Archiv für den Monat Juni 2013

Existentialismus ohne Burnout

Herman Melville, Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall Street

Das Leben Herman Melvilles gereichte heutzutage zu einem Roman. Das aus der Retrospektive einer überhitzten Digitalisierung als so gemächlich betrachtete 19. Jahrhundert hatte es in sich. Melville, Sohn schottischer und niederländischer Immigranten wurde in New York geboren, ging zur Schule, brach sie ab, jobbte als Kaufmann und Pelzhändler, heuerte auf einem Walfänger an, desertierte, streunte durch die Südsee, kaufte im so englischen Massachusetts einen Bauernhof, auf dem er in einer 13jährigen Periode seine Bücher schrieb, kehrte nach New York zurück, wo er sein Arbeitsleben als Zollinspektor beendete, da er von seiner Schriftstellerei nicht leben konnte. Bekannt wurde er mit und Weltruhm erlangte er durch Moby Dick (1851). Israel Potter (1855) und Billy Budd (1924, post mortem) wurden erst viel später zur Kenntnis genommen.

Es spricht für die Komplexität von Melvilles Schaffen, dass selbst die Branche der Literaturwissenschaften bis heute immer wieder neue Anläufe braucht, um das Werk dieses außergewöhnlichen Schriftstellers abermals zu dechiffrieren. Eine eher kleine Schrift aus dem Jahr 1953 mit dem Titel Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall Street, hat in den letzten Jahren einen exorbitanten Stellenwert zugesprochen bekommen. Von der vermeintlichen Entdeckung einer frühen Form des Burnout Syndroms bis zur Kernschrift von Melvilles existenzialistischem Weltbild reichen die Interpretationen. Wie immer sind die Leserinnen und Leser gut beraten, die Geschichte selbst zu lesen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Da die Geschichte über keinen Plot verfügt, ist es auch nicht möglich, ihn zu verraten. Der ganze Reiz dieses Textes besteht in der Art der Erzählweise und dem Arrangement von Verwunderung und Befremdung, ohne mit dem Mittel der Spannung arbeiten zu müssen. Bartleby, der Schreiber, um den es geht, arbeitet in einer Anwaltskanzlei an der Wall Street und macht dadurch auf sich aufmerksam, dass er sich sukzessive aller Tätigkeiten, für die er bezahlt wird, mit der Bemerkung, das möchte ich lieber nicht, entzieht. Nicht nur in den Augen des Erzählers, dem Inhaber der Anwaltskanzlei, ist die Verhaltensweise dieses Mannes irritierend. Interessant ist die Reaktion der Umwelt, die nach der Verwunderung zumeist mit dem Ressentiment der bestehenden Ordnung reagiert, aber unterbewusst beginnt, die Formulierungen Bartlebys zu übernehmen und das Zweideutige und Vage einer Handlung in den Vordergrund stellen.

Wie die Leserschaft erst zum Schluss der Geschichte erfährt, war jener merkwürdige Bartleby über lange Jahre in Washington im Dead Letter Office beschäftigt, jener Abteilung der Post, die Briefe an Verstorbene zu verwalten und deren materielle Beigaben abzuwickeln hat. Dieser Hinweis suggeriert in sehr starkem Maße einen Interpretationsansatz, der schlüssig zu sein scheint. Das Wissen um die Vergänglichkeit und die letzten Akte einer nicht mehr erwiderbaren Kommunikation, das in der Figur des Bartleby kulminiert, unterstreicht das Episodenhafte der menschlichen Existenz und seiner Leistungsideologie.

Eine derartige Aussage im Zentrum des Finanzkapitalismus, der Wall Street, mit seiner protestantischen Hochleistungsideologie zu treffen, hat wahrlich eine unerhörte Dimension. Dass Melville für diese Schrift nicht auf der Stelle verhaftet wurde, liegt an ihrer vermeintlichen Profanität, auch wenn die Handlung befremdet. Melvilles Kritik am weltlichen Protestantismus war viel zu subtil, um das Gleißende sofort sichtbar zu machen. Bartlebys höfliche, doch konsequente Form der Arbeitsverweigerung bleibt in ihren existenzialistischen Motiven brandaktuell.

