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Ostenmauer – 108. Ostwind

Obwohl, soviel mir bekannt ist, bereits Bücher über den Mythos von Geographie geschrieben wurden, wird es wohl ein Rätsel bleiben, warum welche Orte und Himmelsrichtungen auf dieser Welt mit bestimmten Bedeutungen behaftet sind. Und das wiederum hängt von den jeweiligen Betrachtern ab. Manchmal trifft es zu, dass man sagen könnte, je ferner, desto verklärter, manchmal ist es genau das Gegenteil. Und so liegt der Schluss relativ nahe, dass es beliebig ist. Aber es findet statt. In Zentraleuropa, dort, wo wir uns aufhalten, gilt der Osten zumeist als kalt und fremd, der Süden ist von Sinnlichkeit und Romantik überfrachtet, der Westen beschreibt die Sehnsucht des Übergangs und der Norden ist das dunkle Unbekannte, aber nicht Unsympathische. Ein Lump, wer da nicht auch ab und zu an die real existierenden politischen Lager dächte. Der Osten galt politisch lange als feindlich, der Süden steht für die Auszeiten des Urlaubs, der Westen mit dem Sonnenuntergang steht immer für die Transzendenz und der Norden ist vor allem bei den Deutschen Mythos pur, das Eisland mit dem ewigen Feuer, wohin Siegfried seine Reise machte, um das Unbekannte zu erkunden, bevor er heimkehrte und gemeuchelt wurde. 

Dort, wo ich selbst meistens gelebt habe, kam der Wind vom Westen. Weit her über den Atlantik braute er sich zusammen und wehte mal zart, mal peitschenhaft über die Häupter, mal sorgte er für einen klaren Himmel, mal brachte er Wolken und meistens lud er unerbittlich die lang getragene Wasserfracht vom Atlantik einfach ab. Ostwind war und ist eher selten. Wenn ein Ostwind kam, dann sorgte er für gutes Wetter. Das blieb dann wochenlang. Frau Wagemann, eine alte Nachbarin damals im Westfälischen, nannte das dann ein russisches Hoch. Die Leute lachten sie zumeist aus, auch wegen anderer Schrullen, aber sie hatte Recht, denn Herr Valentinic, den ich in Slowenien kennenlernte, erzählte mir das selbe: Er decke das Dach seines Hauses, wenn ein russisches Hoch käme, denn dann gebe es wochenlang keinen Regen. 

Für mich persönlich ist das mit dem Ostwind gar nicht so schwierig. Wie beschrieben, kenne ich den Westwind zur Genüge. Der Ostwind bringt zumeist gutes Wetter und kommt entweder im Hochsommer vor. Oder im Winter. Dann brächte er trockene Kälte – im Vertrauen: Meteorologen sprechen von einem kontinentalen Hoch -, aber das ist mir relativ egal. Wenn mir etwas über das rein Wettermäßige bei der Betrachtung des Ostwindes einfällt, dann ist es die Migrationsroute, die wir alle genommen haben. Von Indien aus über den Kaukasus nach Zentraleuropa. Das lässt sich sprachlich so schön rekonstruieren und der Linguist James Joyce hat bei solchen Übungen, so ganz nebenbei, Weltliteratur geschaffen, die gar nicht vermuten lässt, was der gute Mann so trieb. Er folgte linguistisch-etymologisch dem Ostwind zu seinen Entstehungsquellen zurück und entdeckte große kulturelle Zusammenhänge, die wir immer noch dechiffrieren müssen. Nicht wegen des schönen Wetters, sondern deshalb ist der Ostwind so wichtig. 

Deshalb sei dazu geraten, bestimmte Naturphänomene dazu zu nutzen, spirituell eine mythologische Reise zu unternehmen, um nach dem Beginn und Sinn unseres Daseins zu suchen.  Das inspiriert und lehrt Demut, dieses hohe Gut, ohne das keine wahre Erkenntnis möglich ist. Den Ostwind im Rücken, wie viele Generationen vor uns, die durch ihn beflügelt wurden, nach Westen zu ziehen, das ist ein guter, ein brillanter Anfang. Lasst uns warten, auf den nächsten Ostwind!

Ostwind