Archiv für den Monat November 2014

Leid und Leidenschaft des Tangos

Leroi. Herzer. Nous Deux

Es existieren Musikgenres, die leben vor allem von Seele und Bauch. Zumeist sind sie nicht dort zu finden, wo das große Geld gemacht wird. Das widerspräche ihnen auch regelrecht. Das, worum es dort geht, ist Leid und Leidenschaft. Blues, Fado, Flamenco und natürlich auch der Tango sind die großen Vertreter dieser Kategorie. Sie erzählen die Geschichten derer, die herumwandern im Dasein, die ein Auskommen suchen und die beflügelt sind von der Suche nach dem Glück. Da diese Musikrichtungen in den Herzen vieler Menschen einen großen Stellenwert einnehmen, versuchen sich immer wieder Musiker in sie einzuschleichen, die darin den Boden für eine gelungene Karriere sehen. Da gibt es auch Exemplare, die das große Geld damit verdient haben. Ob sie allerdings von der Gemeinschaft derer, die das Genre ausmachen, als einer der ihren anerkannt werden, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Laurent Leroi ist einer, der Geschichten erzählen kann. Bevor er als blutjunger Straßenmusiker auf Wochenmärkten auftauchte, hatte er schon Asien hinter sich, das Golden Triangle und den ganzen Dickicht der dortigen Metropolen. Aus Straßburg kommend, war er viel gereist, immer das Akkordeon dabei. Das erklärt wohl, warum er in vielen Genres zuhause ist, ohne dass ihn eine der erdigen Communities als Eindringling empfunden hätte, er war immer dabei, ob auf dem Mardis Gras in New Orleans, bei den Companeros in Ecuador, oder den Volksfesten in Bayern. Wer keine Berührungsängste hat und dennoch einen eigenen Stil, der kann vieles in sich einsaugen und vielem zur Inspiration verhelfen.

Laurent Leroi und der Bassist Michael Herzer sind schon seit langem gemeinsam unterwegs. Und der Tango ist das, was sie schon immer zu beeindruckenden Symbiosen getrieben hat. Akkordeon und Kontrabass sind nicht unbedingt ein klassisches Arrangement, von dem erwartet werden könnte, das es das Wesen trifft. Aber diesen beiden Musikern gelingt dieses seit langem. Seit mehr als zehn Jahren widmen sie sich gemeinsam dem Tango, mit Herz und Erfolg.

Das Album Nous Deux kommt lakonisch daher. Das macht es so beeindruckend. Sobald die ersten Takte den Raum ergreifen, wähnt man sich in einem der morbiden Cafés in Buenos Aires und versinkt in das Gefühl, das der Tango vermitteln kann, sofern er herüber kommt. Auf insgesamt 11 Einspielungen gelingt das Leroi und Herzer uneingeschränkt. Sie haben eine Vorstellung von der Lebensinszenierung, die dem Tango zugrunde liegt: Migration, Suche, Verlust. Genau das ist es, was aus den teils schrillen, teils eingängigen Weisen, die sich in teils bekannten, teils verlassenen metrischen Systemen die Hand geben.

Da ist es kein Zufall, dass der Reigen mit einem Titel wie Por Un Carajillo eröffnet wird. Die Aufforderung auf ein Tässchen Espresso mit dem berühmten Schuss Rum gleicht einer Einladung zur Reflexion des Seins. Und schon flanieren und tanzen vor dem geistigen Auge die verschiedenen Weisen des Tangos an dem Betrachtenden vorbei, wie eine Galerie des Daseins. Dass diese Revue mit dem Titel Vuelo Parabolico beendet wird, ist da nur folgerichtig, da das Gedankliche der Reise noch einmal unterstrichen wird. Nour Deux ist nicht nur eine Referenz an den Tango, sondern eine Erklärung seines Wesens von zwei Musikern, die ihn seit langem leben. Dieses Erlebnis sollte sich niemand verweigern!

