Archiv für den Monat Juli 2012

Etappensiege der Impertinenz

Das die von der Verfassung vorgesehenen Entscheidungsorgane sich zuweilen nicht mehr richtig trauen, eine Fragestellung vorurteilsfrei zu erörtern, oder sich ihr unvoreingenommen zu nähern, ist kein gutes Zeichen. Und dass diese Organe immer öfter eine Selbstzensur üben, um Schaden von sich abzuwenden, ist eine Katastrophe. Dennoch wird die thematische Reglementierung der Gemeinderäte, Landtage und des Bundestages durch eine Allianz aus Medien und Lobbys als ein Sieg des basisdemokratischen Gedankens gefeiert. Aufgrund der digitalisierten Kommunikationsinstrumente bleibt nichts mehr geheim und geschützt, und alles, was in den Äther tritt, hat die Wertigkeit eines offiziellen Dokumentes. Der Weg dorthin, zu einem geistigen wie demokratischen Endprodukt, ist eliminiert, weil nicht mehr geschützt.

Sollten Parlamentarier oder gewählte Amtsinhaber dennoch dabei ertappt werden, dass sie sich über das eine oder andere Zukunftsprojekt schon einmal hinter verschlossenen Türen Gedanken gemacht haben, setzt ein empörtes Geheule ein, das stechender nicht sein könnte. Prompt wird von Alleingängen gesprochen, vom Komplott bis zum Putsch ist dann die Rede und die Ideen, um die es geht, werden als lobbyistische Geheimagenden entlarvt. Da wird regelmäßig die Frage gestellt, wie es denn sein kann, dass ein demokratisch gewählter Vertreter die Chuzpe besitzt, sich selbst Gedanken zu etwas zu machen, ohne die demokratische Öffentlichkeit vorher gefragt zu haben.

Diese Bälle werden dann, wie oft und gut trainiert, von den öffentlich-rechtlichen Medien aufgegriffen. Der Sinn der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten wird erklärt als eben diese Aktivität, das angeblich Geheime aus der Politik eliminieren zu müssen.

Schaut man genauer hin, wer die angeblich demokratische Kontrolle über die gewählten Vertreter des Volkes ausübt, so wird schnell deutlich, dass es sich dabei um durch nichts legitimierte Lobbyisten und Vertreter von Partikularinteressen handelt, die mit sehr viel Impertinenz genau das tun, wofür sie die Politiker kritisieren. Sie haben ihre demokratisch nicht legitimierten Agenden, die sie der Öffentlichkeit aufzwingen wollen und sie erpressen die demokratischen Organe mithilfe der öffentlich-rechtlichen Medien, die sich als Propagandaabteilungen von Bünden und Zusammenschlüssen herausstellen, die in der Republik weit von der Mehrheitsfähigkeit entfernt sind.

Das alles ist zu einer Absurdität gereift, die der demokratischen Streitkultur schon lange den Garaus gemacht hat und zu einer Meinungsdiktatur geworden ist, die dringend bekämpft werden muss. Es kann nicht sein, dass den gewählten Vertretern des Volkes vorgeschrieben wird, was sie zu denken haben oder ihnen verbieten zu wollen, sich jenseits der Öffentlichkeit Gedanken machen zu dürfen. Und es kann noch weniger sein, dass sich die aus Steuermitteln finanzierten öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zu Demagogenclubs entwickeln, die mit miserabler journalistischer Qualität und primitiver Suggestionspsychologie das offene Streitklima vergiften. Die Partikularisten sollte man als solche entlarven und für die Demagogen das Outplacement an die Privaten beschleunigen.

Neue intellektuelle Prototypen

Die faktische Nichtexistenz einer kritischen Gegenöffentlichkeit durch die Intellektuellen ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die die verschiedenen Stadien unserer Gesellschaft begleitet hat. Spätestens seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde deutlich, dass ein Riss durch die Welt des Geistes ging, der vordergründig kein politischer war. Zunächst einmal konnte man unterscheiden zwischen denen, die ihre intellektuellen Fähigkeiten dazu einsetzten, um die gesellschaftliche Entwicklung kritisch zu reflektieren. Und der andere Teil derer, die von der Demokratisierung des Bildungswesens profitiert hatten, waren diejenigen, die das Gelernte vornehmlich dazu einsetzten, um sich sozial nach oben zu bewegen. Manchen gelang auch beides, die grundlegende Dichotomie blieb.

Schon bald entbrannte eine Debatte zwischen denen, die sich für ihre individuelle Entwicklung einsetzten und denen, die ihre Rolle gesellschaftlich definierten. Der französische Philosoph Jean Paul Sartre, heute immer mehr in eine existenzialistische Schublade verfrachtet, von dem jedoch die bis heute radikale These stammt, dass das Sein etwas zu Leistendes ist, hatte wie so oft ein Gespür für das Wesentliche. Noch bevor die Spaltung der Intelligenz in den modernen Massendemokratien registriert wurde, schrieb er 1965 bereits ein Plädoyer für die Intellektuellen. Darin unterschied er zwischen Intellektuellen und Technikern des Wissens. Während er letztere als kognitive Technokraten beschrieb, bezeichnete er den Intellektuellen als „Techniker des Allgemeinen, der in seinem eigenen Bereich sich bewusst wird, dass die Allgemeinheit nicht einfach schon geschaffen, sondern stets zu schaffen ist.“

Allein dieser Satz kann bis heute als ein Schlüssel zur Dechiffrierung geistigen Handelns dienen. Während die Techniker des Wissens sich ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten bedienen, um innerhalb des eigenen Bezugssystems den individuellen Nutzen zu mehren, bestreitet der Techniker des Allgemeinen seinen Alltag exemplarisch. Er versucht herauszufinden, welche Wirkung sein Handeln auf die Entwicklung des Allgemeinen ausübt und wie sich das Allgemeine auf die individuelle Dimension des Geistigen auswirkt. Wenn man so will, agieren die Techniker des Wissens systemimmanent, die Techniker des Allgemeinen hingegen systemrelevant.

