Archiv für den Monat Februar 2011

Große Magie aus dem Bauch

John Coltrane. Olé Coltrane

Der große Erfolg für die Dimensionen des Genres war längst da. Nach den Bahn brechenden Aufnahmen mit Miles Davis war John Coltrane in kurzer Zeit zum Superstar des Jazz avanciert. Niemand zog mehr Publikum an, niemand genoss derartigen Kultstatus. Wegen John Coltrane erlebten die Musikschulen dieser Welt einen Ansturm von Saxophonschülern und sprengten damit alle Konzepte. Es sprach für den Virtuosen, dass ihn dieses Renommee nicht von seiner eigenwilligen Art, durch die Akkordfolgen zu jagen, abbrachte. John Coltrane erwachte erst aus dem Innovations- und Geschwindigkeitsrausch, als das relative Massenpublikum seinen extrem ausgedehnten Soloexkursen nicht mehr folgen konnte und wollte. Wie aus einem Traum gerissen, rieb er sich die Augen und nahm die Kritik ernst.

So kam es, dass John Coltrane, was anderes wäre undenkbar gewesen, mit den damals als creme de la creme geltenden Jazzmusikern am 25. Mai des Jahres 1961 in New York City ein Studio betrat um etwas einzuspielen, das Eingängigkeit und Exzentrik vereinte. Dabei wurde er begleitet von niemandem weniger als Eric Dolphy (flute & alto sax), Freddie Hubbard (trumpet), McCoy Tyner (piano), Reggie Workman (bass), Art Davis (bass) und Elvin Jones (drums). Mit dieser Band spielte Coltrane vier Titel ein.

Den Titel des Albums, Olé, gibt das erste Stück, bei dem eine vor allem von McCoy Tyner mit einer reduzierten Akkordfolge einen iberischen Rhythmus vorgibt, der Strenge und Temperament verbindet und durchaus an kompositorische Stilvorgaben Ravels erinnert, weil das Repetitive eine zentrale Rolle spielt. Dem Ensemble gelingt es, den Rhythmus über die gesamte Länge genau an der Grenze zwischen Ausbruch und Implosion zu halten. Sowohl Coltrane, der seine Exkurse mit dem Sopransaxophon bestreitet als auch Eric Dolphy und Freddie Hubbard bieten bei aller improvisatorischen Freiheit einen nachvollziehbaren Diskurs, der alles andere als ermüdend ist. Im Gegenteil, zusammen mit dem Rhythmus entsteht eine Magie, die ihres gleichen sucht. Die Rezeption des Albums in der ganzen Welt und in unterschiedlichen Kulturkreisen mögen nicht nur belegen, dass ein John Coltrane das Entree des Jazz zur Weltmusik beschaffte, sondern die ersten Stücke auch zu dem Gelungensten gehören, was je geleistet wurde.

Handelt es sich bei Olé sicherlich um das herausragendste Stück, das weltweit für schweißnasse Rücken sorgte, so sind Dahomey Dance, Aisha und To Her Ladyship allesamt Referenzstücke für den Coltrane, dem es gelang, sich trotz seiner nahezu kosmischen Improvisationsreisen wieder auf eine Verbindlichkeit festzulegen, die es andren erlaubte, noch mit ihm zu kommunizieren. Olé Coltrane ist eines der besten und wirkungsstärksten Alben der Jazzgeschichte. Und sitzt du in irgend einer Bar in den Tropen, von der Hitze niedergedrückt und fängst irgendwann an, dich rhythmisch zu bewegen, dann läuft bestimmt Olé!

Warum Tyrannen nicht weichen

Warum, so werden sich viele fragen, ist es für den Präsidenten Mubarak so schwer, sich aus seinem Amt zu verabschieden, obwohl doch Hunderttausende, wenn nicht sogar Millionen laut protestierend durch Kairos, Alexandrias und Luxors Straßen laufen, ihre Verachtung für diesen Mann zum Ausdruck bringend, in dem sie mit Schuhen winken? Hat er nicht genug Macht und Ansehen in seinem Leben genossen, hat er nicht Unsummen – man redet von 40 Milliarden Dollar – ins Ausland geschafft? Was will ein Mann, der das achte Lebensjahrzehnt hinter sich hat, denn noch erreichen? Welcher Lohn steht bereit für einen, der alles hat?

Zum Verständnis des als störrisch erscheinenden Noch-Premiers Ägyptens kann gereichen, dass er nicht der erste Herrscher und Tyrann ist, der sich schwer tut, den richtigen Zeitpunkt für den eigenen Abgang zu finden. Die vor ihm sind sogar Legion, seit den Erzählungen aus der Bibel, den Suren des Koran, seit den Annalen der chinesischen Kaiser und seit der Antike und den Tagen Roms gab es immer wieder diese gewaltsamen Herrscher, die anscheinend selbst in einem Alter, das der Weisheit vorbehalten ist, durch Brutalität und Engstirnigkeit glänzten.

Und auch in unseren Tagen, das heißt, in der so genannten jüngeren Geschichte haben wir genügend Namen im Gedächtnis, die uns auf das Phänomen der martialischen Herrschaft und den Willen der Unsterblichkeit hinweisen: Indonesiens Soeharto, Marcos von den Philippinen, Duvalier aus Haiti, Saddam Hussein aus dem Irak, aber auch Spaniens Franco, Chiles Pinochet, Ugandas Idi Amin, Zaires Mobutu und viele mehr. Allein beim Schreiben dieser Namen durchläuft den Autor ein Schauder und gleichzeitig wird das Gedächtnis wach, da sich laufend neue Namen melden, die dem Kriterium entsprächen.