Die Renaissance des Empiriokritizismus

Die Geschichte ist ein Rondo. Ganz wie die musikalische Figur aus der Renaissance scheint so einiges zu funktionieren. Immer, wenn es sich um den Lauf der Dinge dreht, und immer, wenn es um die Erkenntnis über die Welt geht, treten bestimmte Analogien auf, die mehr dem menschlichen Grundmuster zu entspringen scheinen als dem Zeitgeist. Das ist so zu beobachten bei Staatsformen, das ist so zu beobachten bei bestimmten Regierungsstilen. Es ist aber auch so, wenn es um bestimmte Moden geht, sei es bei der Kleidung und dem sozialen Verhalten, sei es bei Modellen der Welterklärung. Es ist spannend. Denn bei der historischen Betrachtung öffnen sich plötzlich Perspektiven, die bei der Erklärung der Gegenwart behilflich sein können.

Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hatte in vielerlei Hinsicht die Genetik für große Ereignisse. Dass sie in dem bis dato desaströsesten Krieg aller Zeiten aufgehen sollte, war nicht von Anfang an sicher. In der Kunst wirkte noch das Fin de Siècle nach, eine Art Endzeitstimmung, die bereits suggerierte, dass so viel Anfang noch nie vorher war. Das ging bis zu Dada, einer radikalen Form des Avantgardismus, die vor allem mit der Zerstörung des Ganzen und der Etablierung des Schocks arbeitete. Die Kunst, so könnte man sagen, kam der folgenden Apokalypse emotional sehr nahe. In der politischen Theorie erhob sich mit aller Macht der sozialdemokratische Korporatismus, der sich seinerseits vor einer Art Endkampf mit der ständischen Gesellschaft befand. Und in der Philosophie schwankte die Welt der Erkenntnis zwischen den neuen Gewissheiten des Materialismus und der zunehmend an Verve gewinnenden Teleologie des Individuums.

Gerade letzteres ist sehr erhellend. Die in dieser Zeit sehr gefeierte Theorie des Empiriokritizismus war genau die passende Antwort auf die Moderne, den mit ihr einhergehenden Industrialismus und das Bedürfnis nach kollektiven Lebensmodellen. Es war die erst große Überhebung des Individuums als Endzweck der Geschichte. Der Lehrsatz des Empiriokritizismus, seinerseits die Mutter aller bis heute folgenden positivistischen Ansätze, ist die einfache Feststellung, dass sich die vergegenständlichte Welt nur da abspielt, wo wir sie als Individuum wahrnehmen können. Alles, was außerhalb dieser Wahrnehmung stattfindet, findet gar nicht statt und ist Illusion. Dass es ausgerechnet Lenin war, der dieser Erscheinung des Zeitgeistes ein ganzes Buch widmete und seine Vertreter Mach und Avenarius regelecht mit seiner Feder sezierte, wundert da nicht mehr. Materialismus und Empiriokritizismus hieß das Buch, und damit war alles gesagt.

Nun, der Empiriokritizismus ist in Form des zeitgenössischen Positivismus bereits wieder seit langem en vogue. Und die Kernaussage ist bereits seit Dekaden formuliert: Die Welt existiert nur dort, wo meine Vorstellung ist. Und wo ich nicht bin, da ist kein Sein. Das erkennen wir sofort als die große Daseinsphilosophie des Couponschneiders, der nicht mehr aktiv in die Gestaltung der Welt eingreift, sondern sich nur noch an ihrer Aufteilung zu schaffen macht. Es ist die Theorie einer erneuten Individualisierung, in der Termini wie aktive Gestaltung und Verantwortung keine Bedeutung mehr haben. Prognostisch gesehen wird es interessant werden, wenn es um die Ereignisse geht, die dieser teleologischen Stimmung, die die Renaissance des Empiriokritizismus ausdrückt, folgen werden. Wird es wieder nur mit einer historischen Tabula rasa gehen? Ist der Krieg die Vorbedingung einer neuen Sinnstiftung nach der individualistischen Übersteigerung des gesellschaftlichen Seins? Die Kritik der positivistischen Weltsicht wäre ein guter Einstieg in die Verneinung der Frage.

