Archiv für den Monat November 2010

Eine etwas andere Version des Syndikalismus

The Wire. Die zweite Staffel

Ein kompletter Kameraschwenk in einen anderen Teil von Baltimore zeitigt ein komplett anderes, nicht minder dramatisches Milieu. Nachdem der Drogenboss Avon Barksdale durch seinen Gefängnisaufenthalt etwas auf Eis gelegt wurde, konzentriert sich die Arbeit einer erneut aufgestellten Sonderkommission von Baltimores Polizei nun auf einen neuen Fall. Der Anlass für die Konstituierung der Spezialeinheit könnte allerdings profaner nicht sein. Ein hoher Polizeioffizier polnischer Provenienz erträgt es nicht, dass der Boss der Hafenarbeitergewerkschaft, Sobotka, in der katholischen Kirche ein größeres Bild in der Bleiverglasung erhält als die Polizei. Also folgert der Cop, dass dort etwas stinkt und setzt die aus der ersten Staffel bekannten Gesichter um Cedric Daniels ein, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Tatsächlich ereignet sich im Hafen Dramatisches: Bei einer Routinekontrolle wird ein Container entdeckt, in dem dreizehn Leichen entdeckt werden, die vermutlich osteuropäische Prostituierte waren. Aus den polizeilichen Untersuchungen lassen sich Aktionsketten rekonstruieren, die in verschiedene Welten führen, die allesamt dazu geeignet sind, alle Hoffnung fahren zu lassen. Da handelt es sich zum einen um den von der griechischen Mafia betriebenen Menschenhandel, bei dem quasi die Toten aus dem Container als nicht gewollter Kollateralschaden entstanden. Auf der anderen Seite ist die Hafenarbeitergewerkschaft um den Boss Sobotka tatsächlich nicht ganz unschuldig, indem sie bei diversen Aktionen den Zoll an der Nase herumführen und den einen oder anderen Container verschwinden lassen und schwarze Ware verschieben, um die leeren Gewerkschaftskassen aufzufüllen und politische Mandate zu kaufen.

Das Drama nimmt seinen Lauf, als sich die die Wege der griechischen Mafia mit denen der polnischen Gewerkschafter kreuzen. Letztere treten auf wie die letzte Bastion des organisierten Industrialismus und nicht selten wird man an die großen Tragödien beim Untergang traditioneller Industrien auch in Europa erinnert. Trotz seiner Korrumpiertheit und Verschlagenheit fällt es einem schwer, Sobotka eine emotionale Nähe zu versagen und die Szenen aus dem Hafenarbeitermilieu lassen zum Teil noch einmal die ehemalige Kraft des Proletariats aufblitzen, ehe eine global operierende, moderne griechische Mafia, vorgewarnt durch gekaufte Spitzel beim FBI, dem Protagonisten die Kehle durchschneidet und unbehelligt von der Polizei in ein neues Operationsgebiet verschwindet.

Der polnische Polizeioffizier ist zufrieden, die Sondereinheit frustriert, der im Knast sitzende Avon Barksdale bekommt nicht mit, dass sein ebenfalls einsitzender Neffe D´Angelo von Schergen seines Partners Stringer Bell stranguliert wird, weil er ein zu großes Risiko geworden ist. Aber dass es auch diesmal kein Ende geben wird, war von Anfang an klar.

Mit dem Satan auf Patrouille

The Wire – Die erste Staffel

Acht Jahre nach Ausstrahlung der ersten Staffel der HBO-Produktion im amerikanischen Fernsehen erscheint diese sehenswerte Fernsehserie auch in deutscher Synchronisation. Für alle, die des Amerikanischen nicht mächtig sind wie für alle, die sich partout nicht in den schnoddrig-dreckigen Slang von Baltimore hereinhören können ist dieses ein Gewinn und seit langem überfällig. Die in erster Linie von David Simons zu verantwortende Serie, die allerdings auch von so prominenten Autoren wie Richard Price (Cash) und George Pelecanos (Hard Revolution) unterstützt wurde, ist die mediale Inszenierung einer Welt, in der die tradierten Schemata von Gut und Böse nicht mehr greifen. In insgesamt fünf Staffeln werden die verschiedenen Aspekte des Getriebes von Laster, Geld und Politik in dem ehemals größten Sklavenhafen Baltimore unter die Lupe genommen.

In der vorliegenden ersten Staffel geht es in erster Linie um den schwarzen Drogenbaron Avon Barksdale, der nach einem ausgeklügelten System den Handel mit harten Drogen vor allem im Westen Baltimores beherrscht und ungeheure Summen generiert, die ihm Macht und Einfluss verschaffen. Dagegen operiert eine Polizeisondereinheit, die von schillernden Figuren nur so strotzt: Von deren Leitung, dem mit eiserner Disziplin und asketisch operierenden pechschwarzen Parvenü Cedric Daniels über den versoffenen und genial operierenden Iren McNulty, die farbige und lesbische Offizierin Kima, die ihre Spitzel in den heißesten Spots laufen hat, dem in teures Tuch gekleideten Bunk, der an seiner Zigarre lutscht und die Zusammenhänge intuitiv neu arrangiert und dem unaussprechlichen Polen, der ein Meister der Dechiffrierung ist.

