Archiv für den Monat August 2015

Strukturelle Schizophrenie

In der Sommerpause entlarvt sich gesetzmäßig die Regierung. Scheinbar unbemerkt von der badenden und Eis essenden Öffentlichkeit werden Dinge vollzogen, die den allgemeinen, kommunizierten Richtlinien widersprechen und schlichtweg als Kategorie der kriminellen Energie bezeichnet werden müssen. Jede Regierung tut Dinge, die nicht schön sind. Dafür ist sie unter anderem auch da. Was eine Regierung nicht tun darf, vielleicht außer in Deutschland, dass sie sich als ein Ensemble von Täuschern und Betrügern entlarvt. Mit einer Meldung, gestern Abend in den Nachrichten, wurde dieses allerdings wieder einmal, wie schon so oft zuvor, offenbar.

Mit einer Leidenschaftslosigkeit wie bei einem sommerlichen Landregen berichtete das Staatsfernsehen über den Besuch des Oligarchen und Vertreters der Ukraine, Poroschenko, in Deutschland wie in Brüssel. En passant wurde dabei erwähnt, dass Kollege Jean-Claude Juncker von der EU dem Mogul eines Korruptionskartells quasi als Hors d´oevre sowohl einen neuen EU-Kredit zugesagt wie 20 Prozent der Schulden erlassen habe. Spätestens wer sich bei dem letzten Satz gefragt haben sollte, inwieweit sich das mit der Staatsdoktrin des europäischen Zuchtmeisters Schäuble vertrage, der sich gegenüber Griechenland als strikter Gegner eines Schuldenerlasses profiliert hatte, konnte sich die Antwort selbst geben: Gut!

Die Begründung politischen Handelns geschieht nur noch bezogen auf den Einzelfall, da allerdings mit dem Anspruch der Allgemeingültigkeit. Nicht nur Schäuble, nahezu das ganze Kabinett lässt sich mit diesem Verständnis beschreiben. Unter dem Strich steht eine Agenda, für die es seitens der Bevölkerung keine Legitimation gibt und zum anderen eine teuflische Verbundenheit der einzigen Rhetorik, die diesen Sprechblasenproduzenten noch gegeben ist: die des Populismus. Selbst Siegmar Gabriel, der Chef der sozialdemokratischen Partei Deutschlands und zumindest nominell an Menschenrechte und Internationalismus gebunden, bringt es fertig, semantische Antipoden wie „Der Grieche ist dumm!“ und das „Das Pack muss eingesperrt werden!“ (Für alle, die so reden und handeln wie er selbst im Falle Griechenlands) aus dem gleichen Mund entweichen zu lassen.

Schäuble, der den Ruf der Republik durch sein Geschnarre nachhaltig geschädigt hat, ist da sogar noch eleganter. Ihm ging es immer darum, die Griechen durch einen Schuldenerlass nicht dazu zu erziehen, dass man in Europa leichtfertig Schulden machen könne. Das wird mit wunderbarer Elastizität im Falle der Ukraine gerade vorexerziert. Und in diesem Fall hält er einfach den Mund. Was klug ist, aber dennoch sehr beredt, weil genau das, was den USA oft zu Recht vorgeworfen wird, zu einem Grundmuster deutscher Politik geworden ist: Double Standard. Zu Deutsch: Ein Schurke ist nur ein Schurke, wenn er nicht mit uns gemeinsame Sache macht. Ist er kooperativ, haben wir es über Nacht mit einem Demokraten zu tun. Die Kriminellen Oligarchen in der Ukraine sind ein Beispiel dafür.

Und auch im Falle der Asylsuchenden und Flüchtlinge sehen wir die strukturelle Schizophrenie, die aus demagogischem Motiv zu einer Massenerkrankung im Berliner Regierungsviertel geworden ist. Nach der bewussten und nachhaltigen Zerstörung zum Beispiel des Balkans, ist nun das Geschnatter über die Flüchtlinge aus dieser Region groß. Ja Herrschaftszeiten, um einmal im CSU-Dialekt zu bleiben, für wie deppert haltet ihr das Volk oder wie deppert seid ihr selbst, dass ihr glaubt, dass der Zusammenhang zwischen euren Taten und den Problemen, die als logische Folge daraus resultieren, durch euer unsägliches Geschwafel verwischt werden kann?

