Archiv für den Monat November 2010

Ein deutscher Tolstoi aus dem New Yorker Exil

Oskar Maria Graf. Das Leben meiner Mutter

Oskar Maria Graf, der vor allem mit seiner Autobiographie „Wir sind Gefangene“ 1927 in Deutschland bekannt geworden war, ging 1934 ins Exil. Zunächst blieb er in Wien, wo er seinen berühmten Aufruf „Verbrennt mich!“ verfasste, dann ging er nach Brünn in der Tschechoslowakei und 1938 nach New York, wo er bis zu seinem Tod 1967 blieb. Kaum hatte Graf seine Heimat verlassen müssen, quälte ihn ein Projekt, das er noch unbedingt vollenden wollte. Es handelte sich dabei um ein Romanvorhaben, das das Leben seiner Mutter zum Thema haben sollte. Das Sujet quälte Graf, weil er glaubte, mit einer Referenz an das Sesshafte und Weibliche einen Kontrapunkt gegen das Zerstörerische und Männliche des Faschismus setzen zu können. 1940, im New Yorker Exil, beendete er den Roman mit dem Titel „Das Leben meiner Muter“, in dem er nicht nur seinen Plan vollendet hatte, sondern er hinterließ in Konzeption und Epik ein Werk, das vollkommen in der tolstoianischen Tradition stand.

In zwei Teilen handelt Graf die aus seiner Sicht bedeutenden Stränge des Lebens seiner Mutter ab. Im ersten, Menschen der Heimat genannt, gibt er einen Einblick in die Traditionen des oberbayrischen Dorfes, die bestimmt sind durch die großen Metaphern von Natur, Arbeit und Harmonie. Die Biographie seiner Mutter Therese Graf, die von einem Bauernhof kam und einen Handwerker heiratete, der seinerseits das Unruhige und Unstete symbolisierte, ist in ihrer Zeichnung sogleich die Antipode zu den destruktiven Kräften der historischen Entwicklung, die gekennzeichnet ist durch Technik, Krieg und Unrast. Therese Graf steht für den Ausgleich, für das Zyklische der Natur wie für den gesunden Menschenverstand. Sie entzerrt die großen, modischen Slogans des Zeitgeistes, indem sie sie auf das Profane des bäuerlichen Alltages anwendet und somit entzaubert.

Der als Mutter und Sohn überschriebene zweite Teil des voluminösen Romans enthält gezwungenermaßen starke autobiographische Akzente des Autors und aktualisiert damit die im ersten Teil gesetzte Metapher der Mütterlichkeit in Bezug auf die desaströse politische Entwicklung der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Zum Scheitern der Emanzipationsbewegungen wie der Münchner Räterepublik und den Kämpfen der 20iger Jahre, an denen Oskar Maria Graf teilgenommen hatte, gehört letztendlich auch das Zurücklassen der Mutter in einem im Irrtum und der Gewalt versinkenden Deutschland. Graf lässt sie hinter sich als die große Hoffnung, weil sie letztendlich den verführerischen Ideologien unzugänglich bleibt, genauso wie den Vorwurf des eigenen Versagens.

Das Leben meiner Mutter ist ein Roman, der die Herausbildung der Moderne mit ihren konkreten destruktiven Potenzialen in Deutschland bewusst werden lässt wie kein anderer. Seine Größe besteht in der epischen Qualität und der konsequenten Weigerung, in der Zuflucht zu einem neuen Dogma das alte hinter sich zu lassen.

Sachlich, kompetent und ohne Hysterie

Hamed Abdel-Samad. Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose

In einer Atmosphäre der emotionalen Überladung ist es nahezu unmöglich geworden, Diskussionen um den Zustand bestimmter involvierter Phänomene in der hiesigen Gesellschaft bei einigermaßen klarem Kopf zu führen. Wenn schon im monokulturellen Osnabrück sozialisierte Bundespräsidenten über das Wesen des Islam räsonieren und damit auch den Schwerpunkt in einer Debatte setzen, die sich mit dem Thema Integration befasst, dann ist nicht nur der Alkohol verboten, sondern tatsächlich Hopfen und Malz verloren.

Umso erfreulicher ist es, dass Hamed Abdel-Samad, ein junger, in Deutschland lebender und arbeitender Ägypter, den Zustand des Islam aus eigener Erfahrung betrachtet und einige Noten zu Papier bringt, die vor allem durch ihre distanzierte Sachlichkeit wohl tun und dem interessierten Publikum Erkenntnisse vermittelt, die nur weiter führen können bei dem Bemühen, bestimmte politische Strömungen besser zu verstehen und gesellschaftliche Entwicklungen zu begreifen.

