Archiv für den Monat Februar 2011

Cannabis-Diplomatie

Eigentlich sollte die Figur ihren Platz in einer Dreigroschenoper der Neuzeit haben. Der libysche Präsident Muammar al-Gaddafi gilt seit Jahrzehnten als eine der schillerndsten und frivolsten Figuren aus dem Repertoire der globalen Tyrannei. Immer in langen Gewändern und etwas retardiert daherkommend, bebrillt mit einem Spiegelschaufenstermodell der siebziger Jahre, hat er eine wandlungsvolle Politik hinter sich, die nicht die seine ist. Vom aktiven Unterstützer des internationalen Terrorismus hat er sich entwickelt zu einer treibenden Kraft der arabischen Liga und seit einem Jahrzehnt zu einem neuen Freund der europäischen Staatschefs. Gerhard Schröder holte ihn heim ins Reich der westlichen Konferenzteppiche und heute sind die selbst ernannten Architekten der Entente mediterranee, Sarkozy und Berlusconi, regelrechte Freunde des Despoten geworden.

Dabei ist Gaddafi immer ein Terrorist und Diktator gewesen, dessen Unwesen nur durch die Ressource Öl und das Stillhalten des Westens finanziert werden können. Sein Land ist das im Maghreb undemokratischste, nirgendwo wird so gefoltert, die Pressefreiheit derartig mit Füßen getreten, der Korruption derartig gefrönt und nirgendwo in der Region gibt es ein besseres Refugium für Terroristen. Wer sich in seiner Einstellung zu diesem Höllenmenschen geändert hat, ist der Westen, d.h. in diesem Falle Europa, das neben der Ressource Öl immer auch Gaddafis Bereitschaft geschätzt hat, den Korridor afrikanischer Flüchtlinge nach Europa mit seinen Mitteln zu schließen.

Nun, da nach Tunesien, Ägypten, Algerien, dem Jemen und Bahrain auch in Libyen eine anschwellende Volksbewegung zu einem Tag des Zorns als Protest gegen das Gaddafi-Regime aufgerufen hat, stellt sich die Frage, inwieweit Europa aus dem ägyptischen und tunesischen diplomatischen Desaster gelernt hat. Ein erschwerender Begleitumstand für die Lernfähigkeit sind die Flüchtlingsboote, die derzeit die italienische Insel Lampedusa ansteuern und desillusionierte junge Menschen aus Nordafrika an Bord haben. Angesichts der Zahlen, die bis dato eine lächerliche Dimension haben im Vergleichen zu sonstigen gegenwärtigen Migrationsströmen auf dieser Welt, herrscht bereits eine Hysterie in den Hauptquartieren der europäischen Staaten, die nicht nur unangemessen ist, sondern auch noch eine negative Prognose auf die Handlungsbereitschaft der europäischen Diplomatie schließen lässt.

Wir werden sehen, ob wir wieder den Sermon zu hören bekommen, dass auch in Libyen der friedliche Dialog wichtig sei, dass Gaddafi sich doch im Laufe der Jahrzehnte bewegt habe und dass man nie wissen könne, ob er nicht durch radikal islamische Kräfte abgelöst werden könne. Und vielleicht wird man wieder warten, bis eine Volksbewegung den alliierten Schurken aus dem Land getrieben hat und dann im Brustton der Überzeugung verkünden, man werde das neue Libyen nun nach Kräften unterstützen.

Es ist mal wieder eine Probe aufs Exempel.

Das Vermächtnis

Micheal Brecker. Tales from the Hudson

Viele Wege ist er gegangen, der große Virtuose des Tenorsaxophons. Micheal Brecker war der Leuchtturm des Jazz im ausgehenden 20. Jahrhundert. Der Maniac, der wie besessen an seiner Fertigkeit arbeitete, der Perfektionist, dem nichts genügte, der täglich Arbeitstage am Tenor verbrachte wie andere Leute im Büro. Acht Stunden täglich waren für ihn normal, auch, als er längst etabliert war und den Zwang, Geld zu verdienen, hinter sich hatte. Als Studiomusiker für die Popgrößen hatte er für das nötige Kleingeld gesorgt, um seiner großen Obsession, dem innovativen Jazz, schrankenlos frönen zu können. Durch die Genres war er durch, Postbebop, Funk, Rock, Pop, überall hatte er sich herum getrieben, um dann in den letzten zehn Jahren seines viel zu kurzen Schaffens dem Jazz einen Impuls zu geben, der bis heute nachwirkt.

