Archiv für den Monat Juni 2011

Die schwäbische Hausfrau

Was ist das für ein Staat, so kann man sich fragen, der in finanzpolitischen Krisen eine Vorstellung volkswirtschaftlicher Rationalität bemüht, die zwar die Kuriosität eines Landstriches beschreibt, aber weder die Marktwirtschaft beflügelt noch dem Auftrag des Staates entspricht. Tugenden, wie sie die schwäbische Hausfrau, von der geredet wird, mitbringt, wie Sparsamkeit, Disziplin, Genügsamkeit und langen Atem, die braucht ein Staat zuweilen auch. Aber ein Staat, dessen Wirtschaft zu den Exportgiganten zählt und sich in einem globalen Konkurrenzkampf befindet, ist grundsätzlich mehr als schlecht beraten, wenn er sich als Verhaltensparadigma das einer konservativen Privatperson wählt.

Bei der einer Geisterbahnfahrt gleichenden Debatte um die Staatsverschuldung, die die Staatsausgaben als absolute Summe darstellen, ohne die staatlichen Forderungen gegen zurechnen oder in Relation zur nationalen Wertschöpfung zu setzen, wird man den Verdacht nicht los, dass suizidale Triebe im Spiel sind. Abgesehen von der durchaus demagogischen Absicht, die Spekulationsvabanques der Banken, die durch staatliche Mittel gedeckt wurden, in möglichst schnelle Vergessenheit geraten zu lassen, um von den eigenen Beteiligung an der Krise abzulenken, ist auch auf diesem Feld die Erklärung längst nicht erfolgt.

Die Popularität des Verhaltens der schwäbischen Hausfrau hat dazu beigetragen, dass in diesem Land gespart wird wie in keinem anderen und das Thema der Investition verwaist ist. Deutsche Privathaushalte legen, so sie dazu in der Lage sind, ihr Geld lieber auf die hohe Kante, als dass sie in wie immer geratene Unternehmungen investierten. Nicht genug mit dieser Eigenart, stimuliert der Staat seine Bürgerinnen und Bürger, an diesem Verhalten festzuhalten. Mit hohen staatlichen Subventionen werden Sparstimuli geschaffen, die dem Unternehmertum wie dem Markt systematisch das Geld entziehen. Das führt wiederum zu der Situation, die vielen Banken vorgeworfen wird: sie sitzen auf Geldmengen, die investiert werden wollen. Der Druck der Sparer auf zu erwartende Renditen führt seinerseits zu Investitionen, die mehr als riskant sind und so dreht sich eine Schraube, die in der Illusion, die mit der schwäbischen Hausfrau begann, ihren Impuls nahm.

Der Staat selbst sollte die Aufgabe haben, sich um Felder wie Infrastruktur und Bildung zu kümmern. Er sollte sich dabei verhalten wie ein Unternehmer und nicht wie eine Privatperson. Selbst bei einer historischen Betrachtung stellt sich sehr schnell heraus, dass öffentliche Investitionen immer rentabler sind als ein fiktiv zu erwartender Kapitalzins. Hätte man die Summen, die letztendlich aufgewendet wurden, um das aus dem Sparwahn einer gesamten Nation erwachsene Debakel aufzufangen, um die infrastrukturellen Defizite z.B. bei der Bahn zu beseitigen und flächendeckende Ganztagsschulen, die baulich wie vor allem pädagogisch den Namen verdient hätten einzurichten, dann stünden die Zukunftsperspektiven dieses Landes dramatisch anders. Aber, wie so oft, ist der Konjunktiv die Ausdrucksform für die Regel der verpassten Chance.

