Archiv für den Monat Februar 2011

Der revolutionäre Charakter des Almosens

Die Art und Weise, in der ein politisches Konsortium die vermeintliche Nachbesserung der HARTZ IV-Regelsätze verkündete, war enthüllend. Sowohl von Regierungsseite als auch aus dem sozialdemokratischen Kanon wurden die erzielten Verbesserungen mal als eine Aktion der mildtätigen Anteilnahme und mal als ein revolutionärer Akt der Chancengleichheit gepriesen. Mit dem eigentlichen Problem, das sich hinter der massenhaften Alimentierung von Bürgern und deren Familien verbirgt, die keinen Zugang mehr zum Arbeitsmarkt mehr bekommen, hat beides gar nichts zu tun.

Kein Staat der Welt kann die wachsende Verarmung derer, die keine Arbeit finden, mit seinen dirigistischen Mitteln auf Dauer befriedigend lösen. Das Dilemma ist in der Republik seit Jahrzehnten bekannt. Entweder sind die Sätze zu gering und die Staatskassen zu klamm, oder das Leistungsgefüge zwischen denen, die arbeiten und denen, die alimentiert werden, gerät gewaltig in Schieflage. Das Problem liegt jedoch woanders.

Der globalisierte Markt hat ein Konkurrenzsystem geschaffen, das von den qualifizierten bis zu den nicht qualifizierten Arbeitskräften reicht. Es existieren seit Jahren große Kohorten von Berufsgruppen und Ungelernten, die in der freien Konkurrenz der Märkte in den Metropolen nie wieder Arbeit finden werden. Es ist die Aufgabe von Politik, mit diesem Faktum umzugehen. Es muss darüber gesprochen werden, welche Folgen die Erosion von Bildung in diesem Land hinterlassen hat und es ist eine Art Marshallplan erforderlich, der sowohl die Wegmarken einer kollektiven Anhebung von Bildung und Qualifizierung beschreibt als auch aufzeigt, wie die momentan Arbeitslosen durch Arbeit in einen analogen Prozess kommen. Es sind Bündnisse und Initiativen notwendig, die eine solche duale Planung und Realisierung ermöglichen.

Da darf es keine Tabus geben und private wie etatistische Programme können durchaus nebeneinander existieren. Die gegenwärtige, kollektiv von der Politik betriebene Verschleierung der Tatsache, dass eine Vollbeschäftigung durch das Wirtschaftssystem nicht erreicht werden kann, ist nicht nur eine kollektive Lebenslüge, sondern gleichzeitig die Garantie für die beklagten Verhältnisse.

An keinem Beispiel lässt sich besser belegen, inwieweit die gegenwärtigen politischen Muster angewiesen sind auf eine immer größer werdende Abhängigkeit und Unselbständigkeit großer Gruppen der Bevölkerung. Politik speist sich aus der systematisch betriebenen Entmündigung großer Bevölkerungsgruppen, die immer weniger für sich sorgen können.

Nichts ist erregender als die Wahrheit. Dieses geflügelte Wort Egon Erwin Kischs beweist sich wieder als treffend. Die Arbeitslosen brauchen Arbeit und keine Megären, die sich in hysterisch-weinerlichen Tönen gegenseitig vorrechnen, was man mit fünf beziehungsweise acht Euro im Monat machen kann. Das ist Almosenarithmetik. Nicht die Armen sind würdelos, sondern die Zyniker, die sich an ihr delektieren und weder Charakter noch Haltung besitzen, um sich dem wahren Problem zu widmen.

Literaturgestützte Beratung

Verfolgt man die Journale, die sich exklusiv dem Thema Management und Managemententwicklung widmen, so erhält man sehr schnell einen Überblick über das, was in der Branche an Philosophie en vogue ist. Momentan gilt als modern und Ziel führend, wenn Manager Sinn vermitteln, wenn sie in der Lage sind, sich zu vernetzen und wenn sie mitreißen. Dabei wird vorausgesetzt, was sie eh schon immer können müssen: Sich selbst und Prozesse optimieren. Natürlich sollen sie nebenbei auch noch in der Lage sein, Komplexität zu reduzieren und Werte zu vermitteln. Kurzum, Management bedeutet Führung und Führung ist ein Universalthema, d.h. es ist sein Menschengedenken aktuell und in jeder Epoche gab es Anforderungen an Führung, die ihre Besonderheiten hatte, aber auch Spezifika, die sich mit der Zeit überlebten.

Interessant an der Diskussion in Deutschland ist seit einigen Jahrzehnten, dass man, wie auf vielen Feldern, stets für sich reklamiert, nicht Amerika zu sein, aber mit einer gehörigen Zeitverzögerung die Managementwellen der USA repliziert. Wie von Zauberhand tauchen nach den ersten Innovationen auf diesem Sektor auch deutschsprachige Publikationen auf, die den neuen Zungenschlag der Managementlehre für den deutschen Markt übersetzen. Eine publizistische Kampagne besorgt so die Bereitung des Markes für die Beratungsindustrie, die ihrerseits passgenau auf das neue Arrangement eine Dienstleistungspalette entwickelt, die dann an Unternehmen und Organisationen verkauft werden kann.

