Archiv für den Monat November 2010

Die Entkernung der Bildung von ihrer Semantik

Quasi organisationsunabhängig stoßen wir immer wieder auf ein Phänomen, dessen Auftreten viele Beteiligte sprachlos macht. Es handelt sich dabei um die technische und handwerkliche Fähigkeit, etwas umzusetzen und das gleichzeitige fehlende Verständnis für die spirituellen Nuancen und ihre Wirkungen. Da werden zum einen Programme entwickelt, die intellektuell alles berücksichtigen, was bei dem Thema Relevanz besitzt, aber bei der Umsetzung passieren dann Fehler, die ein Resultat hervorbringen, das an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten ist. Vor allem die Initiatoren der Programme sind dann zumeist entsetzt, wenn sie beobachten müssen, wie unsensibel und verständnislos die einzelnen Programmpunkte appliziert werden.

So erzählte ein Mitarbeiter aus einer Organisation, die sich lange Jahre jeglicher Innovation entgegen gestellt hatte, dass sich die Geschäftsleitung für die Implementierung des Gedankens des Kaizen, d.h. eines ständigen Verbesserungsprozesses entscheiden hatte, um die Erfahrungen und Ideen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter positiv aufnehmen zu können und die Organisation für Innovationen zu öffnen. Und genau die Vorgesetzten, die jahrelang jede Überlegung zu einer Verbesserung kategorisch abgelehnt hatten, begannen nun, die Mitarbeiter regelrecht zu piesacken und unter Druck zu setzen, wenn sie nicht ständig neue Verbesserungsvorschläge machten. Der Mitarbeiter berichtete, dass sich sogar Projektgruppen zur Optimierung des Kaffeekochens konstituiert hätten, um die Leitungskräfte zu beruhigen. Das Ergebnis, wie sollte es anders sein, war, dass das Konzept der ständigen Verbesserung schneller desavouiert war als in den schlimmsten Träumen befürchtet.

Nun kann man hier und da darüber spekulieren, ob die besagten Führungskräfte bewusst solche Taktiken anwenden, ob etwas Neues sehr subtil zu verhindern. Atypisch für die Reaktion vieler Gutwilliger ist es jedoch nicht. Vielmehr haben wir es mit einem regelrecht typischen Produkt der instrumentellen Vernunft zu tun. Die Einführung neuer Instrumente und Methoden kann in der Regel nur mit einem Absolutheitsanspruch durchgesetzt werden, der keine anderen Optionen mehr zulässt. Wäre das der Fall, hätten wir es mit sehr stark ausgeprägten Charakteren bei den Handelnden zu tun, die selbstkritisch und selbstreflektiert die Verantwortung für das übernähmen, was sie entscheiden und tun. Da jedoch der Geist einer Maßnahme kaum noch vermittelt werden kann, weil denen, die sie lancieren, die Befähigung der Vermittlung fehlt oder denen, die sie ausführen sollen, es an der notwendigen Antenne mangelt, einigt man sich auf den technischen Vorgang.

So werden selbst gut gemeinte Pläne zumeist gelesen und gedeutet wie eine Gebrauchsanweisung oder eine Bedienungsanleitung für ein technisches Instrument. Das sich offenbarende Defizit ist die Entkernung der Bildung von ihrer Semantik. Der Sinn dessen, womit wir uns auseinandersetzen, ist aus dem Kontext entrissen und der kommunizierte Vorgang reduziert sich auf die technische Funktionsweise. Das jedoch ist zuwenig, um im Geiste des Erfinders gelebt zu werden.

Phantomdebatten und existenzielles Vabanque

Warum es so ist, darüber streiten sich die verschiedenen Schulen vor allem in der Sozialpsychologie. Da spielen bewusste Ablenkungsmanöver genauso eine große Rolle wie unbewusste Vermeidungsstrategien und kollektiv eingeübte Rituale, die zumindest dort noch die Stiftung eines Sinnes suggerieren sollen, wo schon lange keiner mehr gesichtet wurde. Gemeint ist die Tendenz von sich in heftigen Krisen befindenden Gesellschaften oder Organisationen, die ungeheure Ressourcen darauf verwenden, um bestimmte Debatten zu führen, die existenziell eigentlich einen marginalen Stellenwert besitzen, um sich gleichzeitig von den wichtigen Themen abzuwenden.

Betrachtet man unter diesem Aspekt das politische Gewese besonders der letzten Wochen, so käme man schnell in die Versuchung, der Bundesrepublik eine Nähe zum krisenhaften Untergang zu attestieren. Die seit dem Buch Sarazins geführte Diskussion um Integration in Deutschland hat zum Beispiel gespensterhafte Züge. Nicht, dass die Fragestellungen, ob Einwanderer die Sprache des Gastlandes lernen sollten, oder ob es wichtig sei, sie in das Bildungssystem aufzunehmen, oder ob geklärt werden müsse, ob wir uns als Einwanderungsland definieren, oder wie wir umzugehen hätten mit integrationsresistenten Populationen, oder wie eine Diskriminierung verhindert werden könne, nein die Fragestellungen sind angesichts der Notwendigkeit einer aufgeklärten und vernünftige Einwanderungspolitik durchweg wichtig. Die Absurdität der Diskussion leitet sich lediglich dadurch ab, dass dieser Zug seit zwei Jahrzehnten abgefahren ist und die Attraktivität, von außen aus betrachtet, in dieses Land einzuwandern, keinen Charme mehr besitzt.

