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Das Krisenmanagement beerdigt die Vision

Geert Mak. Was, wenn Europa scheitert

Es wäre schon eigenartig gewesen, wenn ausgerechnet derjenige, der eines der besten Bücher über Europa der letzten Jahrzehnte geschrieben hat, während der Eurokrise des Schweigen wählen sollte. Der niederländische Journalist Geert Mak, der mit seinem 2004 erschienenen Buch In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert den Kontinent auf seine eigene Weise ausgemessen hatte und seine kulturelle und politischen Kraftfelder mit einem Gespür für das Entscheidende beschrieben hatte, meldete sich bereits 2012 in einem kleinen Buch, das er in einem halben Jahr während eines Berlinaufenthalts geschrieben hat, zur Krise des Euro und zur Krise Europas zu Wort. Unter dem Titel Was, wenn Europa scheitert, ohne Fragezeichen (!), geht Geert Mak auf die entscheidenden Fragestellungen ein.

Obwohl das Buch vom Datum nicht brandaktuell ist, trifft es mit seinen Thesen immer noch das Wesen dessen, was die meisten Europäer besorgt. Thematisch lässt sich vieles auf den Punkt bringen: Die 2008 ausgebrochene Euro-Krise ist eine wirtschaftliche, die vordergründig mit wenig seriösen Kreditnehmern wie Kreditgebern zu tun hat. Es existiert eine kulturelle Kluft in Europa, die sich im ökonomischen Denken widerspiegelt. Die protestantische Achse der Vernunft, ihrer Vernunft, sind nach Mak die Länder Deutschland, die Niederlande und Finnland, die im Hinter- wie im Vordergrund von der Philosophie von Schuld und Bestrafung die Finanzkrise zu meistern suchen und damit den südeuropäischen Ländern auf Jahrzehnte jede Perspektive der Gestaltung nehmen wollen.

Das wesentliche Problem nach Mak ist jedoch die Dominanz der wirtschaftlichen Interessen bei der Entwicklung Europas. Sehr früh wurde die politische Vision des gemeinsamen Hauses, in dem ein Verständnis über die Diversität herrscht, aber gemeinsam und demokratisch eine Zukunft gestaltet wird, abgelöst durch ein Krisenmanagement, das sich mit Verweis auf die Dringlichkeit der zu lösenden Probleme aus der politischen Transparenz verabschiedet hat. Eines der großen Dilemmata sind nach Mak die in Hinterzimmern agierenden, mächtigen Figuren einer Bürokratie, deren Besetzung das Ergebnis von Geschacher ist. Die Abkoppelung der EU von einer politischen Vision und die zunehmende Zentralisierung durch eine Bürokratie haben Europa in eine lebensgefährliche Krise getrieben, die, und das ist nach Mak das Schlimmste, zu einer mentalen Depression geführt hat.

Es gehört zu den Qualitäten des Autors, dass er zudem einen Blick auf den Globus riskiert, um die Rolle Europas im Verhältnis zu entstehenden neuen Machzentren zu beleuchten. Akteure wie die USA, China, Russland, Indien und auch Brasilien denken in diesem Mobile, während Europa politisch keine Vorstellung über die eigene Rolle in der Welt der Globalisierung erzielen konnte. Die Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners scheitert nicht nur in der Binnenstruktur, sie verhindert auch eine akzeptable Perspektive im globalen Kontext. Die Rolle Deutschlands, welches aufgrund seiner ökonomischen Stärke eine Führungsrolle übernehmen müsste, wird laut Mak nicht oder falsch ausgefüllt.

Es ist nicht von ungefähr und für manche Europäerinnen oder Europäer schmerzhaft, dass Mak zuguterletzt auf Roosevelts New Deal verweist, einer Konzeption, die nicht das Land kaputt gespart, sondern investiert hat, die den Beteiligten ein Gefühl vermitteln konnte, auf sie komme es an und die Zeichen setzte, die gemeinsame Emotionen mobilisierte. Gerade daran mangelt es beim gegenwärtigen Management in Europa komplett. Dazu reicht die Phantasie der Protagonisten einfach nicht aus. Das vom Autor angeführte europäische Netzwerk, das wir heute schon in unseren Notizbüchern haben, nimmt uns zwar keiner mehr. Aber es ist ein schwacher Trost.

