Archiv für den Monat Juni 2013

Zukunft oder Hexenhammer?

Die Protagonisten, die momentan nicht so richtig auffallen, haben sie nun eingeläutet: Die heiße Phase des Wahlkampfes. Die Themen, die momentan die Nachrichtensender dominieren, haben mit dem Ereignis einer bevorstehenden Bundestagswahl nicht sonderlich viel zu tun. Jeden Tag erreichen uns massenhaft Berichte über die Flutkatastrophe entlang der Elbe. Immer wieder werden diese Nachrichten durchwirkt von den Ereignissen am Taksim Platz zu Istanbul, wo sich ein Präsident nicht von Wutbürgern vor sich hertreiben lässt, was hoch erstaunt. Oder von Themen wie dem Ehegattensplitting für Homosexuelle und dem Debakel um die Drohne aus dem Verteidigungsministerium.

Selbstverständlich sind das alles Fragen, mit denen sich der Diskurs einer Demokratie beschäftigen kann. Und wenn sie tatsächlich interessant sind wie die Flutkatastrophe, ihr globaler Kontext und die pragmatische Prophylaxe, oder das Verständnis von Politikverantwortung wie in der Türkei, dann wird das Essenzielle ausgeblendet und tunlichst über Einzelschicksale lamentiert. Grundsätzliche Positionen oder gar Programme, die angesichts einer Entscheidung über den Gestaltungsauftrag dringend Kontur annehmen müssten, sind leider nicht zu identifizieren.

Die einstmals beiden großen Volksparteien versuchen sich den Rang an den gemeinsamen Berührungspunkten abzulaufen, was auf schlichte technokratisch betrachtete Wahlarithmetik zurückzuführen ist. Die Freien Demokraten zeigen Schlupflöcher für die windigen und findigen Vertreter ihrer Klientel bei dem von allen Parteien getragenen Prozess der Ausdehnung des staatlichen Wirkungsbereiches. Die Grünen wiederum sind die moralistischen Hardliner beim Ausbau der Bürokratie und staatlicher Regulierung. Die Linke will den Staatsmonopolkapitalismus pur und die Piraten sind ein antiautoritärer Reflex auf wie auch immer vorhandene Kompetenz.

Der große Konsens, mit dem das politische Lager aufwartet, besteht aus der Expansion des Staates, einer Zentralisierung der EU und einer Reglementierung aller Lebensbereiche. Die Strukturprobleme der globalisierten, kapitalistischen und durch Finanzspekulationen befeuerten Wirtschaft unterliegen einem gemeinsam verwalteten Tabu: Massenarbeitslosigkeit aufgrund von zu hohen Lebenshaltungskosten bei zu geringer Qualifikation wird nicht versucht politisch zu lösen, sondern durch Subvention des Missstandes zu befrieden.

Ökologie wird dort zum Thema, wo die Individualhaushalte zur Kasse gebeten werden können, in Bezug auf Kostenumlagen aber deshalb negiert, weil die gegenwärtigen Kosten die Alternativen rein ökonomisch nicht attraktiver machen. Die weltweite Migration ist aus einer Erscheinung politischer, sozialer oder ethnischer Konflikte zu einer gattungsgeschichtlichen Tendenz der Urbanisierung geworden. Anstatt diese globale Tendenz als Impuls für notwendige kulturelle Innovationen zu nutzen, werden unter Aufwand immenser Mittel Integrationsindustrien am Leben gehalten, die vergeblich an dem Zwang arbeiten, jede andere Form des sozialen Daseins in eine Mutterform der normativen Binnenkultur zu gießen.

Das gegenwärtige Dasein ist geprägt durch unvergleichliche Besitzstände numerisch immer weniger werdender Bürgerinnen und Bürger bei gleichzeitiger Abnahme der denkbaren Zukunftsmöglichkeiten. Das Portfolio der Zukunft im Alten Europa ist dürftig. Hier, wo sieben Prozent der Weltbevölkerung leben, die einen Anteil der Weltwertschöpfung von 25 Prozent erwirtschaften, werden andererseits mehr als 50 Prozent der globalen Sozialausgaben veräußert. Das wirft ein sehr klares Licht auf die tatsächlichen Verhältnisse. Angesichts derartiger Zustände ist es vonnöten, sich Gedanken über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen zu machen und eine Diskussion darüber zu führen, wie es weiter gehen soll mit uns, unserem Gemeinwesen und dem Rest der Welt. Das wäre spannend. Und das sollten wir auch im Wahlkampf thematisieren! Wen interessieren angesichts der wahren Herausforderungen eigentlich die stumpfen Symboldebatten, die nichts bewirken als den Nachweis über die Übereinstimmung mit dem modernen Hexenhammer? Inquisition war gestern. Zukunft ist morgen!