Die Funktionsweise ist legitim und nachvollziehbar, aber nicht unbedingt erfolgreich. Zum einen sollte man sich von der Illusion befreien, in führender Position keine Fehler zu machen. Sie sind schließlich die Bedingung für einen Lernprozess. Zum anderen sollte man sich die Fragen stellen, die zu dem Thema Führung in allen historischen Epochen relevant waren:

• Ist die Führungskraft von dem, was sie vermittelt, überzeugt und glaubt man es ihr?
• Ist sie in der Lage, komplexe Dinge einfach zu erklären?
• Trifft sie Entscheidungen und lebt sie in deren Sinn?
• Wie geht sie mit denen um, die sie führt?
• Definiert sie sich über die Macht oder den Auftrag?

Allein diese wenigen, recht einfachen Fragen, lassen erhebliche Rückschlüsse zu auf die Qualität von Führung, Management und Leadership. Allein an diesen Qualitäten zu arbeiten erfordert bei den Verantwortlichen und Beurteilten eine ganze Lebensspanne. Die literaturgestützte Beratung unterschlägt diese Tatsache, weil sie suggeriert, dass das Erreichen von Führungsqualität nach dem dernier cri in kurzen Intervallen, nur mit der richtigen Beratung, möglich sei. Aus Marktinteresse kann man diese Argumentation verstehen, realistisch ist sie nicht. Gutes Management und gute Führung sind eine Lebensaufgabe, die sich nicht auf das Erlernen einer Technik reduzieren lässt und viel Geduld und Demut erfordert.

Investigativer Populismus

Der Doktortitel ist in der akademischen Welt ein hohes Gut. Denn wer ihn erworben hat, belegt die Fähigkeit, sich einer wissenschaftlichen Fragestellung auf einem unerforschten Terrain aufgrund seiner eigenen methodologischen Fähigkeiten nähern zu können und dabei Erkenntnisse zu gewinnen, die neu sind. Denjenigen, die sich einer solchen Aufgabe stellen, ist es ins Pflichtheft geschrieben, alle Hilfsmittel, derer sie sich bedienen, als solche eindeutig zu kennzeichnen, um den Beurteilenden zu erleichtern, das Selbstständige und Eigenständige zu identifizieren. Da der Doktortitel zudem in Deutschland der einzige akademische Titel, der als Namensbestandteil geführt werden darf, ist er vor allem denjenigen, die ihn erworben haben, eine hohe Wertschätzung. Wenn man so will, bekommt man im Namen auftauchende Ehrung, die das Können würdigt.

Im Gegensatz zum Staatsexamen ist die Doktorwürde etwas, das man nur an einer einzigen Universität erlangen kann. Je nach dem Ruf einer Universität kann man auch die Qualität einer Promotion verorten. Hat man sie an einer global geachteten Universität erworben, gilt sie schon als Entree, ohne dass man ins Detail ginge. Demnach sind alle Universitäten sehr bedacht darauf, über die Qualität ihrer Doktoranden zu wachen. Sie sind es letztendlich, die zum Ruf einer Hochschule beitragen.

Beim Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg wurde der Verdacht des Plagiats im Rahmen seiner Dissertation von einem Hochschullehrer einer fremden Universität vorgetragen. Es ist ein schwerwiegender Vorwurf, der in unserem Land sogar zu einer strafrechtlichen Verfolgung auffordert. Einmal geäußert, ist es zunächst Aufgabe der die Doktorwürde an ihn verliehen habenden Universität von Bayreuth, der Anzeige nachzugehen. Diese wird dies tun, um ihren Ruf als eine akademisch verantwortliche und unbescholtene Institution zu wahren.

Die entstandenen Internetforen zur investigativen Klärung des Plagiatsvorwurfs haben keinen rechtsrelevanten Status und sie sind auch nicht autorisiert, dieses zu tun. Schaut man sich die Beiträge an, wird sehr schnell deutlich, dass es vor allem um Polemik geht und die Demontage des Ministers. Sie sind eine Missachtung der Autonomie der Universitäten und dokumentieren in mancher Hinsicht eine Emotionalität, die dem Sachverhalt unangemessen ist und eine bedenkliche Verve enthält, die an den sprachlichen Duktus autoritärer Regime erinnert. Der von der Anschuldigung durchaus betroffene Leser bekommt auf diesen Plattformen sehr schnell das Gefühl, dass die Souveränität über die zu fällenden Entscheidungen unbedingt dort bleiben muss, wo sie heute de jure noch ist: Bei den Universitäten selbst und nicht bei einem Ensemble von Halbwissenden, die aus politischen Gründen die Sau raus lassen. Wenn die Universität Bayreuth den Plagiatsvorwurf verifiziert, wird sie Guttenberg den Doktortitel aberkennen und die Staatsanwaltschaft aktiv werden.

Egal wie es ausgehen wird, es bleibt auch noch die Frage, warum der Vorwurf jetzt und bei dem Minister auftaucht, der mit der Reform der Bundeswehr das größte Innovationsprojekt seit langem am Bein hat. Des Weiteren sollten wir im Auge behalten, inwieweit die bei jeder Gelegenheit gepriesenen Foren des World Wide Web nicht auch zu einer Kulturrevolution von unten beitragen: Populismus und Ent-Institutionalisierung.