Archiv für den Monat Juli 2015

Topien und Utopien

Gustav Landauer war es, der Anarchist, tot geschlagen wie so viele seinesgleichen, der versucht hatte, mit einem einfachen wie einleuchtenden Modell den Lauf der Welt zu erklären. Er sprach von Utopien, die die Vision einer besseren Zukunft enthielten und von Topien. Mit letzteren meinte er den gesellschaftlichen Zustand, der das Bestehende festschreibt und die Verhältnisse zu konservieren sucht. Aus heutiger Sicht ist das nicht unbedingt ein berauschendes, aber andererseits dennoch ein nachvollziehbares Modell. Die stereotypen Modelle gesellschaftlicher Veränderungen sind auch nicht plausibler und und dennoch spricht auch vieles für ihre einzelnen Aspekte. Das Modell der Klassen und Klassenkämpfe zum Beispiel, von Marx theoretisch und von Lenin praktisch auf die Spitze getrieben, gilt seit den Großprojekten der sozialistischen Staaten im 20. Jahrhundert als gescheitert. Wiewohl, unter den Eindrücken ihres Zusammenbruchs und den Resultaten des freien Spiels der Kräfte in der Welt des Finanzkapitalismus vieles dafür spricht, dass gerade diese Theorie wieder an Attraktivität gewinnen wird.

Landauers Idee von den Utopien und Topien wurde zu seiner Zeit zu allgemein betrachtet. Was sie jedoch nicht machte, war eine Zäsur der Dominanz zu ziehen. Weder das Subjekt noch das gesellschaftlich Ganze wurden von einander getrennt. Insofern ist die Trennung von dem Subjekt und seiner historischen Unzulänglichkeit und dem gesellschaftlichen Objekt in seiner realen Gegebenheit in diesem Theorem nicht vollzogen. Die Chance, die sich dadurch auftut, ist die Trennung von Modell und persönlicher Lebenspraxis aufzuheben. Um es deutlich zu sagen: Es wird nie ein richtiges Programm existieren, wenn die Menschen, die es in die Praxis umsetzen wollen, sich verhalten wie es die überkommenen Verhältnisse erforderten. Die Revolution, die Umgestaltung, beginnt nicht nur im Kopf, sondern sich muss sich fortsetzen in der täglichen Lebenspraxis der Individuen, bevor sie Gestalt annehmen kann in Programmen und großen politischen Bewegungen. 

Auch letzteres ist keine neue Erkenntnis. Aber sie birgt immer noch die Chance, etwas zu überprüfen, das mit einem so antiquierten Begriff wie Aufrichtigkeit beschrieben werden kann. Denn das Dilemma der versuchten Veränderungen ist in der Regel genau in dieser Hinsicht zu suchen. Was bringen Programme, die niemand lebt und was bringen Programme, die ihres Geistes beraubt und durch den eigenen Buchstaben umgebracht werden. Letzteres ist eine Tugend, derer die Bürokraten dieser Welt mächtig sind. Sie ersticken die Idee, indem sie Richtlinien und Regelwerke schaffen, die sich verlieren in Verwaltungsakten, die restriktiv wirken und das freie Atmen verhindern. Heinrich von Kleist war es, dem kaum jemand eine Vorstellung von großer Umgestaltung unterstellte, der eine Art archetypischer Unterscheidung aufstellte: Es gibt Individuen, so Kleist in einer kleinen Note, die begreifen die Formel und es existieren Individuen, die sind der Metapher mächtig. Darin sah er den Grundwiderspruch seiner Zeit. Wer wollte ihm heute, im 21. Jahrhundert, widersprechen?

Mit der Etablierung der Technokratie als Form der Herrschaft unserer Zeit wurde das Denken in Formeln zu der dominanten Art und Weise, mit der Welt umzugehen. Das Beispiel, das eine Metapher setzt, wird von den Technikern des Geistes, wie Sartre sie nannte, in einen Raum verwiesen, in dem nur noch kulturell und kreativ agierende Randgruppen ihr Dasein fristen. Die Avantgarde der Technokratie hat, wiewohl sie eine restringierte Weltsicht verkörpert, die Metapher der Freiheit ramponiert bis zur Unkenntlichkeit. Es herrscht die Topie. Und genau dann dämmert der Morgen für neue Utopien. 