Seren und Narkotika

Wer kennt sie nicht, die mahnenden Ratschläge der Ärzte oder den Gesundheitsdiskurs in der Politik. Figuren wie der Sozialdemokrat Lauterbach sind sogar dazu angetan, die durchaus wichtigen Fragen der Gesundheitserhaltung mit dem Kabarett zu verwechseln. Gut im Gedächtnis geblieben ist eine TV-Diskussion mit Lauterbach und der grünen Politikerin Künast, die gefragt wurden, ob es zu viele Vorschriften und mahnende Hinweise und vor allem zu viele Dekrete seitens der EU gebe, die das Thema zu würdigen hätten. Das Fazit beider war, dass nicht zu viele Paragraphen zum Gesundheitsschutz, sondern zu wenige existierten.

Die Diskussion war, um im Bild zu bleiben, symptomatisch für eine gesellschaftliche Entwicklung und sie sollte nicht fest gemacht werden an den beiden Protagonisten dieses Gespräches. Wichtig ist jedoch die Tatsache, dass es für beide anscheinend sonnenklar ist, dass das Gros der Menschen nicht selbst beurteilen kann, was gesund ist und was krank macht. Natürlich existieren Bevölkerungsgruppen, die selbst nicht mehr kochen können und sich nur noch von Junk Food ernähren, natürlich gibt es Menschen, die sich zu wenig bewegen und natürlich gibt es Menschen, die zu Rausch- und Arzneimitteln greifen, um ihre Alltagsprobleme in den Griff zu bekommen.

Das Phänomen ist nicht neu, jedoch durch den aggressivsten Lobbyismus in der Geschichte der Pharmaindustrie zu einer Dimension gereift, die zu großer Skepsis veranlasst. Das nach-industrielle Zeitalter, das durch die Digitalisierung der Kommunikation beschrieben wird, hat es zu einer Dichte geschafft, die es vorher so nicht gab. Mit der Abnahme unmittelbarer Erfahrung und einer exorbitanten Entfremdung der Welt ist der Homo sapiens einer massiven Krise seiner sozialen Stabilität und einer wachsenden Diffusion der eigenen Identität ausgesetzt. Das, was er braucht, sind mögliche Orientierung, soziale Bindung, Solidarität und eine eigene Entscheidung. Die Objektivierung des Subjektes ist wahrscheinlich der größte Krisengenerator überhaupt.

In diesem Kontext mit Geboten und Verboten arbeiten zu wollen, wäre nur dann plausibel und verzeihlich, wenn sie einher gingen mit einem Plan zum Kompetenzerwerb und der eigenen Befähigung, die richtigen Entscheidungen zu fällen und richtig zu handeln. Aber gerade weil es nur um die Reglementierung derer geht, die zunehmend zu erkranken drohen, muss leider davon ausgegangen werden, dass wir es mit Brokern des Elends zu tun haben, die alles, was das Leben lebenswert macht zu den Störfaktoren rechnen und kriminalisieren, während die Arbeit und die damit einher gehende Form der Zivilisation in ihrer Generierung von Dysfunktionalität und Unglück tabuisiert werden.

Wir sind zeugen einer der großen Paradoxien dieser Moderne, betriebswirtschaftliche Modelle vollbringen das Kunststück, den Zweck der menschlichen Existenz, nämlich Leistung, Freiheit und Glück, in ein dissonantes System zu verwandeln. Die Leistung wird wie ein tödliches Serum isoliert und als Zweck verabsolutiert, während Freiheit und Glück als psychedelische Narkotika auf den Index gesetzt und gesellschaftlich verbannt werden. Da wundert es kaum, dass der Begriff von Gesundheit so kompliziert geworden zu sein scheint. Denn das, was sie immer war, zu leisten und das Leben in vollen Zügen zu genießen, wird ihr seit langem nicht mehr zugesprochen. Klapperdürr steht sie da, im Zustand der Askese! Und sie wundert sich, dass ihre Attraktivität so gelitten hat!