Von chinesischen Katzen und kapitalistischen Mäusen

Böse Zungen behaupten, die unsichtbare Hand des Marktes ordne gerade wieder alles, was aus den Fugen geraten sei. Denn der freie Markt ist ja bekanntlich der beste Ordnungshüter. Angebot und Nachfrage, um präzise zu sein, sind nach Adam Smith das unbestechlichste Kriterium für die Entwicklung von Leistungen und Produkten. Künstlich erzeugte Begehrlichkeiten wirken nicht so lange und da, wo ein Bedürfnis herrscht und kein Angebot vorliegt, scheint irgendetwas aus dem Ruder gelaufen zu sein. Auch das gibt es. Und die ordo-liberale Theorie von der ordnenden Hand des Marktes gehört zu den ewigen Schimären kapitalistischer Mystifikation, die selbst so dezidiert nie von Adam Smith vertreten wurde.

Nun aber dennoch: Mit dem gegenwärtigen Schlingern einer gesteuerten Marktwirtschaft wie der chinesischen sind sehr viele puristisch angelegte kapitalistische Unternehmen in eine Gefahrenzone geraten. Sie haben nämlich das gemacht, was die Stärke des Kapitalismus ausmacht, sie haben dort Geschäfte gemacht, wo sie gemacht werden konnten, unabhängig von Kultur oder Weltanschauung derer, mit denen sie in die geschäftliche Interaktion treten. Die kapitalistischen Katzen haben chinesische Mäuse gefressen. Und die chinesischen Katzen kapitalistische Mäuse und so ideologisch den Satz verwendet, der die spätsozialistische Funktionsweise der späten Comecon-Ökonomien beschrieb: Wenn jeder jedem was klaut, kommt keinem was weg.

Und jetzt, wo der große, von allen Gierigen als unendlich gepriesene Markt schwächelt, genau jetzt beginnt in den traditionellen Hochzentren des Finanzkapitals ein Gejammer über die Wachstumsbeschwerden einer Ökonomie, die so gar nicht nach der Philosophie des Wirtschaftsliberalismus funktioniert. In China, hinter der Mauer, da herrschen andere Gesetze. Ob sie dem Betrachter aus dem Westen schmecken oder nicht, das interessiert die Chinesen keinen Deut. Sie denken in anderen Dimensionen und auch ganzheitlicher, da haben sie den jungen Zivilisationen einiges voraus. Und sie denken auch nicht in Kategorien von Einzelschicksalen, weil es dort keine bürgerliche Revolution gab, in deren Theater die Selbstfindung und Läuterung des Individuums eine zentrale Rolle spielte. In China, bei der Planung, wird als kleinster Einheit in kollektiven Generationen gedacht. Ob da das individuelle Glück oder Wohlergehen leidet, wen stör es?

Umso gespenstischer ist das Bangen der westlichen Zivilisationen um den chinesischen Markt. Der Blickwinkel, aus dem gebangt wird, entstammt dem Interesse des bürgerlichen Individuums, das nicht wie in seinem Anfangsstadium nach Freiheit und Glück, sondern nach Coupon und Rendite strebt. Beglückend da die Tatsache, dass die Entscheidungen, die in China angesichts der Krise getroffen werden müssen, sich nicht am Wohle der zitternden Spät-Individuen der bürgerlichen Gesellschaft orientieren werden, sondern an den Interessen zukünftiger Generation, alle Fehlannahmen natürlich inbegriffen.

Insofern wird gerade ein Stück aufgeführt an den Börsen, das wissentlich so noch nie dagewesen ist. Die Spekulanten des kapitalistischen Westens bangen um die Solvenz des kommunistischen Ostens. Ganze Volkswirtschaften des Westens sind in die im Osten getätigten Investitions- und Spekulationsprogramme derartig involviert, dass sie zu kollabieren drohen, wenn die Kommunistische Partei Chinas nicht gegensteuert. Das ist tatsächlich großes Kino. Die Suprematie des freien Marktes, seine ordnende Hand und alles, was ansonsten an geistigem Zinnober in die Lehrbücher der abendländischen Volkswirtschaftslehre Eingang gefunden hat, entpuppt sich als Mystifikation. Nicht, dass das chinesische System, welches im Augenblick seines Schwächelns die eigene Macht über den Kapitalismus unter Beweis stellt, zu mehr Freiheit und Glück führen würde! Auch das ist eine Illusion. Aber es wird deutlich, wie abgenutzt die eigenen Erklärungsmuster geworden sind.

