Archiv für den Monat Juni 2011

Die ödipale Aversion gegen den Staat

Es ist schon eigenartig: Deutschland, der Kontinent der staatlichen Organisation, wird in seinem politischen Handeln von einer Aversion geprägt, die nirgendwo sonst in diesem Maß zum Vorschein kommt. Das Land, das seit der späten, lang ersehnten und überfälligen Nationenbildung zu einem Staatswesen kam, machte dann so ernst, dass daraus für viele gleich eine Bedrohung wurde. Der Staat, schon im frühen Stadium mit dem Attribut des Vaters versehen, wurde für die einen die für alles sorgende Instanz, für die anderen das Synonym für Gängelung und Bevormundung.

Otto von Bismarck, der eiserne Kanzler und Fürst mit dem historischen Weitblick, verstaatlichte den von der mächtigsten Sozialdemokratie der damaligen Welt artikulierten Emanzipationsgedanken und gemeindete alles ein, was in freier, nicht staatlicher Assoziation auch hätte geschehen können. Die Sozialgesetzgebung jedoch integrierte die Koalitionsformen der Arbeiterbewegung in das fein abgestimmte Räderwerk der ehemals preußischen Bürokratie und zog ihnen damit die Zähne.

Daraus entstand bereits früh eine Ambivalenz im Volk, das teils stolz, teils erschreckt auf den staatlichen Wohltäter reagierte. Die in deutschen Landen etablierte dirigistische Administration führte selbst dazu, dass ein Revolutionär wie Lenin eine Theorie entwickelte, die ihm zwar taktisch von Nutzen war, die spätere revolutionäre Bewegung im Rest der Welt jedoch in die tödliche Irre führte. Er beschrieb die Verstaatlichung aller Leistungen als eine nahezu geniale Vorstufe für die Sozialisierung im Sinne der sozialen Emanzipation, ohne darüber zu reflektieren, dass ein staatlicher, kapitalistisch sozialisierter und hierarchischer Apparat die Dinge in dieser WWelt vielleicht anders ordnet als es eine Assoziation von Freien täte.

Die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus war dann auch ein Grund dafür, dass es mit der deutschen Revolution für immer vorbei war. Die Vorstellung, ein Gemeinwesen anders organisieren zu können als mit strengen Hierarchien, absoluten Verallgemeinerungen und universalem Bestandsdenken verdrängte die Phantasie. Den einen, die eine starke Autorität nicht missen wollten, war es recht und ein Segen, den anderen die Zumutung schlechthin.

So organisieren und diskutieren wir in diesem Land zumeist in dem Spannungsfeld zwischen staatlichem Absolutismus und Anarchie, die einen sehen das Übel in zuwenig, die anderen in zuviel des staatlichen Zugriffs. Was den einen der positive Begriff des Vaters Staat ist, ist den anderen die ödipale Aufforderung, denselben zu meucheln, wo es nur geht.

Die Belastung der Diskussion durch die historischen Markierungen von Kaiserreich, Weimarer Republik, Faschismus, BRD und DDR verstellen den Blick für neue Organisationsformen für den gesellschaftlichen Wandel. Und wie in dem Spiel, in welchem die Akteure wie von Teufels Hand getrieben ausgerechnet dann zum falschen Mittel greifen, wenn sie eine Möglichkeit haben, eine neue Situation zu schaffen, setzen wir genau dann auf den Staat, wenn es angemessen wäre auf die Freiheit zu setzen und dann auf die Freiheit, wenn ein kollektiver Ordnungswille vonnöten wäre. Um diesen Circulus vitiosus verlassen zu können, wäre es erforderlich, die Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, ihre Entscheidungen aufgrund einer tiefen Reflexion über ihr individuelles Handeln und dessen Auswirkungen auf das Ganze zu treffen. Doch da setzt das politisch handelnde Establishment auf den Akt der Bevormundung und sät weiter den Keim der ödipalen Aversion gegen den Staat.

Ein Epos über die geheimen Dienste und das protestantische Amerika

The Good Sheperd. Regie: Robert De Niro; Produzent: Francis Ford Coppola

Nein, ein herausfordernderes Thema als die Geschichte der CIA in den USA hätte sich Robert De Niro bei seiner zweiten Regie sicher nicht aussuchen können. Und eine brisantere Zeit als die, in der die Bush-Administration aufgrund nachweislicher Fehler oder dubioser Hinweise des Geheimdienstes mächtig ins Schlingern geraten war, hätte er auch nicht wählen können. Umso betörender ist die von De Niro gewählte Gangart eines Epos, das mehr aussagt über die Geschichte dieser Supermacht als schnelle Schnitte und technische Effekte. Mit einer distinguierten Erzählweise, in die die Hauptdarsteller Matt Damon und Angelina Jolie in einer für sie nie wieder erreichten Qualität eingewoben sind, breitet sich die Geschichte mehrdimensional vor dem Publikum aus.