Über das Lernen

Wie gehen Menschen und ihre Organisationen mit einem Prozess um, der gekennzeichnet ist durch Irrtümer und Rückschläge? Eine Frage, die sich durch die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zieht wie ein roter Faden und deren Beantwortung nie eindeutig ausfällt. Das Zauberwort hinter dem, was normalerweise als Scheitern bezeichnet wird ist, das des Lernens. Deshalb hat in den letzten Jahrzehnten wohl kaum ein Begriff so eine Konjunktur erlebt wie der einer lernenden Organisation. Was damit gemeint ist, bleibt zumeist im Dunkeln, weil der Prozess des Lernens von einer Klarheit und einem Bewusstsein ausgeht, der rar geworden ist in einer Welt des Scheins und einer auf ihm aufbauenden Legitimation. Das Absurde, das sich hinter dem Missverhältnis von der Forderung und einer mit ihr verbundenen Verhaltensweise und dem Festhalten an Positionen verbirgt, ist der Widerspruch von kognitivem Anspruch und ganz anders funktionierenden Belohnungssystemen.
Erfolgreiche Menschen wie Organisationen, die über die Mechanismen des Jahrmarktes der Eitelkeiten erhaben sind, sind nicht verlegen über Auskünfte bezüglich ihrer eigenen, letztendlich gelungenen Vorgehensweise. Das Prinzip ist auch sehr einfach: Jeder Plan, den sich Menschen wie Organisationen machen, geht aus von Annahmen über die Welt, mit der sie konfrontiert sind und Einschätzungen über ihre eigenen Fähigkeiten. Gelingt es nicht, die eigenen Pläne umzusetzen, dann hat es in der Regel damit zu tun, dass die Außenwelt anders reagiert und funktioniert als angenommen oder dass die eigenen Fähigkeiten nicht dem entsprechen, wie sie von den Akteueren selbst eingeschätzt wurden. Die Schlussfolgerung, die den Prozess des Lernens eröffnet, geht auf diese Dissonanz ein. Entweder müssen die Annahmen über die Außenwelt geändert werden oder die eigenen Fähigkeiten müssen verbessert werden oder beides. Oder, auch das ist eine Möglichkeit, die Pläne müssen der tatsächlichen Kraft des eigenen Vermögens angepasst werden.

Werden die logischen Schlussfolgerungen gezogen, müssen sie zumindest in Organisationen kommuniziert werden. Geschieht das, dann hat die Weiterentwicklung eine Chance. Geschieht es nicht, dann beginnt ein Prozess, der nicht das Markenzeichen des Lernens verdient, sondern als Rechthaberei bezeichnet werden muss. Derartige Ereignisse existieren zuhauf und auch sie gehören zur Entwicklungsgeschichte des Menschen. Es sind die destruktiv verlaufenden Episoden auf dem Weg der Wahrheitssuche. Das Destruktive ihres Verlaufs liegt in dem Versuch, die Fehler der eigenen Annahmen zu kaschieren und nach Sündenböcken für das Scheitern zu suchen. Die Quintessenz ist bekannt: Entweder ist die Welt an sich schlecht oder geplante Interakteure des eigenen Vorhabens sind zu dumm oder zu faul oder beides. Solche Positionen führen nicht weiter und bergen in der Regel die Gefahr noch größerer Verwerfungen. Sie verhindern nicht nur das Lernen, sondern sie sind Agenturen der Zerstörung.

Was im Kleinen schon fatal sein kann, ist im Großen eine Katastrophe. Scheitert eine Biographie, weil der Mensch seine Umwelt nicht annimmt wie sie ist und weil er chronisch seine eigenes Handeln aus den Erklärungen für das Scheitern herausnimmt, dann ist das schlimm. Bei großen Organisationen trifft es schon ganze Sparten der Gesellschaft und es gehört daher zu den öffentlichen Belangen, um die sich der politische Diskurs drehen muss. Bezieht es sich jedoch auf ganze Staaten und ihre Führung, dann lauert in der Position der Rechthaberei, die jegliche Form der Selbstkritik ausblendet, ein internationales Desaster. Wer aus gescheiterten Vorhaben in der Politik nicht lernen will, der bildet eine Gefahr für die Sache der Öffentlichkeit. Denn mit Rechthaberei und Schuldzuweisungen lässt sich nichts Positives gestalten.

