Archiv für den Monat März 2010

Eine Soziologie der Belagerung

Sándor Márai. Befreiung

Der ungarische Schriftsteller Sándor Márai entpuppt sich in allen seinen Schriften als ein Meister der psychologischen Studie. Immer wieder gelang es ihm, die emotionalen Triebkräfte seiner Figuren in einem besonderen Licht zu sehen. Die Handlungen kommen ohne auf den Effekt abzielende Plots aus, das, was als der pulsierende Handlungsstrom beschrieben werden kann, ist bei Márai die Besonderheit der humanen Motivationslage. Die Biographie als programmatische Vorbedingung für das menschliche Handeln im Hier und Jetzt ist das Unabwendbare. Nun erschien zum ersten Mal seine auch im Ungarischen erst im Jahr 2000 veröffentlichte Aufzeichnung mit dem Titel Befreiung. Man fand das Skript über fünfzig Jahre nach seiner Erstellung.

Die Handlung spielt im Budapest des Jahres 1944, die parafaschistischen Pfeilkreuzler und die deutschen Besatzer bereiten alles vor, um die Stadt gegen die Rote Armee zu verteidigen. Hauptfigur ist Erzsébet, eine junge Frau, die ihren Vater, einen berühmten Wissenschaftler, der sich offen für die Juden eingesetzt hat und jetzt auf der Todesliste steht, vor den Suchenden zu verstecken weiß. Er wird mit anderen in einem Keller eingemauert, um nicht gefunden zu werden. Sie selbst geht in einen Luftschutzkeller, wo sie mit vielen anderen die Bombardements erlebt. Dort ist ein sehr pittoreskes Publikum vertreten. Bildungsbürger, Kohlenträger, intellektuelle Juden, Frauen, die dem KZ entflohen sind und ein Hausmeister, der mit den Faschisten kollaboriert.

Erzsébet beobachtet die sozialen Beziehungen dieser zusammen gewürfelten Gesellschaft sehr genau, ihr entgeht nichts und gleichzeitig entspannt sich in ihr ein innerer Monolog über das Wesen der kurz bevor stehenden Befreiung. Wie in einer soziologischen Studie seziert sie den Verfall der bestehenden Ordnung und entwickelt Thesen über die zu erwartende neue. Es beginnt eine Auflösung ihrer inneren Haltung, die die Grauen der Vergangenheit kennt und gleichzeitig die Illusionierung des Zukünftigen zerstört. Als die Straßenkämpfe näher rücken, wird der Keller von den Faschisten evakuiert, doch Erzsébet und ein Gelähmter verbergen sich und bleiben zurück. Sie wollen die Befreier dort erwarten. Und plötzlich steht ein junger Rotarmist im Keller und es entwickelt sich ein Dialog zwischen der jungen Frau und dem Sibirier, ohne dass die beiden die Sprache des jeweils anderen verstünden. Urplötzlich vergewaltigt der Rotarmist die junge Frau, um nachher verlegen zu sein und sich zu schämen. Erzsébet selbst hat Mitleid mit dem Mann, der aus dem Keller geht. Als sie selbst ins Freie tritt, liegt der Rotarmist tot auf der Straße und sie kniet sich über ihn, um ihm das Blut aus dem Gesicht zu wischen.

So wie Primo Levi in Ist das ein Mensch? kalten Auges die Soziologie des KZs beschrieben hat, so figuriert Sándor Márai Belagerung und Befreiung, die keine ist. Scham steigt auf, nicht wegen einer Nation oder einer Ideologie, Scham steigt auf, weil der Mensch ein Mensch ist.

Irritationen aus dem Barbaricum

Nach den Einlassungen des gegenwärtigen Außenministers zum Thema Hartz IV und seinen Hinweisen auf Züge spätrömischer Dekadenz verwies er nun, in Bezug auf die Zusammenstellung seiner Reisebegleitung als Minister des Auswärtigen auf die Praxis der portugiesischen Seefahrernation. Der Mann scheint seine Mission also von vornherein in einem größeren historischen Rahmen zu sehen, in dem mindestens 500 Jahre liegen, um den nächsten Pinselstrich anzulegen. Das ist endlich mal eine strategische Dimension, nachdem man Jahrzehnte immer nur Pragmatiker hat ertragen müssen, die wie halb erblindete und sieche Lotsen ihren Geschäften nur auf Sicht gefolgt sind. Nun haben wir den großen Rahmen, jetzt fehlt nur noch das historische Porträt.

Die Bewertung dessen, was in der Zeitgeschichte vor sich geht, kann erst nach deren Verstreichen in einer historischen Dimension geschehen, insofern müssen wir dem Mann einfach noch etwas Zeit lassen. Vielleicht entpuppt sich alles als ein bloßer Schelmenstreich und schneller als wir alle denken, war das allenfalls eine Randglosse. Oder es dauert doch einige Jahre und reift zu einer Bilanz, die sich historisch nennen lässt. Haben wir Geduld und lassen wir uns dafür belohnen!

