Archiv für den Monat März 2010

Emigration als lakonische Retrospektive

Hans-Joachim Schädlich. Kokoschkins Reise

Vor allem in der deutschen Literatur hat die Emigration etwas Schweres. Es spricht vieles dafür, dass in einem Land, in dem der Begriff Heimat etwas Mythisches an sich hat, die gewaltsame Trennung von den Wurzeln etwas besonders Schmerzhaftes in sich birgt. Zudem sind die erzählten und noch zu erzählenden Geschichten überdeckt durch die grausame Episode des deutschen Faschismus, der eine millionenfache Vertreibung zur Folge hatte, die in den meisten Fällen verknüpft war mit einer weiter gehenden Verfolgung und möglichen Ermordung, auch in der Fremde. Daher ist die Rezeption der Emigrantenromane auch immer gefärbt von der drückenden Last des niemals vergessen Wollens und der steten Mahnung, so etwas niemals mehr zulassen Dürfens, meist durch zu große pädagogische Mahnung.

Der Roman Hans-Joachim Schädlichs ist sehr gut dazu geeignet, das Thema der politischen Emigration aus einer anderen Perspektive kennen zu lernen, nämlich der einer Art liberaler Schicksalsergebenheit. Fjodor Kokoschkin ist ein russischer Emigrant, den das Schicksal von Sankt Petersburg, wo sein Vater, ein berühmter Mediziner, der der Kerenski-Regierung angehört hat, von den Bolschewiki ermordet wurde. Seine Mutter flieht mit dem kleinen Fjodor zunächst nach Odessa und von dort aus weiter nach Berlin. Ihrem Netzwerk zu bekannten Künstlern der russischen Emigration ist es zu verdanken, dass sie überlebt und sogar für ihren Sohn einen Stipendiatenplatz in einem privaten Berliner Gymnasium findet, in dem dieser es bis zum Abitur schafft. Während er noch für sein akademisches Reifezeugnis büffelt, zieht es die Mutter, zusammen mit Mitarbeitern von Maxim Gorki nach Paris, wo sie sich niederlässt und viel später nach dem Krieg in Frieden stirbt. Fjodor Kokoschkin geht nach 1934 nach Prag, wo er nur knapp der deutschen Invasion entgeht und emigriert abermals in die USA, wo er es in Boston zu einem angesehenen Botaniker bringt.

Fjodor Kokoschkin geht ein letztes Mal auf Reisen und besucht die Stationen seines Exils, meist reicht es ihm, nur die Nähe früherer Aufenthalte zu wittern, um sich wieder abzuwenden und dem nächsten Ziel zuzuwenden. Seine Rückfahrt bestreitet er auf einer Schiffspassage von Southhampton nach New York. Die Tage der Überfahrt bilden erzählerisch die Zäsuren zwischen den einzelnen Exilstationen, die für sich das Dunkle einer solchen Entwicklung illustrieren, aber kontrapunktisch immer wieder aufgehoben werden durch die Konversation des nunmehr weltläufigen Greises mit den anderen Passagieren.

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, als sei die ganze Entwicklung ein Segen für Kokoschkin gewesen, der etabliert im edlen Beacon Hill Bostons residiert und auf etwas zurückblickt, dass er lange hinter sich hat. Der lakonische Erzählstil trägt dazu bei, dass das Wissen um die verheerenden Ereignisse der jüngeren Geschichte Europas nicht immer zu Beklemmung führen muss. Für einige wenige war es auch eine glückliche Fügung, so ironisch kann die Geschichte sein.

Ein Jack London des Blues

Seasick Steve. Man From Another Time

Er kommt nicht nur aus Oakland, wo sich einst Jack London niederließ, um seine unzähligen Geschichten niederzuschreiben, die sich mit dem Leben auf der Straße, auf den Goldfeldern und entlang des Schienenstrangs befassten. Seasick Steve ist ein Hobo, ein Herumziehender, der zeit seines Lebens von der Unruhe durch alle Teile seiner US-amerikanischen Heimat getrieben wurde. Im Reisegepäck hatte er den Blues, den er als Logbuch für seine Erlebnisse nutzte. Die Musik, die dabei herauskam, ist erdig und ehrlich, ohne Schnörkel und Show, direkt und unverblümt. Mit einfachstem Equipment ausgestattet, das zumeist aus einer völlig abgenutzten, meist sogar selbst gebauten Gitarre besteht und mit wenigen Akkorden erzählt er seine Geschichten, die seit über fünfzig Jahren zusammen gekommen sind und die dieses einfache, aber freie Leben beschreiben.

Das Dasein des Hobos besteht aus der Entscheidung, das Leben auf dem Weg zu suchen, ohne Mittel und intellektuelle Eskapaden. Seasick Steve durchzog das Land und teilte das Leben der Hobos, wie es klischeehafter nicht sein könnte. Die Existenz immer am Minimum, keine Bleibe, kein Einkommen, immer wieder mal Knast, wegen der Obdachlosigkeit an sich, wegen Mundraub und Randale in einer Bar. Bis er nach über 50 Jahren die Entscheidung traf, mit seiner Frau in deren norwegische Heimat auszuwandern. Auf der Schiffspassage reiherte er ununterbrochen und kam in Norwegen dann mit seinem Namen Seasick James an. Erst dort nahm man Notiz von ihm und heute gilt er als Gemeintipp für jene, die es satt sind, den Blues von Leuten zu hören, die mal einen kannten, der so lebte, wie sie es beschreiben.

