Archiv für den Monat Oktober 2013

Die schwäbische Hausfrau und die Hormone des Wachstums

Es handelt sich um eine eigenartige Irritation. Wir erleben in der Öffentlichkeit, oder besser ausgedrückt, in der Sache der Öffentlichkeit Verhaltensmuster, die sich mit der Logik von unseren individuellen Lebenswelten nicht mehr decken. Das, was wir wie selbstverständlich jeden Tag machen, um zu überleben, gelingt uns in der Öffentlichkeit nicht mehr, weil wir andere Ansprüche an das Gemeinwesen anmelden, als wir es je gegenüber Personen täten. Zum einen sind wir Bestandteil dieser nicht konsistenten Logik, weil wir uns in diesem System genauso bewegen wie in unserem privaten, zum anderen sind wir sehr empfänglich für die nicht selten populistische Kritik daran. Die berühmte schwäbische Hausfrau, die so gerne von Teilen der Politik bemüht wird, ist ein hervorragendes Beispiel für diese Art des Populismus.

Klar ist, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung eine Fähigkeit besitzt, die dem öffentlichen Diskurs und den damit verbundenen Aushandlungsprozessen zunehmend abgeht: Die der Einschränkung. Das so oft angeführte Beispiel, dass sich jeder Mensch nur das leisten kann, wofür er Geld hat ist so trivial wie zutreffend. Und was machen wir, als private Wesen, wenn wir etwas Neues begehren, das wir haben wollen? Wir schränken uns ein oder wir streichen andere Ausgaben. Das kann jeder, das passiert jeden Tag millionenfach ohne Geschrei und Gezeter.

Im Gegensatz dazu ist das Umsteuern öffentlicher Haushalte nahezu nicht mehr möglich. Einen sterbenden Hund auch sterben zu lassen, um sich einer Investition in die Zukunft zu befähigen, ist aufgrund des flächendeckenden Besitzstandslobbyismus schlichtweg nicht mehr möglich. Sobald Leistungen, seien sie noch so ungerecht, zukunftskontrovers oder absurd, zur Disposition stehen, rollt eine Woge des Protestes gegen die armen Teufel, die es gewagt haben, mit der Rationalität geschäftsfähiger Bürger den dann kolportierten totalen Abbau, kaltherzigen Schlag oder zynischen Tod der nutznießenden Lobby zu inszenieren.

Das Fazit dieser Situation ist der faktische Stillstand, weil logischerweise Zukunft nicht mehr stattfindet, wenn man nicht in sie investieren kann. Wenn die Budgets der Gegenwart und der Vergangenheit sakrosankt sind, ist im Status Quo Endstation. Es sei, denn, man spekuliert mit einer Anleihe auf die Zukunft durch Neuverschuldung. Letzteres ist der nahezu standardisierte Weg des politischen Handelns geworden. Allerdings nicht, weil die herrschenden Politikerinnen und Politiker verantwortungslose Wesen wären, sondern eher, weil sie den Zorn der Besitzstandshydra fürchten. Letzten Endes müssen wir uns mit einem Geisteszustand befassen, der uns allen eine schizoide Grundstruktur bescheinigt: Wir lassen in Bezug auf unsere Interessen im politischen Aushandlungsprozess die Logik selbst nicht mehr zu, der wir in unserem eigenen, privaten Alltag ohne zu murren und mit großem Vertrauen folgen.

Der eine Hebel, mit der sich die Gesellschaft aus der Verantwortung zum Kürzen in strategisch belanglosen Bereichen befördert, ist der der Aufnahme von Krediten, d.h. die Neuverschuldung. Der andere, ideologisch weitaus verhängnisvollere, ist die uneingeschränkte Forderung nach Wachstum. Und ein weiteres Symptom für die die Logik betreffende Pathologie ist die Tatsache, dass die heftigsten Kritiker der Wachstumsideologie die schlimmsten Verfechter antiquierter Besitzstände sind. Wer die durchaus berechtigte Kritik an dem Verhalten des politischen Systems auf die handelnden Politiker reduziert, greift mit der Kritik ins Leere. Der Staat, das sind auch wir und unser Verhalten. Und eine Gesellschaft, die sich nicht mehr darauf einigen kann, Dinge zugunsten von Investitionen in die Zukunft zu lassen, die verspielt leichtsinnig ihre positive Prognose.