Ein anderes Beispiel für die Hitzigkeit um eine Marginalie lässt sich finden in der Diskussion um eine pränatale Implementationsdiagnose. An und für sich ließe sich diese Frage zugunsten derer, die in der Situation sind und die Mittel aufwenden können, schnell klären, wäre da nicht ein unaufgeklärter Katholizismus, der sich die Unterstützung in der Argumentation aus den bösen Erlebnissen mit den Faschisten holte. Aber entscheidend wird die pragmatische Lösung sein. Die ca. 200 Fälle, die ein Verbot im Jahr träfe, werden sich die Hilfe im Ausland suchen können. Diskutiert wird die Frage jedoch medial, als hinge die Existenz des Landes von ihr ab.

Das tut sie jedoch in Bezug auf die Bündnispartner in einer Welt, die mehr und mehr ihr neues Machtzentrum im Pazifik definiert. Insofern ist es mehr als irritierend, dass die Verdrängung Deutschlands vom ersten Platz der exportierenden Länder durch China keinerlei Aufmerksamkeit erlangt, ebenso wenig wie die Tatsache, dass sich die Bundesregierung mit China gegen die USA verbündet hat, um das hohe Lied vom freien Markt zu singen. Das wiederum klingt angesichts der Interessen Chinas als neuem Exportgiganten Nummer Eins und der politischen Schwäche der Bundesrepublik als Arroganz, die das Attribut der Dummheit wohl verdient hat. Aber, wenn die gesicherte Selbsteinschätzung schwindet, bleibt nur noch die Vermählung mit dem Schein.

Wenn der Zivilisationsgrad zur Provokation wird

Komplexe Gesellschaften unterliegen dem Gesetz der Stratifikation, d.h. es existieren Schichten und Subsysteme, die sich aus einzelnen soziologischen Faktoren ableiten lassen und einer eigenen, engeren Sinnstiftung unterliegen. Wer sich mit Politik beschäftigt, dem ist das alles längst vertraut. Verschiedene Gesellschaftsklassen definieren sich über ihre ökonomische Zugehörigkeit und daraus entstandene soziale Kulturen. Die Zugehörigkeit zu einer ökonomischen Gruppe bringt es zumeist mit sich, wie gebildet und qualifiziert die einzelnen Glieder sind, wie sie sich definieren und welche Weltdeutung ihnen plausibel erscheint.

In früheren Zeiten, als die Aufteilung des Gemeinwesens in Herrschende und Beherrschte noch recht einfach auszumachen war, sei es durch Land- oder Fabrikbesitz, da gab es jeweils die beiden sehr deutlich konturierten Gruppen, die der Besitzenden und die der Besitzlosen. Aus ersterem leitete sich die politische Macht ab, aus letzterem zumeist das Beherrschtsein. Der Kapitalismus mit seinem in der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts erreichten Reifegrad hat es zumindest in unseren Breitengraden temporär ermöglicht, dass Karrieren aufgrund von Qualifikation und Leistungsfähigkeit möglich wurden. Sie waren nicht die Regel, aber immerhin, es gab sie und gibt sie noch.

Die Ermöglichung zum Durchbrechen der sozialen Schranke wurde unter anderem durch einen politischen Emanzipationsprozess hervorgebracht, der auf bestimmte Werte setzte. Diese bestanden in Bildung und Zivilisation, d.h. sie gingen von dem politischen Ideal aus, das Können und Sittenverfeinerung so etwas schaffen könne wie eine Meritokratie, d.h. eine Herrschaft durch Leistung und Verdienst. Das war natürlich sehr idealistisch, aber es hat zumindest für einige Generationen einen Charme ausgestrahlt, der vieles bewirkt hat.

Dem gegenüber stand immer eine Interessenkomponente, die insofern als barbarisch bezeichnet werden muss, weil sie sich stets nur auf den Besitz und die materielle Herrschaft richtete. Vertreter gab und gibt es auf beiden Seiten, denen der Besitzenden wie denen der Besitzlosen. Mit der Erosion allgemein zugänglicher Bildung hat sich die Kontur der unzivilisierten Interessenwahrnehmung leider wieder verstärkt und ist auf dem besten Weg, zu einem Massenphänomen zu avancieren.

So ist in verstärktem Maße zu beobachten, dass Bildung und gelebte Zivilisation für viele Akteure im Kampf um die Wahrnehmung von Interessen zu einer unausgesprochenen Provokation geworden ist. Bildung erweckt Misstrauen und Neid, Zivilisation gar Hass und der hyänenhafte Pauperismus wird als erstrebenswertes Ziel gepriesen. Die Gesellschaft sieht diesem Prozess gegenwärtig schweigend, vielleicht auch irritiert zu, denn vieles kommt in einer derartig geballten Impertinenz daher, dass kaum einer der Beobachtenden noch seinen Augen und Ohren traut. Barbarei und Demokratie jedoch, die schließen sich auf lange Sicht aus.