Archiv für den Monat Januar 2014

Die Entsinnlichung der Welt

Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben. Die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen hängen in starkem Maße von seiner erworbenen Fähigkeit ab, zu lernen. Das klingt zwar wie ein Widerspruch in sich, ist es aber nicht. Denn Lernen ist nichts Abstraktes, Theoretisches. Das ist es nur, wenn der Mensch bereits praktisch tätig war und Fehler gemacht hat. Aber eins nach dem anderen!

Grundlage unserer kognitiven Fähigkeiten sind entwicklungsgeschichtlich unsere Sinne. Nur was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, und zwar nicht einmal, sondern immer und immer wieder, kommt irgendwann als ein Begriff, d.h. als ein Abstraktum, das mit einem bestimmten Sinn hinterlegt und mit Zeichen ausgestattet ist, in unser Gehirn. Was wir vorher schon 1000mal mit unseren Sinnesorganen erfühlt haben, sagen wir einen Baum – wir sehen seine Formen und Farben mit unseren Augen, wir fühlen Blätter, Rinde und Äste mit unseren Händen und wir riechen ihn mit unserer Nase -, das wird dann unter der Chiffre B-a-u-m zu einer rational operierbaren Begrifflichkeit. Der sinnlichen Wahrnehmung folgt also die rationale Erkenntnis, die in die Welt der kognitiven Operationen führt.

Menschliches Verhalten verliert immer dann an Authentizität, wenn wir ihm ein Mangel an Praxis bzw. praktischer Erfahrung attestieren. Das kommt jeden Tag häufig vor und wir kritisieren ganze Berufsgruppen dafür, dass sie vom richtigen Leben nichts verstehen. Als Begriff für diejenigen Menschen, um in der hier eingeführten Denkweise und Terminologie zu bleiben, denen das Praktische abgesprochen wird, kennen wir den des Schreibtischtäters. Hinter der Kritik verbirgt sich instinktiv eine tiefe epistemologische Wahrheit: Wer Dinge nicht selber praktisch ausprobiert, der läuft Gefahr, ihr Wesen nicht richtig zu ergründen und dem Schein eher zu erliegen als dem wahren Sein.

Auch die Hirnforschung unserer Tage wartet mit der eher verblüffenden Erkenntnis auf, nämlich dass das Gehirn in manchen Funktionen eher an einen Muskel erinnert als an einen genialen und chaotischen chemischen Prozess. Bestimmte Gehirnoperationen müssen trainiert werden wie ein Muskel, um sich zur wahren Meisterschaft entwickeln zu können. Und wer seinerseits dazu verurteilt war, Vokabeln oder Versformen auswendig zu lernen, wird wissen, dass sich das Gehirn immer leichter damit tut, je mehr es geübt wird.

Das digitale Zeitalter wirbt mit der größten Transparenz in der Menschheitsgeschichte und beruft sich dabei auf den Zugang zu Informationen. Des Weiteren wird durch die Entwicklung von Servicemodulen, die unter dem Begriff App figurieren mit der Erleichterung menschlichen Handelns. Wer die entsprechende App auf sein Smartphone geladen hat, der verläuft sich nicht mehr, der sucht nicht mehr vergebens, der kann jede Vokabel nachschlagen und hat die Formulierungen für ein Vertragswerk immer a jour. Das wird als die große Erleichterung gepriesen.

Wäre dabei nicht eine Systematik identifizierbar, die eher an dunkles Mittelalter als Moderne und Selbstbestimmung erinnert. Die unmittelbare Erfahrung als Lernfeld wird nahezu systematisch eliminiert. Die Abhängigkeit des nicht mehr lernfähigen Individuums von der soufflierenden Maschine wird ins Gigantische gesteigert und zeugt eine neue, mentale Klasse von Untertanen, die schwerlich als gestaltende Subjekte in die Geschichte eingehen werden.

Die sinnliche Wahrnehmung geht der rationalen Erkenntnis nach wie vor voraus. Werden die Felder der ersteren zerstört, mutiert die zweite zu einer unbrauchbaren Ressource, die schwerlich kreativ und wertschöpfend sein kann. Die gesellschaftliche Erkenntnis darüber steht noch aus. Man könnte diesen, den politischen Aspekt der Erkenntnis, irrsinnig beschleunigen, wenn man schlicht den Strom abschaltete.

