Bei jeder Aktion des Bundeskanzlers fällt zumindest mir als allererstes fast jedesmal die Formulierung ein: ein starkes Stück! Egal, worum es geht, der Mann versteht es, zumindest Menschen mit meiner politischen Sozialisation in einen Zustand des Perplexen zu versetzen.
Alleine die jüngsten Tage haben bereits ein Konvolut an Unglaublichkeiten zusammengestellt. Ob es die Reise nach Kiew am Tag der deutschen Einheit ist, bei der es, um in der offiziellen Sprechweise zu bleiben, um zahlreiche Industriekooperationen ging, die sich ausschließlich auf Rüstungsprojekte bezog und somit die Kriegsgefahr wieder ein Stück näher nach Deutschland gebracht haben. Oder ob es seine Unverschämtheiten bei der Verleihung des Westfälischen Friedens-Preises waren, bei denen er genau das, was diesen welthistorisch bedeutenden Frieden ausmachte, mal so eben durch sein Kriegsgeschrei in die Tonne trat. Oder ob es bei seinem Verweis an die Knechte in seinem Beritt wie im Innern des Landes auf die geplanten Reformen war. Über die nicht eine der jeden Despotismus huldigen Gazetten auch nur ein Wort verlieren, was der wahre Charakter dieser Reformen tatsächlich ist. Ein gewaltiger Schritt in der weiteren Umverteilung von unten nach oben und die Applikation des altehrwürdigen Konzeptes machesterkapitalistischer Gelüste: die Einschränkung von Leistung bei gleichzeitiger Erhöhung der Gebühren. Und selbstverständlich die Beibehaltung und den Ausbau des Ständestaates. Festhalten am Beamtenrecht, Freiwilligkeit für Wohlhabende in Bezug auf Renten- und Krankenversicherung und Festschreibung von Beitragsobergrenzen.
Eingehen wird dieser Mann in einem Zeitalter, in dem die eigenen Nachkommen sich in der unablässigen Verwendung der Sprache des Imperiums besser auszudrücken imstande sind als im eigenen Idiom, als der Demolition Man. Gegen das, was ihm bereits gelungen ist und das, was er täglich betreibt, ist jede noch so futuristisch ausgerichtete kinematographische Darstellung eine traurige Phantasie.
Dass dem Demolition Man eine ganze Kohorte von Dienstwilligen zur Hand geht, wirft ein Licht auf das gesamte Debakel. Die Karrieristen aus der Sozialdemokratie, unter deren Ägide ein Großteil der „Reformen“ erdacht und auch noch umgesetzt werden sollen, werden nicht als die Abreißer des Sozialstaates, sondern als die Sargträger ihrer eigenen Partei in die Bücher eingehen. Von den schwärmenden Bellizisten in nahezu allen Fraktionen der demokratischen Mitte soll nicht die Rede sein. Sie alle vereint nur eines: Ihnen fehlt der Wille wie die Idee, wie das Steuer noch herumgerissen werden kann. Retten werden sie weder das politische System noch den Frieden. Und zwar weder den nach innen noch den nach außen. Unter dem Namen dieses Königs der Törichten, oder vielleicht besser, des Herrschers über die Skrupellosen wird es keine Besserung geben. Das Fazit ist grausam und richtet sich auch an uns selbst: Wir hatten zahlreiche Chancen, aber wir haben keine genutzt.
Dass wir in unruhigen Zeiten leben, sehen wir an den Wahlergebnissen und an den massiven sozialen und politischen Bewegungen jenseits der Grenzen. Während man hier noch auf die Umfragen starrt und wie benommen die einzelnen Wahlergebnisse zur Kenntnis nimmt, haben sich sowohl in den USA als auch in Frankreich und Großbritannien Kräfte durchgesetzt, die eine Art von neuem Feudalismus etablieren wollen. Aber dort sind auch Bewegungen auf dem Vormarsch, die das zu verhindern suchen. Währenddessen träumt der Zirkel um den Demolition Man von Barbarossa 2.0. Und das ohne die Verwendung psychedelischer Drogen. Auch der Untergang kann zum Trip gerieren.