Das Recht auf Unglück

Philip Roth. Nemesis

Philip Roth, dessen letzte Romane ohne jeden Zweifel die Signatur eines Alterswerkes verdienen, geht noch intensiver auf die Implikationen des konkreten Daseins auf die Entwicklung des Individuums ein als in den zweifelsfrei auch durch diesen Aspekt sehr reichen früheren Romane. Doch sowohl in Jedermann als auch in der Demütigung wird jenseits der jüdischen Sozialisation in einem demokratischen Amerika und dem daraus resultierenden Konflikt zwischen den in den USA aufgewachsenen Jungen und den im alten Europa groß gewordenen Alten eine andere Dramaturgie zum wesentlichen Movens der Handlung. Es geht um das, was man in früheren Zeiten getrost als Schicksalsschlag bezeichnet und vom Wesen her dadurch gut getroffen hätte.

Folie des Romans ist eine jüdische Zone in Newark, der gegenüber New York liegenden Metropole, die durch ihre Industrie und Geschäftigkeit dem gegenüberliegenden metropolitanen Handels-, Finanz- und Kulturzentrum den erforderlichen produktiven Rückraum lieferte. Dort, wo vor allem die europäischen Einwanderer jüdischer Herkunft, Italiens und Irlands das harte, von Mühsal geprägte Drehbuch des amerikanischen Traums schrieben.

Es ist eine Geschichte, die wahrend des II. Weltkrieges spielt, in dessen Endphase alle waffentauglichen Freunde der Hauptperson, Buck Cantor, in Übersee den Kampf gegen das faschistische Monster führen. Mr. Cantor, wie er in dem Roman von einem Leidensgenossen genannt wird, der dessen Geschichte erzählt, Mr. Cantor ist ein junger Mann mit hervorragenden Aussichten, ein guter Sportler und erfolgreicher Speerwerfer, der unter dem Handicap einer starken Sehschwäche leidet. Nicht zum Militärdienst tauglich, betreut er in dem heißen Sommer 1944 wahrend der Sommerferien die Kinder des jüdischen Viertels in Newark bei ihren sportlichen Aktivitäten.

Brisanz erhalt dieser Auftrag mit einer Polioepidemie, die immer mehr der von ihm zu betreuenden Kinder dahinrafft, die mehr und mehr von Hysterie getriebenen und interpretiert wird und sich letztendlich auf Cantors Gemütszustand auswirkt. Von vielen Seiten bedrängt, vor allem von der sich in einem Sommercamp in den Bergen befindenden großen Liebe, folgt er letztendlich dieser, geplagt von einer teils irrationalen Schuld verweigerter Verantwortung.

Die Geschichte, die Roth in einem Ton der leisen und weisen Melancholie erzählt, mündet in das vorgeahnte Fiasko. Mr. Cantor wird selbst zum Opfer der Epidemie, die er als Krüppel überlebt und deren Konsequenz für ihn nur sein kann, mit seinem Restleben den durch ihn verschuldeten Verlauf mit dem eigenen Unglück zu bezahlen. Als selbst die große Liebe seines noch jungen Lebens an ihm festhalten will, verweigert er sich schroff und lebt die nächsten Jahrzehnte als Nobody am unteren Level der Gesellschaft.

Der Roman ist nicht nur durch eine große epische Qualität gekennzeichnet und von seiner Dramaturgie eine meisterhafte textliche Inszenierung, sondern bewegt sich auch in einer Dimension, die durchaus als postmoderne Katharsis bezeichnet werden kann. Philip Roth, dem durch Werke wie Sabbaths Theater oder Portnoys Beschwerden in jüngeren Jahren durchaus ein Faible für den exzentrischen Destruktionismus nachgesagt werden konnte, findet mit Nemesis zurück in die Arme eines von tiefer Solidarität und Hingabe geprägten Humanismus, der als das eigentliche Erbe des alten Europas gelten kann.

Energetische Aufwände

Seit der Weltfinanzkrise aus dem Jahr 2008, so ist immer wieder zu lesen, interessieren sich vor allem junge Leute für Theorien, die sich mit dem Phänomen des Wertes befassen. Da in den Wirtschaftswissenschaften, die durch den Marktgedanken des Kapitalismus determiniert sind, kaum etwas Brauchbares existiert, das über das Theorem von Angebot und Nachfrage hinausgeht, wundert es gar nicht, dass das Kapital von Karl Marx wieder kräftig gelesen wird. Bei letzterem handelt es sich nicht nur um das wissenschaftlichste Werk seiner Schriften, sondern es beinhaltet eine nach wie vor bestechende Erklärung für die Frage nach dem Wert einer Ware.