Die von Jean Paul Sartre so treffend beschriebene Widersprüchlichkeit der intellektuellen Dimension und ihrer Träger hat seitdem eine rasante Entwicklung hinter sich, die phasenweise durch unterschiedliche Dominanz geprägt war und nun in eine Ära der Techniker des Wissens eingemündet ist. Die Dimension ist das Tempo, nicht die Kritik. Jean-Francois Lyotard, welcher sich mit diesem Phänomen befasste und sich immer wieder Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung vornahm, ließ seine Beobachten gar in ein Buch mit dem Titel Grabmal des Intellektuellen einmünden. „Die berufsmäßige Ausübung ihrer Intelligenz verlangt nicht,..“ heißt es da…“ in ihrem Kompetenzbereich so gut wie möglich die Idee eines universellen Subjekts zu verkörpern, sondern eine höchstmögliche Effizienz zu gewährleisten.“

Effizienz ist das Ergebnis von Übung innerhalb gegebener Bedingungen. Innovation ist die Probe einer Annahme auf dem Feld mindestens einer unbekannten Variablen. Es sieht so aus, als sei die Herrschaft exklusiv eines der beiden Prototypen kein Zukunftsmodell mehr, sondern eher die Kombination aus Wissenstechnik und Systemreflexion, aus Stabilisierung und Innovation.

Circus Maximus

Nur im Erfolg berauscht sich die Menge an der warmen Strömung der Einigkeit. Sobald das Scheitern sein hässliches Gesicht vorzeigt, macht sich Zwietracht breit. Insofern ist alles, was wir nach dem Ende der Fußballeuropameisterschaft erleben, immer mit Blick auf den Erfolg oder Misserfolg zu bewerten. Alles richtig gemacht haben, vom berühmten Ende her gedacht, nur die Spanier. Die waren längst nicht so brillant wie in den letzten großen Turnieren, nervten sogar das Publikum mit ihrem ewigen Tiki-Taka, hatten ungemein großes Glück durch eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters oder einen schwach geschossenen Elfmeter des Gegners, aber als es darauf ankam, da waren sie da und zeigten ihre Klasse. Und an diese Klasse ragt zumindest in Europa niemand heran. Portugal war im direkten Vergleich die einzige Mannschaft, die es hätte tun können.

Anders dagegen die Deutschen, die mit hohen Erwartungen anreisten, wenig schön anzusehende Spiele ablieferten, aber kalt berechnend bis ins Halbfinale vordrangen, wo sie ihrem Nationalcharakter erlagen: Im Kopf schon im Endspiel und auf dem Platz vernascht wie Jungs aus der Provinz. Wie das ging zeigten die Italiener in diesem Spiel, die bis auf das Finale, in dem sie mit fliegenden Fahnen untergingen, einen herrlichen Offensivfußball spielten. Mit Buffon hatten sie einen Torwart, der vielleicht ein letztes Mal über allen anderen seiner Zunft stand. Mit Pirlo einen Künstler, der den Fußball zelebrieren kann wie eine italienische Oper und mit Balotelli einen Vollstrecker, der etwas Gladiatorenhaftes ausstrahlte. Das war im besten Sinne Circus Maximus und der eigentliche Höhepunkt des Turniers.

Hervor stachen noch die Iren, die sportlich als Außenseiter kamen und wieder fuhren, deren Anhang aber zeigte, wie sinnstiftend sportliche Begeisterung sein kann und wie viel wohl gemeinte Identität dem entspringen kann. An Sportsgeist hat es den Insulanern sowieso noch nie gefehlt und ihr Begriff von Fairness muss in vielen Ländern noch aus dem Fremdwörterbuch übersetzt werden.

Die auf diesem Turnier dargebotene Philosophie der Sportart wurde eher nicht weiter entwickelt. Die spanische Vorstellung von der Prozessorientierung war wieder einmal erfolgreich, die italienische Renaissance des Spielmachers blieb eine Momentaufnahme und die Defensivtaktik einiger Hardliner verhalf auch nicht zum Erfolg. Bleibt abzuwarten, welche Spielauffassung in Zukunft in der Lage sein wird, die spanische erfolgreich zu beerben.

Der Fußball ist und bleibt eine Sportart, aus dessen Praxis man sehr gut das gesellschaftliche Leben eines Landes lesen kann. Wir können sehr viel lernen über die Art und Weise, wie das deutsche Team bei den osteuropäischen Nachbarn aufgetreten ist: Die Fähigkeiten und Fertigkeiten sind herausragend, der Teamgeist funktioniert nur bei stabilem Wetter und die kantige Individualität darf keine Rolle spielen, geschweige denn sich entfalten. Es dominiert der Größenwahn, wenn Demut und Respekt gefordert wären und es triumphiert die Angst, wenn die Stunde des Mutes an der Reihe gewesen wäre. Es fehlte die Größe, die Klasse anderer anzuerkennen und leider wurde sie nicht selten ersetzt durch das Ressentiment gegen das Andere, Fremde. Es gibt also vieles, was wir noch lernen müssen, bevor es Titel sind, die kommen.