Justizminister des Präsidenten John F., die Nationalgarde im Süden einmarschieren. Und in Mississippi Burning, dem längst zum Mythos gereiften Klassiker mit der wohl meist weggeschnittenen Szene der Filmgeschichte, bringt ein afroamerikanischer FBI-Agent ein Mitglied des Klu Klux Klan zum Reden, indem er droht, ihm die Eier abzuschneiden.

Die Filme werden auch hierzulande goutiert. Es scheint nur, dass sie nicht richtig verstanden werden. Ohne harte Hand ist dem Rassismus nicht beizukommen.

EU: Bizarre Nummer

Einmal ehrlich: Da treffen sich die Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union und verhandeln bis in die Nächte mit dem britischen Premier, damit der mit sichtbaren Zugeständnissen zurück auf die Insel reisen kann, um den Skeptikern daheim zu demonstrieren, dass sich die Mitgliedschaft auch weiterhin lohnt. Der Apparat der Organisation läuft auf Hochtouren, der dazugehörige Journalismus auch und es ist ein tatsächlicher Ernstfall, wie er immer wieder einmal vorkommt. In Brüssel. Dieser Ernstfall sagt allerdings mehr aus über die Befindlichkeit des Bündnisses und einige seiner Mitglieder als über den Zustand Europas. Letzteres ist und bleibt ein rein geographisches Gebilde mit unterschiedlichen Staaten, die nach wie vor unterschiedliche Interessen haben. Gemeinsame Ideale scheinen eine kurze Episode gewesen zu sein, sie wurden nur so lange bemüht, wie es um einen gemeinsamen Markt ging. Die Dominanz auf diesem Markt schloss sehr schnell Gemeinsamkeiten aus.

In Großbritannien hat sich sehr viel getan in den letzten siebzig Jahren. Von der einstigen Weltmacht, in der nie die Sonne unterging stürzte dieses Land politisch ab zu einem Vorposten US-amerikanischer Interessen und wirtschaftlich zu einer Güterproduktion, die nie über die Manufaktur herausreichte. Als dieses erkannt wurde, schloss man alle Stätten der Wertschöpfung mit brutaler Konsequenz und schickte die historische Arbeiterklasse in Millionenzahl in die verwaltete Untätigkeit. Gleichzeitig wurde London zu einem Eldorado der globalen Finanzspekulation ausgebaut, das wirkt wie eine Raumstation auf einem zunehmen unwirtlicheren Planeten. In diesem Kontext wird Großbritannien keine großartigen wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Schübe mehr zustande bringen und notwendige Alimentationen seitens der EU für eine weitere Privatisierungswelle gerne entgegen nehmen wollen.

Das, was seitens der nocturnen EU-Verhandler als sich sehen lassender Erfolg gefeiert wird, steht wahrscheinlich monetär in keinem Verhältnis zu dem betriebenen Aufwand. Allein das Beispiel, dass EU-Bürger, die in Großbritannien leben, in Zukunft vier Jahre auf Sozialleistungen warten müssen, ist mit einem Rechtsbegriff, der auf Gleichheit beruht, nicht vereinbar. Wie viele davon betroffen sind und was das unter dem Strich an britischen Staatsrevenuen ausmacht, ist abzuwarten. Ähnlich die ebenso gefeierte Regelung, dass das Kindergeld, das EU-Bürger in Großbritannien erhalten sollen, sich an den Maßstäben ihres Heimatlandes bemessen soll. Zudem handelt es sich um eine rein symbolische Handlung.

Wenn die symbolische Handlung allerdings darin besteht, es Großbritannien schmackhaft zu machen, in der EU zu bleiben, wenn man ihm erlaubt, Bürgerinnen und Bürger aus anderen EU-Ländern schlechter zu behandeln als die eigenen, dann ist das Signal fatal. Der pädagogische Inhalt dieser schlechthin als bizarre Nummer zu bezeichnenden Aktion ist die Erkenntnis, dass die EU ein Laden ist, in dem unterschiedliche Leistungen an unterschiedliche Kunden zu unterschiedlichen Preisen abgegeben werden. Das ist so töricht, das es weh tut und eignet sich eigentlich nur noch als Symptom für die gar nicht mehr so überraschende Diagnose, dass es um diese Organisation wie viele ihrer Mitglieder nicht gut bestellt ist.