Eine Sache sei hier allerdings aufgegriffen, und die bezieht sich auf die Brisanz historischer Vergleiche. In der römischen Literatur aus den Tagen Cäsars, also zu einer Zeit, in der das Imperium noch in voller Blüte stand, tauchten immer wieder Betrachtungen über das Barbaricum auf. Damit war der rechts-, zivilisations- und kulturarme Raum nördlich der römischen Herrschaftssphäre gemeint, also der unserer Vorfahren. Sie waren die Bärtigen, Ungepflegten und Ungebildeten, denen Rom nicht nur die Knute, sondern auch die Verfeinerung und den Wohlstand bringen wollte, wogegen sich diese Wilden zum Teil sehr vehement wehrten, weshalb wir bis heute, um nur ein Beispiel zu nennen, in unseren Häusern diese hässlichen Heizungskörper herumstehen haben und nicht überall schon längst die Bodenheizung etabliert haben.

Was die römischen Beobachter jedoch in hohem Maße verwirrte, war weder die andere Waffentechnik oder die Anwendung der Guerillataktik, sondern das absurde Werteverständnis dieses Barbaricum. So wird berichtet, dass es tatsächlich barbarische Stämme gegeben habe, die den Vertretern Roms Geschenke darbrachten, ohne auch nur im geringsten zu signalisieren, was sie dafür erwarteten. Oder umgekehrt und noch unverständlicher, selbst wenn man seitens Roms diesen Barbaren etwas schenkte, fühlten sie sich dadurch zu nichts verpflichtet! Kulturhistorisch übersetzt, war das Barbaricum anscheinend frei von Korruption, während im Rom der Blüte selbige bereits in allen Fugen wucherte.

Wiederum rückübersetzt bedeutet dieses, dass der Grad der Zivilisation eigentlich gar nichts aussagt über die Reinheit der Werte und umgekehrt die Struktur einfacher, klarer, und vertrauenswürdiger sozialer Beziehungen noch lange kein Indiz darstellt für eine differenzierte zivilisatorische Entwicklungsstufe. Das irritiert nun doch, vor allem, wenn man glaubt, die Geschichte sei ein Express, der nur in eine Richtung fährt.

Bolschewismus am Potomac

Für uns im Alten Europa ist das alles unvorstellbar. Wir, die wir über Jahrhunderte der Sesshaftigkeit, der zünftigen Stadtentwicklung und der konstitutionellen Verankerung eines verantwortungsreichen Gemeinwesens vor allem hier in Deutschland kurz vor der endgültigen Preisung des Staatsmonopols auf alles stehen, sehen mit Verwunderung, wie Präsident Barack Obama in den USA seinen Feldzug für eine Gesundheitsreform angetreten ist und mit welcher Vehemenz die Fragen, die er anschnitt, die US-amerikanische Gesellschaft gespalten haben. Aus der Ferne betrachtet und in Bezug auf die Wortwahl der Gegner musste man davon ausgehen, dass das letzte Gefecht gegen den internationalen Bolschewismus in der gestrigen Nacht am Potomac zu Washington geschlagen wurde. Und nun haben sie, die roten Horden, bereits übergesetzt und sind kurz davor, den Heldenfriedhof in Arlington zu entweihen.

Dabei ging es nur darum, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass eine minimale gesetzliche Krankenversicherung dafür sorgt, dass niemand aufgrund von Finanzschwäche dazu verurteilt ist, im Krankheitsfalle nicht zum Arzt gehen zu können. Das ist bis zum heutigen Tag im Zentrum der Weltsupermacht täglich und millionenfach geschehen und ein sicheres Indiz für die soziale Barbarei, Siedlergesellschaft hin oder her.

Um es umzuformulieren und den republikanischen Traditionalisten nicht das Wort zu reden: Gestern vermochte Barack Obama als der siebte Präsident, der dieses Problem erkannt hat, eine Schneise in die liberalistische Phalanx der Entstaatlichung als Prinzip zu schlagen und eine gesetzliche Gesundheitsreform durchzusetzen, die es auf einen Schlag insgesamt 32 Millionen Menschen ermöglichen wird, aus dem Zustand der Versicherungslosigkeit zu der gesetzlich garantierten Möglichkeit zu gelangen, im Krankheitsfall behandelt zu werden. Allein für diese Tat gebührt Obama schon jetzt ein Plätzchen auf dem Friedhof Arlington, auch wenn es noch lange unbenutzt bleiben möge. Für die Vereinigten Staaten von Amerika ist dieses ein Meilenstein auf dem Weg in die soziale Zivilisation der Neuzeit und was die republikanische Seele als Invasion des Bolschewismus betrachtet, ist aus der Perspektive der ödipalen Staatsfetischisten deutscher Couleur viel zu wenig und allenfalls ein Treppenwitz.

So unterschiedlich sind die Perspektiven zwischen Europa und den USA, und dennoch sind die Probleme in vielerlei Hinsicht so unterschiedlich nicht. Auch hierzulande schreien alle nach einer Gesundheitsreform, und die wetteifernden Lager sind mal für oder mal für weniger Staat in der ganzen Frage. Interessant ist, dass wir hier über die beste Gesundheitsversorgung der Welt verfügen und die Nutznießer, also wir alle, darüber klagen, als handele es sich um das allerletzte. Angesichts der Debatte in den USA klingt das schon wieder reichlich weltfremd, denn Zustände wie dort, die hat es hier noch nie gegeben. Obama hat in der letzten Nacht eines seiner großen Wahlversprechen eingelöst. Das macht ihn glaubwürdig, auch im Vergleich zum Ensemble von der Spree.