Archiv für den Monat Juli 2012

Manos arriba!

Wer heute an Banken denkt, der bekommt ein mulmiges Gefühl. Angesichts der im Jahr 2008 ausgebrochenen Weltfinanzkrise wurden Machenschaften ruchbar, die ihresgleichen suchen. Und kein Zitat, das die Kausalität von Kriminalität beschreibt, scheint treffender zu sein als das des großen Dramaturgen Berthold Brechts, der die Frage stellte, was denn der Einbruch in eine Bank sei gegen die Gründung einer solchen.

Nun, bevor man weiter ins Schwadronieren kommt und den Bezug zur Realität verliert, ist es notwendig, bestimmte Bilder ins rechte Licht zu rücken. Die Banken, die sich in besonders negativer Weise als Protagonisten der Weltfinanzkrise profilieren konnten, lagen dieses mal nicht auf irgendwelchen Karibikinseln und auch nicht an der Peripherie Europas oder der USA, sondern im Herzen des westlichen Wirtschaftstreibens. Bis zur Aufdeckung ihrer desaströs spekulativen Unternehmungen schritten sie mit einer Reputation der Seriosität durch die Lande. Ganz im Gegenteil! Die von ihnen getätigten Geschäfte sorgten bei der Politik sogar für Bewunderung.

Das führte dazu, dass politisch gesteuerte Landesbanken zu den wütendsten Verfechtern der riskanten Spekulation wurden und die Politik eigens Emissäre ausschickte, um Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen sollten, selbst an dem Hype zu verdienen. Dass der wildeste Verfechter von Hedgefondsprofiten, der übrigens von einem sozialdemokratischen Finanzminister entdeckt und ermuntert wurde, heute in Brüssel als Konsolidierer und vehementer Verfechter eingeschränkter nationaler Autonomie sitzt, macht die Sache nicht appetitlicher.

Eine andere Triebkraft der Krise waren zweifelsohne die Geldgeber. Sie sind nicht in der Wirtschaft zu suchen, der es trotz aller Spekulationsblasen immer schwerer gemacht wurde, an Geld für Investitionen zu kommen, weil real erwirtschaftete Zuwächse von fünf Prozent bei den Hütchenspielern, die sich mittlerweile in den Schaltzentralen so mancher Bank etabliert hatten, nur noch zu einem müden Lächeln führte. Die Einleger, die unter Gewinnraten von unter dreißig Prozent gelangweilt abwinkten oder wütend auf den Tisch schlugen, trieben selbst die Bankhäuser in das Risiko, die sich konservativ definierten. Die Seite des geldgeilen Mittelstandes und der Neureichen wird bei allen Darstellungen vornehm verschwiegen. Aber gerade sie ist es, die maßgeblichen Anteil an dem Desaster hatte. Warum, so muss die Frage schlicht gestellt werden, gehen Bankhäuser in das Hochrisiko? Weil ihre Kunden strikt dagegen sind?

Als das Kind in den Brunnen gefallen war, waren es gerade die Politiker, die sich jetzt durch eine Generalschelte auf die Banken profilieren wollen, die der sich die Augen reibenden Bevölkerung erzählten, es handele sich um systemisch relevante Geldinstitute, an deren Rettung die Volkswirtschaft ein vitales Interesse habe. Und in der Folge konnte man keine ernsthaften Versuche bemerken, die darauf abzielten, den riskanten Spekulationen ein Ende zu setzen. Auch in diesem Kontext müssen Fragen erlaubt sein. Warum, so die erste, redet man immer von einer Spekulationssteuer, die den Fiskus an erfolgreichen Risikogeschäften beteiligt? Und warum, wäre die nächste Anregung, fordert man nicht den Anschluss an den Katalog der Baseler Selbstverpflichtung von Bankhäusern, der unter anderem die schlichte Regelung vorsieht, dass jede Spekulation mit einer finanziellen Deckung aus dem jeweiligen Bankhaus hinterlegt werden muss? Letzteres ist ganz schlicht und hätte große Wirkung.

Doch davon reden die inszeniert polternden Kritiker der Banken nicht. Vieles deutet daraufhin, dass sie sich profilieren wollen als sozialkritische Saubermänner, die eigentlich mehr für sich beanspruchen. Von der Beute!

Apokalyptische Illusionen

Humanität ist ein hohes Gut. Die Verletzung von Menschenrechten ruft sie normalerweise auf den Plan, es sei denn, die intrinsischen Kräfte der Humanität sind in einem Stadium der Gestaltung, was allerdings eher selten passiert. Das, was in der Welt seit zwei Jahren der arabische Frühling genannt wird, hat sich in vielen Ländern des Nahen Ostens und Arabiens Raum geschaffen. Das, was in Tunesien begann, ergriff zahlreiche Staaten. Mit den Rebellionen gegen stabile, nicht selten vom Westen hofierte Herrschaftssysteme, die in unseren Breitengraden verpönt sind, setzte ein Stimmungsumschwung in der hiesigen Politik ein und man begann zu schwärmen von der arabischen Demokratiebewegung, um ihr nach jeweils nur wenigen Monaten wieder die kalte Schulter zu zeigen, wenn der Prozess der Aufklärung und demokratischen Verfassung stockte.

Dabei geht es nicht um den Westen, sondern um die Staaten selbst, die den Weg gehen werden, der ihnen möglich ist. Die Rebellen, die der Despotien müde sind, haben ihre eigenen Vorstellungen von dem, was sie wollen und sie trauen denjenigen, die sie kennen. Weder in Tunis noch in Kairo beugt sich der Widerstand über die Lehrbücher der westlichen Demokratie, um sich zu orientieren. Eine Kultur, die dominant dem Prozess verschrieben ist, übernimmt nicht eine politische Programmatik aus einem anderen Kosmos, sondern achtet auf die sich vor Ort bewegenden Akteure.