Gouvernance und Change

In den Sphären des Managements offenbart sich das Leid der Gesellschaft. Kaum eine Erscheinung der Sozial- und Psychopathologien schafft es nicht in die Welt des Managements. Das ist gut so, weil es somit zu einem Labor für den Zustand der Gesellschaft wird. Denn über die individuellen Erscheinungsformen hinaus, die sich äußern in Egozentrismus, Statusdenken, bürokratischem Kannibalismus und Haftungslogik, aber auch in intelligentem Funktionsdenken und strategischer Kompetenz, sind es vor allem die verschiedenen historischen Wellen, die das Management durchziehen, die einen hohen diagnostischen Wert haben.

Und bitte keine Ausreden! Bitte nicht der Verweis auf das für alles verantwortliche Amerika. Denn nur allzu zuverlässig ist die Kopie der Moden aus den Management-Lehren der USA, zeitversetzt um ein halbes bis ein Jahrzehnt. Da wäre immer genug Zeit, um sich auch für ein Nein zu entscheiden. Aber meistens ist es ein beherztes Ja, das dürftig wirkt in der Dimension der eigenen Souveränität. Das deutsche Management folgt den Lehren aus Übersee. Daran hat sich nichts geändert.

Die damit verbundenen Anglizismen sind damit erklärt und sollten nicht von deutsch-nationalen Sprachtümlern skandalisiert werden. Zumeist ist die Kritik dann auch noch doppelbödig. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Wichtig ist, dass die Retrospektive der einzelnen Wellen eine radikale Reduktion von Komplexität zulässt und somit deutlich macht, welche Slogans des Zeitgeistes das Arbeitsleben dominieren sollten.

Da wurde in den letzten Dekaden von einem Management by Objectives gesprochen, als das strategische Denken als defizitär empfunden wurde. Lean Management wiederum war der Auftakt für die Finanzkapitalisierung, d.h. nicht nur Arbeitsvorgänge, sondern auch alle Betriebsteile wurden taylorisiert. Die partizipativen Strömungen setzten im Management ein, als die Demokratisierungstendenzen in den Gesellschaften bereits Eingang gefunden hatten und die Legitimation von Entscheidungen in den Betrieben einen immer höheren Stellenwert einzunehmen begannen. Dem folgte das Zeitalter der Transparenz, welches sich unter Termini des Management by Open Door etc. bekannt wurde. Es symbolisiert den Bankrott des Vertrauens in Funktionen und Institutionen, welcher das digitale Zeitalter kennzeichnet. Der Konnex von Gesellschaftspolitik wird mit jeder der erwähnten Epochen deutlich.

Somit ist die andere Welt, als die das Wirtschaftsleben so gerne beschrieben wird, doch Teil dieser einen Welt, in der alle leben. Die Produktionsweise bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein. So lautete das Axiom der politischen Ökonomie. Und der notwendige Zusatz kam ein Jahrhundert später aus der Psychoanalyse. Er besagte, dass das gesellschaftliche Bewusstsein seinerseits auch wieder die Produktionsweise bestimme. Die Theorien des Managements reflektieren somit nolens volens einen gesellschaftlichen Zustand, der in der betrieblichen Realität aufschlägt. Die Auseinandersetzung damit ist sehr aufschlussreich, dokumentiert sie doch die Konzeption derer, die die Macht haben, wie sie sich mit den wandelnden Phänomenen auseinandersetzen wollen.

Die Periode des Change Management, als die die gegenwärtige beschrieben werden muss, weist dabei eine Besonderheit auf. Umschrieb sie zunächst nur Anpassungsprozesse an technische Innovation, ist sie längst zur Bezeichnung eines Paradigmenwechsels in der Steuerungslogik mutiert. Politisch korrespondiert das Change Management mit dem Wandel der Theorie des Gouvernments hin zur Gouvernance. Das ist die Verinnerlichung der Regierungslogik auf die praktischen Handlungsfelder eines jeden Individuums. Michel Foucault hat diese Betrachtungen sehr dezidiert beschrieben. Im Change Management unserer Tage schlagen sie in der Betriebsrealität wieder auf.