Verfolgt man die Diskussionen um den Umgang mit islamischen Organisationen und deren Vertretern in unserem Land, so kann einem angst und bange werden. Ohne gleich den Handelnden politische Niedertracht unterstellen zu wollen, kann man das gedankliche Fundament der meisten Diskutanten als im Wesentlichen geprägt von Unkenntnis oder blanker Xenophobie bezeichnen. Dieser Eindruck wird erst recht nicht gemildert durch den Umstand, dass die Seite der Dialogbefürworter meist salbungsvoll bis heilig, die der harten Linie als arische Rabauken daher kommen. Was fehlt und als ein böses Indiz über die intellektuelle Befindlichkeit hierzulande gewertet werden muss, sind aus dem Geist der Aufklärung gespeiste Standpunkte, die in der Lage sind, das Selbstverständnis genauso kühl und bewusst zu formulieren wie das Maß an Toleranz und möglicher Gemeinsamkeit. Oder, um es sehr deutlich zu sagen: Wer Assimilation fordert, der ist nicht aufgeklärt und trägt nichts zu einer Bereicherung der Gesellschaft bei.
Wie wir in Zentraleuropa in unserer Geschichte zu genüge lernen mussten, ist die offizielle Lehre einer Religion, sofern nicht selbst schon durch divergierende Auslegung hinterfragt, in hohem Maß abhängig von den real handelnden Menschen, die sich zu dieser bekennen. Das reicht vom Proselytentum bis zum praktischen Humanismus, von einer gelebten Form der Toleranz bis zur Inquisition. Religion ist und war immer ein Sammelbecken, in der konkrete Individuen in ihrer Praxis darüber entschieden, wie die Idee ausgelegt und begriffen wurde. Insofern wehren sich religiöse Menschen immer wieder zu Recht dagegen, der einen oder anderen Auslegung oder Praxis generell zugeordnet zu werden.
Die Blütezeiten der existierenden Weltreligionen zeichneten sich immer durch ein hohes Maß an Aufklärung und somit einer Toleranz gegenüber konkurrierenden Lehren aus. Oft gingen die Architekten dieser kulturellen Hochphasen noch weiter und setzten auf die jeweiligen Stärken der einzelnen Gemeinden zum Wohle des Ganzen, wozu das Studium des Maurentums eine ganze Schatzkiste an Erkenntnissen bietet. Und so findet man in den aufgeklärten Schichten heutiger vorwiegend islamisch geprägter Gesellschaften immer noch Standpunkte, die dort von großer Relevanz sind, hier und heute aber ignoriert werden.
Aufgeklärte Muslime legen großen Wert darauf, dass sich die Vertreter unterschiedlicher Religionen wie Kulturen zu ihrem Wesen bekennen. Sie halten nichts von einer Assimilation, die die Identitäten verwischt. Ihnen liegt daran, das Trennende wie das Gemeinsame sehr deutlich zu kennen und eine Eintracht herzustellen, die auf Deutlichkeit und Unterschied gerade beruht. Nicht umsonnst stammt der Begriff der Konkordanzdemokratie aus dem Libanon, in dem er einst Hochzeiten feiern konnte und dann von den Barbaren aller drei monotheistischen Weltreligionen zerstört zu werden. Manchmal hülfe der Blick in die Horizonte aufgeklärter Muslime, um zu erkennen, was in der eigenen Welt zu tun wäre.