Poesie von Moderne und Humanität

W.H. Auden, Poems selected by John Fuller

Wystan Hugh Auden war einer der wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Die Besonderheit seines zumeist sehr befremdlichen, aber scharfen Blickes resultierte aus der so gar nicht in Klischees passenden Biographie. Auden wurden 1907 in der Grafschaft York in Großbritannien als Sohn eines Arztes und einer Krankenschwester geboren und genoss die klassisch hochkarätige Hochschulausbildung, die eine Brite nur erwerben konnte, mit einem Studium in Oxford. Der früh und zeit seines Lebens bekennende Homosexuelle machte sich mit dieser offensiven Vorgehensweise zum Outcast der besseren Gesellschaft, obwohl er aufgrund seiner Sozialisation und Bildung dazu gehörte. W.H. Auden war im anglophonen Sprachraum als Journalist, Essayist, Librettist für Musikkompositionen und als Poet hoch geachtet, im deutschen Sprachraum fand er nahezu ausschließlich als Lyriker Erwähnung.

In dem kleinen, aber feinen Band W.H. Auden, Poems selected by John Fuller, der knapp 100 Seiten umfasst, hat John Fuller die poetischen Juwele aus dem Gesamtwerk Audens zusammengestellt. Die Auswahl ist insofern nahezu perfekt, weil sie die verschiedenen Schaffensphasen berücksichtigt. Durch chronologisches Vorgehen, das mit dem Gedicht A Watershed aus dem Jahr 1920 beginnt und mit No, Plato, No aus dem Jahre 1973 – Audens Todesjahr – endet, werden nicht nur die unterschiedlichen Schaffensphasen und lyrischen Dukti dokumentiert, sondern auch deutlich gemacht, dass Auden in allen Entwicklungsphasen eine außergewöhnliche Fähigkeit besass, um das Profane in das Medium sprachlicher Ewigkeit zu hieven und das Fundamentale in seinem Stellenwert auf das Profane zu reduzieren.

Audens Poesie war durchdrungen von dem tiefen politischen Empfinden, das ihn auch in den anderen Metiers, in denen er es zur Meisterschaft brachte, entscheidend prägte. Selbstverständlich findet sich in der vorliegenden Sammlung auch Spain 1937, in dem Auden seinen Zorn über das Scheitern der Spanischen Republik und den Sieg des dortigen Faschismus zum Ausdruck bringt. Ohne politisch plakativ zu sein, gelingt es ihm, die Konsequenzen dieses historischen Dramas auf die Lebensverhältnisse der einfachen Leute zu projizieren, ohne die historische Dimension, die sich mit dieser Tragödie für Europa ankündigte, nur einen Moment auszublenden.

Und selbstverständlich findet sich auch der berühmte Funeral Blues aus dem Jahr 1936 in diesem bemerkenswerten Band, welcher durch das Zitat in dem Film Vier Hochzeiten und ein Todesfall noch einmal einer jüngeren Generation zugänglich gemacht wurde. Dieses Bekenntnis zu einer homosexuellen Liebe ist durch die lyrische Qualität und die sprachliche Explosivität wohl eines der schlagendsten Argumente gegen die Intoleranz des Mainstreams im 20. Jahrhundert gewesen und geblieben.

Und natürlich fehlt nicht der Refugee Blues aus dem Jahr 1939, in dem Auden bereits zu einer Zeit auf das Schicksal der Juden in Europa aufmerksam machte, als die Saturierten noch ihren letzten Appeasement-Anfall verdauten. Hier trifft die Genre-Bezeichnung Blues zu wie nie, weil er das Elend genauso anprangert wie er die Wut verspüren lässt.

Und natürlich ist der nie vergessene Achtzeiler unter dem Titel August 1968 noch einmal zu genießen, in dem der nicht müde gewordene Streiter für die Humanität die Aufgabe des Intellektuellen im Kampf gegen das tyrannische Monster beim Namen nennt. Denn, so lautet die Botschaft, wer Macht über die Sprache verfügt und dennoch schweigt, macht sich schuldig an der Tyrannei des Monsters.

Wer schlicht die Poesie dieses großartigen W.H. Auden genießen will, der hat den richtigen Einstieg mit diesem Band gefunden. Er schafft Zugang zu einem wahrhaften Hommes de Lettres!

