Archiv für den Monat Juli 2012

Der Visionär, der im Dunkeln lebte

Spirits Up Above. The Rahsaan Roland Kirk Anthology. The Atlantic Years 1965 -1976

Um kaum einen Musiker der Jazz-Geschichte ranken solche Legenden wie um Roland Kirk. Der 1936 in Columbus, Ohio geborene Afro-Amerikaner, der als zweijähriges Kind aufgrund einer Augenentzündung erblindete und bereits mit 41 Jahren 1977 in Bloomington, Indiana starb, drückte vielen innovativen Entwicklungen seinen Stempel auf. Roland Kirk, der sich erst im Erwachsenenalter noch Rahsaan nannte, galt früh als Virtuose auf zahlreichen Instrumenten. Angefangen mit dem Tenorsaxophon, über das historische Manzello bis hin zum Stritch, einer gerade gezogenen Version des Buescher Altsaxophons, verhalf er noch der Querflöte zu einem gesicherten Platz im modernen Jazz.

Rahsaan Roland Kirk machte nicht nur durch das Beherrschen zahlreicher weiterer Blasinstrumente auf sich aufmerksam. Er hatte einen kraftvollen, scharf intonierten Stil und entwickelte neben seinem Ideenreichtum noch die nie nach ihm nie wieder da gewesene Fähigkeit, mehrere Instrumente gleichzeitig zu spielen. Mit der Beherrschung der Zirkularatmung vermochte er es nicht nur, zwei Saxophone gleichzeitig zu spielen, sondern auch über unzählige Akkordfolgen Synchronität und Asynchronität zu erzeugen. Schon in jungem Alter spielte Rahsaan Roland Kirk auch aus kompositorischer Hinsicht mit den Pionieren des Jazz des 20. Jahrhunderts. Die prägenden Jahre verbrachte er in Formationen von Charles Mingus, Gil Evans, Quincy Jones und Roy Haynes. In einem Alter, in dem andere erst beginnen, ihre charakteristische Spielweise zu entwickeln, galt Roland Kirk bereits als eine unvergleichliche Größe seines Genres.

Die nun vorliegende Doppel CD Spirits Up Above. The Rahsaan Roland Kirk Anthology. The Atlantic Years 1965 – 1976 dokumentiert das letzte Lebensjahrzehnt eines mit insgesamt an die dreißig Alben umfassenden Schaffens überaus produktiven Lebens. Und allein dieses letzte Jahrzehnt wird durch ungeheure Brüche in Stil und Idee überaus überzeugend dokumentiert. Da sind Stücke, die können gehört werden als überaus kraftvolle Interpretationen gängiger Standards des Mainstream Jazz, wie z.B. in Making Love After Hours oder Do Nothin´Till You Hear From Me. Da sind politische Interventionen, die in Aussage wie unangepasstem Stil erschrecken und verstören (The Black And Crazy Blues, The Inflated Tear, Volunteered Slavery). Da sind Verkaufserfolge, die Kirk auch gelangen und die so faszinierten, dass sie gecovert wurden wie Spirits Up Above (Osibisa) und natürlich Serenade To A Cuckoo (Jethro Tull). Mal covert er selbst wie bei Ain´t No Sunshine und dann bekennt er sich zu seinem großen Vorbild John Coltrane in A Tribute To John Coltrane und Something For Trane That Trane Could Have Said.

Bei allen stilistischen Unterschieden, die ein Spektrum von Soul, Jazz, Boogie Woogie bis hin zum Free Jazz öffnen, wird deutlich, um welche innovative Kraft und mit welcher Präsenz dieser Musiker gewirkt hat. Auf beiden CDs ist nicht ein Titel, der aufgrund seiner Aussage nicht allein für sich stehen kann und der nicht bis heute das große Verlangen wecken würde, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Rahsaan Roland Kirk war eine Urgewalt, die in kein Schema Passte und doch alle zeitgenössischen Schemen beeinflusste. Rahsaan Roland Kirk war ein Visionär, der im Dunkeln lebte und uns Tondokumente hinterlassen hat, ohne die man den heutigen Jazz nicht verstehen kann.

