Archiv für den Monat Juni 2011

Als sozialpsychologische Lektüre geeignet

John Updike. Terrorist

Die Ereignisse des 11. Septembers 2001 haben die USA insgesamt traumatisiert. Das zeigte sich nicht nur in der Art und Weise, wie der damalige Präsident Bush auf die Anschläge reagierte, indem er gleich Flächenbombardements in Afghanistan anordnete, waffenklirrend in den Irak einzog und insgesamt, d.h. zivil wie militärisch mobil machte, sondern auch in der amerikanischen Filmindustrie und auf dem Literaturmarkt. Regisseure und Schriftsteller nahmen sich des Themas an, wie z.B. DeLillo mit seinem Falling Man, eher ein Dokument der eigenen Sprachlosigkeit als ein gelungenes Stück dieses Meisters der literarischen Dramaturgie. Vor diesem Hintergrund muss man John Updikes Terrorist lesen, der seinerseits nicht zu den großen Würfen des großen Soziologen in der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehört, aber unter den Versuchen, sich dem Thema zu nähern, noch zu den gelungensten gezählt werden muss.

Mit der ihm immer anzumerkenden Exzellenz der soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive nähert sich Updike in Terrorist der Denk- und Fühlweise eines jungen Araboamerikaners, der in einem eher unterschichtsgeprägten Milieu in New Jersey zur Schule geht. Sohn einer alleinerziehenden irischen Mutter, die ihn mit einem Ägypter zeugte, der kurz danach das Weite gesucht hat, ihrerseits als Krankenschwester arbeitet und sich in der Malerei versucht, erlebt Ahmed die Schule als einen Ort der Verrohung und Verwahrlosung. Eine schwarze Mitschülerin, die ihn anzieht, fühlt sich zu einem Macho und brutalen Gesellen gleicher Hautfarbe hingezogen, die Lehrer sind ausgebrannt und feige, sie haben keine Werte und erschlaffte zynische Züge. Ahmed sieht die bröckelnde Fassade einer einstmals strahlenden Ideologie der Freiheit und fühlt sich zu einem Imam in der eigenen Nachbarschaft hingezogen, der ihn den Koran zu lesen lernt.

Von der Lektüre des Heiligen Buches bis zur aktiven Teilnahme an einem Anschlag auf das verhasste System ist es gar nicht soweit, wie der unbeteiligte Beobachter zu glauben hofft. Die vermisste Ehre und Reinheit auf der Seite des realen Lebens wird gesucht in der ethisch erstrebten und gedachten Lebenswelt, der schnöde, trügerische Materialismus der Konsumgesellschaft, die keine Wurzeln mehr besitzt, für deren Erhalt es sich zu sterben lohnte, wird ersetzt durch das heroische Modell des Opfertodes. Es gelingt Updike, durch seine scharfe und unbestechliche Beobachtungsgabe, die Beliebigkeit des destruktiven Verhaltens zu beschreiben. Man wird bei fortschreitender Lektüre den Eindruck nicht los, dass es nicht um den alten Paradigmenstreit zwischen Christentum und Islam, sondern um den Unwillen geht, sich mit der postheroischen Gesellschaft abzufinden.

Das große Verdienst Updikes liegt in der Freilegung der intrinsischen Motive zu terroristischem Handeln, ohne diesen Motiven den Zauber der Logik zu nehmen. Einzigartig in der amerikanischen Literatur zum 11. September, dennoch weit entfernt von der üblichen Genialität des Autors.

Un occident désolée oder die Farce Europa

Der tschechische Romancier Milan Kundera war es, der im Jahre 1983 die Welt mit dem Aufsatz aufrüttelte „Un occident kidnappée oder die Tragödie Zentraleuropas“. Noch heute, nach all den Jahren und Veränderungen, schnürt es einem die Kehle zu, wenn man diese Zeilen liest. Kundera wies darin auf die kulturelle Eiszeit hin, die nach den russischen Panzern in das eigentliche Zentraleuropa eingebrochen war, er zeigte die Trauer über das Gefühl, von der Welt allein gelassen worden zu sein mit der Barbarei und die Vergeblichkeit, im damaligen Westen eine moralische Instanz zu finden, die sich der Sache von Humanität und künstlerischer Freiheit hätte annehmen können.

Heute, fast dreißig Jahre später und gut zwanzig nach der Implosion der UdSSR, hat sich das Gesicht Europas sehr verändert. Die formalen Freiheiten sind vielerorts eingezogen, aber eine Qualität im politischen Diskurs hat sich nicht herausgebildet. Die politisch herrschenden Klassen Europas sind nicht unbedingt das, was als Leitbild für eine demokratische Modellierung der Zukunft gelten könnte. Nein, ganz im Gegenteil, es sind immer mehr Menschen anzutreffen, die überall in Europa nächtens durch Paris, Rom, Berlin oder London schleichen wie einst Milan Kundera und sein Freund durch Prag, und sich flüsternd unterhalten über das Unverständnis und die Einsamkeit, die sie umgibt. Sie sind bedrückt durch die wachsende Ignoranz, das Verschwinden historischen Wissens und den Verlust zivilisationsgeprägter Umgangsformen und bestürzt ob der leeren Geschwätzigkeit, mit der die Völker Europas an der Nase herumgeführt werden.