Signale aus Moskau

Und plötzlich kommt sie, die Wende, gepaart mit Macht und Taktik. Natürlich spielt Russland nicht den Part einer Volksbefreiungsarmee, und natürlich leidet die russische Gesellschaft unter erheblichen Defiziten in Sachen Demokratie. Doch darum geht es bei dem Konflikt um die Ukraine nicht. Entscheidend ist, dass in einer Atmosphäre der gegenseitigen Eskalation Russland die Initiative ergriffen und ein mächtiges Signal Richtung Befriedung der Situation gesendet hat. Ob es greift, ist nicht vorhersehbar. Nur sicher ist, dass, sollte es nicht wirken, der Einfluss Russlands auf die Ost-Ukraine bewusst oder unbewusst überschätzt wurde. Greifen Putins Worte an die Befürworter eines Referendums nicht, dann wird deutlich, wie kompliziert die Lage innerhalb der Ukraine tatsächlich ist und wie primitiv die Schwarz-Weiß-Konturierung der EU-Diplomatie tatsächlich geraten ist. Dass die westliche Propagandaabteilung bereits Erklärungen parat hat, sollte das Referendum trotzdem durchgeführt werden, lässt sich denken: Putin spielt mit gezinkten Karten. Wohl dem, der dieses nicht tut.

Man sollte die Chance nutzen, um sich neben den naheliegenden Fragen nach einer legitimen Regierung der Ukraine, nach dem Status der Krim, nach dem Selbstbestimmungsrecht bestimmter Regionen und nach der Expansion der NATO durch das Assoziierungsabkommen zwischen EU und Ukraine auch noch eine andere, strategisch vielleicht doch sehr wichtige Frage zu stellen: Welche wirtschaftlichen Interessen stehen auf wessen Agenda?

Da empfiehlt es sich, in die kalten Arsenale der Macht hinabzusteigen und sich einmal anzusehen, was in den letzten Jahren in wirtschaftlich-energetischer Hinsicht vor sich gegangen ist. Da gibt es ein europäisches Energiemonopol namens Russland, von dem nicht nur ehemalige Assoziierte aus dem Sowjetreich, sondern auch mitteleuropäische Staaten wie die Bundesrepublik in nicht geringem Maße abhängen. Und da gab es bereits Versuche seitens der vormaligen Regierung Merkel-Steinmeier, das russische Liefermonopol aufzuweichen durch Verhandlungen mit Vorzeigedemokratien wie Usbekistan und Aserbeidschan. Beides gelang nicht, aber die Intention alleine birgt doch einen gewissen Enthüllungscharakter. Russland erwies sich als stärker, was anscheinend nicht verziehen wurde.

Sowohl, diejenigen, die das Öl- und Gasmonopol Russlands durch Lieferantendiversifikation aufweichen wollten als auch diejenigen, die eigene Lieferpotenziale durch Methoden wie das Fracking entdeckt haben, sind nun dabei, die Frage neu aufzuwerfen. Bei letzterem sind die USA bereits Protagonist und hier in Europa lauern schon manche Konzerne, die gerne die Legitimation für das Fracking hätten, um auf den Markt zu kommen. Ein Engpass, der durch eine Blockade Russlands entstünde, käme da gerade recht.

Und nicht zu vergessen die Fundamentalisten hierzulande, die mit einer Ent-Industrialisierungsagenda eine staatsmonopolistisch betriebene Energiewende favorisieren, die sehr von dem Ausfall russischen Gases profitieren und den Druck auf ein Gelingen des Projektes immens erhöhen würde. Was sich anhört wie eine Verschwörungstheorie, ist leider das Ergebnis eines leidenschaftslosen Mappings wirtschaftlicher und politischer Handlungsweisen.

Russland selbst hat klar umrissene Interessen. Zum einen geht es um die geostrategische Frage des Zugangs zum Schwarzen Meer, die sich mit dem Referendum auf der Krim vorerst erledigt hat. Zum anderen ist die Bedrohung durch die NATO an den eigenen Grenzen nach wie vor virulent, aber durch das Anzeigen der eigenen Kampfbereitschaft ist der Westen etwas zurückgewichen. Nicht zu vergessen sind wirtschaftliche Interessen eines Energieanbieters. Die Signale aus Moskau sind in diesem Kontext zu sehen. Man muss sie nicht interpretieren, Streitsumme wie Colt liegen auf dem Tisch. Mal sehen, welche Räubergeschichten daraus im Westen abgeleitet werden.

