Archiv für den Monat Dezember 2015

„Und Germanistan marschierte wieder ein“

Es ist noch nicht sonderlich lang her, da erhitzten sich hierzulande die Gemüter über für Frage der griechischen Staatsschulden, die damit verbundenen Kredite und die Art und Weise, wie das Land aus dieser Fälle wieder herauskommen könne. Bemerkenswert ist, dass die Temperatur dieser Diskussion weit über der um den jetzigen, völkerrechtswidrigen und durch kein internationales Mandat gedeckten Angriffskrieg in Syrien lag. Die Beobachtung legt die Deutung nahe, dass in Deutschland Geld weit mehr erregt als Krieg und Tod, was wiederum eine gesonderte Überlegung wert wäre.

Doch zurück zu Griechenland. Die hiesige Presse wie das nahezu gesamte politische Korps sprach entweder von einer faulen Nation, oder es wurden auf Griechenland Begriffe angewandt wie Missmanagement, auswuchernde Bürokratie, Korruption, Steuerhinterziehung etc. Das zog in der politisch wie immer halb informierten Gemeinde. Doch nahezu alle Kriterien ließen sich beim Management der Aufnahme ankommender Hilfesuchender auch im Märchenland Bundesrepublik ohne große Mühe durchdeklinieren. Aber, natürlich, da wird geschwiegen, denn wer den großen Boss spielen möchte, dem fällt es schwer, sich zu eigentlichen Unzulänglichkeiten zu bekennen.

Schäuble, die Zuchtrute des antiquierten Wirtschaftsliberalismus, den das Volk angeblich so mag, hatte alle Mittel eingesetzt, um die griechische Regierung in eine Schuldknechtschaft zu zwingen, deren Ausmaß jetzt auch mit einem ersten Beispiel belegt werden kann. Darüber ist wiederum nichts zu lesen, so wie die Metzger natürlich auch keine Bilder vom Schlachten im Verkaufsraum aushängen. Die Avantgarde der germanischen Invasion in das griechische Nationaleigentum ist die Frankfurter Fraport AG, der vor der Verlängerung der letzten Kreditrate seitens der griechischen Regierung das Versprechen abgerungen worden war, ihr 14 so genannte Regionalflughäfen für sage und schreibe 1,23 Milliarden Euro für den Zeitraum von 50 Jahren zu überlassen. Zu den Flughäfen gehören Rhodos und Kreta, sowie Thessaloniki. Der gegenwärtige Umsatz dieser Flughäfen beträgt 180 Millionen Euro jährlich, der Gewinn von Steuern 90 Millionen. Da über diese Flughäfen der Großteil des griechischen Tourismus abgewickelt wird, sind die Einkünfte stabil und es kann ausgerechnet werden, wie schnell die Investition amortisiert ist.

Die Idee des freien Europa, in dem sich die unterschiedlichen Völker und Staaten auf Augenhöhe begegnen und zum Zwecke eines gemeinsamen Nutzens in wirtschaftlichen wie kulturellen Austausch treten, ist bilanztechnisch längst abgeschrieben. Alles, was als Anfangsinvestition in den Büchern dieses Unternehmens steht, diente der Vorbereitung einer einzigen Freiheit, die letztendlich den Beteiligten, die in dem Projekt Europa eine konstruktive Antwort auf den letzten großen Krieg sahen, eine schwere Depression zufügen muss: Es ist die Freiheit des Raubtierkapitalismus, der ansetzt zum Sprung auf die ureigensten zivilisatorischen Errungenschaften eines jeden Staates, auf den Brauch, die nationalen Geschicke durch politische Entscheidungsprozesse zu bestimmen.

So ist es jetzt nicht mehr eine Beziehung zwischen Staaten, in der geklärt wird, wer welche Interessen vertritt. Mit der Übernahme der griechischen Flughäfen durch die deutsche Fraport bekommt der Klassenkampf eine Renaissance. Es sind die griechischen Gewerkschaften, die nicht von einer Geschäftsübernahme, sondern von einer Eroberung sprechen. Sie sind es auch, die dagegen mobilisieren und versprechen, die Annexion griechischen nationalen Eigentums nicht kampflos hinnehmen zu wollen. Das ist das Ergebnis einer Diskussion, die in Deutschland geführt wurde mit demagogischen Sentenzen wie „der faule Grieche nimmt uns unser Geld weg“. So, wie die Geschichte verlief, ist es eher ein „und Germanistan marschierte wieder ein“.

