Du gehörst dazu und bist trotzdem alleine. Es ist nicht einfach, das zu beschreiben, was als eine Charaktereigenschaft zu identifizieren ist. Im Deutschen dafür eine richtige Bezeichnung zu finden, ist mir bis heute nicht gelungen. Es gibt den Ausdruck Eigenbrötler, der viel zu negativ behaftet ist. Es existiert das Bild vom einsamen Wolf, das einerseits romantisiert und andererseits am Wesen vorbeigeht. Der Einzelkämpfer wiederum suggeriert zu sehr das Martialische. Die Unterscheidung von Introvertierten und Extrovertierten trifft es auch nicht, weil beide Charakterzüge in diesem Typus stecken. Auch der relativ neutral gefasste Einzelgänger trifft es nicht, weil immer wieder das Bad im kollektiven Sein genommen wird.
Der Charakter, von dem ich spreche und den ich allzu gut kenne, kommt zunächst gar nicht als ein Mensch daher, der sich unter dem Strich nur sich selbst gegenüber verantwortlich zeichnet und der die Einsamkeit, die er nicht als Bedrohung oder Last empfindet, als einen willkommenen Zustand bezeichnet. Dieser Mensch kann nach außen als Entertainer, als Jäger, als Extrovertierter, als Alpha-Tier wirken und dennoch braucht er die Geruchsnähe anderer Horden nicht im Dauermodus. Ganz im Gegenteil, sein Aufblühen in der Gemeinschaft hängt davon ab, ob er in der Lage ist, sich Räume zu schaffen, in denen er alleine verweilen kann. Einfach raus, mit sich selbst sein, sich selbst reflektieren oder einfach ruhen. Das ist wie der Schlaf bei jedem anderen Lebewesen. Nennen wir es eine Form des sozialen Schlafes. Ist dieser nicht möglich, ist dieser Mensch immer im virulenten sozialen Leben ohne Ruhephasen, dann wird er krank und unberechenbar.
Das, was andere als Leere empfinden, ist diesem Menschen die Möglichkeit, sich selbst neu zu erfinden und die Welt in ihren weniger auffälligen Schattierungen zu erkunden. Diese vermeintliche Leere ist für das hier beschriebene Individuum eine spannende Erfahrung, die durch ihre Ruhe enorme Kräfte der Fokussierung freisetzt. Das tatsächlich Soziale bei diesen Figuren ist, dass sie nicht für sich eine Art Sonderrecht reklamieren, sondern das Recht auf Aus-Zeit in sozialen Belangen jedem Interakteur zugestehen und nie auf die Idee kämen, es anderen zu untersagen. In der Regel wird dieser Liberalismus von den Menschen, die mit dem Alleinsein nichts anfangen können oder es fürchten, als Interessenlosigkeit interpretiert. Manchmal verärgert das, letztendlich ist es aber unerheblich.
Der einzige Begriff, der dem beschriebenen Phänomen gerecht wird, ist der im Englischen wie im Amerikanischen existente des Loners. Fälschlicherweise wird er mit den anfangs erwähnten, nicht zutreffenden Begriffen wie Einzelgänger, Eigenbrötler, Einzelkämpfer etc. ins Deutsche übersetzt. Vor allem im amerikanischen Kontext steht der Loner jedoch genau für die Eigenschaften, die den Typus am besten beschreiben. Der Loner funktioniert sozial nur, wenn er immer wieder alleine sein darf. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Bedingung. Loner sind in der Regel glückliche, in sich ruhende Menschen.
Vielleicht werden sie mit folgendem Bild treffend beschrieben: Loner stehen mit auf der Bühne, sie spielen wie alle anderen eine aktive Rolle. Und manchmal verlassen sie die Bühne, gehen in den Zuschauerraum und betrachten das Ganze von außen. Der Loner ist die fleischgewordene Figur des epischen Theaters.