Die Leichtigkeit des Blues

Keb Mo. Bluesamericana

Der Blues in den USA war immer zeitgenössische Musik. Nie, wirklich nie eignete er sich zu einem musealen oder sakralen Genre. Dort, woher er kam, sollte er denen, die ihn spielten und denen, die ihn hörten, etwas Freude bereiten. Ihre schicksalhaften Hände waren vom Baumwollpflücken geschwollen und nicht mit Rosenöl behandelt. Meistens trafen sie sich zunächst heimlich, sangen von ihrem Alltag und dann, wenn die Stimmung etwas besser wurde, ließen sie es so richtig krachen. Der amerikanische Blues hat wahrscheinlich mehr Kinder gezeugt als alle anderen Musikrichtungen zusammen und wohl kaum eine Gattung hat zu derartig vielen Toten aufgrund ungesunder Lebensweise geführt wie der Blues. Das Bild, das in Europa über den Blues entstand, ist weniger lasterhaft und freudvoll. Aber das entspricht nicht der Sichtweise in seinem Mutterland.

Keb Mo ist so einer, der gar nicht in das Bild des Bluesers passt. Weder kommt er aus dem Mississippi-Delta oder Chicago, wohin die meisten zogen, wenn sie von der Landwirtschaft in die Industrie wollten. Ausgerechnet im leichten und ausgeflippten Kalifornien geboren, hat Kevin Moore, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, sich zwar immer zu der Blues-Ikone überhaupt, Robert Johnson, bekannt, aber dieses Bekenntnis immer mit einem Schuss Calypso und etwas Soul angereichert. Keb Mo, ein zweifelsohne guter Gitarrist und Sänger, wurde nie einer der großen Vertreter des amerikanischen Blues. Aber er ist ein großer Unterhalter, und zwar in der Tradition des Blues.

Daher ist es alles andere als verwegen, dass Keb Mo sein neues Album so ganz nonchalant Bluesamericana genannt hat. Denn es ist Unterhaltung auf hohem Niveau, es ist Blues pur, aber ohne die vielleicht in den weißen Kreisen so gerne eingeforderte Schwere. Alles ist leicht und tanzbar, alles geht von der Hand und versetzt die Hörerschaft in gute Stimmung. Genau das, was der Blues leisten sollte in Bezug auf Erholung und Lebensfreude ist auf den insgesamt 10 eingespielten Stücken zu hören. Und alles geschieht mit einem wissenden Augenzwinkern. Ob das der Einstiegstitel ist mit The Worst is yet to Come, I´m Gonna Be Your Man oder um For Better or Worse handelt. Das, was ansonsten textliche Botschaften enthält, um die Hörerschaft herunterzuziehen, kommt bei dem Kalifornier immer wie unerschütterliche gute Laune. Selbst bei Move, wo der Landlord die Besitzlosen wie so oft brutal auf die Straße wirft, antwortet Mo mit dem musikalischen Konzept eines beschwingten Reframing. Warum eigentlich nicht? Nimm das Leben, wie es kommt, es ist kurz, und sowohl das Lamento wie das Zögern kostet nur Zeit. Mach dein Ding!

Keb Mo ist ein zeitgenössischer Interpret des Blues, der ihn im wahren Sinne des Wortes bewahrt und weiterentwickelt. Er hat nicht das Charisma eines John Lee Hooker, der mit seinem Schuhabsatz ganze Stadtbezirke in Schwingung versetzen konnte. Aber er vertritt das Konzept eines Lebensgefühls, das sich nicht nur in den Armenvierteln des Mississippi-Deltas entwickelt hat, sondern in allen Zonen und Temperamenten des Landes beheimatet ist. Deshalb ist es echt. Und deshalb ist der Titel Bluesamericana auch keine Anmaßung. Er rückt das Bild auf den Blues in Europa etwas zurecht. Aber das war bestimmt nicht Keb Mos Absicht. Er wollte etwas gute Laune machen. Das ist ihm ohne Zweifel gelungen.