Archiv für den Monat Juni 2013

Besiktas, Fenerbahce, Galatasaray und der Facebook-Journalismus

Es war sinnvoll, ein wenig zu warten. Zu schnell und zu dominant hatte der Facebook-Journalismus die Proteste in Istanbul, die auf das ganze Land übergriffen, zu einer Analogie zu hiesigen Wutbürgergeschichten umgedeutet. Schlimmer kann man Geschichte nicht klittern! Und obwohl bestimmte Strategien der Niederschlagung des Protestes zwischen Istanbul und Frankfurt durchaus Analogien aufweisen, der Protest selbst ist es nicht.

Tayyip Erdogan, der bis vor kurzem unumstrittene AKP-Führer, ist nach dem Brasilianer Lula Da Silva einer der ersten Premiers, die aus den großstädtischen Slums kommen. Seine politische Karriere wurde vor allem durch die Fähigkeit definiert, die moralischen Ängste der Landbevölkerung vor zu schnellen und ungezügelten Veränderungen zu kennen und die Abneigung der städtischen Bevölkerung gegen den Korruptionssumpf ernst zu nehmen. Tayyip Erdogan ist seit seiner Wahl 2004 eine enorme Entwicklung seines Landes gelungen. Er konsolidierte ein marodes Bankensystem, er bekämpfte die Korruption in Politik und Bauwirtschaft, er kontrollierte die Liberalisierung der Gesellschaft insoweit, dass bestimmte Tendenzen die Konservativen im Lande nicht Amok laufen ließ. Erfolge in Bildung und Wirtschaft gaben ihm Recht.

Dann, als die wirtschaftliche Entwicklung unterschiedliche Interessengruppen hervorbrachte und die Stimulans für eine neue Immobilienblase setzte, begann der Präsident innenpolitisch zu rudern. Mit dem Eklat beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos vor vier Jahren, als er unter Protest und schweren Vorwürfen gegen Israel das Podium verließ, leitete er eine Kompensationspolitik ein, die nahezu klassisch ist: Innenpolitische Probleme sollten durch einen Großmachtanspruch nach außen aufgewogen werden. Seitdem ist Erdogan auf Reisen, im so genannten arabischen Frühling gab er die osmanische Visitenkarte vor allem in Ägypten, Tunesien und Libyen ab. Und, wie es scheint, haben die fundamentalistischen Bündnispartner, die als einzige auf seine Avancen positiv reagierten, ihn selbst dazu verführt, mit den intoleranten Botschaften ins eigene Land zurückzukehren.

Dennoch sollte man sich davor hüten, die gegenwärtigen Ereignisse von der eigenen Erwartungshaltung her zu überhöhen: Der Protest, der in Istanbul seinen Anfang nahm, kam zuerst und in erster Linie von den Fangemeinden der drei verfeindeten Fußballclubs Istanbuls, Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas. Sie hatten sich zusammengeschlossen, um gegen die ständige, islamische Moralisierung des gesellschaftlichen Lebens zu protestieren. Kulminationspunkt war übrigens das Verbot des Straßenverkaufs von Bier. Erst nach diesem für die Stadt historischen Schritt reihten sich nach und nach jene bunten Gruppierungen ein, die heute wie ein Regenbogen erscheinen. Und gerade weil durch den Facebook-Journalismus die Glorifizierung der Protestbewegung im Sinne einer politisch korrekten Demokratiegemeinde in vollem Gange ist, sei der Hinweis erlaubt, dass es nach wie vor die Fußballfans sind, die sich mit der Polizei die härtesten Auseinandersetzungen liefern und dass die Anwohnerinnen des Taksimplatzes, die mit Essen, Medikamenten und Zuneigung die Bewegung unterstützen, vor allem getrieben werden durch das islamische Gebot der Nächstenliebe und nicht durch einen individualistischen Emanzipationsgedanken.

