Archiv für den Monat August 2015

Loyalität & Leistung

Zwei Prinzipien stehen sich in der humanen Gesellschaft immer gegenüber, auch wenn es gar nicht so wahrgenommen wird. Aber gerade weil diese Konfrontation oft im Verborgenen stattfindet, führt sie zu sehr großen Irritationen. Es handelt sich um die Welt der Leistung und die der Loyalität. Zwei Qualtäten, die selten miteinander harmonieren, die aber für sich stets eine Belohnung aus ihrer jeweiligen Welt erwarten. Wer Leistung bringt, erwartet Gegenleistung und wer sich als loyal erweist, erwartet für diese Loyalität einen Lohn. So zumindest sehen es die meisten Individuen, es soll allerdings auch Exemplare geben, die über genügend intrinsische Motivation verfügen, um von sich aus, ohne Spekulation über Erträge, aktiv zu werden.

Das Prinzip der Leistung wird in erster Linie durch wirtschaftliche Sichtweisen und ökonomische Systeme getrieben. In dieser Hemisphäre existiert ein Wertgesetz und in der Regel kommt das auch zum Tragen. Wer eine Leistung erbringt, kann eine Gegenleistung erwarten. Nur wenige entziehen sich diesem Dualismus, mehr noch, wer sich dem Wertgesetz entzieht, der spielt mit dem Feuer seiner Zurechnungsfähigkeit.

Die Loyalität hingegen folgt einem sozialen Prinzip, d.h. es werden keine Berechnungen über Aufwände, Wege, Materialien oder Kosten angestellt, sondern das Aus- oder Durchhalten in einem sozial schwierigen Moment gilt als Gradmesser für die Entlohnung durch den Mächtigeren. Denn das ist eine Besonderheit der Loyalität: Es gibt sie nach oben und nach unten, aber die nach oben ist weitaus öfter gegeben als die nach unten. Loyalität findet auch formal niemals – es sei denn in einer Liebesbeziehung – auf Augenhöhe statt, was bei der Leistung der Fall ist.

Die große Irritation der Gesellschaft, die im Bann des Wertgesetzes und der Leistung steht, findet sich gegenüber dem System der Loyalität, wie es in der Politik funktioniert. Es ist wohl das Feld des gesellschaftlichen Seins, wo die Täuschung am größten ist, weil sie zweierlei Maßstäbe von ihrem Bezugsrahmen löst. Augenreibend steht die auf Leistung verpflichtete Gesellschaft oft dem Loyalitätsprinzip der Politik gegenüber. Da werden ein Edmund Stoiber oder ein Günter Oettinger aus ihren präsidialen Ämtern als Kommissare in hoch dotierte Ämter in Brüssel verfrachtet, weil sie in ihrem Job augenscheinlich versagten. Das erregt die Gemüter, bei Beibehaltung des Leistungsprinzips versteht sich. Was allerdings logisch erscheint, ist die Entlohnung wegen der Loyalität dieser beiden schillernden Beispiele, weil sie sich weiteren, von den Parteien favorisierten Lösungen nicht in den Weg gestellt hatten. Das politische System gewinnt nahezu ausschließlich an Plausibilität, wenn das Motiv der Loyalität eingeführt wird.

Anders verhielte es sich bei der Dominanz des Leistungssystems, dort hätte die genannten Figuren nie eine Chance auf Entlohnung erhalten, es sei denn in der Form von Hohn und Spott. Und so werden sie dann im Volk auch interpretiert, ohne dass sie im inneren politischen System daran Schaden nähmen.

Es ist müßig, darüber zu räsonieren, wie es wäre, wenn Politik wie Wirtschaft nach dem gleichen Prinzip funktionieren würden. Sie tun es schlichtweg nicht und es war auch noch nie anders. Es scheint eine selbst über verschiedene historische Epochen hinaus bestehende Konstante menschlichen Verhaltens wie menschlicher Irritation zu sein, dass Leistung und Loyalität aus zweierlei Bezugsrahmen stammen und immer wieder aufeinander treffen. Aber das Verständnis dieser strukturellen Unterschiede allein hilft in starkem Maße, vielem eigenartig Wirkendem doch noch eine Logik abgewinnen zu können.