Die profane, permanente Revolution

Im Kompendium der politischen Theorie befindet sich das lange Kapitel über die Revolution. Sie wird, unabhängig von den Standpunkten der jeweiligen Interessenparteien, als eine Phase, die den Übergang von einer Ordnung in die andere beschreibt. Immer, wenn die herrschenden Verhältnisse nicht mehr mit den Tendenzen der Zukunft korrespondieren und die existierenden Einrichtungen und Eliten nicht mehr in der Lage sind, mit ihnen umzugehen, organisieren sich die Träger dieser Tendenzen und revoltieren.

Die Organisation der Revolte ist in der Regel ein Ausbund an Effizienz und Disziplin und diejenigen, die mit dem hehren Ziel des Umsturzes angetreten sind und in der Organisation der Umsetzung dieses Gedankens sozialisiert wurden, sind in der Regel die Repräsentanten der neuen Ordnung. Mit ihnen geht immer der Widerspruch heim, dass sie revolutionäres Gedankengut verbreiten, selbst aber hochgradige Vertreter strenger Ordnung sind. Der Widerspruch von programmatischer Freiheit und gelebter Ordnung ist es auch, der die Bewertung von Revolutionen stets sehr ambivalent macht. Und von ihr entstammt auch die Weisheit, dass jeder Revolution bereits die Restauration innewohnt.

Was auf dem Feld der Politik eher selten vorkommt und dazu geeignet ist, bestimmte Epochen der Geschichte zu beschreiben, ist mit der Entwicklung der wissenschaftlichen Verfahren und der Beschleunigung der Märkte zu einem Zustand der Permanenz in Arbeitsorganisationen geworden. Auch dort stellt sich selbstverständlich die Frage, ob die bestehenden Verhältnisse noch mit den Tendenzen und Erfordernissen der Zukunft korrespondieren und ob die gegenwärtigen Institutionen und Organisationsformen noch in der Lage sind, diese Bedürfnisse effizient zu bedienen. Aufgrund der Halbwertzeiten technischer Verfahren und der Schlagzahl des globalen Marktes ist der Zustand der Stabilität in der Organisation des Wirtschaftslebens eine Rarität geworden.

Revolutionen, mit denen man unter dem Synonym Change noch vor zehn bis fünfzehn Jahren die Einführung neuer technischer Verfahren beschrieb, sind zu trivialen, permanenten Prozessen geworden, die zum Routinealltag gehören. Interessanter sind die neuen Philosophien, nach denen die Arbeit beschrieben wird und die radikale Organisationsveränderungen nach sich ziehen. Auch diese Prozesse sind nahezu permanent. Und auch diese Prozesse, und das ist das Interessante, weisen Analogien zu den Erfahrungen aus politischen Revolutionen auf, indem sie folgerichtige Zyklen beschreiben, die anfangen mit Umsturz und Chaos, Neuordnung und der Etablierung neuer Eliten, die sich in ihrem Herrschaftsgestus genauso verschleißen wie ihre Vorgänger.

Auch wenn das Vokabular ein anderes ist und man statt Revolution von Change spricht und Termini wie Resilienz und Komplexität verwendet, gemeint ist die Ablösung eines alten Paradigmas, das seine Institutionen eingerichtet hatte, durch eine anfänglich große Unordnung und die Ablösung durch einen neuen Zustand der Stabilität. Wie lange diese währen wird, ist offen, doch nie so lang, wie die Protagonisten denken.

Die großen politischen, historischen Revolutionen waren immer dann am wirkungsvollsten, wenn es ihnen gelang, recht schnell einen Zustand neuer Stabilität herzustellen, der nicht institutionell beschrieben war, sondern dokumentierte, dass das neue Gedankengut die Köpfe erobert hatte. Die Institutionalisierung war dabei zweitrangig. Und die Beispiele, die als das große Scheitern in die Annalen eingingen, waren diejenigen, in denen die Herausbildung neuer Institutionen und Herrschaftsinstrumente als der Sinn der Umwälzung verstanden worden war. Das war der Keim der Restauration.