Der Putsch

Nun reisen sie alle an. Aus dem Urlaub. Sie sollen abstimmen über etwas, was unter dem propagandistischen Begriff Rettungspaket die Runde macht. Seitdem der damalige griechische Präsident Papandreou im Jahr 2010 die Zahlungsunfähigkeit seines Landes eingestanden hatte, muss vom Bankrott dieses Landes gesprochen werden. Es konnte die Kredite an private wie staatliche Banken nicht zurück zahlen, mit denen es vorher gefüttert war. Das war die Stunde der Eurokratie unter maßgeblicher Führung Deutschlands, so genannte Rettungspakete für Griechenland zu schnüren. Natürlich waren sie nicht für Griechenland, sondern die Gläubiger. Staatlich abgesicherte Kredite wanderten nach Griechenland, um die bestehenden Kredite bei den Kreditinstituten zu bedienen. Es handelt sich also um Bankenrettungspakete. Aber das nur nebenbei. Die deutsche Öffentlichkeit hat mir ihrem Glauben und ihrem Schweigen einen Weg ermöglicht, der das Land dramatisch verändert hat.
Am letzten Wochenende, nach dem Referendum in Griechenland, in dem sich eine deutliche Mehrheit gegen die Spardiktate der Troika gewendet hatte, tauchten wieder einmal Deutsche in dieser europäischen Geschichte auf, die besser wussten als alle anderen, was zu tun ist, die ein ganzes Land dafür bestrafen wollten, dass es sich nicht beugte und die mit drakonischen Strafen drohten. Diesmal kamen sie nicht in Schaftstiefeln, aber das brauchten sie auch nicht. Sie haben das Bild der Deutschen in Europa wieder wach gerufen, das viele Jahrzehnte nach Faschismus und Krieg in Europa herrschte. Chapeau, Frau Merkel, und vor allem Chapeau, Herr Schäuble. Sie haben es verstanden, Europa durch die Verbreitung von Angst und Schrecken zu diskreditieren. Und das als Deutsche. Und was ist die Verbreitung von Angst und Schrecken? Richtig! Terrorismus. 

Von Terrorismus sprach auch der ehemalige Finanzminister der Syriza-Regierung. Er meinte damit das im Wort enthaltene Phänomen. Wenn in Deutschland die gesamte staatlich alimentierte Meinungsschmiede diesen Sinn nicht mehr dechiffrieren kann, dann kann etwas nicht mehr stimmen. Und das tut es auch nicht. Die Regierung hat sich zu einer Abteilung der Finanzoligarchie entwickelt und sympathisiert seit einiger Zeit offen mit militärischen Optionen, die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten sind zu einer drittklassigen Propaganda-Agentur verkommen und das Volk ist durch die Mitte gespalten. Eine Hälfte bereits ist voll im Gleichschritt des Ressentiments und der Allmachtsphantasie, der andere Teil sammelt sich, um vielleicht hier im Land einen Ruck zu erzeugen, wie es Griechenland mit Syriza der Fall war. Aus einer radikal linken Partei von vier Prozent wurde über Nacht eine Regierungsmacht. 

Merkel und Schäuble sind zu Tätern geworden, die schnell aus ihren Ämtern müssen, um noch größeren Schaden zu verhindern. Was wiederum enttäuscht, ist die Rolle der Sozialdemokratie. Mit ihrem übergewichtigen Vorsitzenden spiegelt sie die ganze Malaise: Ein Schwanken zwischen rechtem Populismus und Schamgefühl über die eigene Konturlosigkeit. Um am Napf der Regierung zu verweilen, wurden wichtige Themen von der Agenda genommen. Wer redet in der Wilhelmstraße noch über Bankenkontrolle? Merken die Schwimmer in der Euro-Stromlinie, dass sie wieder einmal dabei sind, eine historische Chance mit ihrer eigenen Korpulenz zu verstellen?

Nun reisen sie an. Nach Berlin. In den Reichstag. Aus dem Urlaub. Und stimmen ab. Es ist ein anderes Land als vor dem Urlaub. Nach nur wenigen Tagen. Die Regierung hat zwischenzeitlich gegen das eigene wie gegen die Völker Europas geputscht. Von denen, die kommen, um abzustimmen, haben das die wenigsten gemerkt. Jetzt geht es nicht um Bankenrettung! Jetzt geht es nicht um Griechenland! Jetzt geht es darum, Putschisten aus der Regierung zu jagen!