Auf der CD Man From Another Time gibt auch Seasick Steve seine Referenz an den großen Bo Diddley, aber ansonsten wirft er den Hörern seine handgestrickten Wahrheiten unverblümt an den Kopf, Titel wie Just Because oder That´s All verraten, dass dort keine geheimen Botschaften zu erwarten sind. Im Titel Man Of Another Time gibt er zu verstehen, dass ihm bewusst ist, nicht mehr zu dieser Zeit zu gehören und sein Lebenskonzept einer anderen, längst vergangenen entspringt. Da reichte schon das Lied eines morgentlichen Vogels, um den Reisebefehl für einen anderen Weg ohne Ziel zu erhalten. Und in My Home verrät er, dass es keine kalten geographischen Größen sind, die seinen Weg inszenierten, sondern die Sehnsucht nach den Blauen Augen einer Frau.

Wer es down to earth im wahrsten Sinne des Wortes liebt, der sollte sich Seasick Steve unbedingt zu Gemüte führen. Da fällt alles Manirierte ab, da geht’s ans Eingemachte, da sind alle Ausflüchte unerreichbar. Eine brutal ehrliche Musik.

Der Standard als Freiheitsgrab

Je nach Naturell wird mit dem Standard unterschiedlich umgegangen. Für die einen bedeutet er Sicherheit in unruhigen Zeiten und unstetem Umfeld, für die anderen ist es der Knebel schlechthin und die Unterdrückung par excellence. Daher kommt es wohl auch, dass etwas eher Neutrales in der komplexen Welt der Dinglichkeiten durchaus hoch emotional umbraust wird. Eine Erscheinung wie der Standard hat kein Alleinstellungsmerkmal, sein siamesischer Zwilling ist der Spielraum und beides gehört essentiell zusammen. Wer spielen und sich frei entfalten will, der braucht auch Regeln, sonst geht das meist auf Kosten anderer. Und wer die Sicherheit des Regelwerkes braucht, der billigt automatisch anderen zu, sich frei und außerhalb dieser Zone zu bewegen.

Das wäre auch alles schön und gut, wenn es in seiner Varianz von allen so begriffen werden würde. Wird es ja vielleicht auch, aber eben doch nicht so einfach hingenommen. Denn in unserer sich schneller drehenden zivilisatorischen Welt tobt ein Kampf, der so alt ist wie die Menschheit selbst und mit dem Tempo der Ereignisse und den sinkenden Halbwertzeiten von Gültigkeiten nicht viel zu tun hat. Es ist der Kampf zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen Gewissheit und Neuland. Das ist ein Universalthema der Menschheit und wer glaubt, gerade jetzt und vor allem mit dem heutigen Wissen sei die Zeit gekommen, diese Frage lösen zu können, der hat sein historisches Wissen nicht genutzt.

Allenfalls die Interpretation dessen, was wir beobachten können, ist um einen kleinen Winkel reicher geworden. Denn das Motiv für die Wahl der Waffen und den Hitzegrad der Auseinandersetzung zwischen Ordnung und Freiheit wurde mit der aufkommenden Dominanz der Aufklärung zunehmend angenommen als primär vernunft- und interessengeleitet. Zumindest die genauere Betrachtung der Vehemenz und Ausdruckweise unserer aktuellen Diskussionen um das Begriffspaar und die Stilisierung des Standards zur alles überstrahlenden Ikone deuten darauf hin, dass das tiefe Gefühl der Verunsicherung und Angst das Ausgangszentrum für den Siegeszug des Standards bildet.

Damit sind nicht jene Standards gemeint, die als Glieder in einer technischen Komplexität ihren Platz haben. Mehr noch, Standards in der technischen Welt bürgen für die Sicherung ansonsten desaströser Kräfte und sind eine Voraussetzung für die Entwicklung, die der Freiheit des kreativen Gedankens in nichts nachsteht. Worum es hier geht, ist die Idealisierung des Standards zu einer allgemein gesellschaftlichen Denkfigur, zum Paradigma, zum Kollektivsymbol. Die Standardisierung unserer Gedankenwelt, die durchaus mächtig voran schreitet und mit ihren gedanklichen Lakaien des Positivismus immer weiter getrieben wird, diese Standardisierung ist die bewaffnete Formation der kollektiven Lebensangst. Wer sich heute gegen die Standardisierung unseres Geisteslebens wendet, der revoltiert gegen diese Lebensangst und vertritt die Courage, den Mut und den Bürgerstolz, der auf seine eigene Kraft vertraut und in der Freiheit eine Chance und kein Risiko sieht. Der Standard als Kollektivsymbol beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand, der für Erneuerungen nicht sonderlich empfänglich ist.