Je nach Naturell wird mit dem Standard unterschiedlich umgegangen. Für die einen bedeutet er Sicherheit in unruhigen Zeiten und unstetem Umfeld, für die anderen ist es der Knebel schlechthin und die Unterdrückung par excellence. Daher kommt es wohl auch, dass etwas eher Neutrales in der komplexen Welt der Dinglichkeiten durchaus hoch emotional umbraust wird. Eine Erscheinung wie der Standard hat kein Alleinstellungsmerkmal, sein siamesischer Zwilling ist der Spielraum und beides gehört essentiell zusammen. Wer spielen und sich frei entfalten will, der braucht auch Regeln, sonst geht das meist auf Kosten anderer. Und wer die Sicherheit des Regelwerkes braucht, der billigt automatisch anderen zu, sich frei und außerhalb dieser Zone zu bewegen.
Das wäre auch alles schön und gut, wenn es in seiner Varianz von allen so begriffen werden würde. Wird es ja vielleicht auch, aber eben doch nicht so einfach hingenommen. Denn in unserer sich schneller drehenden zivilisatorischen Welt tobt ein Kampf, der so alt ist wie die Menschheit selbst und mit dem Tempo der Ereignisse und den sinkenden Halbwertzeiten von Gültigkeiten nicht viel zu tun hat. Es ist der Kampf zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen Gewissheit und Neuland. Das ist ein Universalthema der Menschheit und wer glaubt, gerade jetzt und vor allem mit dem heutigen Wissen sei die Zeit gekommen, diese Frage lösen zu können, der hat sein historisches Wissen nicht genutzt.
Allenfalls die Interpretation dessen, was wir beobachten können, ist um einen kleinen Winkel reicher geworden. Denn das Motiv für die Wahl der Waffen und den Hitzegrad der Auseinandersetzung zwischen Ordnung und Freiheit wurde mit der aufkommenden Dominanz der Aufklärung zunehmend angenommen als primär vernunft- und interessengeleitet. Zumindest die genauere Betrachtung der Vehemenz und Ausdruckweise unserer aktuellen Diskussionen um das Begriffspaar und die Stilisierung des Standards zur alles überstrahlenden Ikone deuten darauf hin, dass das tiefe Gefühl der Verunsicherung und Angst das Ausgangszentrum für den Siegeszug des Standards bildet.
Damit sind nicht jene Standards gemeint, die als Glieder in einer technischen Komplexität ihren Platz haben. Mehr noch, Standards in der technischen Welt bürgen für die Sicherung ansonsten desaströser Kräfte und sind eine Voraussetzung für die Entwicklung, die der Freiheit des kreativen Gedankens in nichts nachsteht. Worum es hier geht, ist die Idealisierung des Standards zu einer allgemein gesellschaftlichen Denkfigur, zum Paradigma, zum Kollektivsymbol. Die Standardisierung unserer Gedankenwelt, die durchaus mächtig voran schreitet und mit ihren gedanklichen Lakaien des Positivismus immer weiter getrieben wird, diese Standardisierung ist die bewaffnete Formation der kollektiven Lebensangst. Wer sich heute gegen die Standardisierung unseres Geisteslebens wendet, der revoltiert gegen diese Lebensangst und vertritt die Courage, den Mut und den Bürgerstolz, der auf seine eigene Kraft vertraut und in der Freiheit eine Chance und kein Risiko sieht. Der Standard als Kollektivsymbol beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand, der für Erneuerungen nicht sonderlich empfänglich ist.