Der Westen, dem selbst immer weniger gelingt und der sich zunehmend in einer schweren Systemkrise befindet, versucht sich emotional Linderung zu verschaffen, indem er seine eigenen idealtypischen Vorstellungen von einer guten, gerechten und humanen Regierungsführung von den Systemen im Übergang abfordert, ohne die Qualität der eigenen Befindlichkeit zu reflektieren, ohne seine eigene Geschichte der Koalition mit den Kräften des Despotismus zu kritisieren und ohne sich in irgend einer Weise noch eine Vorstellung davon zu machen, wie lange der arge Weg der Erkenntnis von den europäischen Despotien über die Aufklärung bis hin zur Zivilisationsstufe der Demokratie benötigt hat. Ein Weg, der nahezu vier Jahrhunderte gedauert hat, wird den Ländern des arabischen Frühlings innerhalb weiniger Monate abverlangt und wenn es in dieser Zeit nicht gelingt, ist man kollektiv beleidigt.

Die Beobachtung des Nahern Ostens und des arabischen Raumes durch das mediale Auge des Westens ist mit dem Begriff der Infantilisierung gut umschrieben. Denn es geht um Wunschdenken und Enthistorisierung, und die Ratschläge, die erteilt werden, sind zuweilen nicht nur wertlos, sondern unverantwortlich. Das zunehmende Drängen auf eine militärische Intervention in Syrien zum Beispiel, das die Tatsache ignoriert, dass das gegenwärtige Machtgefüge den Schutz der alevitischen und christlichen Minderheit gegen eine sunnitische Übermacht beinhaltet, könnte zu einer Vergeltung ohnegleichen, ja sogar zu einem Völkermord führen.

Das Gutmenschentum des Abendlandes hat längst den Pragmatismus der demokratischen Urströmung verloren und viele Indizien deuten darauf hin, dass die Verweltlichung der Religion in der Philosophie, die ihrerseits als Mutter der politischen Theorie gilt, sich im Westen längst schon wieder auf dem Rückweg in neue Formen der Religion befindet, die sich nicht mehr an den tatsächlichen Gegebenheiten orientieren. Da sind so manche Bewegungen des arabischen Frühlings pragmatischer und realistischer, als die Verfechter der abendländischen Illusion.

Eine Rakete für Jörg Fauser!

Einen Tag nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag, besser gesagt, im Morgengrauen des 17. Juli 1987, rannte Jörg Fauser auf der Autobahn zwischen Feldkirchen und München-Riem in einen LKW. Sein Tod war so dramatisch wie sein Leben, wirkte fast inszeniert. So viel um sein Ende bis heute spekuliert worden ist, seine Existenz als der große Undergroundschriftsteller deutscher Sprache ist unumstritten. Seine Romane, die in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts spielen, sind bis heute ein einziges Abenteuer, sie verfügen über Tempo und Esprit, geniale Plots und messerscharfe Beobachtung. Ob Rohstoff, Der Schneemann oder Das Schlangenmaul, was sind das für explosive Kompositionen, verglichen mit den heutigen Kehlmännern und Apologeten des ausgehenden Lichtes. Jörg Fauser war die große Hoffnung der deutschen Literatur, er hätte das Format gehabt, der Apotheose der neuen, technokratischen Verknechtung die Leviten zu lesen. Denn Jörg Fauser war der Rebell, der bereit war, zu riskieren. Und zwar alles!

Obwohl er aus einem hessischen Intellektuellenhaushalt stammte und in Frankfurt Ethnologie und Anglistik zu studieren begonnen hatte, entwickelte er sich schnell zu einem Dropout, der die bürgerliche Existenz hinter sich ließ. Seine biographischen Stationen waren schnell getaktet, vom Istanbuler Drogenviertel Tophane bis zur Frankfurter Hausbesetzerszene, von Journalistenkreisen bis hin zu den Undergroundfreaks, von der maoistischen Linken bis zu anarchistischen Syndikalisten, von den Ökologisten bis zu Rockern, Fauser lernte die verschiedenen Lebensweisen kennen, verdingte sich als Packer und Krankenpfleger, lebte auf lau und schwamm auf so mancher Weller. Er machte das, was Tom Wolf als Programm für Schriftsteller gefordert hatte: Er lebte im Dreck der Metropolen, er kannte die Kehrseite der bürgerlichen Gesellschaft aus eigener Anschauung und er füsilierte mit seinem Stil die bürgerliche Moral.

Ob in seinen Romanen, den Gedichten, die schwingen wie der Electric Blues aus Chicago, oder seinen Songs, die er für Achim Reichel schrieb und die dem deutschen Rock eine neue lyrische Qualität gaben, Jörg Fauser war der, der die deutsche Literatur in das metropolitane Zeitalter zerrte und dafür jeden Preis zahlte. Er, der Könner, der Maniac.

Auch diejenigen, die es gesetzter mögen, erkennen an, dass der Mann, der heute Achtundsechzig würde und vor fünfundzwanzig Jahren ums Leben kam, das große Talent der deutschen Literatur war, das uns hätte weiter bringen können. Die Rasanz, mit der er formulierte und die manchen Kanoniker das Fürchten lehrte, gepaart mit der lakonischen Sicht, schuf eine Form der modernen Ironie, die eine Dimension der Kritik hätte liefern können, die bis heute fehlt. Aber das Wesen des Lakonischen ist das Scheitern. Und vielleicht ist das die Botschaft, zu der sich dieser großartige Mensch und Schriftsteller bestimmt fühlte.

Jörg Fauser fehlt. Zu seinem Geburtstag eine funkelnde Rakete. Dorthin, wo die Hommes de Lettres zu feiern pflegen!