Vom Kriege

An ihren Taten sollt ihr sie messen! Kaum ein Wort aus der Heiligen Schrift hat bis heute eine derartig überzeugende Wucht. Wahrscheinlich, so könnte man es realistisch formulieren, liegt das daran, dass es dieses Diktum überhaupt dorthin geschafft hat. Wie dem auch sei! Der Satz gilt immer noch, und mehr denn je. Und man sollte ihn sich vor allem in einer Gesellschaft vor Augen führen, die so viel Wert auf Wertschätzung, Transparenz, Emanzipation und politische Korrektheit legt. Eine einzige Personalentscheidung hat dieses Konsortium der Heiligkeit in mächtige Aufregung versetzt, weil eine Domäne gestürmt wurde, die noch mehr als Sanktuarium der Männer gilt als der Fußball. Es handelt sich um das Militär.

Mit der Benennung von Frau Ursula von der Leyen als Bundesverteidigungsministerin wurde nicht nur eine Bastion gestürmt, sondern auch der Lackmustest für die moralische Herrschaft unserer Tage bereitet. Und welch Wunder: Nicht die konservativen, von einem gemütlichen Paternalismus inspirierten Kreise gingen emotional auf die Barrikaden, sondern all jene Kräfte, die sich als die Gralshüter des Fortschritts begreifen und zu verkaufen suchen. Das, was an Kommentaren über die mutige Frau aus diesem Lager kam, kann als das Abgeschmackteste der letzten Jahre beschrieben werden. Von zotigen Witzen über die feminine Stimmlage über ausgefranzte Metaphern wie die Mutter der Kompanie bis hin zu Anzüglichkeiten über den weiblichen Körper in Uniform ließen sich die Fortschrittlichen des Landes aus und entlarvten sich damit allesamt als Hochstapler in Sachen Emanzipation.

Mit ihrer bis jetzt reichenden Biographie hat die neue Ministerin sehr wohl gezeigt, dass sie in der Lage ist, schwierige Organisationen zu managen. Acht Kinder und einen qualifizierten Beruf zu haben ist schon eine kolossale Leistung in unseren Strukturen, die man nicht durch einen dezenten Verweis auf private Vermögensverhältnisse zu schmälern suchen sollte. Und ihr Wirken im Arbeits- und Sozialministerium muss man hinsichtlich der politischen Zielsetzungen nicht vollends unterstützen, aber anerkennen sollte man schon, wie deutlich sie dort ihre Führungsaufgabe wahrgenommen und wie gut sie die Rolle der internen Kommunikation begriffen hat.

Eigenartigerweise hat das alles bei der kritischen Betrachtung der Personalentscheidung keine Rolle gespielt. Und noch eigenartiger ist, dass aus dem Lager der Kritik kein Wurf kam gegen die ersten zugegeben verwegenen programmatischen Aussagen aus dem Munde der Ministerin. Denn bei einer Berufsarmee die Vereinbarkeit von Familie und Beruf an die erste Stelle zu setzen, auf diese Nummer kommen normalerweise nur angetrunkene Offiziere im Casino. Die Ministerin wäre gut beraten gewesen, sich zur Strategie dieser Armee zu äußern oder über die Entwicklung der Waffenarsenale als über Kinderkrippen. Bei der anhaltenden Kritik gegenüber den USA sollte klar sein, dass die militärischen Belastungen der Bundesrepublik nicht nur proportional zur Abnabelung von der einstigen Schutzmacht steigen werden, sondern auch eine eigene strategische Konzeption entwickelt werden muss. Genau darüber sprach die neue Ministerin nicht und gerade dafür bekam sie viel Lob von denen, die sie als Frau schmähten. Fassen wir das als weiteres Testat über den gegenwärtigen Geisteszustand der Republik, denn zu mehr taugt es nicht.

Während die selbst ernannten Wächterinnen und Wächter der öffentlichen Moral demonstrierten, dass sie zur Analyse der globalen Politik weniger taugen als zur Aktivierung verstaubter Vorurteile, sollten wir zumindest die Courage der Hauptperson honorieren, die soeben dabei ist, ohne große Deklamationen mehr für die Frauenemanzipation zu tun als das gesamte feministische Feuilleton.