Zu lesen wie ein pathologischer Bericht

Unabhängig von den Themen, mit denen sich Politik zu befassen hat und sogar in Kontexten wie dem Feuilleton, in Deutschland ist das Instrument der Analyse relativ stark in Vergessenheit geraten. Dabei hatten es sogar mehrere Generationen in der Schule noch gelernt. Wenn du ein Phänomen analysieren willst, dann beginne zunächst mit einer möglichst neutralen Beschreibung dessen, was du untersuchen willst. Unterlass es, wertende Adjektive und Zuschreibungen zu benutzen. Versuche einen kühlen Blick zu entwickeln. Wenn du das Phänomen beschrieben hast, dann mache dich an die einzelnen Bestandteile und Erscheinungsformen. Eines nach dem anderen, in der gleichen Weise, fertige Beschreibungen der Details an, ohne parteiische Einwürfe. Und wenn die Erscheinungsebenen freigelegt sind, dann versuche, die Kausalitäten der Einzelteile in Bezug auf das Gesamte zu entschlüsseln.

Eine Analyse ist das Handwerk, mit dem der Mensch zu aufgeklärten Urteilen kommen kann. Sie zu beherrschen, erfordert Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie Disziplin. Eine Analyse ist ein kognitiver Prozess. Und kein emotionaler. Und genau da liegt das Problem des zeitgenössischen bundesrepublikanischen Mainstreams.

Material für diese Behauptung liefern zum Beispiel, um gar nicht erst in die hoch emotionalisierte politische Tagespolitik gehen zu müssen, Rezensionen zu Büchern und die Foren, die diese kommentieren. Davon gibt es Tausende und folglich hoch illustres und illustrierendes Material. Auch die Rezension eines Buches, egal ob Roman, Biographie oder Geschichtswerk, muss, sollte es eine bestimmte Qualität besitzen, dem notwendigen Handwerk der Analyse folgen. Zunächst sollte Autorin oder Autor, Land, Zusammenhänge und Zeit vorgestellt werden, dann der Inhalt geschildert, mit ähnlichen Werken verglichen, Vorzüge und Nachteile zu den anderen Werken angezeigt und zum Schluss, ganz zum Schluss eine Empfehlung zur Lektüre angefügt werden. Das ist aber nur ein Nebenprodukt, denn eine gute Rezension geht von einer Leserschaft aus, die sich selbst ein qualifiziertes Urteil bilden kann. Letztendlich geht es um eine Leseempfehlung.

In den Foren allerdings geht es um schnelle Urteile und Meinungen, und allein die Nennung der Autorenschaft reicht zuweilen aus, um heftigste Auseinandersetzungen unter der Kommentatorenschaft auszulösen. Schnell stehen sich zwei Lager gegenüber, die sich übel beschimpfen, als ginge es um Leben und Tod. Und tatsächlich geht es um Haltungen und Meinungen. Besonders empfehlenswert sind die despektierlichen Debatten um Bücher zu Russland und dem Ukrainekonflikt. Der letzte Eindruck, der bei der Lektüre der Kommentare entsteht, ist der, dass man es mit einer Buchrezension zu tun hat. Aber, und das sollte uns allen bewusst sein, es ist realer, nicht zu verdrängender Bestandteil einer Diagnose am Geistes- und Gemütszustand einer Gesellschaft. Politische Artikel in Online-Portalen komplettieren diese Sichtweise, da geht es noch unbedenklicher im Umgang und noch scheußlicher in Bezug auf die qualitativen Mittel der Bewertung zu.

Zum einen ist es eine Katastrophe, dass die handwerklichen Mittel der Analyse nicht mehr zum Grundbesteck der Schulbildung zu gehören scheinen. Zum anderen ist es beschämend, dass diese im gesellschaftlichen Diskurs keine Rolle mehr spielen und jeder emotionale Infantilismus mehr beklatscht wird als eine brillante Idee. Die Basis für den Zerfall der kognitiv-analytischen Zivilisation und Kultur ist das Primat der moralischen Überlegenheit. In Deutschland, in Deutschland!, wurde wieder ein Wesen entdeckt, das sich als Modell der Überlegenheit begreift. Hier, so maßt sich das neue geistige Barbarentum an, leben die besseren Menschen, an deren Wesen die Welt genesen soll. Sie sind ein Atavismus, ein Rückfall in jene Stunden der hiesigen Geschichte, die immer noch zu lesen ist wie ein pathologischer Bericht.