Hamed Abdel-Samad beginnt mit einem historischen Rekurs, indem er gleich bestimmte Mythen von der liberalen Herrschaft des Islams in Andalusien entzaubert, allerdings auf dessen Hochzeiten verweist, die immer verbunden waren mit dem Zulassen fremder Einflüsse und Erkenntnisse und einer ausgewiesenen Liberalität. Problematisch ist die historische Betrachtung gerade unter diesem Aspekt für die Befindlichkeit des gegenwärtigen Islam, weil nach der Reconquista im 13. Jahrhundert bis zum heutigen Tag zu einer Abschottung geführt hat, die keine fremden Einflüsse mehr zugelassen hat.

Der Abschied vom Morgenland, so Abdel-Samad, hat zu einer regelrechten Lust an der Kränkung geführt, die er anhand zahlreicher Beispiele illustriert, die zudem erklärt, warum sich eine regelrechte Wut-Industrie in der islamischen Welt hat herausbilden können, die in der bekannten Irrationalität auf Ereignisse in der Welt reagiert und eine rationale Analyse verhindert.

En passent werden Erkenntnisse gestreut, die die militant islamisch argumentierende Welt in hohem Maße beunruhigen sollten, nähme sie es ernst mit einem Wettbewerb mit anderen Kulturkreisen. Die durchaus gewesene Liberalität in islamischen Gesellschaften hat sich flächendeckend verabschiedet, die Frauen werden schlimmer unterdrückt als sie es je wurden, die meisten Opfer bei fundamentalistisch motivierten Anschlägen sind Muslime, es existiert weltweit kein artifiziell-industrielles Produkt von Rang und Namen aus der islamischen Welt und Bildung ist degeneriert zu einm monoton repetitiven Erlernen der koranischen Urschrift.

Somit ist es nicht erstaunlich, dass der Autor der islamischen Welt den Niedergang bescheinigt, weil sie den weltlichen Aspekt ihrer Herrschaft ignoriert. Dazu gehört freier Geist und Aufklärung, und dazu trägt die Lektüre des Buches bei.

Häme ist eine schlechte Referenz

Die Reaktionen auf die Wahlen zum amerikanischen Kongress eignen sich zu einer eingehenden Diagnose. Es ist kaum zu glauben, wie sehr in Deutschland mit der Zunge geschnalzt wird angesichts eines negativen Wahlausgangs für die Demokraten. Man wird den Eindruck nicht los, dass eine emotionale Entladung hier, jenseits des Atlantiks stattfindet, angesichts einer vermeintlichen verheerenden Niederlage bei dem Versuch, eine durch George W. Bush desavouierte Weltmacht zu reformieren und wieder auf Kurs zu bringen.

Passiert ist eigentlich nichts Außergewöhnliches: Nach zweijähriger Mehrheit im Repräsentantenhaus wie im Senat haben die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren, die im Senat jedoch behalten. Damit hat sich etwas vollzogen, das zur Normalität in fast allen Demokratien gehört. Die Regierungspartei verliert in der Regel bei den Wahlen zu untergeordneten Instanzen nach Übernahme der Macht. Insofern ist es absurd, von der großen Schlappe für den Change-Prozess zu sprechen.

Neben der aus einem eigenen, aus der Unfähigkeit zur Erneuerung entsprungenen Defätismus geborenen Häme wird dann aufgelistet, inwieweit Präsident Obama nicht nur zahnlos in der Durchsetzung, sondern auch schlecht beraten in der taktischen Reihenfolge seiner Aktivitäten gewesen sei. Auch hierin liegt eine fatale Fehlrezeption. Denn die Fokussierung auf ein innenpolitisches Thema, nämlich die Reform des Gesundheitswesens, die einem Paradigmenwechsels im amerikanischen Politikverständnis entspricht, musste der erste Akt in der Innenpolitik vollzogen werden, bevor die Neupositionierung der USA als Supermacht im internationalen Maßstab nach dem zu erwartenden Verlust beider parlamentarischer Mehrheiten in Angriff genommen werden kann. Das ist keine höhere Kunst der Politik, sondern eine Milchmädchenrechnung, die zu begreifen schon schwer fällt, wenn der eigene Blick durch das Ressentiment verklebt ist.

Die Diagnose für die journalistische Aufbereitung der Wahlen in den USA hingegen ist die interessantere Aufgabe bei der Übung. Häme und Ressentiment sind typische Symptome für eine Reaktion, die aus einer Neidbetrachtung entspringt, die ihrerseits mit starken Angstfragmenten meliert ist. Im Klartext wäre es all jenen eine Horrorvision, wenn es in den USA einem Einwanderer aus Kenia gelänge, die notwendige Reform der Weltmacht des XX. Jahrhunderts zu Beginn des XXI. zu gestalten.

Hinzu kommt die eigene Furcht vor grundlegenden Veränderungen, die hierzulande in einem seit Jahrzehnten durch Wahlen bestätigten Patt manifestiert wird. Allein der Versuch, aus der Lebendfalle herauszukommen, wird derart als undenkbar erachtet, dass das vermeintliche Scheitern eines noch größer angelegten Veränderungsvorhabens eine orgiastische Entladung hervorruft, wie sie armseliger nicht sein könnte.