Mega Cities: Ordnung & Kreativität

Eine der Kernaussagen in Doug Saunders Buch Arrival City, das sich mit dem Phänomen der Massenmigration hin zu Metropolen und Mega Cities befasst, bezieht sich auf die positiven Faktoren, die aus der Überlastung der städtischen Organisation resultieren. In den provisorischen, informellen Zonen der großen urbanen Magnete existieren nicht nur Probleme hinsichtlich der Hygiene, der Versorgung, der Infrastruktur und der Bildungseinrichtungen. Gerade dort werden auch die innovativen Impulse gesetzt. Die informellen Sektoren der großen Städte werden von Seiten der Stadtplaner als Quell krimineller Umtriebe gesehen, doch dort werden mindestens in gleichem Maße die Prototypen neuer Entwicklungen sozialisiert, und das reicht von Politiktypen bis hin zu Designern.

Die Gesellschaften, die aufgrund ihrer Geschichte und ihrer wirtschaftlichen und politischen Attraktivität dazu animieren, sich dorthin zu begeben, sind in nuce konfrontiert mit einem antagonistischen Widerspruch, der sich schlichtweg nicht lösen, sondern nur aushalten lässt. Zum einen ist die Anzahl der Hinzukommenden in der Regel so groß, dass die bestehenden Strukturen kommunaler Organisation versagen. Und dort, wo die Ordnung in die Knie geht, breitet sich Humus für Illegalität aus. Zum anderen ist es gerade das Nicht-Vorhandensein der Ordnung, was eine gewisse Kreativität und nicht system-konforme Entwicklung von Lebens- und Arbeitsformen ausmacht, weil es multi-kulturelle Synergien ermöglicht. Der Profit des letzteren kommt beiden Seiten zugute: der aufnehmenden Gesellschaft in Form innovativer Impulse, den Immigranten als geglückte Karriere in einer neuen Welt.

Los Angeles gilt als eine Metropole, die dieses erkannt und sich entschlossen hat, mit der Ambiguität von erodierender Ordnung und der Etablierung kreativer Unordnung zu leben. Folglich funktioniert diese Metropole und deren informeller Sektor wie ein Durchlauferhitzer, d.h. die Anzahl der jährlich hinzugezogenen Immigranten entspricht ziemlich genau der Anzahl derer, die dieses Stadtgebiert wieder verlassen, um in Siedlungen des Mittelstandsmilieus sesshaft zu werden. Dass hört sich gut an, ist jedoch für viele dennoch nur schwer zu ertragen. Ambiguität, d.h. die Unwägbarkeit, weil verschiedene, sich teilweise widersprechende Tendenzen sich beißen, ist nur schwer zu vermitteln, weil das System, dass sich wiederum dahinter verbirgt, der Lebenserfahrung aller, die in so genannten geordneten Verhältnissen leben, heftig widerspricht.

So ist es kein Wunder, dass über den Globus verteilt sehr unterschiedlich mit dem Phänomen umgegangen wird. In China versucht man Informalität gar zu planen, in Südostasien schnelle Benefits zu ziehen, ohne gesellschaftliche Permissivität zuzulassen und im alten Mekka der Immigration, New York City, hat der Bürgermeister Micheal Blumberg, dessen zweite Amtszeit sich dem Ende neigt, die Politik Rudolph Guilianis fortgesetzt und mit einer rasanten ordnungspolitischen Offensive das Val Paraiso der weltweiten Einwanderung auf den Charme einer protestantischen Kleinstadtgemeinde in der regnerischen englischen Provinz gebracht. Die strikte Durchsetzung des Gesetztes und eine immer länger werdende Liste von Reglements und Verboten, die sich bis auf die akribische Beschreibung von Rauchmöglichkeiten, des restringierten Ausschanks von Alkohol, der nur behördlich Überwachten Illuminierung von Festen und der festgelegten Größe von Limonadenflaschen erstrecken, haben die etablierte Ordnung zum Sieg verholfen.

Blumberg, der sein Amt bekanntlich für ein symbolisches Gehalt von einem Dollar ausgeübt hat und dessen Privatvermögen auf ca. 27 Milliarden Dollar geschätzt wird, hinterlässt der kommunalen Nachwelt eine Stiftung, die sich mit dem Design der Städte und ihrer Verwaltungen der Zukunft befasst. Bei einem Konvent in diesen Tagen wurden zentrale Themen angeboten, die überall eine Rolle spielen. Ein Thema im Angebot: Wie kann man Kreativität in einem urbanen Umfeld erzeugen? Da sollte man doch raten, die Kollegen vom Ordnungsdienst einmal zu konsultieren!