Aber nein! Die Gewinne, die die Flughäfen in Zukunft erzielen, sollen zu einem Teil an die griechische Regierung zurückfließen. Das ist doch Imperialismus für einen guten Zweck, oder?

Mentaler Absentismus

Manche Phänomene sind mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu erklären. Immer öfter sind Verhaltensweisen zu beobachten, die mit den Programmen oder Philosophien der eigenen Organisationen und Häuser nicht mehr zu vereinbaren sind. Richtig, das gab es schon immer, aber als Massenphänomen verdient es doch eine etwas nähere Betrachtung. Denn nicht nur die Akteure, sondern auch die Gefolgschaft ist durchaus damit zufrieden, dass sich niemand mehr um den Zweck der Organisation, um die es geht, noch schert.

Besonders auffällig wird das Phänomen, wenn die Organisationsmitglieder sich treffen, um über ihre gemeinsame Zukunft zu räsonieren, das auch mit den Worten der allgemeinen Programmatik tun, und dennoch Dinge beschließen, die diesen Willensbekundungen diametral entgegenlaufen. Zu beobachten ist diese Schizophrenie in vielen Organisationen und es hat etwas mit einer allgemeinen Sinnkrise zu tun. Besonders auffällig ist es allerdings in diesen Tagen bei dem Parteitag der SPD.

Da wird nach langer Abstinenz von den Parteifunktionären Alt-Kanzler Gerhard Schröder eingeladen, der zum ersten Mal nach acht Jahren wieder reden darf. Der von vielen verschmähte Kanzler der Agenda 2010 kommt und spricht nicht über den Pragmatismus, für den er in seiner Amtszeit stand, sondern er gibt den Delegierten noch einmal einen Grundkurs über die programmatische Tradition der deutschen Sozialdemokratie. Und Gerhard Schröder kennt die Geschichte seiner Partei. Sicher führt er aus, was soziale Gerechtigkeit ist und ebenso sicher verweist er auf die Notwendigkeit einer konsequenten Friedenspolitik. Nicht, dass es nicht auch eine lange Tradition des Verrats an diesen zentralen Programmpunkten innerhalb dieser Partei gäbe, aber darüber zu referieren, hatte Schröder nicht vor.

Stehende, nicht enden wollende Ovationen beendeten die Worte des Alt-Kanzlers und es konnte der Eindruck entstehen, die SPD hätte die Initiative ergriffen, auf diesem aktuellen Parteitag ihre aktuelle Politik, die mit den gesetzten Identifikationsmustern der Sozialdemokratie kaum noch etwas gemein hat, zu revidieren. Aber mit der gleichen Entschlossenheit, mit der die Delegierten ihre eigene Geschichte feierten, bestätigten sie eine Regierungspolitik, die als Kriegserklärung an die spirituellen Grundfesten der Sozialdemokratie zu werten ist.

Sowohl der vor allem durch den dogmatischen und militanten Finanzminister Schäuble vertretene Kurs des Wirtschaftsliberalismus, der abhängig Beschäftigte einer immer mächtiger werdenden Lobby von global agierenden Finanzspekulanten ausliefert, als auch die ohne internationales Mandat, ohne Deckung durch das Völkerrecht deklarierte militärische Operation der deutschen Luftwaffe über syrischem Hoheitsgebiet, ohne dass die Republik vorher angegriffen worden wäre, sind Mittäterschaften gegen die eigene Bewegung. Es sind die symbolträchtigsten Vergehen gegen die sozialdemokratische Philosophie, aber nicht die einzigen. Ob die mulmigen Positionen zu TTIP oder die durch den sozialdemokratischen Wirtschaftsminister genehmigten Waffenexporte an Terrorunterstützer – es fällt schwer noch herauszufinden, was zur klassischen Ausrichtung der Sozialdemokratie, die einmal die bestorganisierte der Welt war, aktuell passen würde.

Was auch nicht passt und zu dem anfänglich beschriebenen Phänomen gehört, ist die Tatsache, dass anscheinend tatsächlich und aufrichtig eine große Ratlosigkeit darüber herrscht, warum sich die Partei auf einem stabilen Weg sinkender Zustimmung befindet. Denn logisch ist es allemal. Wer seine Klientel systematisch verprellt und anders handelt, als er es zusichert, der darf sich nicht wundern, dass ihm kaum noch jemand vertraut. Das widersprüchliche Verhalten auf dem Parteitag, der immer auch ein Ritual ist, dokumentiert das in wirklich beredter Weise. Zu erklären ist es vielleicht mit einer Art mentalem Absentismus. Ist die Frage, wer noch in der Lage ist, da wieder herauszufinden.