Matt Damon, die Hauptfigur, spielt den aus gutem protestantisch-weißen Hause stammenden Musterschüler und Eliteschulabsolventen Wilson, der früh für geheimdienstliche Aktivitäten während des II. Weltkrieges rekrutiert wird. Die Fäden im Hintergrund zieht ein übergewichtiger und gichtiger Robert De Niro, der den Mythos der Vaterlandsliebe symbolisiert wie der versehrte Held. Es entfaltet sich eine Textur der unterschiedlichen Handlungen, begleitet von politischen Ereignissen wie der Entstehung der Nachkriegsordnung, der Kuba-Krise und dem Kalten Krieg. Wilson ist der Mann im Hintergrund, in seinem Selbstzeugnis ein kleiner, unbedeutender Diener seines Staates. Darunter leidet das, was gemeinhin als Privatleben bezeichnet werden müsste. Seine Ehe zu der von Angelina Jolie herausragend dargestellten Frau aus bestem Hause, die eigentlich nie stattfindet und ein lang anhaltender Auszehrungsprozess ist, der letztendlich alle vernichtet, symbolisiert den sektiererischen Charakter der geheimdienstlichen Berufsausübung.

De Niro gelingt es, eine Analogie herzustellen zwischen der Anforderung an die Geduld von Geheimagenten bei ihren Operationen und dem Aufbau der Organisation und dem Publikum, das ebenfalls sehr intensiv beobachten und warten muss und den Clou nicht ad hoc zu entschlüsseln vermag. Die zentralen Botschaften kommen eher en passent daher und gehen unter die Haut wie tödliche Messerstiche. Auf die Ausführungen eines italienischen Mafioso, der mit der CIA verhandeln will und in der einleitenden Konversion aufzählt, dass die Italiener ihre Familie und ihr Essen, die Iren ihre Heimat, die Juden ihre Tradition und selbst die Schwarzen ihre Musik hätten und gleich die Frage an den weißen Geheimdienstler stellt, was seine Gruppe denn an Sinnstiftung zu bieten hätte, antwortet Wilson eiskalt: Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika, und ihr seid hier alle nur zu Gast!

Derartige Botschaften kommen dennoch leise daher, sie enthüllen den Charakter der notwendigen, geheimen Dienste, deren Existenz zwischen Poesie und Mord zu suchen ist und deren Geist die Konsistenz einer Weltmacht verrät. Das ist große Kunst im Medium Film!

Vertauschte Rollen

Die Inszenierung der Frauenfußballweltmeisterschaft verspricht nicht viel Gutes. Es hat das mit der Tatsache Fußball spielender Frauen wenig, mit der Hegemonie gesellschaftlicher Vorstellungen über die Geschlechterrolle sehr viel zu tun. Nach Jahrzehnten der maskulinen Vorherrschaft in der Gesellschaft und den von Männern bestimmten Rollenklischees haben sich vor allem im letzten Jahrzehnt durch die Präsenz der Emanzipationsvertreterinnen der ersten Stunde in Politik und Medien die Zeichen geändert. Nicht der etwas prollig daherkommende Chauvi bestimmt, was im Trend liegt, sondern die Welt neu erklärende Spezialistin für Emanzipation. So primitiv die hemdsärmeligen Prototypen der vergangenen Männerwelt waren, so dogmatisch und intellektuell dürftig ist die momentan erlebbare Gegenbewegung.

Der Fußball kann getrost als die letzte Domäne der heterosexuellen Männer gewertet werden. Nirgendwo sonst werden die archetypisch vorhandenen Instinkte noch so ausgelebt wie dort, auch wenn bereits in den letzten eineinhalb Jahrzehnten eine Entwicklung eingetreten ist, die ohne Vorbehalt als eine Effeminierung dieses Sportes bezeichnet werden muss. Was in den neunziger Jahren als eine von einem Konsens getragene gesunde Härte verstanden wurde, wäre nach heutigen Kriterien bereits ein empfundenes wahres Gemetzel. Aber das ist eher peripher.

Interessant ist der Zugang und Einzug der Frauen in diesen Jägersport, der immer den Männern vorbehalten war. Dass Frauen daran Spaß fanden und finden ist schön, dass sie sich in dieser Domäne mehr und mehr etabliert haben ebenso. Dass sie ein gefährliches Spiel in einer sehr maskulinen Sphäre spielen, sollte ihnen bewusst sein und nun nicht zu der Klage führen, dass es so ist, wie es ist.

Der Fußball ist trotz des Vormarsches der Frauen von einem Denken dominiert, das von den Männern des industriellen Zeitalters geprägt ist. Die Faszination dieses Spieles entstand aus den Möglichkeiten unterschiedlicher Organisationsformen wie persönlicher Qualitäten, wie sie in der Konkurrenz des Wirtschaftslebens, ebenfalls von Männern beherrscht, anzutreffen war. Die Welt des industriell und maskulin geprägten Fußballs ist längst versunken. Der Strukturwandel in der Produktionsweise wie in der Gesellschaft schlägt sich mehr und mehr auch in dieser Sportart nieder, betrachtet man zum Beispiel die spieltaktischen Innovationen vor allem in Spanien.

Das alles ist eine äußerst interessante Entwicklung, die spannend ist und allen Spaß macht, die dieses Spiel fasziniert. Abstoßend und degoutant wird es, wenn, wie im Moment hierzulande häufig anzutreffen, eine Hetzkampagne gegen den heterosexuellen Mann per se daraus wird. Das ist im ursprünglichen Sinne revanchistisch und spricht sehr dafür, dass der Fußball instrumentalisiert werden soll, um die immer unattraktiver werdende Ideologie der Political Correctness mit ihrem dogmatischen Gehalt an den Mann zu bringen. Die Ideologisierung des Fußballs lenkt in hohem Maße ab von den in diesem Spiel wirklich lesbaren gesellschaftlichen Entwicklungen.