Ein Dialog zweier Saurier

Die große Zukunft des Buches. Gespräche mit Jean-Philippe de Tonnac

Jean-Philippe de Tonnac hat etwas getan, was eigentlich auf der Hand liegt. Aber das, was auf der Hand liegt, wird selten getan. Jean-Philippe des Tonnac hat, quasi zwischen den vielen internationalen Buchmessen, die nicht aufhören, die Ära des digitalen Buches anzukündigen, zwei Experten an den Tisch geholt. Mit dem italienischen Professor für Semiotik und Romanautor Umberto Eco und dem französischen Drehbuchautor Jean-Claude Carrière folgten zwei Saurier aus der traditionellen Buchwelt seiner Einladung. Aus dem Dialog dieser beiden Giganten wurde ein Buch, das zentral um das Thema der Zukunft des Buches kreist und damit viele Fragen erörtert, die uns heute interessieren müssen.

Mit dem Titel Die große Zukunft des Buches machen die beiden Herren von vornherein kein Geheimnis aus ihrer These. Die Argumente, mit denen sie ihren Diskurs beginnen, konzentrieren sich zunächst sehr schlicht und physisch um die Sicherheit dessen, was heute in Büchern übermittelt wird. Die jüngere Geschichte der verschiedenen Datenträger und ihrer ständig abnehmenden Halbwertzeiten gelten für sie bereits als ein Indiz für die bessere Fähigkeit der Buchtradition. Doch schon kurz nach der doch recht überzeugenden, aber auch schlichten Argumentation, zücken Eco und Carrière ihre Schwerter der flammenden Sapienz und zeigen, was sie zu bieten haben. In einer Randglosse weisen sie darauf hin, dass die Wissensselektion das Wesen einer Kultur ausmacht. Nicht nur das, was eine Gesellschaft entscheidet, den Nachkommen zu überliefern, ist eine soziale und politische Tat, sondern auch die Übereinkunft über das, was nicht erhaltenswert ist, gerät zu einem kulturellen Akt.

Die heutige technische Möglichkeit, alles zu speichern, hat die Gesellschaft der Fähigkeit beraubt, einen Diskurs über die Wissensselektion zu führen. Es wird nicht mehr bewusst entschieden, was wichtig ist und was trivial. Die dadurch erzeugte Datenfülle und das in der Herausbildung der kognitiven Fähigkeiten radikal abnehmende Vermögen der Strukturierung, die ihrerseits eine Folge der Selektionsunfähigkeit ist, treibt die Gesellschaft in eine große semantische Paralyse.

Carrière und Eco deklinieren diese These durch verschiedene Aspekte der Überlieferung. Sie zeigen beide deutlich, dass sie trotz ihres fortgeschrittenen Lebensalters nicht technikfeindlich sind, sondern sich sehr wohl der modernen digitalen Kommunikationsmittel zu bedienen wissen und sie in ihrer täglichen Arbeit nutzen. Sie verweisen aber darauf, dass Überlieferung etwas strikt Humanes ist. Damit entwickelt sich keine Diskussion für oder gegen bestimmte Datenträger, sondern um das Wie und Was des historischen Prozesses. Da wird genauso räsoniert über das Geschichtsbildende des dummen Zufalls wie über den Erkenntnisreichtum, der sich aus historischen Irrtümern lesen lässt. Den beiden literarischen Großmeistern gelingt es, die Frage nach Buch oder Chip aus ihrer Naivität zu holen und daraus eine Betrachtung über den argen Weg der Erkenntnis zu machen. Da trifft Epistemologie auf Technik, und es ist klar, dass das Erkenntnistreibende die Oberhand behalten muss.

Letztendlich erscheint die eingangs gestellte Frage nach gedrucktem oder digitalem Buch als eher sekundär. Sehr vieles spricht für eine ungebrochene Zukunft des tradierten Buches, weil dort wohl diejenigen zuhause bleiben, denen der semantische Holismus von Kultur und Überlieferung gedanklich überhaupt noch gelingt. Die Dialoge sind ein tödlicher Stich ins Herz des Positivismus, ausgeführt von zwei nahezu synchron sozialisierten, liebenswerten Figuren des Abendlandes, so wie wir sie schätzen.