Der primordiale Satz der Diplomatie

„In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ Dieser Satz Egon Bahrs, eines Mannes, der sich zeit seines Lebens von dem zitierten Satz leiten ließ und dadurch zu einem außerordentlich erfolgreichen Gestalter der Politik seiner Epoche werden konnte, dieser Satz jagt nun anlässlich des Todes von Egon Bahr durch die Foren und sozialen Netzwerke. Das hat einen Grund. Denn dieser Satz hebelt die Begründung der bundesrepublikanischen Außenpolitik zumindest der Schröder- und Merkel-Ära trocken aus.

Um es genau zu sagen, mit der der ersten Teilhabe der GRÜNEN an einer Bundesregierung war der primordiale Satz der Diplomatie, die Überlegung erster Ordnung in dieser Disziplin, dass Interessen die Politik von Staaten im internationalen Gemenge treiben, außer Kraft gesetzt. Es bedurfte der Partei, die aus der Friedensbewegung entstanden war, um dazu zu kommen, mit militärischen Mitteln den Balkan zu destabilisieren. Mit Hilfe von Werbeagenturen wurde die deutsche Öffentlichkeit auf den moralisch begründeten Schlag gegen Serbien vorbereitet und mit diesem Vollzug die deutsche Friedensbewegung liquidiert. Seither geht es in der Begründung immer um Moral oder Demokratie, selbst am Hindukusch wird das verteidigt. Und selbstverständlich geht es in Afghanistan nicht um so etwas wie seltene Erden, wie Horst Köhler einmal verriet und dann durch den Hinterausgang seinen Hut nehmen musste.

Wenn nach den Interessen der Bundesrepublik geschaut wird, dann wird es noch spannender, weil die Frage, wessen Interessen sind das eigentlich, die da hinter der salbungsvollen Rhetorik der Menschenrechte und der Demokratie verhüllt sind, zu dem Ergebnis führt, dass es große Aktiengesellschaften, Banken und Rüstungskonzerne sind, die von Interventionen, egal welcher Art, in erster Linie profitieren.

Eine Reise durch den Balkan zeigt, welche deutschen Unternehmen dort immer, wenn ein Land fällt, als erste sind. In Afghanistan ist es die Suche nach seltenen Erden, die zur Herstellung von digitalen Steuerungsgeräten und deren Nutzerderivaten wie Smartphones und Tablets erforderlich sind. In Griechenland wiederum sind es Banken und momentan FRAPORT, das dabei ist, die Touristenflughäfen des Landes zu Ramschpreisen zu erwerben. In der Ukraine geht es sowohl um seltene Erden als auch um Ölvorkommen, die via Fracking gehoben werden könnten. Da stellt sich schon noch einmal die Frage, wo, nach der Intervention, ob militärisch oder finanz- und kredittechnisch, die Werte von Demokratie und Menschenrechten bleiben. Und, noch wichtiger, sind die Interessen der genannten Akteure deckungsgleich mit denen der Bundesrepublik Deutschland? Augenscheinlich ja. Und die Heißsporne mit den moralischen Instrumenten? Ein ziemlich laienhafter Propagandatrupp.

Bliebe noch der Aspekt der medialen Diffamierung derer aufzugreifen, die in den Konflikten der letzten Monate versuchten, die Interessen der andren Beteiligten zu verstehen, um sich ein Bild davon machen zu können, was sie treibt und wo es zum Beispiel Ansatzpunkte geben könnte, um mit ihnen im Konsens etwas zu vereinbaren. Diese Menschen wurden allerdings als Putin-Versteher und Griechen-Freunde sehr schnell diskreditiert und quasi als dem Lager des Feindes zugerechnet und verachtet. Da wittert der Plan sehr stark gegen den Wind, mit friedlichen, diplomatisch ausgehandelten Mitteln gar nichts erreichen zu wollen. Da wird der Konflikt gesucht. Und da muss die Frage gestellt werden, in wessen Interesse?