Der Doppelcharakter der Ware, so Marx, besteht in der Dualität von einem Gebrauchs- wie Tauschwert. Haftet dem Gebrauchswert etwas Subjektives an, d.h. bestimmt das Individuum, welches eine Ware erwirbt, was sie ihm tatsachlich wert ist, so ist der Tauschwert von objektiven Faktoren bestimmt: der Arbeitszeit, die in der Ware steckt und der Anzahl der Waren, die zur Verfügung stehen. Der Tauschwert stellt volkswirtschaftlich die relevante Dimension dar und er wird seinerseits ausgedrückt durch das Geld, welches Marx das Allgemeine Äquivalent nennt. Dass letzteres nicht immer nur den Tauschwert der Waren anzeigt, sondern seinerseits einer Eigendynamik unterliegt, die ganze Wirtschaftssektoren Amok laufen lassen kann, zeigte gerade die Finanzkrise.

Das, was zur Entstehung einer Ware erforderlich ist, ist ein recht präzise bezifferbarer Aufwand an Energie, Material, Wissen und Technologie, der beschrieben ist in der physikalischen Formel für die Arbeit. Unabhängig davon, wie vage der Arbeitsbegriff in unserer Gesellschaft geworden ist, da er seine Existenz eng an der Leistung fristet und eine Definition der letzteren dem Bann unterliegt, ist es darüber hinaus hoch interessant, Arbeit, Leistung oder den Aufwand zu betrachten, den Gesellschaften betreiben, um etwas zu gestalten.

Der politische Überbau einer Gesellschaft ist der Ort, an dem kollektive Energien aufgewendet werden, um die Geschicke eines Landes zu gestalten. Betrachtet man verschiedene Nationen aus dem globalen Gefüge, so kommt man unter diesem Aspekt zu erstaunlichen Beobachtungen. Die Volksrepublik China, der wirtschaftlich wie politisch aufgehende Stern am globalen Himmel der Macht, wendet fast alle Energien auf, um eine Infrastruktur zu schaffen, die den wirtschaftlichen Vorhaben und Bedürfnissen entspricht, oder um Universitäten ins Leben zu rufen, in denen die Berufe ausgebildet werden, die das wirtschaftliche System braucht oder um Technologien zu entwickeln, die einem ökologischen Overkill des sehr schnell wachsenden Marktes entgegenarbeiten.

Im Gegensatz dazu leben wir in einem Land, dessen Politik, die sich sehr auf die Stimmungen in der Bevölkerung stützt, den gewaltigsten energetischen Aufwand betreibt, um Entwicklungen zu verhindern bzw. Entwicklungspfade zu verlassen. Allein die für das Projekt Stuttgart 21 oder den Ausstieg aus der Kernenergie verwendete Energie, d.h. tatsächlich verwendete Arbeitszeit in Form von Diskussionsforen und Demonstrationen, ausgefallene Arbeitszeit in Form von nicht durchführbaren Aufträgen, Gerichtsverhandlungen etc. beziffern eine Dimension, die ausreichte, um andere Projekte, die die Zukunft gestalten, tatsächlich durchzuführen. Die Disproportionalität von energetischem Aufwand zur Gestaltung und demselben zur Verhinderung vermag den Unterschied zu Gesellschaftsformationen aufzeigen, die sich in der Aufwärtsbewegung befinden. Wie immer an solchen Stellen sollte jetzt folgen, dass damit eine politische Bewertung der Volksrepublik Chinas und der Bundesrepublik Deutschland nicht vorgenommen wurde. Um Missverständnisse zu vermeiden, versteht sich. Aber wenn es so weit ist, dann haben die Zensoren bereits Hochkonjunktur.