Balzac: Der Preis des Scheiterns

Wolfgang Pohrt: Honoré de Balzac. Der Geheimagent der Unzufriedenheit

Wie immer: Das Klischee steht! Der Bonvivant mit dem Doppelleben sitzt in einem Nachthemd ähnlichen Bekleidungsstück neben einer Kanne Kaffee und schreibt. Er schreibt Romane über die Reichen und Schönen, aber auch die Armen und Vergessenen in Paris, der Welthauptstadt des 19. Jahrhunderts. So hat die bürgerliche Literaturkritik den wohl schärfsten Chronisten des neu aufkommenden Kapitalismus zu einem romantischen Idyll herabgewürdigt. Dabei existieren in der Literatur bis zum heutigen Tag keine bestechenderen Bilder über das Wesen der Vermarktung des Geistes, über den Zusammenhang von Literatur und Anzeigenbetrieb, über den Konnex von Feuilleton und Ökonomie. Nicht, dass Honoré de Balzac ein larmoyanter Kritiker der wirtschaftlichen Wirkungsweisen der neuen bürgerlichen Gesellschaft gewesen wäre: Er spielte mit, er war ein harter Zocker und niemand hat so gnadenlos mit Literatur spekuliert wie Balzac selbst.

Jenseits der flauen Literaturkritik, die sich die Nachwelt gegenüber der gigantischen Comedie Humaine, einem Romanzyklus, der als Vorlage für heutige Serien wie die Sopranos, Homeland oder Boardwalk Empire gedacht werden muss, hat kein Rezensent das Ungeheuerliche Balzacs so erfasst. Bereits Anfang der achtziger Jahre konzipierte Wolfgang Pohrt sechs Essays als Radiobeiträge unter dem Titel Rückblick auf die Moderne für den SFB. Diese erschienen dann 1984 als Buch. In Honoré de Balzac. Der Geheimagent der Unzufriedenheit analysierte Pohrt das Werk Balzacs in einer Weise, die komprimierter nicht sein konnte und bis heute unerreicht ist.

Mit den Überschriften der sechs Kapitel, Unterhaltungskünstler und Geheimagent, Geld und Geist, Liebe und Geld, Journalismus und Halbwelt, Bildung und Zeitung sowie Moral und Erfolg sezierte der Autor Wirken und Schreiben Balzacs in den essenziellen Bezugsfeldern seines Lebens. Pohrts These, dass die bürgerliche Gesellschaft nie so schonungslos in ihrer Wirkungsweise offen gelegen habe wie im Paris der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts, was mit Romanpassagen aus Balzacs Werk in verblüffender Weise untermauert wird. Vor allem die Schlüsselromane der Comedie Humaine, Verlorene Illusionen und Glanz und Elend der Kurtisanen, bieten ein Spektrum an Gesellschaftsanalyse in den profanen Dialogen, die so und in dieser Form nie wieder erreicht wurde.

In einer genial verfassten Rekonstruktion des Gesellschaftskosmos der Comedie Humaine dechiffriert er die Botschaften des Marktes an die Ethik der neuen Epoche. Die hehre Literatur entpuppt sich als Spekulationsobjekt, die Spiritualität der neuen Gesellschaft wird aus Edelmetallen generiert, die Trugbilder der käuflichen Liebe wirken reizvoller als die Wirklichkeit, die lasterhafteste aller Prostituierten ist die öffentliche Meinung, das Wort Bildung ist eine Chiffre für Belanglosigkeit und das Scheitern, der Tod, ist die treffendste Metapher für die Realität. Wolfgang Pohrt wäre nicht Wolfgang Pohrt, wenn er gerade dem letzten Diktum nicht besondere Bedeutung beimessen würde und sie nutzte zur Würdigung Balzacs.

Der Mann, der gegen Vorschüsse seine besten Romane verschleuderte, der immer im Soll war und in zwanzig Jahren 120 Romane unter verschiedenen Namen produzierte, der nachweislich bis zu 50 Tassen Kaffee am Tag trank und sich die letzten Inspirationen mit der Opiumpfeife entlockte, war die Metapher schlechthin für den Literaturbetrieb unter kapitalistischer Produktionsweise geworden. Und er löste es immer wieder ein. Sein früher Tod war der Tribut an die schrankenlose Selbstausbeutung und die unstillbare Gier nach Wohlstand und Macht. Aber Balzac wußte um den Preis, über den er sich nicht beklagte. Wolfgang Pohrt hat diese großartige Figur des europäischen Realismus entstaubt und präsentiert sie in mattem, brüchigen Glanz.