Schurkenstaaten

Besonders die so genannten Schwellenländer hören von der Weltbank immer wieder den Kanon von den Voraussetzungen für eine geschäftsfähige, auf Investoren Vertrauen ausstrahlende Demokratie. Dazu gehöre Rechtssicherheit, keine Korruption, und die gesetzliche Hoheit öffentlich handelnder Körperschaften. Das ist in starkem Maße überzeugend, denn wer würde schon sein Geld in Länder stecken wollen, von denen nicht klar ist, dass sie die plötzliche Inbesitznahme desselben durch herrschende Clans verhinderte, in denen die für oder mit diesem Geld Wirtschaftenden nicht das Vertrauen in ihre lokalen Versicherungssysteme und Bankhäuser hätte oder in denen Leistungen letztendlich gar keine Rolle spielten, wären die Korruptionsbeträge nur hoch genug. Vertrauen ist ein hohes Gut, wenn es um die Werte aller geht, die sie erwirtschaften. Raubt man ihnen widerrechtlich oder mangels Recht die von Ihnen erwirtschafteten Güter, ist das Vertrauen dahin.

Sollte man Länder beschreiben, die dieser Schilderung gleichkommen, dann schweift der Blick meistens sofort in die Ferne, was der Sache allerdings nicht gerecht wird. Einmal abgesehen von dem durchaus beachtlichen internationalen Ranking in der jährlich von Transparency International veröffentlichten Skala über die Rolle von Korruption existiert noch eine andere Mentalität in der herrschenden Politik, die dem Gebaren eines Schurkenstaates würdig ist. Es handelt sich um den Zugriff des Staates auf die gesetzlichen Versicherungssysteme von Krankenkassen und Renten. Vor allem letztere sind vor Ausplünderung nicht sicher. Die erste, einer Kollektivierung des Rentenvermögens bolschewistischen Ausmaßes, geschah unter dem konservativen Bundeskanzler Helmut Kohl, als es um die Finanzierung der Angliederung der ehemaligen DDR an das Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland ging. Ohne die Versicherten zu fragen wurden nicht nur Rentenansprüche aus den neuen Gebieten dem Rentensystem zugewiesen, was allerdings ohne große Probleme verkraftbar und wahrscheinlich auch von den Versicherten befürwortet worden wäre, hätte man sie eben nur gefragt. Aber die zweckentfremdeten mehreren Hundertmilliarden DM zum Aufbau Ost wurden auch kurzerhand aus diesen Kassen entnommen.

Kohl glänzte in der Sonne der Vereinigungsromantik, während die Nachfolgeregierung Schröder schnell als Spielverderber galt, weil sie mit geplünderten Rentenkassen konfrontiert wurde und Lebensarbeitszeiten anhob und Ansprüche absenkte. Da es jedoch so wunderbar geklappt hat was die Verdunkelung des Vorgehens anbetrifft, hat sich anscheinend die jetzige Große Koalition schnell darauf einigen können, ein Versprechungspaket für verschiedene Zielgruppen wieder einmal aus den Rentenkassen mit jährlich 10 Milliarden Euro zu finanzieren. Gefragt wurden die Versicherten wieder nicht. Rebellieren tun sie aber auch nicht, was ein Licht auf die Atmosphäre in diesem Land wirft. Es ist ja nicht der einzige Punkt, bei dem das Durchdeklinieren der Weltbankkriterien für eine rechtssichere und solvente Gesellschaftsordnung ins Stocken geriete.

Da gäbe es noch die Rolle der Banken zu beleuchten, die, wie die jüngste Eurokrise dokumentiert hat, mit Privatvermögen die Köder für deutsche Großinvestoren auswarfen, die ihren Schnitt gemacht haben, man betrachte nur die Waffensysteme, die man an Griechenland verkaufte. Als diese mit billigen Krediten, die aus hiesigem Privatvermögen bezahlt wurden, nicht mehr bedient werden konnten, enteignete man die Gläubiger, stellte die Schuldner unter politisches Kuratel und inthronisierte die windigen Dealer als systemisch relevant. Das entspricht in großem Maße dem Bild, das die Weltbank und unsere eigene Politik in Sonntagsreden jedem, der es nicht hören will predigt als die Faktoren, die das Vertrauen der Wirtschaft in politisches Handeln dahinrafft. Das wissen wir jetzt. Die Schurken laufen auch hier herum, so ganz ohne Kalashnikov und Augenklappe.