Diesem Team gegenüber stehen schwere Charaktere wie der böse Reiter Stringer Bell, die rechte Hand Avon Barksdales, D´Angelo, ein Neffe des Bosses, der schon früh den Glauben an den Schein des Familienzusammenhalts verliert und natürlich Omar, den Cowboyweisen pfeifenden Outlaw, der in großem Stile Brother Barksdale beklaut und mit langem Mantel und abgesägter Schrotflinte in die Reviere des großen Bosses vordringt und alles über den Haufen schießt, was sich bewegt.

Immer, wenn sich die Sondereinheit Unterstützung bei den gewählten Vertretern der Stadt holen will, stößt sie auf eigenartige Verzwickungen und Schikanen. Früh wird deutlich, wie sehr Polizei wie Unterwelt ein zerrissenes System symbolisieren, das irgendwie verbunden ist mit der Politik, die in beide Subsysteme hineinreicht und von diesen wiederum gespeist wird. Und die Gewissheit kommt schnell, dass es eine heile Welt nicht geben kann.

Die erste Staffel ist – sofern man von dem Sopranovirus infiziert war – sprachlich wie metaphorisch eine andere Welt, durch die man sich sehen muss. Man landet in einer weitaus komplexeren, in der Oben und Unten nicht mehr zu konturieren sind!

Über die Erotik von Niederlagen

Um es einmal ganz einfach zu fassen: Der Sinn und das Wesen von Demokratie ist es, dass sich Mehrheiten finden, um das Gemeinwesen positiv gestalten zu können. Wenn es besonders gut läuft, haben die sich findenden Mehrheiten sogar noch die Minderheiten im Blick, d.h. sie versuchen, die Anliegen von Minderheiten mit in ihrer Politik zu berücksichtigen. Letzteres ist mehr als nur eine Interessenvertretung, sondern in gewisser Weise auch Größe: Der Gewinner kümmert sich auch um die Belange des vermeintlichen Verlierers. Letzteres ist eine Konstellation, mit der die Demokratie zu Recht für sich werben kann. Wäre man euphorisch, so könnte man dann auch von einer Sternstunde sprechen.

Die Parteivorsitzende der Grünen hat nun angesichts der Castortransporte und deren Verzögerung durch Demonstrationen und Protestaktionen von einer Sternstunde der Demokratie gesprochen. Gorleben, wohin die Reise mit dem Atommüll geht, steht seit Jahrzehnten für ein Ritual, das die Politik dieses Landes nicht verändert hat. Immer wenn der Müll aus Frankreich anrollt, wird ein großes Aufsehen gemacht um die Gefahr, Proteste formieren sich, die nicht ernsthaft das Ziel haben, die Bestimmung des Atommülls zu verhindern. Moralinsauer wird über den Wahnsinn lamentiert, den das Ganze bedeutet.

Jahrzehnte sind Jahrzehnte! In dieser Zeit haben sich zwar die politischen Mehrheiten geändert, an der Politik der Endlagerung wurde de facto jedoch festgehalten, auch von denjenigen, die jetzt pressewirksam mal auf den Zugschienen Platz nehmen, um ihren radikalen Widerstandsgestus zur Schau zu stellen. Geändert haben sie hingegen in all den Jahren nichts, und eine politische Mehrheit, um die Atompolitik dieses Landes radikal und schnell zu ändern, hat sich nicht gefunden. Wie immer man zu der Politik steht, die auf keinen Fall Zukunft haben darf, bei Bilanzierungen sollte man nüchtern sein und nicht über Dinge schwadronieren, die man selbst nicht zustande bringt.

Ernsthaft hingegen muss die Frage gestellt werden, wie es sich denn verhält mit der eigenen Position in der Demokratie, wenn es entweder nicht gelingt, zu Mehrheiten zu kommen oder, noch schlimmer, wie es denn sein kann, die einmal erlangte Mehrheit nicht zu nutzen. Da kann man nur auf Erklärungen kommen, die ins Psychologische weisen, d.h. entweder man hat es mit Zynikern vor dem Herrn zu tun, die bei den Wählern auf eine regelmäßige Generalamnesie setzen, oder es verbirgt sich dahinter eine tiefe, nahezu erotische Zuneigung zum Scheitern. Irgendwie wird eine bestimmte Spezies immer wieder von einem tiefen Gefühl befallen, wenn ein Widerstandritual wiederholt wird und wie alle seine Vorgänger auch nicht zum Ziel führt. Denn, so könnte man fragen, was soll Widerstand, wenn er nicht zum Ziel führt?

So wie es aussieht, haben wir es bei dem als Sternstunde für die Demokratie beschriebenen Ritual in der Interpretation durch grüne Führungspolitiker als zynische Übung zu tun, bei der hundertfachen Widerholung durch Demonstrationsveteranen ohne Aussicht auf Erfolg jedoch wohl mit einer Erotik des Scheiterns. Beides verhilft nicht zu politischem Erfolg, sondern ist ein subtiles Mittel der Herrschaft, ohne dass die Akteure sich dessen bewusst sein müssten.