Tayyip Erdogan selbst ist angeschlagen, und Politiker, die so erfolgreich waren wie er, neigen in der Stunde der Demontage manchmal auch zu Verzweiflungstaten. Sollte er die konservativen Traditionalisten der AKP gegen den urbanen Protest mobilisieren wollen, droht ein Bürgerkrieg. Möge ihm das Plakat der drei Fanclubs immer vor Augen sein. Dort ist zu lesen: Tayyip – Do you know – Istanbul United – Since 31 May 2013

Die inspirative Grenze der Vergangenheit

Bill Frisell. Big Sur

Der 1951 in Baltimore, Maryland, geborene Gitarrist Bill Frisell wird in der Regel als dem Jazz zugehöriger Musiker bezeichnet und zumeist und nicht zu Unrecht in einem Atemzug mit John Scofield und Pat Metheny genannt. Mit letzterem studierte er zusammen, gelernt hat er vor allen Dingen bei Jim Hall. Während Metheny und Scofield als reine Jazzmusiker klassifiziert werden, fällt die Eindeutigkeit bei Frisell eher schwer. Neben seinen Arrangements, die dem Jazz zugerechnet werden können, machte er ebenso erfolgreiche wie intensive Exkursionen in die Pop-wie Filmmusik. Mit seinem neuen Album Big Sur, einer Hommage an Kalifornien, begibt er sich auf ein neues Feld, das in den Werbetexten als eine Jazzproduktion bezeichnet wird. So eindeutig wie angegeben ist die Geschichte jedoch nicht.

Allein das Line-up dokumentiert ein sehr ungewöhnliches Arrangement. Neben Bill Frisell an der Gitarre warten Eyvind Kang, viola, Hank Roberts, cello, Jenny Scheinman, violin und Rudy Royston, drums, auf. Das Album wurde exklusiv auf der Glen Deven Ranch in Big Sur, Kalifornien, komponiert und eingespielt und im Herbst auf dem Monterey Jazz Festival im Spätsommer 2012 uraufgeführt. Auf insgesamt 19 Stücken dokumentiert die Formation eine Herangehensweise, auf die man sich erst einmal einlassen muss. Eine spontane und sichere Klassifizierung ist nicht möglich, mischen sich doch immer wieder Jazz-Elemente, die durch die Interpretation von Instrumenten der klassischen Musik verfremdet wirken mit eindeutigen Entlehnungen aus der Country-Musik und so manchen Stellen, die mehr an klassische Kammermusik als alles andere erinnern.

Das Intro, Music of Glen Deven Ranch, wirkt wie eine Untermalung für die Verfilmung des Landlebens aus dem 19. Jahrhundert, Going to California dagegen ist in der Lage, die Ambigiutät dieses letzten US-Staates vor dem pazifischen Ozean deutlich zu machen, der durch seinen Zauber in der Lage ist zu berauschen, andererseits aber auch den Traum von der Unbegrenztheit des Zuges Richtung Westen zerstört. Highway 1, vom Rhythmus Rudy Roystons in einer sehr offenen Dynamik hinterlegt, inspiriert zu den Gedanken über die Unendlichkeit der Mobilität. We All Love Neil Young wiederum ist in einer so unverfänglichen Weise eine Country-Einspielung, dass man sich fragt, ob die vollkommen unkritische Übernahme einer derartigen Romanze ernst gemeint oder ein zynischer Hinweis ist. Big Sur, der Titel-Song, wirkt exklusiv psychedelisch, Walking Stick (for Jim Cox) macht endgültig deutlich, dass die musikalische Reise dieses Albums einer romantischen Episode der Vergangenheit gilt. Und Far Away, das letzte Stück, gibt wiederum Hinweise darauf, dass das Leben in der Post-Moderne um Lichtjahre von dem Projekt Big Sur entfernt liegt.

In Zeiten, in denen wieder einmal vom Ende des Jazz geredet und geschrieben wird, ist es nicht verwunderlich, dass Protagonisten des Genres sich in anderen Epochen Inspiration zu holen bereit sind. Das vorliegende Projekt Bill Frisells mag als eine solche Veranstaltung gelten. Von der Qualität der Akteure ist es ohne Zweifel über alles erhaben. Von dem inspirativen Gehalt scheinen die Versuche in eine Sackgasse zu führen. Melodisch wie thematisch handelt es sich um eine Verklärung des Bundesstaates Kalifornien, in einer Art, wie es ihn schon lange nicht mehr gibt. Refugien haben ihre Grenzen, doch die Freiheit des Experiments sei jedem zugestanden.

