Die Perfidie der historischen Entwicklung bringt es manchmal mit sich, dass man sich über Erscheinungen in anderen Kulturkreisen wundert, die man aus dem eigenen Erfahrungsbereich weit von sich weisen würde. Wir erinnern uns an die Berichterstattung über die Loya Jirga, das Treffen der Stämme Afghanistans in Kabul 2002 mit über 3000 Teilnehmern, kurz nach dem erzwungenen Sturz der Taliban. Quasi als Starthilfe hatten westliche Hilfsorganisationen das Zusammentreffen der Warlords und Paschtunenführer aus den verschiedenen Teilen Afghanistans logistisch unterstützt. Der Tross der internationalen Presse war selbstverständlich anwesend und über alle Kanäle gingen die erwartungsvollen Botschaften durch den noch von Pulverdampf kontaminierten Äther. Zunächst wartete man, bis alle Eingeladenen eingetroffen waren, was sich aufgrund der widrigen Bedingungen hinzog. Dann stellte man erschrocken fest, dass es gar keine Tagesordnung gab und schließlich überschlug sich so manch eine empörte Reporterstimme, weil gar nichts passierte. Dass dann zum Schluss doch Ergebnisse vorlagen, konnte die versammelte westliche Schar zwar vernehmen, wie das alles zustande gekommen war, blieb jedoch ein Rätsel. Nur soviel: In Asien zählt der Prozess immer mehr als das Ergebnis, und ein gutes Glas Tee kann mehr bewegen als eine gestylte Win-Win-Situation auf einer Power Point Folie. Doch das ist ein anderes Thema.
Wichtig scheint jedoch zu sein, dass mit der Empörung über das seltsame Wirken der Loya Jirga der Mythos über die andersartige Faktizität des Westens mitschwang. Und tatsächlich herrscht die Meinung vor, wir hier im Westen seine diejenigen, die Ergebnisse messen und wiegen, die präzise über das zu verhandelnde Buch führen und das unbestechliche Reich der Fakten regieren. Das mag zwar immer mal wieder, vor allen in den Phasen der Verwissenschaftlichung der Lebenswelten und der Industrialisierung so gewesen sein, aber es hat sich längst zu einem Phänomen entwickelt, das mit dem Mythos nicht mehr korrespondiert. Allzu oft stellt sich die Frage, ob vorliegende Tagesordnungen überhaupt noch abgearbeitet werden, immer wieder bleibt zweifelhaft, aufgrund welcher Faktenlage bestimmte Entscheidungen getroffen wurden und zu oft bleibt im Dunkeln, aufgrund welcher Interessenlage bestimmte Verhaltensweisen prädestiniert waren.
Eine Erklärung liefert der Leitbegriff der Konsensdemokratie, dem die Entwicklung innewohnt, den Kleinsten Gemeinsamen Nenner als Maximalergebnis zu akzeptieren, was prinzipiell dekonturiert und in Beliebigkeit endet. Zum anderen schärft er den Blick extrem für alle Fragen der Verfahrensbeteiligung. Runde Tische, Zukunftsforen, Beteiligungsworkshops und vieles mehr gehören mittlerweile zum Repertoire der Akteure und man kann insofern mit gutem Grund von einer Professionalisierung der Verfahrensweisen sprechen. Nur korreliert diese Art der Professionalisierung leider mit der wachsenden Beliebigkeit der programmatischen Qualität. Entscheidend scheint nicht mehr zu sein, welche Ergebnisqualität am Ende zu begutachten ist, sondern ob sich alle genügend beteiligt gefunden haben. Das ist ein böses Zeichen, welches man nicht verwechseln sollte als eine Annäherung an Phänomene wie der Loya Jirga. Denn die gibt es schon seit Menschengedenken und in diesen Prozessen spielen Dinge eine Rolle, die wir gar nicht wahrzunehmen imstande sind.