Manchmal, wenn die Nebel sich gesenkt haben und sich jeder wiederfindet in einer milchigen Ungewissheit, kann der Entwurf des Einfachen wieder Orientierung geben: Ein Zusammenschluss verschiedener Individuen wie Staaten hat zum Zweck, gemeinsame Interessen wirkungsvoller zu verfolgen. Sollte dieses nicht mehr der Fall sein, können entweder die Mitglieder ihre Mitgliedschaft aufkündigen oder, sollten alle der Meinung sein, dann können sie das Bündnis auflösen. Bestehen solche Organisationen fort, ohne dass eine Gemeinsamkeit noch sichtbar wäre, vielleicht nur weil eine Art von Eigendynamik ganz andere, jeweils individuelle Vorteile vermittelt, dann bahnt sich etwas an, ziemlich häßlich enden kann.

Umberto Eco

Nach eigenen Worten bekam er eine Ahnung davon, was es bedeutet, unglücklich zu sein, als 1980, quasi über Nacht, der ganz große Erfolg einsetzte. Mit seinem Debütroman Der Name der Rose verdiente der Professor für Semiotik von der Universität Bologna plötzlich soviel Geld, dass er immer mehr Zeit dafür opfern musste, den neuen Reichtum zu verwalten. Das schmeckte ihm nicht, die Zeit ging weg von seinen Büchern und den damit verbundenen Studien. Umberto Ecos Welterfolg basierte auf einer Koinzidenz. Die Gesellschaften Mitteleuropas befanden sich in einem radikalen Umbruch, die alten, fest gefügten Weltbilder, die auf Industrie und Wissenschaft basierten, stürzten ein und es begann die Suche nach einer neuen Orientierung.

Genau in diesem Augenblick schrieb Eco den Roman über das Mittelalter, in dem er mit Nachdruck auf den Kampf zwischen Verstand und Mystik verwies. Der Dialog in der Bibliothek des Klosters zwischen dem Dogmatiker Jorge von Burgos und dem Franziskaner William von Baskerville gehört zu den großen Sequenzen der Aufklärungsliteratur des 20. Jahrhunderts, auch wenn er in einem anderen Zeitraum spielte. Dort lieferte sich das Dogma einen tödlichen Kampf mit dem Zweifel, der Quelle der Erkenntnis.

Im Foucaultschen Pendel, dem Roman, der folgte, hielt Eco gerade denen einen Spielgel vor, die aus dem Zusammenbruch der alten Weltbilder den falschen Schluss zogen und sich von der Vernunft abwandten. Danach gefragt, wie er auf das Thema gekommen sei, führte er lakonisch aus, dass diejenigen, bei denen gestern in den Regalen noch die Gesamtausgaben der Marx Engels Werke gestanden hätten, plötzlich die Literatur über Esoterik und Mystik aufgetaucht sei. Auch für dieses Werk erhielt er großen Applaus, aber nicht mehr so enthusiastischen, weil die europäischen Intellektuellen längst auf dem Weg waren, den er als den falschen, verhängnisvollen beschrieben hatte.

Umberto Eco war ein Maniak, der es nicht lassen könnte, nach der Wahrheit zu suchen, immer geleitet von dem scharfen Messer der Vernunft und immer kampfbereit gegen jede Form der Mystifikation. Er war mit seinen Mahnungen aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit immer mehr an den Rand gedrängt worden. Das lag auch daran, dass mit dem Niedergang der analytischen Schärfe die Fähigkeit schwand, seine Romane, die zunehmend aus der Perspektive einer höheren Ordnung verfasst worden waren, entsprechend lesen zu können. Seine Qualität blieb, die des Publikums war im Niedergang begriffen.

Umberto Ecos Themen waren immer aktuell, er befasste sich mit Zeiterscheinungen, die noch gar nicht im Fokus standen und verwies auf ihre Bedeutung und erst später wurde vielen deutlich, wie weitsichtig er war. Er befasste sich mit den kulturellen Wurzeln Europas, mit dem immer noch schlummernden und wieder ausbrechenden Antisemitismus, mit den verhängnisvollen Mechanismen des Kulturbetriebs und, wie in einem seiner letzten Essays, mit der Fabrikation des Feindes. Keines seiner Bücher war obsolet, er schrieb nichts, was nur den Markt bedient und keine gesellschaftliche Relevanz gehabt hätte.

Die analytische Tiefe seiner Bücher und die sprachliche Brillanz waren das Resultat einer umfassenden Bildung. Umberto Eco war eine Ikone für die Idee, in einer komplexer werdenden Welt handelndes Subjekt bleiben zu können, wenn man sich der Mühsal stellte, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Und trotz seines immensen Erfolgs blieb er ein Menschenfreund und großer Humanist. Der große, menschliche Intellektuelle aus dem roten Bologna starb gestern Abend im Alter von 84 Jahren. Europa wird ihn missen! Sehr!