So müssen wir gar nicht erst so tun, als handele es sich bei dem, was wir in Ägypten momentan erleben, um etwas Neues oder Einzigartiges. Wir sind konfrontiert mit einem Phänomen, das zur Typologie von Herrschaft gehört wie vieles andere. Das Verwunderliche für Beobachter aus Demokratien ist das Unverständnis derer, um die es sich handelt, dass die Zeit der Herrschaft vorbei ist. Während in Demokratien der Gedanke der Machtausübung immer an eine zeitliche Limitierung gebunden ist, sind in Strukturen absoluter Macht aus der inneren Befindlichkeit heraus keine Grenzen vorgesehen.

Ein anderes, noch wesentlicheres Motiv der absoluten Herrscher ist ein intrinsisches. Von der Typologie her eignen sich für das Dasein von Autokraten nur autoritäre Charaktere. Ihr Wesen ist in der Regel definiert durch die Möglichkeit unbegrenzten Waltens, und sie definieren sich selbst ausschließlich über die Fülle der Macht. Je mehr sie davon haben, desto bedeutender, je weniger, desto unbedeutender fühlen sie sich. Beobachten wir, selbst bei mächtigen Präsidenten aus Demokratien, dass diese durchaus noch anderen Neigungen nachgehen und Kompetenzen pflegen, die sie für die Machtausübung gar nicht benötigen, aber für ihre zweite, bürgerliche Existenz als sinnstiftend wichtig erachten, so weisen absolute Herrscher dieses fast nie auf. Herrschaft auf Zeit zwingt zu personaler Vielfalt, ewige Herrschaft verdammt zu Monotonie und Monomanie. Deshalb treten sie nicht freiwillig ab, die Tyrannen. Und deshalb ist die Demokratie ein Modell der Zukunft!

Inkontinente Intelligenzbestien

Was muss man tun, um über die Zukunft eines Landes eine halbwegs zuverlässige Prognose wagen zu können? Die beste Referenz für ein solches Unterfangen war in allen Epochen der Besuch von Bildungsanstalten. Denn dort ist die biologische Zukunft einer Nation versammelt. Man kann beobachten, wie sich die Kinder und Jugendlichen verhalten und sehen, was sie vermittelt bekommen und nach welchen Kriterien sie beurteilt werden. Worauf legt die herrschende Generation wert, was soll denn Jungen beigebracht werden und wer setzt sich durch. Da ist es zu empfehlen, sich heutige Kindergärten, Schulen und Sportvereine anzusehen und sich bei der Beobachtung von diesen Fragen leiten zu lassen.

So erzählte mir vor wenigen Tagen eine junge Frau von ihrem Erlebnis in einem konfessionellen Kindergarten in unserer Stadt, den sie besucht hatte, um einen Platz für ihren Sohn zu finden. Voller Stolz und Selbstbewusstsein habe man ihr die Einrichtung gezeigt, die Küchenausstattung im Design der teuersten Marke, ein naturwissenschaftliches Labor mit exquisiten Exponaten und ergonomische gestaltete Lehrräume. Natürlich, so hieß es, biete man den ab Dreijährigen Fremdsprachenerwerb an, und zwar Englisch und/oder Französisch. Dann wurde der jungen Frau noch ein Wickelraum gezeigt, der sie doch ein wenig befremdete, worauf sie die Erklärung erhielt, die Eltern legten primär wert auf das Erreichen der Bildungsziele, Fragen der persönlichen Hygiene seien daher auch eine originäre Aufgabe der Einrichtung.

Was die persönlichen Voraussetzungen für eine Aufnahme des Jungen anbelange, so sei man dann auch beim Thema. Man erklärte der Frau, ihrerseits eine Immigrantin mit Doktorgrad, dass sie wissen müsse, dass es sich um eine Einrichtung handle, in der jeweils bei beide Elternteilen Akademiker seien, und die Kinder der Elternpaare, die diese Qualifikation nicht auswiesen, fühlten sich sicherlich nicht sonderlich wohl. Desgleichen gelte für den Migrationshintergrund, der vieles erschwere und diese Stigmatisierung wolle man den Kindern doch besser ersparen. Da die Frau so etwas wie Selbstachtung mit sich brachte, indizierte sie weder ihren Doktorgrad noch die Ehe mit einem Akademiker, sondern verließ das Anwesen relativ entsetzt.

Einmal abgesehen davon, dass die Denkweise sowohl der Betreiber als auch der Eltern, die ihre Kinder dorthin schicken, sich in hohem Maße der Perversion annähert und dem Skandal, dass diese Institution durch öffentliche Gelder gefördert wird, stellt sich in Bezug auf die eingangs gestellte Frage der Zukunft ein ganz anderes Problem. Wenn nämlich die heutige Elite ihre Kinder separiert und unter klinisch reinen Bedingungen zur nächsten Elite sozialisiert, wird sich etwas herauskristallisieren, das zu einer dialogischen Inkompatibilität führt.

Der große Vorteil eines demokratischen Bildungswesens ist die gemeinsame Sozialisation unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und die Fähigkeit polysozialer Kommunikation einer kompletten Generation. Folgte man dem Weg einiger verstörter und sich im Stadium der Dekadenz befindlicher Eliten, so erhält man das, was angesichts der obigen Schilderung und unter Beibehaltung der Metaphorik nur zu einer Beschreibung der neuen Elite führen kann: Polyglott und zugeschissen!