The Wire – Die erste Staffel
Acht Jahre nach Ausstrahlung der ersten Staffel der HBO-Produktion im amerikanischen Fernsehen erscheint diese sehenswerte Fernsehserie auch in deutscher Synchronisation. Für alle, die des Amerikanischen nicht mächtig sind wie für alle, die sich partout nicht in den schnoddrig-dreckigen Slang von Baltimore hereinhören können ist dieses ein Gewinn und seit langem überfällig. Die in erster Linie von David Simons zu verantwortende Serie, die allerdings auch von so prominenten Autoren wie Richard Price (Cash) und George Pelecanos (Hard Revolution) unterstützt wurde, ist die mediale Inszenierung einer Welt, in der die tradierten Schemata von Gut und Böse nicht mehr greifen. In insgesamt fünf Staffeln werden die verschiedenen Aspekte des Getriebes von Laster, Geld und Politik in dem ehemals größten Sklavenhafen Baltimore unter die Lupe genommen.
In der vorliegenden ersten Staffel geht es in erster Linie um den schwarzen Drogenbaron Avon Barksdale, der nach einem ausgeklügelten System den Handel mit harten Drogen vor allem im Westen Baltimores beherrscht und ungeheure Summen generiert, die ihm Macht und Einfluss verschaffen. Dagegen operiert eine Polizeisondereinheit, die von schillernden Figuren nur so strotzt: Von deren Leitung, dem mit eiserner Disziplin und asketisch operierenden pechschwarzen Parvenü Cedric Daniels über den versoffenen und genial operierenden Iren McNulty, die farbige und lesbische Offizierin Kima, die ihre Spitzel in den heißesten Spots laufen hat, dem in teures Tuch gekleideten Bunk, der an seiner Zigarre lutscht und die Zusammenhänge intuitiv neu arrangiert und dem unaussprechlichen Polen, der ein Meister der Dechiffrierung ist.
Diesem Team gegenüber stehen schwere Charaktere wie der böse Reiter Stringer Bell, die rechte Hand Avon Barksdales, D´Angelo, ein Neffe des Bosses, der schon früh den Glauben an den Schein des Familienzusammenhalts verliert und natürlich Omar, den Cowboyweisen pfeifenden Outlaw, der in großem Stile Brother Barksdale beklaut und mit langem Mantel und abgesägter Schrotflinte in die Reviere des großen Bosses vordringt und alles über den Haufen schießt, was sich bewegt.
Immer, wenn sich die Sondereinheit Unterstützung bei den gewählten Vertretern der Stadt holen will, stößt sie auf eigenartige Verzwickungen und Schikanen. Früh wird deutlich, wie sehr Polizei wie Unterwelt ein zerrissenes System symbolisieren, das irgendwie verbunden ist mit der Politik, die in beide Subsysteme hineinreicht und von diesen wiederum gespeist wird. Und die Gewissheit kommt schnell, dass es eine heile Welt nicht geben kann.
Die erste Staffel ist – sofern man von dem Sopranovirus infiziert war – sprachlich wie metaphorisch eine andere Welt, durch die man sich sehen muss. Man landet in einer weitaus komplexeren, in der Oben und Unten nicht mehr zu konturieren sind!