Erdogans intellektueller Protektionismus

Es ist normal, dass im Zustand der Erregung der Anlass der Erregung im Vordergrund steht. Die gegenwärtigen Geschehnisse auf dem Istanbuler Taksim Platz für sich und isoliert betrachtet werfen aus der Außensicht ein ranziges Licht auf die Zustände in der Türkei und suggerieren einen Zustand, der bei näherem Hinschauen allerdings Ursachen zutage fördert, die in in ihrer eigenen Dimension momentan nicht beleuchtet werden. Die Frage, die bei der gegenwärtigen Situation gestellt werden muss, ist nicht die, ob ein Bauprojekt in Istanbul gegen den Willen vieler Anwohner durchgezogen werden soll und darf oder nicht, sondern die, in welchem Zustand die Türkei sich insgesamt befindet und welche politischen Schlüssel verfügbar sind, um ihr zu einer positiven, demokratischen Entwicklung zu verhelfen.

Vor noch gut einem Jahrzehnt bescheinigte die internationale Berichterstattung der Türkei einen alles andere als stabilen Zustand. In vielerlei Hinsicht bekam sie Testate, die der typischen Dauerkrisenkategorisierung entsprachen: Eine instabile Wirtschaft, Massenarbeitslosigkeit, ein hohes Maß an Inflation, häufig wechselnde Regierungen, hohe Korruption, vehemente Defizite in der Rechtsstaatlichkeit und eine allgemeine Unberechenbarkeit im internationalen Gefüge. Mit dem Machtantritt der AKP und ihrem Führer Erdogan wandelte sich das Land rasend. Viele der oben aufgeführten Kriterien entwickelten sich zum Besseren. Korruption wurde bekämpft, dem spekulativen Bankwesen ein Ende gesetzt, Arbeitsplätze geschaffen, außenpolitisch wurde maßvoll agiert und hinsichtlich der Bildung und Infrastruktur wurde eine ungeheure Modernisierung eingeleitet. Große Teile der Bevölkerung honorierten in zwei Wahlen dieses Vorgehen, das sich durch einen Spagat zwischen der Besänftigung großer fortschrittsskeptischer Bevölkerungsteile und den Bedürfnissen neuer und moderner urbaner Eliten definierte.

Mit der Etablierung der neuen, aus der AKP rekrutierten politischen Elite wurden die ersten Risse deutlich. Erdogan setzte zunächst auf ein Ablenkungsmanöver in der Außenpolitik, indem er zunehmend im arabischen Raum und in Nordafrika mit der wirtschaftlichen Kraft im Rücken den osmanischen Machtanspruch unterstrich und sich zunehmend aggressiv in internationalen Konflikten zu profilieren suchte. Womit die AKP nicht gerechnet hatte, war die Wucht und Vehemenz, mit der die Modernisierung vor allem in der Mega-Metropole Instanbul einschlug und dort Demokratisierungsbedürfnisse weckte, die auf dem flachen Land keine analoge Relevanz entwickelte.

Das, was als großes Verdienst der Regierung gewertet werden muss, nämlich ein Fingerspitzengefühl für die traditionellen Regionen und Bevölkerungsteile besessen zu haben und diese dadurch von einer fundamentalistischen Entwicklung bewahrt zu haben, scheint sie nicht für die städtische Moderne ausgebildet zu haben. Der fatale und vielleicht tödliche Fehler Erdogans scheint die machtttaktische Einschätzung zu sein, seine Massenbasis gegen die urbanen Eliten ausspielen zu wollen. Auch sie sind das Ergebnis seiner eigenen Politik der Modernisierung und Internationalisierung. Letzteres bedeutet immer eine grundlegende Permissivität der eigenen existierenden politischen Kultur für Trends aus den anderen modernen Metropolen. Austausch findet nicht nur in den Häfen, sondern auch in den Köpfen statt und die Schlussfolgerung kann kein intellektueller Protektionismus sein.

Die Lehre, die die türkischen Machthaber hätten ziehen müssen, liegen vor allem in der Erkenntnis, dass eine Internationalisierung der Verkehrsformen eine Internationalisierung der Kommunikationsstile nach sich ziehen muss. Jetzt, wo der Unmut über die Provinzialität der Kommunikationskultur zum Ausbruch kommt, mit obrigkeitsstaatlicher Gewaltanwendung zu reagieren, ist das beste Dokument für die nicht gelernte Lektion. Was das für die Türkei bedeutet, steht noch aus. Egal, wie sich die nächsten politischen Schritte in der Türkei gestalten, das Grundproblem wird bleiben: Wie kann es gelingen, Traditionalismus und Modernität zu einer Konkordanz zu befördern, ohne die das Land gewaltig zerrissen wird!