 

Die mystische Dialektik des Übergangs

Es wirkt fremdartig, unheimlich und vielleicht auch verheißungsvoll. Manchmal stellt sich ein Gefühl ein, das diejenigen, die es ereilt, nicht so richtig erklären können. Zunächst meinen die einzelnen Individuen, es würde etwas passieren, das nicht vorhersehbar war und von dem sie auch nicht wissen, wohin es sich entwickelt. Aber sie behalten die Beobachtung für sich. Denn das, was sie zu sehen glauben, bewegt sich jenseits der offiziellen Wahrnehmung und erklärenden Texte. Wie es so schön heißt, es beschleicht ein Gefühl. Interessant wird es, wenn sich mehrere dieser Individuen treffen und während ihrer Interaktion auf das bis dato Unausgesprochene zu sprechen kommen. Dann können sie registrieren, dass das individuell Beobachtete doch zu einer kollektiven Angelegenheit geworden ist.

Das, was die neue Gemeinschaft nun an Informationen austauscht, ist etwas, das als ein Charakteristikum des Wandels beschrieben werden kann. Große Veränderungen kommen nicht immer mit einem Sprecher um die Ecke, der eine große Pressekonferenz einberuft, um die neue Zeit zu verkünden. Große Veränderungen geschehen oft einfach nur im Kleinen, ohne dass ein Bewusstsein darüber herrschte, was da eigentlich vor sich geht. Oft sind es nur kleine, kaum merkliche Veränderungen, die plötzlich das ausmachen, was auch als Übergang von Quantität in eine neue Qualität bezeichnet werden kann. Plötzlich ist das Neue da, und diejenigen, die merken, dass die Routine plötzlich keine Routine mehr ist, sondern bereits eine Premiere, reiben sich verdutzt die Augen.

Und so schafft sich das Neue Bahn und erweckt den Eindruck, als geschehe es ohne den Willen derer, die schon immer dem konkreten Szenario verhaftet waren. Aber auch das stimmt nur zum Teil, denn unterbewusst, im Traumwandlerischen des Bekannten, haben alle bereits auf den Wandel hingearbeitet. Und der kommt dann tatsächlich von vielen Seiten so, als sei er nicht mehr aufzuhalten. Und weil der Schein so ist, darum wirkt er auch auf viele so ernüchternd, weil er den Eindruck vermittelt, es ginge alles nach einem großen Plan vonstatten, der unabhängig von den agierenden Menschen waltet und gegen den nichts auszurichten ist. Doch das Wesen des Scheins ist sein Unterschied zum eigentlichen Wesen. Deshalb sollte es nicht überraschen, wenn so manche Veränderung, die schleichend kommt und die unaufhaltbar erscheint, doch auf Gegenbewegungen trifft, die so wenig vorgesehen waren wie der Wandel selbst und die genauso mächtig in die Szenerie preschen.

So verstörend es oft ist, dass diejenigen, die quasi gesellschaftlich gesetzt sind als konkrete Kräfte im Kampf um die Verhältnisse, sich von den schleichenden neuen Phänomenen so entmutigen und zu Komparsen degradieren lassen, so erregend ist es, wenn plötzlich, wie aus dem Nichts, regelrechte Titanen erwachen, die der neuen Entwicklung zeigen, wer die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Sie hatte niemand auf dem Zettel, und gerade sie sind es, die scheinbar alles verändern. Das ist so etwas wie die mystische Dialektik des Übergangs, der, und das ist eine Gewissheit, einmal so und einmal so ausgeht.

Diese Zeilen hätten keinen Wert, wenn sich nicht geprüft werden könnten anhand unterschiedlicher Veränderungsprozesse, die in den einzelnen Biographien oder historischen Annalen stehen. So manche Neuerung kam so zum Erliegen, und so manche Verschlechterung stieß dabei an ihre Grenzen. Es besteht also kein Grund, die mystischen Faktoren in Veränderungsprozessen exklusiv depressiv zu beklagen. Denn und zum Beispiel: bei Krieg und Frieden kann sich nicht nur die Zerstörung, sondern auch der Aufstand als faktisches Resultat herausstellen. Das sollten wir nicht vergessen, in Deutschland.