Radio Pjöngjang

Ausgerechnet Klaus Kleber, der Jurist, der sich zu einem durchaus respektablen Journalisten gemausert hat und den wir alle aus dem Heute Journal kennen, ausgerechnet Klaus Kleber verglich die Tagesthemen der ARD mit den Nachrichtensendungen Nordkoreas, in denen mit kalter Miene vom Blatt abgelesen werde. In seiner eigenen Sendung, in der er selbst erscheint wie das letzte Relikt aus einer Ära, als man noch eine Vorstellung vom Gehalt einer Nachrichtensendung hatte, dominiert nicht die Regie aus Pjöngjang, sondern die aus Bollywood. Was die Moderatorinnen in diesen Format an den Tag legen, ist lauer Zeitgeist, eine Mischung aus lapidarer Sprache und anti-autoritärem Trotz und weit entfernt von dem, was es zu reklamieren sucht.

Unerwarteter und erstaunlicher Weise waren die Kommentare derer, die Klebers Auslassungen in spiegel online gelesen hatten, durchweg kritisch. Sie teilten nicht die Auffassung, dass eine Nachrichtensendung locker und unterhaltsam sein müsse, um als qualitativ wertvoll bezeichnet werden zu können. Nahezu einhellig dokumentierte die Leserschaft ihren Willen zu Konzentration und Seriosität. Das beruhigt, ist aber wohl eher ein Zufallsergebnis.

Der scheinbar an Unterhaltungskriterien entwickelte Diskurs kaschiert allerdings eine sehr verbreitete und seit längerer Zeit ebenfalls in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten durchaus etablierte Form der Meinungsbildung und gezielten Manipulation. Vor allem die Kolleginnen von Herrn Kleber sind für alle, die eine Nachrichtensendung anschalten, um Nachrichten zu erhalten, ein ständiges Ärgernis. Wie Modelle aus der anti-autoritären Kinderladenbewegung werfen sie ihr infantiles Politikverständnis mit einem rotzigen Ton und sprachlich restringiert in die längst ausgeschlagene Waagschale, um ihre persönliche Meinung zu einem Maßstab für die Zuschauerinnen und Zuschauer zu machen. Dabei ist das Politikverständnis bemitleidenswert eng gefasst, der sprachliche Duktus allenfalls ausreichend für eine Casting-Show und der Emotionsexhibitionismus eher ein Fall für das Dschungel Camp oder Big Brother.

Die Entwicklung des Heute Journals korrespondiert mit dem vermeintlichen nachlassenden Vermögen der Zielgruppen, aus einer kalten Information, die als ein Faktum für sich steht und die aus einem bestimmten Kontext zu deuten ist, sich eine eigene Meinung zu bilden. Es ist nicht nur seltsam, dass es immer noch viele Menschen gibt, die diese Art und Weise des Informationserwerbs bevorzugen, sondern auch in der Lage sind, den manipulativen Charakter der immer mehr um sich greifenden Nachrichtendeformation zu entlarven.

Das Problem liegt also nur zum Teil an den massiv betriebenen und auf allen Kanälen forcierten Entmündigungsversuchen, sondern in der Unfähigkeit, eine wirksame Opposition zu organisieren. Das Phänomen, das sich nolens volens hinter dem Vergleich mit Pjöngjang verbirgt, ist der Zusammenhang von Unterdrückung und Bevormundung und dem Maß notwendiger Gewalt. Während Regimes wie das in Nordkorea noch mit einer sehr eindimensionalen Vorstellung von Steuerung und Bevormundung agieren und notfalls mit dem Einsatz von Uniformierten daher kommen müssen, sind unter hiesigen Verhältnissen die bunt gekleideten und nett anzusehenden Mickey Mäuse aus dem Heute Journal in der Lage, zersetzende Herrschaftsideologie unters Volk zu bringen. Dort, wo sich Menschen organisiert gegen die modernen Raubzüge gegen den Humanismus zur Wehr setzen, rügen sie mit Liebesentzug und dort, wo die Illusion einer nie zu realisierenden Versöhnung gepflegt wird, reagieren sie mit einem verheißungsvollen Augenaufschlag. Und sie suggerieren schelmisch den bedingungslosen Individualismus als das höchste Gut. Das ist die schöne neue Welt, oder, wenn man so will, das moderne Radio Pjöngjang.