Als seien in diesem schaurigen Makabré ein letztes Mal die Choreographen am Werke gewesen, wählten sie Protagonisten, die das Grauen weit über die Grenze des Erträglichen treiben: Dort ein Gerontopornograph, die mit glatt gezogener Haut die Via Appia hinunter taumelt, da ein magyarischer Napoleon, der mit seinem geschwollenen Daumen den Kampfjets den Einsatz in fremden Ländern befiehlt, und hier ein protestantischer Leierkasten, der eine Frau darstellen soll und die ausgebeulte Melodie des Staatsmonopolkapitalismus bis zur völligen Raserei des Publikums wiederholt.

Die nächtlichen Spaziergänger, die einsamen Seelen, sie mögen sich fragen, wie lange das alles noch gehen soll, im occident désolée, dem Westen, der das Musterbild des neuen Europas hatte sein wollen. Warum, so fragen sie sich, sind die Völker nicht schon längst auf den Barrikaden und murren auf, gegen die unerträgliche Dreistigkeit der Herrschenden, die die Gesellschaften spalten und keinen Sinn mehr stiften.

Vielleicht, so hoffen sie, ist die Überzeichnung des Wahnsinns ein letzter möglicher Anlass, um selbst den phlegmatischsten Bewohnern des Kontinentes klarmachen zu können, dass das alles so nicht mehr weitergehen darf. Vielleicht wie jüngst in Tschechien, als alle Räder zum ersten Mal seit 1989 still standen, weil die Regierung plant, das Rentenalter auf 70 hoch zu setzen, oder vielleicht wie derzeit in Griechenland, wo die einfachen Existenzen nicht zahlen wollen für die Gier von Spekulanten. Es ist die letzte Hoffnung derer, die keinen Schlaf mehr finden, im Freien Westen, der keiner mehr ist.

Sternstunden der Diplomatie

Die Diplomatie der Moderne wurde nicht vom Bürgertum entwickelt, sondern sie reicht zurück in das royalistische Frankreich, in das monarchistische Österreich und das erzkatholisch hegemoniale Spanien. Die großen europäischen Adelshäuser hatten ein gerütteltes Interesse daran, ihren Vorteil jenseits der Schlachtfelder dennoch zu erzielen. Neben allem, was die Geschichtsbücher an Ranküne und Spinnennetzen enthüllen, hatte sich dennoch auch ein Kodex von Prinzipien im Spiel der Kräfte etabliert, der sich als die guten Tischsitten bis in das bürgerliche Zeitalter, über die zwei Weltkriege hinaus und bis auf den heutigen Tag hat behaupten können.

Dazu gehört das selbstverständlich von den Geheimen Diensten immer wieder missachtete Prinzip der Souveränität von Staaten. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass es sich nicht ziemt, mit Teilen einer Gesellschaft, die die Politik des eigenen Staates teilen, zu fraternisieren, solange diese Meinung nicht als die offizielle dieses Landes autorisiert wurde. In heutigen Zeiten sind das demokratische Mehrheiten und daraus resultierende gewählte Regierungen. Wer dieses Gesetz missachtet, der beschädigt die Ordnung der Nationen und die Grundlagen des Völkerrechts. Nur in ganz seltenen Fällen kann es geschehen, dass sich die Staatengemeinschaft zu anderem entschließt, aber nur, wenn die gemeinsame Ordnung durch ein drittes Regime in ihren Fundamenten gefährdet ist.

Dazu bedarf es dann gemeinsamer Entschließungen, die das Vorgehen legitimieren. Was die europäische Diplomatie, angetrieben von einem tollwütigen französischen Staatspräsidenten angesichts der Entwicklungen in Libyen treibt, ist bereits skandalös genug. Um die eigenen Verstrickungen in das Treiben des Terroristen Gaddafis zu kaschieren, wurden bereits eine handvoll Staaten, darunter prominente wie Großbritannien und die USA, in eine militärische Operation verwickelt, die keinerlei diplomatischer Handlung eine Chance gab.

Das Entsagen der Bundesrepublik zu einem Militärschlag entpuppte sich, obwohl eine Isolation im eigenen Bündnis vorausging, als eine der seltenen richtigen Entscheidungen der letzten vierundzwanzig Monate. Wer jedoch gedacht hatte, es sei eine Referenz an die Gepflogenheiten des gesunden Menschenverstandes oder die politische Hygiene gewesen, der muss nun herausfinden, dass es sich anscheinend um das gehandelt hat, was ein irrsinnig schäumender Sarkozy der Bundesregierung immer offener vorwirft: nämlich nackte Angst.

Wie anders sollte es sich erklären, dass nun, nach den Wochen der politischen Isolation, ausgerechnet der Außenminister zusammen mit dem Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auf dem Boden des im Bürgerkrieg befindlichen Libyen landet und ohne Mandat sowie einseitig eine Rebellengruppe als die rechtmäßige Vertretung des libyschen Volkes anerkennt. Wären da nicht die Zwänge des eigenen Bürgerkrieges, müssten die Rebellen selbst diese Intervention strikt von sich weisen, da es sich um die Verletzung des Völkerrechts genauso handelt wie um die Ramponierung des diplomatischen Kodex. Das ist das Format von Desperados und Strauchdieben, die nichts im Sinn haben als die nächste Dosis demoskopischer Daten.