„In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ Eine Kerze für Egon Bahr!

Bereit für alles, was das Leben trieb

Muddy Waters. I´m Ready

Seit einiger Zeit, seitdem darüber gestritten wird, wann eigentlich sein 100. Geburtstag genau sei, aber Einigkeit darüber besteht, dass ein ganz Großer gefeiert werden muss, erscheinen unweigerlich Hommagen an ihn. Gute und ihrerseits große Musiker finden sich zusammen und spielen seine Stücke. Wenn sie mutig sind, dann interpretieren sie sie neu und dokumentieren damit seine Aktualität. Wenn sie ihn nur kopieren, dann versinkt die Scheibe nach einmal Hören in der Kommode, denn dann haben sie ihn nicht begriffen und in der Kopie ist niemand besser als das Original. Und I´m Ready ist so ein Original.

Muddy Waters musikalische Biographie kann in vier wesentliche Phasen eingeteilt werden. Die des Blues-Folk-Sängers aus dem tiefen Süden, die des Blues Musikers in Chicago, der zu den Begründern des Electric Blues gehörte und die der späteren Ikone, die irgendwann wieder auftauchte und international eine neue Generation von Musikern aufmischte und inspirierte. Ist Electric Mud das revolutionärste seiner Alben, so steht I´m Ready für seine Rückkehr ins große, internationale Treiben des Blues zu einem Zeitpunkt, zu dem andere in Rente gehen.

Genau genommen ist I´m Ready das zweite Album jener letzten Phase seines Schaffens. Mit Hard Again kam er wieder zurück, nachdem einige schon die Annalen geschlossen hatten. Mit I´m Ready gelang es ihm, das alte Publikum zu reaktivieren und weltweit eine neue Generation für den Blues zu begeistern. Da ist es kein Wunder, dass Jünglinge wie Johnny Winter und Jimmy Rogers bei I´m Ready mitspielten und dabei eine Menge lernen konnten. Muddy Waters selbst war beim Erscheinen des Albums 65. Ungefähr!

Umso aussagekräftiger sind alleine die Titel, mit denen der 65jährige damals der Öffentlichkeit den Kampf ansagte. I´m Ready spricht dabei ebenso für sich wie No Escape From The Blues, That´s Alright oder Lonely Man Blues. Das war ja auch die Devise des Mannes, der alles machte, was ihm in den Kopf kam und der hinterher über sich selbst lachte. Es sollte für sich selbst sprechen. Der Blues, der aus I´m Ready tönt, ist ein Blues, der für sich spricht, der aber neben den Selbstverständlichkeiten wieder eine kleine Revolution mit sich brachte, die viele nicht so richtig registrierten. Es ist einerseits ein wesentlich getriebenerer Rhythmus als bei den vertrauten Weisen und es sind die Soli des Texaners Johnny Winter, die dem Blues dieses Albums eine neue Note geben. Es ist die Öffnung des Electric Blues aus Chicago für andere Varianten, die in den Folgejahren dafür sorgen sollten, dass sich die Perspektiven des Genres noch einmal dramatisch veränderten.

Daneben stand, ein bißchen durch Understatement verkleidet, Muddy Waters, wissend, grinsend, mal eine alte Weise wie I´m Your Hoochie Coochie Man intonierend, mal mit Copper Brown seine Identität provozierend in den Raum werfend und mal mit Rock Me seine alte, nie versiegende Passion zum Besten gebend. I´m Ready zeigt, dass mit Muddy Waters immer zu rechnen war, dass er immer Überraschungen im Gepäck hatte, die er aber nie deklarierte. Sein Cargo war auch immer etwas für die Spürhunde mit den feinen Nasen. Muddy Waters war immer bereit. Für alles, was das Leben trieb!