Die große Erzählung, die uns Micheal Brecker, der im Jahr 2007 verstarb und nur 58 Jahre alt wurde, hinterließ er der Nachwelt mit dem 1996 erschienenen Album Tales from the Hudson. Es ist ein Flug durch das schöpferische Leben Breckers und die Titel sind wie orthographische Inschriften. Mit Slings and Arrows akzentuiert Brecker die archetypischen Qualitäten des Jazz. Bei Midnight Voyage dechiffriert er die Gesetze des Kraftfeldes von Hochspannung und Trance, welche er zu beherrschen vorgibt. Der Song for Bilbao, in seiner Eingängigkeit und kontrapunktischen Brillanz wie eine Hommage an Kurt Weill anmutend, belegt die Offenheit des Innovators für jegliches Genre. Mit Beau Rivage setzt er die Reise fort um mit African Skies dort anzukommen, wo vieles begann, das im amerikanischen Jazz endete. In diesem Stück ist das positiv Barbarische, nicht Domestizierte mit den Melodielinien ebenso eingefangen wie eine originäre, temperamentvolle Rhythmik, die auf die Zivilisierungsprozesse wie eine Infusion wirken.

Das Stück Naked Soul kann als das eigentliche Vermächtnis Breckers begriffen werden. Nachdem man auf der vorherigen Erkenntnisreise die Vögel hat förmlich schreien, die Winde pfeifen und die See klatschen gehört, scheint in diesem kontemplativen, melancholischen, einzigartig melodiösen und dann wieder dissonanten Werk die Einsicht auf, dass die Kreatur auf dem langen, argen Weg der Erkenntnis die letzten Einsichten mit sich selbst ausmachen muss. Sie sind nicht teilbar, doch selbst die Stille der Einsamkeit erzeugt eine Melodie.

Die Musiker, die Micheal Brecker auf dieser Reise begleiteten, waren Pat Metheny, Jack DeJohnette, Dave Holland, Joey Calderazzo, McCOY Tyner und Don Alias. Die Agglomeration von Können, Perfektion, Intuition, Empathie und Kreativität muss nicht unbedingt zu etwas Einzigartigem führen. Micheal Brecker jedoch hat es mit seinem genialen Duktus vermocht, dieses hochkarätige Ensemble in seine Erzählung einzubinden. Tales from the Hudson ist eines der großartigsten Alben des Jazz im 20. Jahrhundert.

A Slim Line

The uprising in Egypt and Tunisia makes it necessary to reconsider the routines of western diplomacy.

Considering the established routines of western diplomacy in the North African world there should have been a reinvention long before the people arose to throw out their autocratic rulers. Too long its behaviour was a compendium of old shaped reasonability born in times of colonialism. The only measure to judge Arabic people and circumstances had been the civilization western style. The Entrance into Islamic culture which can be resolutely differentiated and elaborated was never mastered because of a deep and compromising lack of respect. And respect is the condition to share absolutely while conversing with this part of the world.

The erosion of the monolithic Islamic systems in the east took place out of the awareness of the west. While the new administration of the US was busy by counting the losses of a frontal, non-emphatic and aggressive foreign policy in the last decade, a new middle class was counting its losses within its own progress. Although there have been a lot of achievements in education, although there was some money to earn and although there was the participation in a new global communication network, the countries remained as if nothing had happened.

Whether in Egypt or in Tunisia, the economic progress did not correspond with democratisation. The specific fault of these countries had been a rising wealth of a new middle class while at the mean time a growing number of working class members were pauperizing. The opportunity to rise in the social scale by getting a better education was a cul-de-sac and the educated took the employments of the workers instead. Corresponding with a growing wish to be an active member of decision processes, the new powers of the old societies came into contradiction to power. While the autocratic rulers repeated their sermons of discipline and hardship of life and quoted the Koran, especially the youth grew inpatient.

The hesitation of the western world during the rebellions in Tunis and Cairo disappointed deeply. The demonstrating and their life risking young people on the streets were convinced to handle the situation in the most democratic way possible. The loyal attitude towards the old rulers of at first the US and second Europe evoked a disappointment very difficult to mend. The current situation should be used to reconsider western attitude towards the Islamic hemisphere. The rising dynamic there contributes to the demographic pressure, the best ally of democracy.

There is a very slim line left. It ought to be stronger between the old democracies and the young, upcoming countries, facing a period of enlightenment and democratisation. The old tools and habits of post colonial diplomacy should be transferred to the museums.

First published in Atlantic-Community.org