Die Sintflut

Friedrich Nietzsche war es, der auf die Frage, ob der Mensch in der Lage sei, die Natur zu vernichten, das Bild mit dem Ochsen lieferte. Eben wie ein solch starkes Tier die lästigen Insekten im Sommer, ebenso werde die Natur die Menschen von sich abschütteln, wenn es ihr zuviel werde. Aber natürlich musste der Philosoph, der nichts mit dem Gott des Abendlandes am Hut hatte, so reden. Dennoch finden sich in seinem Werk Hinweise, die eine Art historischen Determinismus durchaus vermuten lassen. Bestimmte Ereignisse in unserer Geschichte haben einen antizipierenden Charakter. Das Maß und die ganze Dimension der frühen Botschaft wird allerdings erst später, aus der historischen Betrachtung deutlich.

In diesem Licht erscheint die gegenwärtige Sintflut, die sich anschickt, die Mitte Europas und seine Protagonisten zu ertränken wie die Ratten, als ein derartig antizipierendes Ereignis, das vor allem Einstellung und Verhalten der dortigen Bewohner auf recht unkonventionelle Weise in Rechnung stellt. Und bei genauem Hinsehen verwundert doch gar nicht, dass die Mächte der Natur nun zuschlagen, um dem ganzen Elend ein Ende zu bereiten.

Wie sollte es denn für das Nicht-Humane-Sein noch zu ertragen sein, dass alle Energie, die dem Menschen in diesen Breitengraden zur Verfügung steht, verbraucht würde zur Austragung von Scheindebatten und zur Zelebrierung einer praktisch folgenlosen Symbolpolitik? Alles Gewese und Kommunizieren führt zu keinen Lösungen, es geht immer nur um partikulare Interessen und nicht um etwas, was die Römer noch als Res Publica, die Sache der Öffentlichkeit, bezeichneten. Wie die Raffgeier sitzen die einzelnen Lobbygruppen an ihren Zähltischen und führen Buch über den Ertrag. Und es ist nicht nur ein Verhalten, das man bequemerweise den Politikern vorwerfen darf. Das Ausmaß an Verwahrlosung scheint in jedes Zimmer.

Das, was als das Kommunikationszeitalter bezeichnet wird, hat in der Mitte Europas seine eigene Grundlage verloren. Der Kommunikationsforscher Micheal Tomasello, der am Max-Planck-Institut in Leipzig, jener Stadt, aus der Nietzsche kam, über die Ursprünge der menschlichen Kommunikation forschte, kam zu dem Ergebnis, dass die primordiale Voraussetzung gelungener Kommunikation eine gemeinsame Intentionalität sei. Das ist so lapidar wie selbstverständlich. Im Fazit trifft es aber den Nagel auf den Kopf: Die hierzulande allzuoft beklagte fehl geschlagene Kommunikation scheitert zumeist an einer nicht vorhandenen gemeinsamen Absicht.

Und während es kübelweise weiter schüttet und im wahren Sinne des Wortes Mitbürger in den Fluten ertrinken, scheint die Lektion immer noch nicht begriffen worden zu sein. Schon taumeln wieder irgendwelche, dahergelaufene Profilneurotiker vor die laufenden Kameras und faseln etwas von schlechten Katastrophenplänen, von einer defizitären Ausrüstung des Katastrophenschutzes und notwendigen Frühwarnsystemen für extreme Niederschläge im Sommer. Und wieder sind unter den Zeugen dieser delirierenden Aussagen viele mächtig davon beeindruckt und werden bei der nächsten Wahl, die ja nicht mehr lange auf sich warten lässt, diesen verwirrten armen Seelen ihre Stimme geben.

So genommen bleibt der Kreislauf einer nicht mehr zutreffenden Wahrnehmung stabil und das ganze Geschmeiß, das sich jetzt von der Sintflut temporär bedroht fühlt, wird so weiter machen wie bisher. Es werden noch die Welterklärer auftauchen, die es auch schon immer gewusst haben, wohin die ungezügelte Lebenslust führt, und die Misanthropen, die schon immer wussten, dass das alles sowieso nichts werden kann. Stimmen, die eine Vorstellung von einem guten Leben nach der Flut haben, sind bis jetzt nicht zu hören. Und sollten sie laut werden, wird man sie schnell zum Schweigen bringen. Wäre ja noch schöner! Und wer nicht lernen will, muss sterben. Das war schon immer so. Und vielleicht ist es auch gut so!